Großes Desinteresse in der Selbsthilfe

In unserem Beitrag „Braille-Kennzeichnung des Rentenausweises“ haben wir erzählt, wie es zum Angebot der Rentenversicherung kam, blinden und sehbehinderten Rentnern eine in Braille markierte Plastikhülle für den künftigen Rentenausweis zur Verfügung zu stellen. Nun überlegten wir, wie möglichst viele Rentnerinnen von dieser Möglichkeit erfahren können. Die gut organisierte Blindenselbsthilfe fiel uns ein. Sowohl der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) als auch seine nachgeordneten Landesverbände geben regelmäßig Hörzeitschriften heraus. Diese werden von vielen Mitgliedern gehört. Mit Hilfe eines Mailverteilers informierten wir 22 Organisationen. Im Laufe von drei Wochen haben sich genau acht davon zurückgemeldet und um die Zusendung des Schreibens der DRV gebeten. Dieses wollen sie als Grundlage nutzen, um ihre Mitglieder zu informieren. Ein Mitarbeiter des Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenvereins Berlin wollte mich überreden, die DRV via Schlichtungsstelle zum direkten Markieren der Ausweise zu veranlassen. Ein Ausweis in der Hülle passe nicht in die vorgesehenen Fächer der Geldbörsen. Ich erklärte ihm, dass ich dies für aussichtslos halte. Bei 20 Millionen Rentnern ist die Produktion der Ausweise bereits angelaufen. Die Lösung mit der Hülle stellt einen nachträglichen Behelf dar. Sie hatten bei der DRV das direkte Markieren schlicht nicht bedacht. Als ich vorschlug, der Mitarbeiter selber könne mit seinem ABSV im Rücken versuchen, die DRV zu drängen, brach der Mailkontakt sofort ab. Und das ist bezeichnend für den Gesamteindruck. Der DBSV hätte sich fürs direkte Markieren der Ausweise einsetzen müssen. Ob es Desinteresse ist oder nur Schlampigkeit, wissen wir nicht. Der Verband tat es nicht. Auch keiner seiner Unterverbände. Überall sitzen bezahlte Menschen. Glauben Sie bitte nicht, das laufe alles ehrenamtlich vom Küchentisch aus. Der Blinden- und Sehbehindertenverein Westfalen zum Beispiel besitzt ein großes Gebäude mit Büros, Tagungsräumen und Wohnungen an der Märkische Straße 61 – 63. Dort sind mehrere Mitarbeiterinnen beschäftigt. Diese Menschen werden also dafür bezahlt, sich um unsere Belange zu kümmern. Als sie dies versäumten und ich mich erfolgreich kümmerte, wollen fast zwei Drittel der Organisationen die Information nicht einmal zur Kenntnis nehmen oder weiterreichen. Und da hört unserer Ansicht nach der Spaß, sprich das Verständnis auf. Sie mögen einwenden, so weltbewegend ist das mit der Hülle und Braille auch nicht. Nützlich ist die Hülle bei der Fülle von EC-Karten-großen Ausweisen auf jeden Fall. Die Weitergabe einer solchen Information ist das Mindeste, das wir erwarten dürfen. Doch nur gut ein Drittel der Selbsthilfevereine sieht das so. Wie die anderen ihr Dasein rechtfertigen, wissen wir nicht. Es sieht so aus, als genüge es ihnen, einfach da und Teil des Systems zu sein. Da fällt uns wieder der Begriff Trägerlandschaft ein. So haben sie sich ja selber bezeichnet. Hier handelt es sich offenbar um die soziale Trägerlandschaft im Blindenwesen. Es gibt bundesweit viele Organisationen, die wiederum gut vernetzt sind. Betrachten wir das System, sieht es gut aus mit der Teilhabe am politischen Prozess. Damit geben sich die Mitarbeiterinnen der Organisationen offenbar zufrieden. Wir bemängelten fehlenden Elan zum Beispiel, als es ums Bundesteilhabegesetz ging. Im Fall Rentenausweis erleben wir dies noch direkter. Ein deutliches Symptom der Postdemokratie. Die Institutionen sind da, doch leben sie nicht mehr. Weil sie nicht leben, stören sie niemanden. Und deshalb dürfen sie auch da sein. Die dort arbeitenden Menschen sind entweder froh ums leicht verdiente Geld oder sonnen sich in ihrer Wichtigkeit, weil sie ab und zu mit bekannteren Politikerinnen konferieren dürfen. Der DBSV bejubelt in diesen Wochen fortwährend die steigende Bedeutung des deutschen Hörfilmpreises. Sicher keine schlechte Sache. Aber für wen ist das wichtig, wer bestimmt, wer welchen Hörfilmoskar kriegt? In der nachstehenden Liste sind alle Empfänger unserer Mail aufgelistet. Die acht, die sich meldeten, sind mit „ja“ gekennzeichnet.

Baden:
Württemberg:
Südbaden:
Bayern: ja
Berlin: ja
Brandenburg:
Bremen: ja
Hamburg:
Hessen: ja
Mecklenburg-Vorpommern: ja
Niedersachsen: ja
Lippe:
Nordrhein:
Westfalen:
Rheinland-Pfalz:
Saarland:
Sachsen: ja
Sachsen-Anhalt:
Schleswig-Holstein: ja
Thüringen:
DBSV:
Behindertenbeauftragte Dortmund:

22 Adressaten, davon 8 Interessenten = 36,4 %

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