Wie der Blinde umziehen muss – Kapitel 21

„Mensch Manfred, jetzt konzentrier Dich doch mal!“ Rotraud ist schon etwas ungeduldig. Manfred steht heute immer wieder in den Rabatten. „Wenn das kein Beet, sondern eine Straße wär, dann hätten sie Dir schon die Füße plattgefahren“, schimpft sie. Manfred steht still auf der Stelle. Langsam merkt Rotraud, dass etwas nicht stimmt. „Ach Manfred, komm mal aus dem Beet da raus, ehe die was merken. Ist doch alles nicht so gemeint von mir.“ Wenn Rotraud sehen könnte, wüsste sie, dass die längst was gemerkt haben. Durchs Fenster im Erdgeschoss schaut eine junge Frau. Ihr Beet ist halbwegs zertrampelt. Zum Glück wächst da im Winter nicht viel. Aber soll sie jetzt rausgehen und die beiden Blinden anmeckern? Eigentlich muss sie raus und ihnen Hilfe anbieten. Das wäre politisch korrekt. Aber dazu ist sie zu wütend. Wütend über ihren Zorn auf die Menschen stürmt sie ins Schlafzimmer und meditiert verbissen 30 Minuten lang. Danach wird sie wieder in ihrer Mitte sein, hofft sie. Ob diese Angelika ihre Mitte wiederfindet, wissen wir nicht. Sie spielt für den Fortgang unserer Geschichte nicht die entscheidende Rolle. Rotraud gelingt es, Manfred aus dem Vorgarten zu ziehen. „Was ist denn heute los mit Dir?“, fragt sie vorsichtig. „Ist doch alles … doch alles … was weiß ich. Alles großer Mist“, kommt es leise und stockend. Rotraud ist verunsichert. Sie glaubt, dass Manfred leise weint. Doch sicher ist sie sich nicht. „Ich schlage vor, ich nehme Dich jetzt mit und wir gehen zu mir. Dort können wir uns ein wenig beruhigen“, schlägt sie vor. „Na gut“, kommt es leise aus unserem Helden. Rotraud gelingt es, sie beide halbwegs ohne Unfall zu sich nach Hause zu bringen. Im Treppenhaus überlegt sie, ob sie Manfred dafür loben soll, wie zwanglos er mittlerweile Treppen steigt. Doch Rotraud traut sich nicht. Drinnen ist es warm, was beiden guttut. Manfred bleibt allein im Wohnzimmer, während Rotraud in der Küche den Kaffee aufsetzt. Sie lässt sich absichtlich Zeit, um ihm welche zu geben. Erst als der Kaffee durchgelaufen ist, kommt Rotraud zu Manfred. „Ist alles etwas viel für Dich im Moment?“, fängt sie behutsam an. Eine Weile ist es still. Dann erzählt Manfred vom Krach mit Carlo und wie sie beschlossen haben, dass es gemeinsam doch nicht geht. Das war etwa eine Woche nach dem Ende der Renovierungsarbeiten. Diesmal hatte sich Manfred richtig wehgetan, als er in eine Scherbe gegriffen hatte. In der Küche auf der Anrichte. Carlo entschuldigte sich tausendmal. Er hatte seiner Freundin Trine gesagt, dass sie das wegmachen soll. Doch Trine musste zum Seminar „Tanztherapie für Totalverweigerer“ und hatte keine Zeit mehr. Carlo hing am Telefon und versuchte, Montana zu beschwichtigen. Zum Glück war Karl-Heinz unten gewesen. Als die Blutung gestillt und die Hand verbunden war, platzte Manfred der Kragen. Es ging darum, dass ihm ständig etwas im Weg lag, seit Carlo eingezogen