Die Tafel, eine Stütze des Systems

Die erste deutsche Tafel wurde von der Initiativgruppe Berliner Frauen e.V. 1993 in Berlin gegründet. „Warum nicht das Konzept der New Yorker City Harvest auf Deutschland übertragen“, überlegten sie sich. Im Vordergrund stand der Gedanke, Lebensmittel einzusammeln, die nach den Gesetzen der Marktlogik „überschüssig“ sind, und diese an bedürftige Menschen und soziale Einrichtungen weiterzugeben. Um Erfahrungen besser miteinander austauschen zu können, gründeten die damals existierenden 35 Tafeln am 15. September 1995 den „Dachverband Deutsche Tafelrunde“. Ein Jahr später, bei der Jahrestagung in Jena, wurde der Dachverband in „Bundesverband Deutsche Tafel e.V.“ umbenannt. Das war lange vor den Hartz-Gesetzen. Sie traten erst zehn Jahre später in Kraft und vermehrten die Not in Deutschland derart, dass es heute 934 Tafeln mit rund 2.100 Ausgabestellen gibt. Etwa 60 Prozent der Tafeln sind Projekte in Trägerschaft verschiedener gemeinnütziger Organisationen (z.B. Diakonie, Caritas, DRK, AWO); rund 40 Prozent der Tafeln sind eingetragene Vereine (e.V.). Deutschlandweit engagieren sich ca. 60.000 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer für die Tafeln. Über 2.000 Fahrzeuge sind im Einsatz; davon haben rund 59 Prozent eine Kühl- und rund 8 Prozent eine Tiefkühlfunktion. Die örtlichen Tafeln sind in zwölf Landesorganisationen zusammengeschlossen. Diese wiederum gehören dem Bundesverband an und stellen dort jeweils ein Vorstandsmitglied. Hinzu wählt die Mitgliederversammlung fünf weitere ehrenamtliche Vorstände. Sitz des bundesweiten Vereins ist Berlin. Dort betreibt er mittlerweile eine Geschäftsstelle mit 14 hauptamtlich Beschäftigten. Beraten wird dieser Vorstand von einem Kuratorium, das sich weitgehend aus leitenden Mitarbeitern der Sponsoren Daimler AG, Metro AG, Rewe Group und Schwarz KG zusammensetzt. Diese Menschen fungieren selbstverständlich als Tafel-Botschafter in ihren Firmen. Seit zwei Jahren existiert die Tafel-Akademie als gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung (gGmbH). Das Team der Tafel-Akademie besteht aus hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die durch die Arbeit von Bundesfreiwilligendienstleistenden und studentischen Hilfskräften unterstützt werden. „Wir unterstützen die Tafel-Aktiven in ihrem Engagement und stellen durch ihre Qualifizierung die professionelle Arbeit der Tafeln sicher. Das Bildungsangebot orientiert sich an den Bedürfnissen der Tafel-Aktiven: Freiwilligen- und Konfliktmanagement, Lebensmittelkompetenz, Arbeitssicherheit und Integration sind nur einige Seminarthemen“, beschreibt die Akademie ihre Aufgaben auf der eigenen Seite im Netz.
Die vielen Tafeln des Landes haben sich auf folgendes Wertesystem geeinigt: „Tafeln sind solidarisch mit allen Bedürftigen: Sie helfen allen Menschen, die ihre Hilfe benötigen. Zu den Tafel-Nutzern und -Helfern zählen seit Beginn ihrer Arbeit Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kultur und Religion. Bei der Lebensmittelausgabe fragen Tafeln nicht, woher jemand kommt, sondern wie und womit sie der Person helfen können. Die Tafeln in Deutschland stehen für Toleranz und Vielfalt. Sie sind Orte der Begegnung. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit führen zu Gewalt und sind eine akute Gefahr für ein friedvolles Miteinander. Wir lehnen es ab, wenn Schwache gegen Schwächste ausgespielt werden und stehen als Nährboden für rechtspopulistische Ideen und Panikmache nicht zur Verfügung.“

