Glyphosat

Besonders Ende November war dieser Begriff in aller Munde. Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) hatte in der EU für eine qualifizierte Mehrheit gesorgt, die das Pflanzengift für weitere fünf Jahre zuließ. Das hätte er nicht tun dürfen, weil die Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) dagegen war. Deutschland hätte sich folglich enthalten müssen. Schmidts Alleingang und Koalitionsbruch brachte ihm eine milde Rüge der Kanzlerin ein. Mehr nicht. Die Aufregung in der SPD war nur kurz. Bald darauf sahen wir Hendricks wieder nett mit Schmidt plaudern und scherzen. In diesen Tagen waren sie besonders staatstragend unterwegs. Denn Deutschland braucht ja eine Regierung, weil das sonst die Welt destabilisiert. Der Zustand hält bis heute an.

Wir wollten mehr wissen. Um was geht es bei diesem Glyphosat eigentlich? Ist es nun giftig oder nicht? Die Medien können wir bei solchen Fragen vergessen. Hintergründe werden kaum mehr erwähnt oder gar erläutert. Keine Zeit, kein Personal, kein Interesse. Da hilft nur der Griff zu einem Buch. Zum Glück war eines zur Hand. „Die Akte Glyphosat“ von Helmut Burtscher-Schaden. Er ist Mitarbeiter der österreichischen NGO Global 2000. Der Mann ist als Biochemiker vom Fach. Gleichzeitig ist klar, dass er der Zulassung kritisch gegenübersteht.

Erfunden wurde Glyphosat Anfang der 70er-Jahre von der US-amerikanischen Firma Monsanto. Sie beantragte damals die Zulassung und erhielt sie ungefähr 1974. Im Laufe der nächsten Jahre kamen der Zulassungsbehörde US-EPA jedoch Zweifel. Die United States Environmental Protection Agency (EPA bzw. USEPA, deutsch Umweltschutzbehörde) ist eine unabhängige Behörde der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika zum Umweltschutz und zum Schutz der menschlichen Gesundheit.
Das Labor, welches Monsanto mit der Untersuchung von Glyphosat beauftragt hatte, geriet unter Verdacht, nicht korrekt zu arbeiten. Daraufhin wurde ein anderes Labor mit erneuten Tierversuchen beauftragt. Ein Antrag auf Zulassung einer Chemikalie wird üblicherweise mit Untersuchungsergebnissen versehen eingereicht. Die Firma zahlt diese Untersuchungen. So ein Labor ist ein gewöhnlicher Wirtschaftsbetrieb und von seinen Auftraggebern abhängig. Das müssen wir beachten. Die Ergebnisse solcher Untersuchungen sind Eigentum der beauftragenden Firma. Wieviel also zum Beispiel Monsanto gegenüber der EPA preisgibt, ist deren Sache. Monsanto kann natürlich alle Rohdaten weitergeben. Üblicher aber sind Zusammenfassungen und Auswertungen der Fachleute in der Firma. Alles andere bleibt unter Verschluss. Im Falle des Glyphosats wurde das Mittel an Mäusen und später an Ratten getestet. Dabei gab es vier Gruppen. Die eine bekam kein Glyphosat in die Nahrung, die anderen drei jeweils unterschiedliche Dosen. Das Buch erklärt ausführlich die verschiedenen statistischen Methoden, wie solche Untersuchungen ausgewertet werden. Inzwischen gilt weltweit der GLP: Good Laboratory Practice, ein Standard für die Durchführung von toxikologischen Studien für die Registrierung und/oder Zulassung von Chemikalien.
Mitarbeitern der Umweltbehörde EPA fielen Anfang der 80er-Jahre dann Krebsbefunde bei den getesteten Mäusen auf. Diese hatten sie zuvor „übersehen“. Das klingt total dämlich, ist aber die harmloseste Erklärung. An dieser Stelle kurz ein paar Gedanken, unter welchen Bedingungen solche Behörden arbeiten. Angestellt sind Wissenschaftler, die natürlich auch in Firmen arbeiten können. Durch die staatliche Bezahlung dieser Menschen wird versucht, sie zu möglichst objektiven Untersuchungen zu bewegen. Hier müssen wir bedenken, dass Einkommen von vielen Menschen gern gesteigert wird. Zusatzverdienste werden sicher nicht von jedem abgelehnt. Dann müssen wir die zeitliche Dimension sehen. So ein Wissenschaftler kann oder will vielleicht nicht ein Leben lang bei einer Behörde arbeiten. Für die Anstellung in der Privatwirtschaft kann ihr Verhalten als Staatsbedienstete wichtig sein. Auf der einen Seite stehen die Firmen, die von der Behörde was wollen. Auf der anderen Seite steht die Politik, die auch was will. Das wird im Falle von Glyphosat und der EPA noch ganz wichtig.