war. Der wehrte sich und schrie, dass er eben nicht so ordentlich ist wie die komische Sabine. Karl-Heinz versuchte zu vermitteln. Dabei war er so erfolgreich wie bei seiner Frau. Ein Wort hatte das andere gegeben. Zwischendurch tippte und tupfte Carlo wegen Montana dauernd auf seinem Smartphone herum. Das machte Manfred so wütend, dass er ein Glas schnappte und an die Wand warf. Knapp vorbei an Carlos gebeugtem Haupt. Karl-Heinz blieb fast das Herz stehen. Carlo hatte kaum was bemerkt. Jetzt starrte er die Scherben und dann Manfred an. Seine pazifistische Grundhaltung kam Carlo in den Sinn. Sie einigten sich darauf, dass es gemeinsam nicht geht und dass Carlo so schnell wie möglich wieder auszieht. Außerdem wollte er sich bemühen, ab jetzt gefährliche Dinge sofort wegzuräumen. Manfred entschuldigte sich für seinen Ausraster. Wie knapp das Glas an Carlos Kopf vorbeigeflogen war, wusste auch er nicht. Das behielt der alte Vater für sich. Inzwischen hatte Carlo mehrfach auswärts übernachtet. Manfred wusste nie genau, ob er da oder weg war. Meist stand nichts mehr im Flur oder sonstwo falsch, wenn Manfred jetzt nach Hause kam. „Es liegt ja auch an mir. Wir hatten es ja gar nicht richtig versucht“, erklärt Manfred. „Ich finde doch. Ist doch besser so als wenn Ihr es monatelang probiert und Euch den Ärger immer verkniffen hättet. Werweiß, was noch alles passiert wäre“, sagt Rotraud und schenkt Kaffee nach. „Eigentlich ist durch ihn immer Leben in der Bude gewesen. Jetzt ist es so still, dass ich die Borgstein beten hören kann“, klagt Manfred. „Ja, das kenne ich. Wenn Du alleine wohnst, ist das so. Wie war es denn mit Sabine?“ „Sie war fast immer da, wenn ich heimkam. Wenn nicht, hatten wir das abgesprochen. Oft kam dann Mama hoch.“ „Und, war das besser? Ich meine, Gertrude könnte ja wieder.“ „Bloß nicht! Zum Glück hat ihr ihre vierte Therapeutin vom Treppensteigen abgeraten.“ „Und hört Gertrude etwa darauf?“ „Natürlich nicht. Aber es fällt ihr schon schwer, zu mir hochzukommen.“ Manfreds Stimme klingt schon wieder ein wenig fester und zuversichtlicher. Dann erklärt er Rotraud, dass er die große Wohnung allein nicht auf Dauer finanzieren kann. Sabine hatte als Arzthelferin ja immer mitverdient. Er als Halbtagstelefonist kriegt nicht besonders viel. Dazu das Blindengeld. Aber das soll ja nicht zum Lebensunterhalt dienen. Jedenfalls nicht auf Dauer. Rotraud ahnt, dass größere Veränderungen auf Manfred zukommen. Sie will sich aber auch nicht zu sehr reinziehen lassen: „Wichtig ist doch jetzt, nichts zu überstürzen. Versuch doch erstmal, Dich an die neue Situation allein in der Wohnung zu gewöhnen. Dann kannst Du ja in Ruhe überlegen, was Du machen willst. Vielleicht mit Karl-Heinz oder Rosa.“ Manfred spürt, dass es Zeit wird, Rotraud allein zu lassen. Er ist froh, dass sie ihn nicht mehr über die Straße bringen muss. Sie verabreden, dass Manfred sich meldet, wenn er wieder üben möchte.

