Schwimmen nur mit Anmeldung möglich

Heute bringen wir den Gastbeitrag eines Autors, der bei uns bislang noch nicht aufgetaucht ist. Er erzählt von seinen Erfahrungen im Hallenbad seines Wohnortes Oldenburg. Der Autor ist blind und kann sehr schlecht hören.

Schwimmen??? Wasser ist doch nass!!!!!

Altbundespräsident Gustav Heinemann sagte einmal: „Unsere Gesellschaft ist so stark, wie stark sie sich auch um die Schwächsten in der Gesellschaft kümmert!“ und Albert Schweizer sagte einmal: „Ein Lichtlein anzünden, ist besser als in der Dunkelheit zu verharren!“ Und dem füge ich hinzu: „Die kleinste Tat ist besser als der größte Vorsatz, der nie in die Tat umgesetzt wird!“

Im Jahre 2012 musste ich meine sportlichen Aktivitäten aus gesundheitlichen Gründen auf das Schwimmen verlagern. Ich wandte mich damals an den Oberbürgermeister der Stadt Oldenburg, weil der damalige Geschäftsführer Behinderten sehr negativ gegenüber gestanden haben soll und das Schwimmbad Olantis Huntebad vor 13 Jahren nicht blindengerecht gebaut wurde. Es fand dann ein Gespräch mit dem Geschäftsführer statt und ich sollte erklären, wie ich mir das Schwimmen im Olantis Huntebad vorstelle. Das Gespräch fand in netter Atmosphäre statt. Der Geschäftsführer sagte mir, dass ich jede Hilfe bekomme. So wurde mir erlaubt, mir unentgeltlich die Wege zeigen zu lassen. Und mir wurde gesagt, wenn es zu schwer sei, dann würde ich Hilfe vom Reinigungspersonal und den Schwimmmeistern bekommen. Das klappte ja auch sehr gut.

Ich musste dann später oft bis zu fünf Minuten auf die Hilfe warten, bin dann alleine zur Umkleide gegangen und wurde vom Reinigungspersonal zum Schwimmbecken gebracht. Zurück brachten mich dann die Schwimmmeister. Später kam das Reinigungspersonal nicht mehr. Warum, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich ging dann alleine zur Behindertenumkleide und von dort aus holten mich dann die Schwimmmeister ab. Die Kasse hatte vorher angerufen. Bei den ersten Besuchen haben wir besprochen, wo und wie ich zu schwimmen habe. Weiter auch, wann es am sinnvollsten wäre, wann ich komme. Es entstand ein netter und guter Kontakt. Ich nahm zwischendurch auch Schokolade mit, um zu zeigen, dass ich mich über die Hilfe freute.

Seit 2017 hat sich plötzlich etwas verändert, und ich wusste nicht, warum. Im Sommer habe ich im Freibad keinen Schwimmmeister gesehen. Als ich dann im September 2017 wieder ins Olantis Huntebad kam, war das Personal an der Kasse sehr unfreundlich. Na ja, dachte ich, die haben wohl einen schlechten Tag. Und auch die Schwimmmeister waren sehr merkwürdig. Habe mir nichts dabei gedacht, bis man mir Ende November 2017 auf dem Weg von der Umkleide zum Becken sagte: „Sie können ja gar nicht wissen, wo der Beckenrand ist“. Ich erklärte ihm, dass ich das aber weiß. Das interessierte ihn nicht. Dann im Dezember 2017 fragte mich ein Schwimmmeister, wie ich denn in die Halle gekommen wäre. Denn ich hatte öfter plötzlich bis zu 15 Minuten auf eine Begleitung gewartet. Ich antwortete, ein Badegast hätte mich zur Tür der Halle gebracht und den Rest wäre ich alleine gegangen. Er meinte dann, er würde es weitergeben. Beim vorletzten Besuch sagte er vor der Umkleide, als er mich zurückgebracht hatte, „Sie können nur noch mit Begleitung kommen“. Antwort von mir: „Ich habe keine Begleitung und kann sie auch nicht bezahlen. Dann beim letzten Besuch der Höhepunkt. Die Schwimmmeisterin brachte mich zur Umkleide und sagte dann: „Heute haben wir uns das letzte Mal um sie gekümmert. Herr Ukena hat angeordnet, dass wir uns nicht mehr um sie kümmern dürfen. Sie wissen Bescheid und merken sich das!“ Ich wusste daraufhin nichts zu sagen. Bin dann raus und fragte mich, was ist hier los? Was hast du getan, dass die so mit dir umgehen? Ich schrieb eine e-mail an den Betriebsleiter und wollte wissen, warum diese Entscheidung getroffen wurde. Keine Antwort. Daraufhin habe ich die Geschäftsleitung am 28.12.2017 angeschrieben. Am 04.01.2018 bekam ich eine Mail und mir wurde ein Gespräch angeboten. Und das Gespräch fand am 12.01.2018 statt. Ich erfuhr dann, dass es neue Richtlinien für Schwimmbäder geben soll und daran müsste sich das Bad halten. Mir wurde zwar nicht der Besuch verboten, aber ich muss mich jetzt zwei Stunden vorher anmelden, wenn ich kommen will, damit sie es organisieren können, mir Hilfe zu geben; und dass ein Schwimmmeister die ganze Zeit am Becken steht, wenn ich schwimme. Vorher war nie ein Schwimmmeister weit und breit zu sehen. Wenn ich die Uhrzeit wissen oder zur Umkleide wollte, dann habe ich auf Badegäste zurückgreifen müssen.

Ich gehe jetzt nicht mehr schwimmen, weil ich Hilfe von denen annehmen muss, die mich terrorisiert haben. Denen gegenüber kann ich nicht mehr nett, zuvorkommend und mit Achtung und Respekt auftreten. Anfang Januar 2018 erfuhr ich, dass die Haus- Und Badeordnung geändert wurde. Ich wurde nicht drüber informiert.

Den gesamten Schriftwechsel habe ich jetzt an die Presse gegeben. Der Oberbürgermeister und auch das Olantis Huntebad antworten auf meine Schreiben nicht mehr.

Ich bin 69 Jahre jung, habe seit 1975 ehrenamtlich in verschiedenen Vereinen mitgearbeitet und bin Vorsitzender des Fußgängerschutzvereins.

 

Feige nennen wir den Umgang, den die Leitung dieses Bades an den Tag legte. Offenbar erging zunächst ein Hilfeverbot ans Reinigungspersonal und dann eines an die Schwimmmeister. Dass hier nicht ein direkter, persönlicher Kontakt zwischen Geschäftsleitung und Kunde gesucht wurde, ist unerklärlich. Aus welchem Grund die alte Hilfepraxis nicht mehr aufrechterhalten wurde, blieb auch im Gespräch am 12. Januar unklar. Ein allgemeiner Hinweis auf geänderte Vorschriften ist völlig unzureichend. Nun soll es Hilfe geben, wenn diese zwei Stunden vorher vereinbart wird. Wozu dieser Umstand? Bislang ging es doch spontan. Wozu die besondere Bewachung? Es sieht so aus, als sei der blinde Badegast ein unwillkommener Störfaktor. Nur sagt dies niemand laut. Dass unser Gastautor nicht mehr in dieses Schwimmbad gehen mag, können wir nachvollziehen. Dies ist eine Erfahrung aus dem Leben in der modernen, freien und inklusiven Gesellschaft des Jahres 2018.

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