So kennen wir landläufig die Tafel. Diesen guten Ruf hat sie in der Bevölkerung. Als die Tafel Dortmund im letzten Jahr in der Zeitung nach ehrenamtlichen Helfern fragte, war der Andrang groß. Sozialpolitisch gesehen darf es so etwas wie die Tafel in Deutschland gar nicht geben. Grundsätzlich bekommt jeder Mensch in der BRD ein Dach überm Kopf und den Lebensunterhalt vom Staat bezahlt. Offenbar ist, dass diese staatliche Unterstützung in vielen Fällen nicht ausreicht. Deshalb ist die Existenz der Tafel ein Skandal, den leider niemand im zurückliegenden Bundestagswahlkampf thematisierte. Die einzige Veranstaltung, die es in Dortmund dazu gab, platzte wegen linker Proteste gegen die Anwesenheit der AfD. Die SPD, die bei ihren Mitgliedern aktuell ausschließlich mit sozialpolitischen Erfolgen wirbt, die sich angeblich im Koalitionsvertrag wiederfinden, erwähnen Menschen mit Grundsicherung oder Hartz IV erst gar nicht. Kunden der Tafel haben politisch keine Lobby. Sie selber können sich häufig nicht gut vertreten. Die Leitung der Tafel hat am eigenen Verschwinden ebenfalls kein Interesse und setzt sich nicht dafür ein. Aufgrund der geschilderten Struktur und Größe ordnen wir die Tafel durchaus in die Trägerlandschaft ein. Diesen Begriff haben wir nicht erfunden. Wir gabelten ihn vielmehr bei einer Veranstaltung auf, die wir in „Kreislaufwirtschaft in der Trägerlandschaft“ beschrieben. Dazu gehören die kirchlichen Organisationen von Caritas und Diakonie, aber auch das DRK oder die AWO. Alles Institutionen, die ursprünglich hilfsbereit waren und es hie und da noch sind. Gleichzeitig aber sind sie Unternehmen geworden, von denen viele Menschen – oft nicht besonders gut – bezahlt werden. Unternehmen, die nach Gewinn streben. Das soll ihre Nützlichkeit für die Menschen nicht völlig in Abrede stellen. Aus der Ecke der puren, selbstlosen Mildtätigkeit müssen wir Organisationen der Trägerlandschaft aber dringend herausholen. Das gilt durchaus auch für die Tafel. Die Gründung einer Akademie spricht zumindest dafür, dass der Verein von seinem fortdauernden Bestand ausgeht. Und das ist eine schlimme Aussicht.

Anlass, uns näher mit der Tafel zu beschäftigen, war der Beschluss des Essener Vorstands, so lange nur noch Menschen mit deutschem Pass zum einjährigen Bezug zuzulassen, bis die Ausländerquote auf höchstens 50 % gesunken ist. Nach wie vor bewerten wir dies als eine abzulehnende, rassistische Entscheidung, die den selbst gesetzten Grundwerten absolut widerspricht. Zudem halten wir sie für völlig unnötig. Schauen wir uns mal genauer an, wie wir Kunde der Essener Tafel werden können.

„Voraussetzungen, um an der Lebensmittelausgabe teilzunehmen: Sie sind Empfänger von Arbeitslosengeld II (Hartz IV), Grundsicherungs- oder Wohngeldempfänger. Sie waren in den letzten 12 Monaten nicht Kunde der Essener Tafel? Für anerkannte Asylbewerber gilt die Residenzpflicht. (§56 AsylG, §61 AufenthG)

Dann bringen Sie bitte die folgenden Bescheide und Ausweise zur Anmeldung mit: aktuellen und kompletten Bewilligungsbescheid (bitte keine Kontoauszüge oder Gehaltsabrechnungen), Arbeitslosengeld II (Hartz IV), Grundsicherung, Wohngeld, Personalausweis. Sonstige Bescheinigungen (falls vorhanden): Schwerbehinderten-Ausweis, Integrations- oder Deutschkurse, Maßnahmen des JobCenter.