Oben in seiner Wohnung springt ihm Pfiffi freudig entgegen. Manfred drückt den Hund kräftig an sich und murmelt: „Du bleibst bei mir, nicht wahr?“ Mit seiner Jacke zieht Manfred auch den Trübsinn aus. Pfiffi wedelt ihn fort. Manfred holt tief Luft und erkundet vorsichtig den ganzen Flur. Er lauscht auf Geräusche aus Carlos Zimmer. Nichts ist zu hören. Das kann natürlich auch an den ziemlich gut isolierten Türen liegen. Sogar auf der Kommode liegt nichts mehr herum. Ein bisschen Freude schleicht sich in Manfreds Gedanken. Das ist jetzt alles sein Reich. Keiner kann ihm mehr reinreden. In Manfreds Herzen wandelt sich ein Teil der Einsamkeit in stille Freude. Im Korridor sind kaum mehr Spuren von Carlo zu finden. Nur ein Paar Turnschuhe ordentlich neben seiner Zimmertür. Manfred ist jetzt mutig und wagt sich in die Küche. Pfiffi dackelt die ganze Zeit hinter seinem Herrchen hinterdrein. Er versteht gar nicht, warum der Zweibeiner so langsam durch die Gegend schleicht. Zuerst registriert Manfred, dass seine Schuhe nirgends am Boden kleben. Irgendwie war immer was verschüttet worden. Ihm fällt ein, dass er vielleicht wieder ohne festes Schuhwerk herumschlurfen könnte. Am Wochenende zum Beispiel. In der Spüle findet Manfred etwas Geschirr. Ansonsten ist die Anrichte aber ziemlich leer. Der Kühlschrank leider auch. Die Nahrung hatten beide Männer eher in flüssiger Form gelagert. Immerhin genoss Manfred ab und zu das „gute Essen“ von Gertrude. „Den Einkauf müsste ich auch mal irgendwie organisieren“, denkt Manfred, „da können mir Volker und Petra bestimmt wertvolle Tips geben.“ Auf dem Wohnzimmertisch findet Manfred sein Smartphone, das er schon den ganzen Tag gesucht hatte. Wahrscheinlich hat er es selber dort liegen lassen. Er kann ja nicht alles Carlo in die Schuhe schieben. Überraschend ist eine Nachricht von Rosa angekommen. Schon am Vormittag, als Manfred Dienst hatte: „Donnerstag fahren wir wieder nach Düsseldorf. Kommt Ihr mit? R“ Zuerst hält sich Manfred für den falschen Empfänger dieser SMS. „Wieso wieder nach Düsseldorf?“, fragt er sich. Mit Rosa war er an der Müritz, woran sich Manfred nur ungern erinnert. Später dann in der Eifel, was schon viel schöner war. Aber Düsseldorf? Als eingeborener Westfale weiß Manfred natürlich nicht, dass er längst in der fünften Jahreszeit lebt. Die Ereignisse des eigenen Lebens haben solche Termine wie den 11. November total überlagert. Als er sich fragend zum Hund runterbeugt, fällt ihm das Phone runter und der Groschen pfennigweise. Na klar! Rosa heißt ja gar nicht Rosa. Sie war ja nur als Rosa Luxemburg gegangen, als sie sich kennenlernten. „Ist Do. etwa Weiberfastnacht?“, tippt er in sein Gerät. Wie meistens antwortet Rosa nicht sofort. So lässt sich Manfred aufs Sofa fallen und legt die Füße auf den Tisch, ohne halbleere Gläser umzustoßen. Die gehören vorerst der Vergangenheit an. Volker hat Dienst und so ruft er Petra zu Hause an. „Natürlich, Du Schnarchnase. Ich wollte Dich schon fragen, ob Du auch allein mitfährst nach Düsseldorf. Ich meine, auch ohne Sabine“, ruft Petra fröhlich. Manfred ist total unwissend. „Du kriegst aber im Moment auch nicht viel mit“, sagt Petra, „wir wollen auf jeden Fall hin. Hat doch echt Spaß gemacht letztes Jahr.“ Manfred erzählt, dass Rosa wohl auch wieder fahren will. „Mit der ganzen lustigen Truppe?“, fragt Petra. Manfred hat keine Ahnung. An Carmen und die anderen hatte er überhaupt nicht mehr gedacht. Besonders in Stimmung fühlt sich Manfred auch nicht. Andererseits? Er verabschiedet sich von Petra, weil sein Gerät einen schrillen Piepton von sich gibt und nicht aufhören will. Die Erinnerung an das Abendessen unten bei den Eltern. Ganz wichtig, um Gertrude nicht zu verärgern. Höchst willkommen auch, denn Manfreds Magen hängt sozusagen in den Kniekehlen. Rosa hat auch noch nicht geantwortet. Egal. Manfred lässt das Smartphone liegen, weil Gertrude das beim Essen kategorisch ablehnt. „Wir beten und auf dem Tisch piept so ein Ding“, sagt sie immer. Manfred macht das nichts aus. Er nimmt schon mal Stock und Jacke mit, um anschließend noch mit Pfiffi vor die Tür zu gehen. Als er die Treppe runtersteigt, ist Manfred schon deutlich besser gelaunt als bei seiner Heimkehr.

