Ein eisiger Ausflug ins Nirgendwo

Heute sagen wir nur Gutes zur Deutschen Bahn. Schweigen ergreift uns zum Zustand des Dortmunder Bahnhofs. Also alle vier Züge kamen pünktlich und auf dem erwarteten Gleis. Das freut den hoffnungsfrohen Bahnfahrer. Kaum hatten wir uns im ICE nach München unserer Jacken entledigt, stand schon der Proviant auf dem Tisch. Tomaten gab es wie immer auch, doch diesmal labten wir uns mit Orangen. Vom Schaffner erfuhren wir, dass es sogar Kaffee gibt. Das ist eben der Vorteil, wenn am IC noch ein E dranhängt. So verging die Fahrt durchs eher landschaftsdröge Ostwestfalen wie im Fluge. Susanne und ich befuhren diese Gleise schon häufig. Sie nach Erfurt und Gotha, ich nach Marburg. Bei ihren Fahrten hatte sich ein Haltepunkt eindeutig in den Vordergrund gedrängt. Altenbeken! Warum hält an diesem verlassenen Fleckchen im Nirgendwo der ICE? Wer um Himmels Willen steigt dort aus? An diesem frischen Sonntag waren wir es. Und dort leben wirklich Menschen. Sogar auf dem Bahnhof. Zugegeben nicht viele. Dennoch sind sie dort ziemlich barrierefrei. Aufzüge funktionieren und ein Leitsystem erfüllt seinen Zweck. Mobile Rampen stehen überall herum und werden genutzt. Es gibt Personal, das Einstiegshilfe leistet. Wir wollen ja nicht über Dortmund reden und ziehen daher keinerlei Vergleich. Aus meiner Kindheit weiß ich noch, dass Altenbeken schon etwas höher liegt. Auf einmal stehen wir im Schnee.

Ganz so spektakulär war es dann doch nicht. Kalt war es allemal. Zumal, wenn Du noch nichts im Magen hast außer Kaffee. Die Sonne gab ihr Bestes. Dennoch freuten wir uns über die Einfahrt der S-Bahn. Die ticken in Ostwestfalen auch anders als bei uns. Sie hielt und hielt nicht wieder an. Erst in Steinheim nach 20 Minuten. Und dort wollten wir hin. Sie kennen Steinheim nicht? Das Tor zum Weserbergland? Mit direkter Anbindung an den Flughafen Langenhagen und damit die ganze Welt? Gut, bevor die Bahn dort ankommt, hält sie noch in spannenden Orten wie Bad Pyrmont. Doch wir lenken ab von Steinheim. Immerhin die Königin der S-Bahnhöfe, wie die „Allianz pro Schiene“ feststellt. Steinheim ist Bahnhof des Jahres 2016. Und genau deshalb fuhren wir hin.

„Königin der S-Bahnhöfe“ ist ein stolzer Titel und wir wollten testen, ob das große Lob zu Recht vergeben wurde. Wir sind die einzigen, die in Steinheim aussteigen. Trotz der Eiseskälte schreiten wir tapfer die Bahnsteige, die Treppen und die Rampe ab. Im Punkt Barrierefreiheit hält dieser kleine, mit nur 4 Geleisen ausgestattete Bahnhof, was er verspricht. Überall findet man Leitstreifen mit entsprechenden Aufmerksamkeitsfeldern.

   

Geländer gibt es jeweils zwei in unterschiedlicher Höhe. Sie wurden zusätzlich mit Braille-Schrift versehen. Die Geleise in östliche Richtung sind durch einen Aufzug zu erreichen. Dieser ist defekt. Das ist der einzige Wermutstropfen! Aber in Anbetracht der ansonsten vorbildlichen Barrierefreiheit nehmen wir zugunsten dieses kleinen Bahnhofs an, dass der Defekt so schnell als möglich behoben wird. Die Geleise in westliche Richtung erreicht man über eine sanft ansteigende Rampe, die sich an einer Stelle gabelt, so dass man direkt zum angebundenen Parkplatz kommt.

            

Das ist so einfach wie effektiv. Auf den Bahnsteigen findet der wartende Reisende Unterstellhäuschen mit genügend Sitzplätzen. Vielleicht sollte so etwas Standard sein, ist es unserer Erfahrung nach aber leider nicht.

Das Bahnhofsgebäude beherbergt neben einem Hotel und einem Kiosk mit Fahrkartenverkauf noch das Restaurant Elena. Dorthin begeben wir uns nun, denn wir sind durchgefroren und hungrig. Wie der Name vermuten lässt, haben wir hier griechische Küche zu erwarten. Es schmeckt vorzüglich. Die heiße Suppe wärmt den Magen, gegrillte Auberginen, Zaziki, Pommes frites und Salat sind ausgezeichnet. Der Service ist ausgesprochen freundlich. Dieses Restaurant wird offensichtlich nicht nur von Reisenden, sondern auch von Eingeborenen benutzt. Es ist an diesem Sonntagmittag gut gefüllt. Ein weiteres Beispiel dafür, was man aus einem Bahnhof machen kann, wenn man ein wenig Phantasie walten lässt.

Beim elektronischen Hotel-Portier buchen wir beinahe die Suite für drei Tage. Doch uns fällt ein, dass wir montags wichtige Termine haben. Auf dem Bahnsteig hilft Susanne einer Randrandgruppe beim Fahrkartenkauf. Ein schwarzer Rollifahrer mit Frau und Kind. Ein anderer Mitreisender steht bereit, den Automaten zu treten. „So machen das hier die Bahnangestellten“, erklärt er. Zum Glück gibt’s in Altenbeken ein Wartehäuschen mit Kaffeeverkostung. Das erwärmt die Wartezeit. Nacheinander haben wir unseren Tiefpunkt wegen des guten Essens. So vergeht die Rückfahrt. Still lauschen wir einer englischen Familie. „So klein und kann schon Englisch“, kommt uns ein alter Gedanke ins Hirn. Warum auf den kahlen Bäumen seltsame Hüte wie Nester sitzen, wissen weder die Engländer noch wir. Die Familie will nach Norddeich. Gibt es von dort aus Schiffe ins Königreich Britannia? Es gibt so viele Fragen auf der Welt, deren Antwort wir nicht kennen. Oder wissen Sie, warum dieser RE in Kamen-Methler, aber nicht in Kurl hält? Schade, wir wollten von dieser Perle der Dortmunder S-Bahnhöfe heimfahren. Doch wir rauschen durch und freuen uns, unseren Hauptbahnhof wiederzusehen. Barrierefrei führen ausgetretene Stufen durch den Nordausgang in den Personentunnel. Für eine Frau mit Gepäck und Kinderwagen nur dank zweier starker, hilfsbereiter Männer zu überwinden. Und bevor jetzt „me too“ anruft – die Frau haben sie nicht getragen. Uns fährt ein schweigsamer Taxichauffeur heim ins warme Nest. Als letzten Eindruck eines schönen Ausflugs nehmen wir noch die Stimme eines Girlys mit, die wohl gerade aus dem Dschungelcamp ausschied: „Ich hab verkackt, weil ich so verpeilt bin.“

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