Neuanmeldungen finden jeden Mittwoch um 09:00 Uhr nur im Wasserturm – Steeler Str. 137 statt. Wartenummern werden nur zwischen 8:45 und 9:00 Uhr ausgegeben. Persönliches Erscheinen ist zwingend erforderlich.

Nach erfolgreicher Anmeldung wird ihnen eine Kundenkarte und eine feste „Lebensmittel-Abholzeit“ zugeteilt (z.B. montags von 13 – 13.30 Uhr). Sie können somit einmal wöchentlich zu ihrer zugeteilten Zeit Lebensmittel erhalten. (…) Sollten Sie einmal verhindert sein, müssen Sie sich telefonisch abmelden. Nach dem dritten unentschuldigten Fehlen in Folge müssen wir Sie leider von der Lebensmittelausgabe ausschließen. Dies gilt auch nach dem 10. unentschuldigten Fehlen insgesamt.“

Eine Kundenverwaltung, die alles im Griff haben müsste. Frühzeitig muss auffallen, wenn eine bestimmte Kundengruppe besonders groß wird. Die Kunden werden auf kleine Zeitfenster verteilt. So ist ohne große Kunst steuerbar, wer wann vorm Schalter steht. Daher ist es völlig unverständlich, dass es in Essen zu solch einer schlimmen Entscheidung gekommen ist. Wir können aber eine selektive Grundhaltung im Vorstand vermuten. Die genannten Regeln wirken ausgesprochen streng. Menschen ohne deutsche Sprachkenntnisse müssen sie in ihrer Muttersprache erklärt werden. Menschen, die Schwierigkeiten haben mit einem durchgetakteten System und vielleicht auch deshalb in Not sind, werden abgeschreckt. Menschen aus weniger getakteten Gesellschaften treffen auf sehr enge Regeln. Konflikte sind fast vorprogrammiert bzw. provoziert. Wenn der Leiter der Tafel Essen, Herr Sartor, von einem „Nehmer-Gen“ bei Ausländern spricht, wird es offen rassistisch.

Und es geht auch anders. Zum Vergleich haben wir uns die Tafeln Dortmund und Leipzig angesehen.

Regeln der Tafel Dortmund: „Damit wir die Lebensmittel, die uns gespendet werden, möglichst gerecht an möglichst viele Bedürftige herausgeben können, vergeben wir Ausweise, die einmal pro Woche zum Einkauf in einer unserer Filialen berechtigen. Da schon seit langem ein sehr großes Interesse an Tafel-Ausweisen besteht, gibt es Wartelisten für neue Ausweise. Um auf die Warteliste eingetragen zu werden, können Sie uns eine Mail schreiben unter tafelausweis@dortmunder-tafel.de oder uns in der Zeit von 10-14.30 Uhr anrufen unter 477 324 16. Wenn Sie nicht so gut Deutsch sprechen, ist es oft einfacher, wenn Sie persönlich zu uns kommen und jemanden zum Übersetzen mitbringen. Bitte vergessen Sie nicht, Ihre Wunschfiliale anzugeben. Sobald in der gewünschten Filiale ein Platz frei wird, werden wir uns bei Ihnen melden (per Mail oder Telefon) und Sie haben eine Woche Zeit, mit Ihren Einkommensnachweisen zu uns in die Zentrale zu kommen und Ihren neuen Ausweis abzuholen (mo-fr 10-14.30 Uhr).“

Regeln der Tafel Leipzig: „Möchten Sie die Angebote der Tafel Leipzig in Anspruch nehmen, bringen Sie bitte zur Anmeldung folgende Unterlagen mit: Leipzig-Pass, Personalausweis, Einkommensnachweis, Schwerbeschädigtenausweis wenn vorhanden, etwas Zeit und ein wenig Geduld
Ausgabestelle Mitte: Eisenbahnstr.149, 04315 Leipzig
Kundentelefon: 01633647719
An -oder Ummeldung: Mo-Fr 9:30 – 10:30 Uhr
Lebensmittelausgabe: Mo-Fr 12:00 – 16:00 Uhr
In dringenden Fällen erreichen Sie uns auch telefonisch unter …“

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