Ganz im Gegenteil zu Rosa, die zu dieser Zeit Feierabend macht. Ihre Unterwürfigkeit wurde heute wieder auf eine harte Probe gestellt. Hatte sie das Regal mit den 37 Zahnpasta-Sorten gerade neu bestückt, gefiel es Herrn Bandschleifer an dieser Stelle nicht mehr. „Besonders das Sonderangebot „Zwei zum Preis von drei“ kommt nicht so richtig zur Geltung. Sie wissen schon, product placement und so“, hatte er gesagt. So räumte sie die Windeln von links vorn nach rechts hinten und die Zahnpasta entgegengesetzt. Dann war ihr noch eine dieser Dreier-Familienpackungen runtergefallen. So hat Rosa jetzt erstmal reichlich Vorrat von Blendafix. Die anderen Fahrer stellten auf Rosas Heimfahrt mal wieder unter Beweis, dass nur sie ein Kfz vernünftig zu steuern weiß. Der eine fuhr noch bei dunkelgelb und der andere schlief bei hellgrün. Sie hupten dreimal ganz in ihrer Nähe, obwohl Rosa nie was gemacht hatte. Dann war auch noch ihr Parkplatz direkt vor der Haustür besetzt und sie musste sich hinten in den Wendehammer quetschen. Kein Wunder, dass ein paar Klamotten kreuz und quer durchs Wohn- und Schlafzimmer fliegen. Dabei denkt Rosa flüchtig an Manfred, der darüber stolpern wird. Seine SMS fällt ihr ein. Was für eine blöde Frage, ob Donnerstag Weiberfastnacht ist. Na was denn sonst? In welcher Ecke ihr Smartphone gelandet ist, weiß Rosa nicht. So muss die Antwort auch noch etwas warten. Zur Entspannung schaut sich Rosa erstmal eine Folge „Sturm der Liebe“ an, die sie so gern hat. Zum Glück gibt’s da jetzt die Mediathek. Christoph hatte doch gerade seiner Alicia gestanden, dass er vor 20 Jahren Xenia unter Mordverdacht aus dem Hause gejagt hat. Die hochmoralische Alicia ist empört und will Christoph nicht mehr heiraten. Völlig zurecht, wie Rosa findet. Glücklicherweise entschuldigt sich der Bräutigam tausendmal. Rosa ist zufrieden. Immerhin soll sie sich nicht so anstellen. Er hat ihr schließlich eine Kette mit Diamant für eine halbe Million spendiert. Ein Ausweis großer Liebe, nicht wahr? Rosas Füße tun nicht mehr weh und sie ist schon besserer Laune. So beschließt die junge Frau, heute noch auszugehen. Nach einer Dreiviertelstunde Renovierung ist sie zufrieden. Das Auto lässt sie stehen. Erstens will sie was trinken und zweitens gibt es später überhaupt keinen Parkplatz mehr. „Vonwegen freie Fahrt für freie Bürger“, denkt Rosa, „frei parken wäre besser.“ Heute steuert sie ein neues Lokal an. So ein modernes Bistro mit dem Namen digital drink. Zur Krönung des Abends erlebt Rosa eine besondere Ansprache: „Küss die Hand, schöne Frau. Mei san ihre Augen blau. Ich bin der Carlo und werde es auch bald sein. Blau meine ich. Und wer bist Du?“