1983 wurde Glyphosat nach langem Hin und Her in den USA verboten. Es wurde für möglicherweise krebserregend erklärt. In den 80ern regierte in Washington Ronald Reagan, ein Wirtschaftsfreund. Sein Vizepräsident war George Bush sen., der dann von 1989 bis 1993 regierte. Die chemische und vor allem gentechnische Industrie wuchs in jener Zeit und versprach große Umsätze. Damit sowohl Gewinne für die reichen Anleger sowie Arbeitsplätze und Steuereinnahmen. So verfolgte die US-Regierung die Linie, dass die Industrie nicht durch zu viele Auflagen des Staates behindert werden sollte. Glyphosat wurde 1991 in den USA wieder zugelassen. Neue Studien gab es keine. Vielmehr ging es u.a. um eine kleine Maus aus der Gruppe derjenigen Tiere, die kein Glyphosat gefressen hatten. Diese Maus Nr. 1028 hatte einen Nierentumor entwickelt. So behaupteten es andere Wissenschaftler, die Proben des eingefrorenen Gewebes untersuchten. Wenn also diese Maus ohne Glyphosat-haltige Nahrung ebenfalls Krebs bekam, so waren die Krebsfälle in den anderen Gruppen mit Glyphosat-Nahrung gar nicht unbedingt auf den Stoff zurückzuführen.
Weiterhin gibt es neben der EPA ja noch ganz andere Organisationen, die zu anderen Ergebnissen kommen können. Wichtig wurde in diesem Zusammenhang die FAO/WHO-JMPR: Joint-FAO/WHO-Meeting on Pesticide Residues, ein gemeinsames Fachgremium der FAO und WHO, das gesundheitliche Risikobewertungen von Pestizidrückständen in Lebensmitteln vornimmt. Die FAO ist die Food and Agriculture Organization, Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen. Die WHO ist die World Health Organization, Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen. Die FAO/WHO-JMPR hielt Glyphosat für unbedenklich. Weitere Details weiß ich nicht mehr und können im Buch nachgelesen werden. Deutlich wird, dass die Behörden, die für uns Bürger Chemikalien beurteilen sollen, ganz und gar nicht unabhängig sind. Da gibt es die politische Ebene. Sie bezahlt die Behörde in unserem Auftrag und kann erheblichen Einfluss ausüben. Beachtenswert ist der Fakt, dass in den Behörden Menschen arbeiten. Mit all ihren Stärken und Schwächen. Drittens werden die Untersuchungen an Tieren von den Firmen beauftragt. Sie stellen der Behörde nur das zur Verfügung, was sie wollen. Weiteres kann angefordert werden, muss aber nicht. Wie groß die Chance auf Menschenschutz durch die Behörde ist, mögen Sie selber beurteilen. Berührt hat mich der Brief einer ehemaligen EPA-Mitarbeiterin an ihren Kollegen. Sie war in Rente und selber schwer krebskrank. Im Zusammenhang mit den Glyphosat-Debatten flehte sie ihn geradezu an, einmal nach wissenschaftlichen und nicht nach politischen Kriterien zu entscheiden. Ihr Appell blieb ungehört.

