Ein Abend voller Hoffnung

„Care revolution“ – was ist das denn schon wieder? Ich mag keine Anglizismen! Eine Frau, die „gender studys“ lehrt. Auch das noch. Halb-, dreiviertel- oder siebenneuntelhomo oder zeitweilig auch –hetero. Das war auf den ersten Blick nicht sehr anziehend, was die Kommende Ende Januar anbot. Um „Care Arbeit“ sollte es gehen. Da war ich schon mal froh, dass ich das übersetzen konnte. Und so kamen wir der Sache auch näher. Denn natürlich gibt es eine Menge Sorgearbeit. Zuerst für sich selbst, wie die Referentin Prof. Dr. Winker sagte. Und dann für andere – entlohnt und unentlohnt. Fremd war und ist uns das Thema in der Redaktion keineswegs. Und so blieb eigentlich nur das Hindernis des späten Beginns. 19.30 Uhr ist für uns ja quasi mitten in der Nacht. Doch gib acht! Früher haben wir das auch hingekriegt. Heute wohnen wir näher dran, fahren dank doofer Verbindung doch etwa genauso lang. Traditionell regnete es, als wir in Brackel ankamen.

Es war ganz gut, dass wir frühzeitig vor Ort waren, so bekamen wir Plätze in der ersten Reihe und konnten Frau Winker aus allernächster Nähe erleben. Und ein Erlebnis ist sie tatsächlich. Sie kann reden. Sie hat gute Ideen, die sie mit profundem Hintergrundwissen, aber auch mit ganz viel Herz und Leidenschaft vertritt.

Was können wir uns nun unter dem Begriff „Care revolution“ vorstellen? Die Zusammenfassung ihres gleichnamigen Buches liefert eine Erklärung:
„Viele Menschen geraten beim Versuch, gut für sich und andere zu sorgen, an die Grenzen ihrer Kräfte. Was als individuelles Versagen gegenüber den alltäglichen Anforderungen erscheint, ist jedoch Folge einer neoliberalen Krisenbearbeitung. Notwendig ist daher ein grundlegender Perspektivenwechsel – nicht weniger als eine Care Revolution.
Gabriele Winker entwickelt Schritte in eine solidarische Gesellschaft, die nicht mehr Profitmaximierung, sondern menschliche Bedürfnisse und insbesondere die Sorge umeinander ins Zentrum stellt. Ziel ist eine Welt, in der sich Menschen nicht mehr als Konkurrent_innen gegenüberstehen, sondern ihr je individuelles Leben gemeinschaftlich gestalten.“
https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-3040-4/care-revolution

Der Kerngedanke ist für jeden sofort nachvollziehbar. Ohne Sorgearbeit kann eine Gemeinschaft nicht existieren. Bei Sorgearbeit fallen uns zuerst die beiden großen Bereiche Kinder und Pflege der Alten und Kranken ein mit den unzähligen dazu gehörenden Tätigkeiten für den Mitmenschen. Mit Versorgung der körperlichen Grundbedürfnisse ist es ja nicht getan; ebenso wichtig sind die Bedürfnisse nach menschlicher Nähe, nach Trost, nach Kommunikation, nach Akzeptanz, nach Liebe und Geborgenheit. Ein weiterer Bereich der Care-Arbeit ist die Sorge um Nachbarn, Freunde, Kollegen. Wir leihen uns gegenseitig etwas aus, wir kaufen für eine alte Nachbarin mit ein, wir passen mal auf die Kinder der Freundin auf, usw. Eine Unmenge an Arbeit wird in einer Gemeinschaft auf diese Art geleistet. In unserer Gesellschaft in erster Linie von Frauen, leider meist miserabel oder gar nicht bezahlt und auch ideell nicht gewürdigt. Wir müssen uns ja nur kurz vorstellen, was passierte, wenn sämtliche Care-Arbeiten für einen Tag eingestellt würden….  Kranke, Babies und Alte lägen unversorgt und hilflos in ihren Betten, Kinder könnten nicht in Kitas und Schulen, niemand würde sich um das leibliche und seelische Wohl derjenigen kümmern, die es momentan selbst nicht können. Eine Gruselvorstellung. Ein Streik der Lokführer mutet dagegen wie ein harmloses Ungemach an.

Warum haben die für das Funktionieren einer Gemeinschaft so notwendigen Tätigkeiten keinen entsprechenden Stellenwert? Hauptursachen sind sicherlich zum einen das kapitalistische Wirtschaftssystem mit dem einzigen Ziel der Gewinnmaximierung und zweitens die patriarchischen Herrschaftsstrukturen, in denen es um Macht und nicht um ein solidarisches Miteinander geht. Es liegt in unser aller Interesse, dass ein Umdenken in Gang kommt. Das ist der Ansatz von Gabriele Winker.