Bei Borkenstocks gibt es heute Möhreneintopf. Als Manfred seinen Teller etwas zurechtrücken will, kann er ihn kaum von der Stelle bewegen. „Ich habe ihn mal wieder magnetisieren lassen“, sagt Gertrude munter. Für solche „Heldentaten“ möchte sie immer gern gelobt werden. „Oh vielen Dank, liebe Mama. Das war längst mal wieder fällig“, sagt Manfred schelmisch. „Du weißt ja, mein lieber Junge, durch mein Training habe ich so wenig Zeit“, flötet die Mutter. Der Löffel ist aus Metall und deshalb auch nicht so leicht aus dem Teller zu kriegen. Manfred stochert etwas lustlos im faden Essen herum. Gertrude war im Krankenhaus auf salzlose Kost gesetzt worden und findet, dass das fast gar keinen Unterschied macht. Außerdem kann es Karl-Heinz und dem blinden Sohn auch nicht schaden. „Was ist denn los, mein lieber Junge? Schmeckt Dir Mamas Essen heute nicht so?“, fragt Gertrude besorgt. „Ich hole mal den Salzstreuer“, murmelt Karl-Heinz mit vollem Mund. „Den habe ich heute an Hermine verschenkt“, schnarrt die Gattin, „außerdem hat es der Herrgott nicht gern, wenn Du mit vollem Mund sprichst.“ „Meinst Du, der hört immer zu, wenn wir essen?“, fragt Manfred interessiert. „Ach Kind, der liebe Gott sieht und hört alles. Das weißt Du doch. Apropos lieber Gott. Du kommst doch Sonntag mit in die Messe?“ Manfred kaut lange und andächtig, um etwas Zeit zu gewinnen. „Pfarrer Seelighaus wird sich sehr freuen“, bekräftigt Gertrude ihren Wunsch. „Na gut, ich werds versuchen“, muss Manfred zugestehen. Denn er hat für Sonntag bislang nichts anderes vor. Die Mutter bohrt so lange nach, bis Manfred zugibt, dass ihm die Wohnung auf die Dauer zu teuer werden wird. „Dann zieh doch wieder in Dein Kinderzimmer“, jubelt Gertrude, „wir haben alles so gelassen wie Du es zurückgelassen hast nach Deiner Hochzeit.“ Karl-Heinz verdreht die Augen. „Du sollst nicht solche Mimosen machen, wenn der Junge dabei ist“, schimpft Gertrude. „Du meinst Mimiken oder Grimassen“, nuschelt Karl-Heinz mit dem Löffel im Mund. „Klugsch…“, entfährt es Gertrude, „ähm, schau mal, wollte ich sagen. Manfred, wo willst Du denn sonst hin, wenn nicht zu Deinen Eltern?“ „Ich könnte mir eine kleinere Wohnung hier in der Nähe suchen“, flüstert Manfred. Kaum trauen sich die Worte über seine Lippen. „Aber Kind, wie soll denn das gehen?“, ist die Mutter wieder einmal fassungslos wegen ihres neuen Sohnes. „Na wie bei Petra und Volker. Die schaffen das doch auch.“ „Ja und Rotraud von gegenüber. Die Ex von Theo“, ergänzt der Vater. „Der Theo wird ihr sicher eine Menge helfen“, schnappt Gertrude. „Hast Du eine Ahnung? Da fragst Du Dich schon, wer wem mehr hilft“, sagt Karl-Heinz. Manfred findet ein Ablenkungsthema. Wenn auch kein perfekt geeignetes. „Ich war heute bei Rotraud. Also später, erst haben wir Stocktraining gemacht.“ Gertrude schnaubt lediglich. So langsam reicht es ihr für diesen Abend mit den Allüren ihres Sohnes. Deshalb unterhalten sich vorwiegend die Männer während des restlichen Abendmahls. Anschließend begleitet Karl-Heinz seinen Sohn beim Spaziergang mit Pfiffi. Nach ein paar Minuten Schweigen kommt der Vater aufs Wohnungsthema zurück. Manfred erklärt ihm, dass tatsächlich auf Dauer etwa dreihundert Euro fehlen. Die Frage nach dem Erhöhen von Manfreds Arbeitszeit muss dieser verneinen. Dann müssten Petra oder Volker was abgeben von ihrer Zeit. Nach etwas Bedenken verabreden beide, am Wochenende auf jeden Fall mal ohne Gertrude in die Zeitung zu gucken. Außerdem könnte ihm jemand helfen, mal im Internet zu suchen, überlegt Manfred. Beim Umzug und Renovieren kann Theo mit anfassen. Ein wenig jedenfalls. Beim Einpacken könnten Petra und Volker helfen. „Der kann auch gut schleppen“, sagt Manfred. Carlo und seine Kumpel kann Manfred wohl nicht mehr fragen. Ein Problem sind auch Sabines Sachen. Einige wenige hatten die Schwiegereltern ja abgeholt. Der Rest wurde bei Carlos Einzug auf Keller und Dachboden verteilt. Zu einem Telefonat mit seiner Gattin hat Manfred überhaupt keine Lust. Doch er wird nicht darum herumkommen. Von sich aus wird sich Sabine weder melden noch um irgendwas kümmern. Auch wenn Vieles noch bedacht und geplant werden muss, steht Manfreds Umzug nach diesem Abendspaziergang fest. Karl-Heinz verspricht, mit Gertrude möglichst nicht viel darüber zu reden. Manfred verspricht Pfiffi, dass er ihn mitnehmen und es ihm dort super gefallen wird. Damit spricht sich der junge Mann vor allem selber Mut zu. Kurz schaut Manfred nach und nimmt etwas enttäuscht zur Kenntnis, dass Rosa nicht geantwortet hat. An diesem Abend wird sie das auch nicht mehr tun. Sie kommt heute deutlich später zur Ruhe als Manfred.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Blinde Welt veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Wie der Blinde umziehen muss – Kapitel 21

  1. Sarah schreibt:

    Tolle Geschichte und super geschrieben. Ich freue mich sehr auf eine Fortsetzung 🙂

    Gefällt mir

  2. Lara schreibt:

    Danke! Ich freue mich wahnsinnig über diese viel versprechende Fortsetzung!
    Ihr habt mir den Tag versüßt! 😃

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s