Glyphosat als Pflanzenschutzmittel zu bezeichnen, ist eine glatte Lüge. Deshalb sprechen wir auch immer von Gift. Denn die Chemikalie unterbricht bei allen bekannten Pflanzen die Nahrungsaufnahme und führt somit zum Absterben. Deshalb kann Glyphosat nur außerhalb der Wachstumsperiode der Nutzpflanze ausgebracht werden. Vor der Saat werden alle störenden „Unkräuter“ getötet. Nach der Ernte auch wieder. Manche Industrielandwirte behandelten auch ihr Getreide zu einem bestimmten Zeitpunkt, damit es nicht mehr wächst und leichter geerntet werden kann.
All das galt solange, bis Monsanto Saatgut auf den Markt brachte, das Glyphosat überleben kann. Dies erreichte die Firma auf gentechnischem Wege. Denn in der Natur tötet Glyphosat nach wie vor alle Pflanzen. An dieser Stelle entsteht die Abhängigkeit der Landwirtschaft vom Konzern, von der häufig die Rede ist. Sowohl Saatgut als auch Pestizid aus einer Hand. Wer das nicht will, kriegt nichts mehr. Die Erträge sinken rapide. Über die Pflanzen gelangt das Gift zu uns. Mal bei direktem Verzehr oder auch über den Umweg Tier und Fleisch. Es ist im menschlichen Urin nachweisbar. Bei der Zulassung geht es immer ums Risiko, Krebs hervorzurufen. Über die Wirkung auf die gesamte Pflanzen- und Tierwelt wird nicht gesprochen. Die sind für unsere Gesetze offenbar zu wertlos. Erst bei Gefahr für die Menschen beginnen sie, zu greifen. Auch dies finden wir beachtenswert.

Bevor wir nun einen geographischen und einen Zeitsprung machen, wollen wir auf noch eine wichtige Differenzierung hinweisen. In den USA wird für Chemikalien eine Risikobewertung vorgenommen. Es wird beurteilt, wie das Mittel auf den Menschen wirkt. Dabei spielt eine große Rolle, in welchen Dosen er es abbekommt. Nicht nur der Endverbraucher, sondern auch der Nutzer des Mittels – also der Landwirt oder der Gärtner. Hier spielen weitere Faktoren hinein. Zum einen die Anwendung – ob zum Beispiel mit oder ohne Schutzkleidung. Ob der Endverbraucher krank wird, hängt ja von noch unzähligen weiteren Faktoren ab. Bei Krebs wird immer gern das Rauchen oder die Familienbelastung ins Feld geführt. Wesentlich schärfer ist da das Gefahrenprinzip, dass seit 2009 in der EU gilt. Hier wird geprüft, ob der Stoff an sich gefährlich ist. Diese Beurteilung basiert in der Regel auf Tierversuchen. „Störfaktoren“ wie Lebenswandel des Verbrauchers und Anwendung des Nutzers gibt es hier nicht. Auch die Dosis spielt keine Rolle.

