Habt Ihr auch nichts vergessen, liebe Kinder?

Wann hat es eigentlich angefangen, dass ich als erwachsener Mensch nicht mehr darüber entscheiden kann, welche Risiken ich auf mich nehmen will und welche nicht? War der Beginn dieser Entwicklung vielleicht die Gurtpflicht im PKW (1976)? Oder die Helmpflicht für Mofafahrer (1985)?
Schwer zu sagen. Tatsache ist, dass mir als mündigem Bürger etliche Vorsichtsmaßnahmen per Gesetz vorgeschrieben werden. Ich rede hier von Dingen, die nur mich und mein eigenes Leben betreffen.

Wie kann es sein, dass sich eine Regierung in absolut persönliche Abwägungen einmischt? Wenn ich ohne Gurt fahre, ist es mein höchsteigenes Risiko. Ich gefährde niemanden, außer eventuell mich selbst. Da hat der Staat überhaupt nichts zu suchen. Es sei denn, er betrachtet mich als unmündiges Kind, das vor sich selbst geschützt werden muss. Ich denke, da sind wir beim springenden Punkt.
Im englischen Sprachgebrauch gibt es einen Ausdruck für dieses Phänomen. „Nanny state“, also Kindermädchenstaat heißt es dort. Nebenbei bemerkt, passt der Ausdruck Mutti für Angela Merkel in diesem Zusammenhang sehr gut. Sie ist eben eine, die sich um uns dumme Kinder kümmert. Der Staat schreibt uns Verhalten vor. Manches wird verboten, manches wird moralisch verteufelt, anderes wird verlangt. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass der Gesetzgeber uns Bürgern erzählt, was wir essen, trinken, rauchen, sehen oder lesen sollten oder eben auch nicht. Wie wir unseren Müll trennen sollen, welche Maße das Treppengeländer in unserem Haus haben muss, dass wir uns Rauchmelder an die Decke montieren sollen usw. usw. Kurz: man will uns erziehen. Wir könnten zu dem Schluss kommen, dass hier eine vermeintlich existierende moralische Lücke gefüllt werden soll, die die Kirchen aufgrund schwindender Glaubwürdigkeit hinterlassen haben.

Nicht nur der Gesetzgeber will für mich entscheiden. Auch die Deutsche Bahn. Vor einiger Zeit wurde ich an einem Sommertag gezwungen, den von mir reservierten Platz in einem ICE zu verlassen. In dem entsprechenden Waggon war die Klimaanlage ausgefallen. Man könne schließlich keinen Kreislaufkollaps riskieren, behaupteten die Zugbegleiter. Ich argumentierte, dass ich alt genug sei, um selbst auf mich aufzupassen und dass ich es schließlich merke, wenn es mir nicht gut geht. Keine Chance. Wie immer, wenn an Logik gar nichts mehr zieht, wurden Versicherungsgründe ins Feld geführt.

Die Verwaltung meint ebenfalls, mich vor mir selbst beschützen zu müssen: Nach dem Sturmtief Friederike war es uns Dortmunder Bürgern einige Wochen untersagt, die Parks zu betreten. Weil möglicherweise Äste abbrechen und auf unsere Köpfe fallen könnten.

Als sei das alles für einen Erwachsenen nicht schon albern genug, belämmert man mich zusätzlich mit Ratschlägen, wie man sie allenfalls noch Grundschülern zumuten könnte:

„Bitte lassen Sie Ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt“, an den Flughäfen.

„Bitte halten Sie sich während der Fahrt fest“, höre ich neuerdings in den Bussen der Verkehrsbetriebe.

Und die Deutsche Bahn meint, mir auf den Weg mitgeben zu müssen: „Bitte denken Sie beim Verlassen des Zuges an Ihre Gepäckstücke“.

All diese Ratschläge, Gesetze und Vorschriften dienen angeblich meiner Sicherheit. Ihnen liegt die Prämisse zugrunde, dass ich selbst nicht angemessen für mich sorgen kann. Gottseidank gibt es Experten in Verwaltungen und Parlamenten, die mir dabei helfen. Sie tun dies in einem bevormundenden, pädagogisch angehauchten und infantilisierenden Ton. Das wird sprachlich besonders offenkundig in ihren Wahlreden. „Das müssen wir dem Wähler nochmal richtig erklären“ oder „Wir müssen alle Bürger mitnehmen“, sind häufig genutzte Formulierungen, die ungewollt ihren Überlegenheitsdünkel verraten. Ach ja, „die immer komplexer werdende Welt“, ist auch so ein Dauerbrenner. Da kann eben nur noch der gut meinende Experte helfen, der den einfältigen Bürger „mitnimmt“. Immer ist der erhobene Zeigefinger im Spiel und eine Hierarchie zu spüren.

Man kann es nicht oft genug sagen, weil Politiker es offenbar so schnell vergessen, wenn sie erstmal in Amt und Würden sind: Sie kommen aus unserer Mitte, d.h. sie sind im Schnitt genauso schlau oder auch dumm wie das Wahlvolk. Weil sie ohne unsere Hilfe anscheinend alsbald den Kontakt zum normalen Leben verlieren, brauchen wir für sie dringend eine Schutzmaßnahme. Zu ihrem eigenen Besten fliegen sie nach zwei Wahlperioden aus allen staatlichen Ämtern und aus den Parlamenten. So vermeiden wir Dauerbrenner wie Schäuble, der seit 1972 im Bundestag sitzt, oder Nahles, die ihr Lebtag nichts anderes als Politik gemacht hat. Die Entmündigung von uns Menschen muss aufhören und zurückgedrängt werden. Versicherungsgründe sind auch nur von Menschen gemachte Regeln. Sie können umgeschrieben werden. Wir alle sind aufgerufen, uns das nicht mehr gefallen zu lassen. Nicht neue Männer, sondern Wutbürger braucht das Land.

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