Frauentag 2018

Heute ist der 8. März, der Internationale Frauentag. Überall höre ich, was wir Frauen in Deutschland erreicht haben, wie gut es uns im Vergleich zu früher geht. Da ist was dran. Ich möchte das Leben meiner Uroma nicht führen. Ohne Waschmaschine, ohne Heizung und mit Krieg und Elend. Trotzdem packt mich bei diesen Lobeshymnen die Wut, denn ganz so traumhaft ist mein heutiges Dasein auch nicht.
Nicht so traumhaft, ist ein Euphemismus. Heute z.B. ist ein richtiger Sch….tag! Soll ich euch was darüber erzählen?
Ach entschuldigt, in meiner Rage vergaß ich, mich vorzustellen: Ich bin die Elke, 38 Jahre alt, Altenpflegerin, geschieden, zwei Kinder. Mein Ältester ist inzwischen 8 und mein Jüngster 2 Jahre alt.

Also mein heutiger Tag:
um kurz vor 6 Uhr werde ich abrupt aus dem Schlaf gerissen, weil der Kleine sich übergeben muss und bitterlich weint. Also trösten, ihn waschen und umziehen, Bett beziehen, Waschmaschine anschmeißen. Die Tasse mit dem Kamillentee landet auf dem Fußboden. Gottseidank in der Küche, wo ich die Misere schnell aufwischen kann. Zwischendurch den Großen aus dem Bett werfen (ich gebe zu, ziemlich unwirsch) und ihm Frühstück machen. Der Kleine weint immer noch und will um keinen Preis der Welt in die Kita. Aber ich kann doch nicht schon wieder fehlen im Job. Mein Chef hat mich erst letzte Woche blöd angemacht wegen eines Fehltages. Also den Kleinen ungeachtet des Protestgeschreis in die dicke Jacke stecken, den Großen ermahnen, dass er in die Gänge kommt und seine Sportsachen nicht vergisst und dann alle im Eiltempo raus aus dem Haus. Ich selbst bin noch nicht zum frühstücken gekommen. Aber für eine Tasse Pulverkaffee hat es wenigstens noch gereicht. Und ich kann froh sein, dass mein Auto heute anstandslos anspringt. Das muss eigentlich zur Reparatur, aber dafür fehlt momentan das Geld. Ach ja, Unterhalt vom Kindsvater habe ich diesen Monat auch noch nicht erhalten. Das ist ein immerwährender Kampf. In der Kita werde ich grob zurechtgewiesen, warum ich den Kleinen bringe. Ich sähe doch, dass es ihm nicht gut geht. So was Verantwortungsloses, schimpft die Mitarbeiterin vor sich hin. Ich entschuldige mich und überlege resigniert, dass ich mich so oder so immerzu entschuldigen muss. Entweder in der Kita oder bei meinem Chef. Nun den Großen noch fix an der Schule absetzen. Ich nehme ihn zum Abschied ganz fest in den Arm, weil es mir leidtut, dass ich so unwirsch zu ihm war. Zurück bleibt ein schlechtes Gewissen beiden Kindern gegenüber. Ich weiß, dass ich ihren Bedürfnissen in keiner Weise gerecht werden konnte heute Morgen. Aber was soll ich machen? Wisst Ihr eine Lösung?
Jetzt geht es so schnell wie möglich zum Seniorenheim. Eine verantwortungsvolle und wichtige Arbeit wird hier geleistet. So heißt es immer wieder Sonntagsreden der Politiker. Ach ja, wenn diese Arbeit nur entsprechend entlohnt würde. Bei mir reicht eine 35-Stunden-Stelle zum Lebensunterhalt für uns Drei nicht aus. Deshalb stocke ich auf beim Jobcenter, was alle paar Monate endlosen Behördenkrieg mit sich bringt. Ich bin jedes Mal mit den Nerven fertig, wenn ich das endlich erledigt habe. Es geht nie ohne Komplikationen.
„Ach Madame beehrt uns auch endlich“, begrüßt mich mein Chef. „Es reicht langsam, Frau Müller“, „Sie sind schon wieder eine Viertelstunde zu spät. Es geht ja nicht nur um den Betrieb, das ist auch unkollegial. Ihre Kollegin muss Ihre Verspätung ja ausbaden.“ Wir sind nur zu zweit auf der Station und für insgesamt 27 alte Menschen mit unterschiedlichen Demenzgraden zuständig. Ein unhaltbarer Zustand. Egal, wie wir uns abstrampeln, wir können nicht überall zugleich sein. Manchmal kriege ich das Heulen, wenn ich einen hilflosen alten Menschen wieder einmal kurz abfertigen muss. Wie bei meinen Kindern. Wie sehr ich mich auch anstrenge, es reicht nicht. Es ist erst 8.15 Uhr und ich bin völlig fertig. Dabei fängt mein Arbeitstag gerade erst an.

Ich will euch nicht langweilen. Der Rest des Tages verläuft genauso bescheiden wie der Anfang. Zur Krönung habe ich noch Post vom Jobcenter im Briefkasten. Sie fordern wieder irgendwelche Unterlagen an und drohen schonmal vorsorglich mit Einstellung der Zahlungen, falls ich nicht innerhalb einer Woche adäquat reagiere.

