Eine Feier für Gott

Pfarrer: Herr, erbarme Dich!
Gemeinde: Herr, erbarme Dich!
P: Christus, erbarme Dich!
G: Christus, erbarme Dich.
P: Herr, erbarme Dich.
G: Herr, erbarme Dich.
Alle: Amen.

Dieser kurze Ausschnitt zeigt exemplarisch, wie so eine katholische Beerdigung abläuft. Wir hatten gestern die Gelegenheit bzw. das Bedürfnis, an so etwas teilzunehmen. Zu Grabe getragen wurde ein lieber Kunde aus Susannes Assistentinnenzeit. So verschlug es uns in den westlichen Vorort Merklinde.
Die Trauerfeier drehte sich größtenteils nicht um den Verstorbenen, der kam nur ganz am Rande vor. Im Mittelpunkt stand Gott, „unser Herr“. Der wurde gepriesen und gebeten, den teuren Verblichenen doch Wohnung bei sich nehmen zu lassen. Gott ist die zentrale Figur, von der alles abhängt. Er sandte uns seinen Sohn. Der hatte auch nichts zu melden und musste sich kreuzigen lassen. Damit nahm er die Schuld von uns, welche auch immer das gewesen war. Der Herrgott wacht über uns wie ein gütiger Vater. Wir können immer zu ihm heimkehren. Wir müssen nur nach seinen Gesetzen leben. Die Hinterbliebenen können sich gern wegen des Trostes ebenfalls an Gott wenden. Diese Figur ist tatsächlich allgegenwärtig. Dieses streng hierarchische Verhältnis schreckt ab. Und zwar ganz enorm. Es wird klar, was dieser Glaube über 1.500 Jahre als reine Lehre und die letzten 500 Jahre geteilt in Evangelen und Katholen angerichtet hat. Obrigkeitshörigkeit ist beste Christenpflicht. Und daraus soll unsere Leitkultur erwachsen sein? Wohl kaum. Da täuscht sich unser Heimatmann Horst gewaltig. Gleichheit von Mann und Frau stammt gewiss nicht aus dem Christentum. Gleiche Menschenrechte für jeden sicher auch nicht. Das Recht auf Selbstbestimmung übers eigene Leben bestimmt nicht. Das wird an so einer nur einstündigen Zeremonie deutlich. Dies ist eine monotheistisch-zentristische Lehre. Der Mensch ist ein schuldbeladenes Subjekt, das durch Gottes Gnade gerettet wird. So auch der Tote, den wir gestern verabschiedet haben. Als wir ihm für wenige Minuten in Stille gedenken konnten, dudelte die Orgel lautstark dazu. Stille ist was anderes. Susanne hat den ihr sehr lieben alten Herrn wenige Tage vor seinem Tod letztmalig besucht. So fand dieses herzliche Zugetan-Sein ein schönes Ende.

Ich kann mich Thorstens Worten nur anschließen. Es ist mir ein Trost, dass ich Ludwig (Name geändert, Anm. d. Red.) noch einmal besuchen und Abschied nehmen konnte. In aller Stille. Hier in der Kirche und am Grab war das nicht möglich. Ich habe lange keine katholische Beerdigung miterlebt und war erschüttert, wie unpersönlich alles vonstatten ging. Im Vordergrund stand Gefasel über Sünden, Schuld und Vergebung. So ganz allgemein. Offenbar sind wir alle zutiefst sündige Wesen, schon von Geburt an. Jeder Psychologe hat seine wahre Freude an einer solchen Programmierung. Da kann ihm die Kundschaft nie ausgehen. Ludwig selbst war zu Lebzeiten ein äußerst liebenswerter, sanftmütiger, fürsorglicher Mann. Jemand, den man sofort ins Herz schließen konnte und der ganz bestimmt keinen Sündenberg auf dem Buckel trug. Es wäre schön gewesen, wenn er mit seinen vielen guten Eigenschaften im Mittelpunkt gestanden hätte. Traurig, dass bei einem katholischen Beerdigungsritus für solche Dinge kein Raum ist. Aber da geht es offenbar um Gott und nicht um die Menschen (s.o.).

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