Momentan sieht es so aus, dass die meisten Familien zwei „Verdiener“ brauchen, um über die Runden zu kommen. Die Betreuung der Kinder wird zum Teil in Kitas und Schulen geleistet, aber jeder weiß, dass nachmittags um 16 Uhr die Bedürfnisse eines Kindes nicht pünktlich enden. Also müssen Eltern neben Erwerbstätigkeit am Abend die Care-Arbeit leisten. Für die Kinder, für den Partner/die Partnerin, für die Eltern, die Freunde etc. Das ist zusätzlich zu einem normalen Arbeitsverhältnis kaum zu schaffen, geschweige denn in heute üblichen Jobs mit flexiblen Arbeitszeiten, unbezahlten Überstunden, womöglich noch auf Abruf. Und im Job stehen die meisten inzwischen ganz enorm unter Druck. Es gibt ja genug Bewerber, gegen die man ausgetauscht werden kann. Diese Menschen leben also in einem Zustand permanenter Überforderung. Letztendlich werden sie krank. Die Zahl der psychischen Erkrankungen unter den Arbeitnehmern ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen.
Nun möchten wir sicher nicht zurück zu den guten alten Zeiten, in der Mutter den Haushalt machte und Vater „arbeiten ging“. Aber ein ausgeglicheneres Verhältnis muss doch möglich sein. Können zwei Erwachsene wirklich nicht von zwei Halbtagsjobs leben? In den unteren Verdienstgruppen ist das sicher so. Das schreit zum Himmel! Wir sind doch nicht unproduktiver und fauler geworden als die Generationen vor uns. Am laufenden Band hören wir in der Tagesschau, dass es der Wirtschaft in Deutschland so gut geht wie nie. Ja, und wo bleiben die Renditen, wo bleiben die Riesengewinne, die offenbar erwirtschaftet werden?

Sie vagabundieren um den Globus und suchen sich sog. „Anlagemöglichkeiten“. Dabei kennt das Geld keine Grenzen und kann somit fast jede Regel umgehen. Wir haben das gerade beim Fußball beschrieben. Der Wert des Buchgeldes ist mittlerweile um ein fünffaches höher als der reale Gegenwert. So zumindest eine Schätzung, die ich mal las. Im Fußball treibt dieses zu viele Kapital nur die Preise in die Höhe, im Dortmunder Hochhaus Hannibal kostete es gerade 600 Menschen die Wohnung. Lütticher Property 49 legte 2011 ein paar Milliönchen in den Erwerb dieser Immobilie an und ließ sie dann verkommen. Offenbar klappte die „Anlage“ nicht. Im größeren Rahmen floss es in den 0er-Jahren nach Griechenland. Bis die Helenen nichts mehr geliehen bekamen, um den Banken ihr vorher Geliehenes zurückzuzahlen. So sprangen EU-Staaten ein, um den Banken ihr Geld zu geben. Dafür knebelten sie die Athener Regierung, die wiederum ihre Bevölkerung auspresste und verarmen ließ. Dass Riesensummen in Kriegen verheizt werden, ist mit der schlimmste Auswuchs. Hier wird Geld gegen Mordwerkzeuge getauscht. Selten wird Geld zum Aufbau genutzt. Nur dann eigentlich, wenn der Aufbau hinterher Profit abwirft.

Zwei Aspekte, die an diesem Abend so deutlich wurden, will ich gern erwähnen. Dass ein Haushalt mit einem Verdienst kaum noch existieren kann, ist mittlerweile bekannt. Die diesem Fakt innewohnende Tatsache, dass dies nur so sein kann, weil die Erwerbsarbeit mieser bezahlt wird, bleibt meist ungesagt. Eher denken wir an den erhöhten Konsum als Ursache. Auch der spielt eine Rolle. Er hat aber den Vorteil, direkt beeinflussbar zu sein. Die Entlohnung hingegen muss ständig gegen die Arbeitgeber erstritten werden. Besonders im ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts gingen die Löhne stark zurück. Und das, obwohl eine Arbeitsstunde nicht weniger Geld erzeugt oder Wert schöpft, wie die Ökonomen sagen. Im Gegenteil, aufgrund gesteigerter Produktivität durch mehr Wissen oder besserer Hilfsmittel erzeugt eine Arbeitsstunde heute mehr Wert als vor 20 Jahren. Der Überschuss fließt in die Menge des vagabundierenden Geldes.