Der einzige Lichtblick heute ist die Aussicht auf etwas Entspannung nach Feierabend, denn meine Mutter hat versprochen, die Kinder zu hüten. Eigentlich bin ich viel zu kaputt, um noch etwas zu unternehmen. Aber schließlich ist ja Frauentag. Der soll doch nicht so sang- und klanglos an mir vorbeigehen. Deshalb suche ich mir den Flyer zu den Veranstaltungen im Dortmunder Rathaus raus. Vielleicht gibt es da ein Forum für Frauen wie mich, denke ich. Wo ich mich mal austauschen kann. Wo mir Mut zugesprochen wird, weil ich mich so schlecht fühle, wenn ich nicht mehr alles schaffe. Wo darüber diskutiert wird, dass die Zustände in der Arbeitswelt, die miserable Bezahlung und der permanente Zeitmangel uns kaputtmachen.

Ob was für mich dabei ist?

Forum 1: „Nie wieder sprachlos – Kommunikation unter Stress“.
Na prima, denke ich. Hätte mir eine bessere Rhetorik gegenüber einem schreienden Zweijährigen und einem ewig nörgelnden Chef geholfen? Habe ich alles falsch gemacht heute Morgen?

Forum 5: „Ausdrucksstark – Mit kräftiger Stimme selbstbewusst sprechen“.
Noch ein Forum, das mich optimieren will. Gut, es ist für Unternehmerinnen und weibliche Führungskräfte gedacht. Da gehöre ich offensichtlich nicht zur Zielgruppe.

Forum 10: „Minijobs – da geht doch was!“
Hier soll ich Argumente kennenlernen, die mir helfen, meinen Chef davon zu überzeugen, meinen Minijob in einen sozialversicherungspflichtigen Job umzuwandeln. Ich kann nur verwundert den Kopf schütteln. Es ist schon arg realitätsfern zu glauben, dass in der heutigen Arbeitswelt die Argumente eines Minijobbers in irgendeiner Form Gehör finden.

Forum 13: „Selbstmarketing – Was wir von großen Marken lernen können?“
Ich erfahre, dass Kompetenz und Fleiß nicht ausreichen, um beruflich aufzusteigen. Eine Marketingexpertin will mir hier beibringen, laut zu trommeln, so dass meine Fähigkeiten und Stärken besser gesehen werden. Ich stelle mir meinen Berufsalltag im Seniorenheim vor und weiß nicht, ob ich lachen oder heulen soll über die Idee, dass alles besser wird, wenn ich mich nur richtig vermarkte.

Um es kurz zu machen, diese Foren sind nicht für Frauen wie mich da. Da mögen gute Tipps dabei sein für solche, die irgendwo eine Karriereleiter hochklettern wollen. Aber Frauen wie ich? Frauen, die es gerade noch so schaffen, unter den täglichen Anforderungen nicht zusammenzubrechen? Nur mit viel Organisationstalent und Durchhaltevermögen kriegen wir den Alltag gemeistert. Oft mit ganz wenig Geld und wenig Unterstützung. Regelmäßig müssen wir über unsere eigenen Grenzen gehen und die eigenen Bedürfnisse vernachlässigen.

Ich bin zwar nur Altenpflegerin, aber auch eine politische Frau. So sehe ich sehr genau, dass die Misere, in der Frauen wie ich stecken, politische und strukturelle Ursachen hat. Deshalb machen mich Tipps, wie ich mich als Individuum optimieren kann, so wütend. Ich bin doch sowieso schon am Limit. Jeden Tag. Soll ich mir am Frauentag noch anhören, dass ich nicht perfekt genug bin? Und soll ich glauben, dass sich die Verhältnisse mit ein bisschen Stimmtraining und Selbstmarketing für mich verbessern? Ich kämpfe jeden Tag unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen dafür, ein bisschen Würde zu bewahren – für die mir anvertrauten alten Menschen und auch für mich selbst. Meine für die Gesellschaft so wichtige Arbeit als Mutter und Altenpflegerin wird gar nicht bzw. schlecht bezahlt. Nun wird mir am Frauentag vorgeschlagen, von einer sicherlich hochbezahlten Marketingexpertin zu lernen, wie ich noch besser funktionieren kann.
Wäre es nicht eher ein Thema für den Frauentag, dass Marketing, also das Entwickeln von Verramsch-Strategien für irgendeinen überflüssigen Kram, so viel besser bezahlt wird als Sorge-Arbeit, die fast immer von Frauen geleistet wird?

Ihr seht, ich habe mich in Wut geredet. Aber manchmal kann ich noch richtig sauer werden über die Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft. Und das ist auch gut so.

Ich gehe jetzt trotzdem noch ins Rathaus, denn ich sehe gerade ein Angebot der Frauenberatungsstelle. Die kenne ich. Die haben mir in einer Krise mal sehr geholfen. Das Forum heißt „Auf den Spuren des Glücks wandeln“.
Also, ein bisschen Glück kann ich heute wirklich gebrauchen

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