Fürs vergangene Jahr hatten Monsanto und andere Firmen bei der EU die Verlängerung der Zulassung von Glyphosat beantragt. Entscheiden kann das entweder die EU-Kommission, also die 28 „EU-Minister“ unter Vorsitz von Jean-Claude Juncker. Oder aber die 28 Regierungen entscheiden im sog. Ministerrat. Politisch ist der Ministerrat das stärkere Gremium. Für die gesamte EU wurde das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) mit der Untersuchung von Glyphosat beauftragt. Die Berliner Behörde zog Studien zu Rate bis hin zu denen vom Anfang der 80er-Jahre. Hinzu kamen angeblich noch historischere Ergebnisse, die niemand nachprüfen kann, weil sie nicht mehr auffindbar sind. Nur die Ergebnisse sind noch bekannt. Zumindest Monsanto. Alles Firmengeheimnisse. Klingt wider dämlich, ist aber so. Das BfR erklärte Glyphosat für unbedenklich. Das war im Frühjahr 2016. Jetzt kommt noch eine Institution ins Spiel. Die IARC: International Agency for Research on Cancer, Internationale Agentur für Krebsforschung der WHO. Sie stuft Glyphosat als möglicherweise krebserregend ein. Die IARC ist nicht so einfach zu ignorieren. Ein Streit entbrannte. Das BfR musste nachliefern und gestand in einem „Addendum“ Fehler im ursprünglichen Bericht zu. Am Ergebnis änderte die Behörde jedoch nichts. Doch auch die EU hat noch unzählige Behörden. Zwei davon wurden mit Glyphosat befasst. Die EFSA: European Food Safety Agency, europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, ist auf EU-Ebene u. a. zuständig für die gesundheitliche Bewertung von Pestiziden. Die Europäische Chemikalienagentur (ECHA, englisch European Chemicals Agency) ist eine Behörde der EU, die die technischen, wissenschaftlichen und administrativen Aspekte bei der Registrierung, Bewertung und Zulassung von Chemikalien regelt. Sie gewährleistet unter anderem die Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung chemischer Stoffe in einem einheitlichen Verfahren innerhalb der Europäischen Union. Sowohl die EFSA als auch die ECHA hatten keine Bedenken gegen die Zulassung von Glyphosat. Natürlich gilt auch für sämtliche EU-Behörden das gleiche Spannungsfeld wie für die amerikanische EPA. Die europäischen Behörden haben weiterhin das wesentlich strengere Gefahrenprinzip zu beachten. Letztlich musste die Politik entscheiden. Eigentlich nicht schwer, sollten wir meinen. Denn Glyphosat ist gefährlich.
Daran habe ich nach Lektüre dieses Buches keinen Zweifel. Ein Stoff, der alle Pflanzen töten kann, gehört nicht auf unsere Felder oder in unsere Gärten. In unsere Nahrung und unseren Körper schon gar nicht. Er wird über die Nieren im Urin ausgeschieden. U.a. waren ausgerechnet Nierentumore bei den Testmäusen gefunden worden. Mittlerweile gibt es Studien, die den Zusammenhang von Glyphosat und NHL, Non-Hodgkin-Lymphome, nahelegen. Als Non-Hodgkin-Lymphome (NHL] bezeichnet man alle Formen von Lymphdrüsenkrebs, die kein Morbus Hodgkin sind. In den großen Anwendungsgebieten Südamerikas schlagen Ärzte Alarm. Wie gesagt, kein Zweifel an der Gefahr durch Glyphosat. Doch unser Vertreter der Industrie- und Intensivlandwirte wollte es anders und sorgte am 27. November im Ministerrat für die entscheidende Ja-Stimme. Glyphosat ist für fünf weitere Jahre in der EU zugelassen.

Abschließend noch ein Wort zu diesem Vorgang. Erste Forderung der SPD hätte sein müssen, dass Christian Schmidt sofort aus dem geschäftsführenden Kabinett ausscheidet. An neuen Koalitionsgesprächen darf er nicht mehr beteiligt sein. Zweite Konsequenz hätte sein müssen, dass die CDU- und der CSU-Vorsitzende öffentlich versichern, künftig nicht mehr koalitionsvertragsbrüchig zu werden. Schon in der abgelaufenen Wahlperiode wurden Zusagen seitens der Union nicht eingehalten. Um diese Vertragstreue zu testen, müsste die SPD Vorhaben fürs erste Regierungsjahr fordern, an deren Umsetzung die Vertragstreue getestet werden kann. Das alles im Konjunktiv. Denn wir haben eine inhaltlich und charakterlich schwache SPD-Führung, die so weiterregieren will wie bisher.

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