Ein Banker, die deutsche Oma und der Flüchtling

Ein Skandal! So empfinde ich die Entscheidung der Essener Tafel, vorläufig nur noch Bewerber mit deutscher Herkunft zu akzeptieren. Man begründet das zum ersten damit, dass der Anteil der Ausländer gemessen am Empfängerkreis zu hoch geworden sei und zweitens damit, dass junge ausländische Männer mit unflätigem Benehmen die deutsche Oma und alleinerziehende Mutter abschrecken würden. „So lange, bis die Waage wieder ausgeglichen ist“, will man nur noch Deutsche in den Verteilerkreis aufnehmen.

http://www.essener-tafel.de/startseite/
https://www.waz.de/staedte/essen/die-essener-tafel-nimmt-zur-zeit-nur-noch-deutsche-auf-id213512021.html

Was hier geschieht, ist menschenverachtend.
Eine Gruppe von Armen wird gegen eine andere Gruppe ausgespielt. Das hat etwas Feudales: Der generöse Spender definiert Arme erster und zweiter Klasse nach Kriterien, die er selbstherrlich festlegt und die ihm in den Kram passen.

Diskriminierung aufgrund der Staatsangehörigkeit nennt man Rassismus, ganz simpel und völlig unabhängig davon, wie sich jemand benommen hat.
Wenn es wirklich nur um schlechtes Benehmen ginge, könnte man die Übeltäter umgehend aus dem Berechtigtenkreis ausschließen. So hätte man ein warnendes Beispiel für Mitläufer und sofort freie Plätze für Bedürftige auf der Warteliste. Damit wäre allen geholfen.
Oder man könnt extra Verteilzeiten für Rentner und Mütter mit kleinen Kindern einrichten. Mit ein bisschen Phantasie ließe sich diese Situation sicher für alle verbessern.

Aber nein, man schafft ein Politikum und macht die Berechtigung an der Nationalität fest. Was völlig absurd ist, wenn man schon solche diskriminierenden Termini verwenden will. Denn wie (fast) immer sind es Männer, die sich unflätig und respektlos benehmen. Wollte man das abstellen, müsste man eben Männer ausschließen und nicht auch Frauen und Kinder mit ausländischen Pässen. Eine solche Vorgehensweise würde völlig zurecht als Sexismus angeprangert werden. Aber bei der Nationalität darf man das?

Wie kommt eine gemeinnützige Institution wie die Tafel, die sich aus Spenden finanziert, zu solch einer Handlungsweise? Im günstigsten Fall könnte man ihr Instinkt- und Hilflosigkeit attestieren.
Mir fehlt inzwischen der Glaube daran, dass rassistischen Ausfällen immer nur Dummheit zugrunde liegt. Nein, diese Art von Rassismus ist wieder salonfähig geworden. Und zwar gerade nicht nur bei den AfD-Wählern. Die etablierten Parteien und die Mainstreampresse sind absolut mitverantwortlich für diese Entwicklung.

Die Tafeln sind dafür da, das Totalversagen des deutschen Sozialsystems und damit natürlich der deutschen Sozialpolitik zu kompensieren. Damit erfüllen sie einen wesentlichen Beitrag zur inneren Sicherheit, denn ein voller Magen rebelliert halt seltener als ein hungriger. Insofern sind die Tafeln ein ganz wichtiger Teil und Stabilisator des Systems. Sie haben sich eingerichtet und sicher kein Interesse daran, die Armut zu verringern. Nicht zuletzt ziehen sie daraus ihre Existenzberechtigung. Je mehr Arme, desto wichtiger werden sie. Deshalb schüren sie lieber Verteilungskämpfe bei den Allerärmsten, statt die Verhältnisse anzusprechen, die Armut verursachen.
Das ist so widerwärtig, dass man es kaum glauben mag. Die Tafeln wurden gegründet, um Menschen in Not zu helfen. Einziges Kriterium ist die (nachgewiesene) Bedürftigkeit. Schon die Erfassung der Nationalität ist illegal und hat mit der Aufgabe der Tafel überhaupt nichts mehr zu tun.

Wir leben in einem Land, in dem es geradezu obszönen Reichtum gibt. Die Wirtschaft boomt. Die Konzerne und Großunternehmen verdienen sich dusselig. Banker, Manager, Unternehmensberater, Fußballer und Kirchenfunktionäre (um nur einige dieser höchst überflüssigen Bullshit-Jobs zu nennen) erfreuen sich unanständig hoher Gehälter. Tonnen von Lebensmitteln landen tagein, tagaus im Müll. Will da jemand ernsthaft sagen, dass es nicht möglich wäre, bei den Tafeln und anderen Institutionen genügend Nahrung für alle Hilfebedürftigen bereitzustellen? Und ist es nicht der eigentliche Skandal, dass eine Oma so wenig Rente bezieht, dass sie sich in die Tafel-Schlange einreihen muss?

Nein, Armut ist nicht Schicksal und schon gar nicht selbst verschuldet. Ein System, das einige wenige immer reicher werden lässt, produziert zwangsläufig immer mehr Menschen, die ärmer werden. Anders würde es doch gar nicht funktionieren. Damit sich die Ärmsten nun um Gottes Willen nicht irgendwann dieser Tatsache bewusstwerden, hetzt man sie gegeneinander. Ich habe mir in den online-Foren die Kommentare angeschaut. Die Diskussionen darüber, wer nun als Bedürftiger einzuordnen ist, wem „Wohltaten“ zustehen und wem nicht, ist in vollem Gange. Kaum jemals wird die Frage gestellt, wie es dazu kommen kann, dass so viele Menschen in Deutschland von den Segnungen der Tafel abhängig sind. Wenn man sich am Flüchtling abarbeitet, schaut man nicht nach den Ursachen. Die Propaganda funktioniert!

Zum Schluss noch eine kleine Parabel, die die Verteilung im System Kapitalismus wunderbar treffend beschreibt. Ich habe sie auf den vorliegenden Fall ein wenig angepasst und aus dem Hartz-IV-Empfänger eine deutsche Oma gemacht:
Sitzen ein Banker, eine deutsche Oma und ein Flüchtling an einem Tisch, auf dem eine  Schale mit 9 Keksen steht. Nimmt sich der Banker 8 Kekse aus der Schale und sagt zur Oma „Pass gut auf, dass der Flüchtling dir nicht deinen Keks klaut!“

Wer sich für das System Tafel interessiert, kann unter diesem Link eine sehr interessante Geschichte zum 25jährigen Bestehen nachlesen.

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