Dass Frauen gleichberechtigt mit Männern Zugang zur Erwerbsarbeit haben wollen, ist eine alte Forderung des Feminismus. Frau Winker muss lächeln, als sie sagt, dass die Feminist_innen das niemals allein hätten erreichen können. Oh nein, es nutzt der Wirtschaft und deshalb werden in Kitas und Grundschulen Verwahrmöglichkeiten geschaffen. Die Wirtschaft braucht weitere Arbeitskräfte. Zuwanderung ist derzeit unbeliebt. Die Politik, insbesondere die unionierte Christenheit, kriegt es nicht hin, den Zuzug gut ausgebildeter Menschen zu regeln. Der Vorteil von Frauen als Arbeitskräfte ist auch, dass sie billiger sind. Bei gleicher Arbeit kriegen sie etwa 7 % weniger als Männer. Insgesamt gesehen leisten sie vorwiegend schlechter bezahlte Arbeit und so beträgt der Unterschied zwischen Mann und Frau sogar 22 %. Nur deshalb konnte die alte Forderung des Feminismus ihrer Erfüllung näherkommen.

Wir sprechen ausdrücklich von Verwahren in den Ganztagseinrichtungen. Denn was demnächst an Grundschulnachmittagen geschehen soll, darüber redet niemand. Die Gebäude und das Personal sind darauf ausgelegt, in Klassenzimmern zu unterrichten. Die Unterrichtszeit kann doch nicht einfach verdoppelt werden. Was aber geschieht stattdessen?

Und so kommt auf die arbeitenden Eltern viel Arbeit zu, wenn sie nach ihrer Erwerbstätigkeit nach Hause kommen. Denn viele menschliche Bedürfnisse ihres Kindes können in den Verwahranstalten nicht befriedigt werden. Die kommen dann am Abend zum Vorschein und treffen auf Eltern, deren Hauptenergie der Arbeitgeber bereits abgeschöpft hat. Das ist keine gute Konstellation und sicher nicht im Sinne der bspw. feministischen Erfinder. Hier hilft ein Verkürzen der Arbeitszeit. Für beide Eltern, soweit vorhanden. Dazu gehört entweder ein höherer Lohn oder ein Grundeinkommen, das jeder vom Staat bekommt. Erst dann haben Eltern eine echte Wahlmöglichkeit. Wenn der eine vor- und die andere nachmittags zu Hause ist, muss das Kind erstmal nirgends untergebracht werden. Vielmehr ist vielleicht sogar Zeit fürs Kümmern um eigene Eltern, sich selbst oder Nachbarn. Gabriele Winker will letztlich weg von der Herrschaft der Erwerbsarbeit.

Ihre Vision ist es, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass jeder Mensch eine passende Balance zwischen Erwerbs- und Sorgearbeit hinbekommt. Das Pendel kann mal eher zu einen oder auch zur anderen Seite ausschlagen, abhängig von den eigenen Wünschen in unterschiedlichen Lebensphasen. Mit einem bedingungslosen Grundeinkommen wäre ein solches Modell lebbar.
Frau Winker kam auch auf den positiven Aspekt der Sorgearbeit zu sprechen. Ein Aspekt, der selten Erwähnung findet. Die Arbeit mit Menschen ist vielseitig, interessant, überaus lehrreich und erfüllt mit Zufriedenheit. Natürlich nur unter der Prämisse, dass nicht auch diese Arbeit ökonomisiert wird.

Wie also können wir unsere Lebensbedingungen menschlicher machen?
Von der Politik wird kein Anstoß kommen. Diese Meinung von Frau Winker können wir nur unterstreichen. Die Politik dient den Interessen des Geldes. Wenn wir etwas ändern wollen, müssen wir unten anfangen. Ein fertiges Konzept für die „Care revolution“ gibt es natürlich nicht. Aber es gibt Ideen und Ansätze:

Wir müssen den Gedanken, dass Sorgearbeit lebenswichtig für jede Gemeinschaft ist, erstmal wieder verinnerlichen und ihn weiterverbreiten. Es dürfte eigentlich nicht so schwierig sein, Menschen davon zu überzeugen, denn sie tragen dieses Wissen als soziale Wesen instinktiv in sich. Es ist ihnen nur durch jahrzehntelange Propaganda ausgetrieben worden.

Ein hoffnungsvoller Ansatz sind auch die vielfältigen Gemeinschaften von Menschen, die alternative Formen des Zusammenlebens ausprobieren, in Mehrgenerationenprojekten, auf Bauernhöfen, in kleinen Kommunen mit eigener Währung. Es gibt Tauschbörsen, Umsonstläden, Reparaturcafés, Nachbarschaftshilfen usw.

Die daran beteiligten Menschen sind alle auf der Suche nach einem solidarischen Miteinander und sie eint der Gedanke, dass es etwas anderes gibt als das vorgebetete Mantra: Geld ist das Maß aller Dinge und mehr Geld macht glücklich. Wir haben das Gefühl, dass die Zahl dieser „Hoffnungsträger“ wächst und dass sich dadurch so nach und nach auch die innere Haltung in der Gesellschaft ändern wird.

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