Unsere Hoffnung heißt Angela

Als die CDU tief in der Spendenaffäre steckte, übernahm sie den Vorsitz der Partei. Eine bescheidene Frau aus dem Osten. Ihre Kanzlerschaften waren geprägt von Krisen. Erst die Banken- und Finanzkrise und direkt im Anschluss die des Euro. Durch diese Wirren steuerte sie unser Land mit sicherer Hand. Aber auch für die EU und damit Europa wurde Angela Merkel immer mehr zur Leitfigur. England war immer schon mit Austrittsgedanken beschäftigt. Im Elysee-Palast regierten schwächliche Männer wie Sarkozy oder Hollande. Der Achse Berlin-Paris fehlte auf der einen Seite das Rad. Angela wollte das nie. Aber so musste sie zur Führerin in Europa werden. In Sachen Finanzen hatte sie allenfalls noch ihren altgedienten Vorgänger als CDU-Vorsitzenden Wolfgang an ihrer Seite. Wäre Varoufakis noch etwas geblieben, hätte auch Schäuble die Kanzlerin im Stich gelassen. Diese Kanzlerin, ungewollt zu dieser exponierten Stellung gekommen, muss auch die kommende Bundesregierung führen. Wie schwer das werden würde, ahnte der Erzähler dieser Geschichte nicht. William Drozdiak schloss sein Buch “Zerfall Europas“ im April 2017 ab. Weil das Buch so heißt, bereiste er Europa und brachte seine Eindrücke zu Papier.

In Paris fand er den Hoffnungsträger. Nach den „Flaschen“ ist da jetzt ein durchsetzungsstarker junger Mann, der sich neben der Präsidentschaft gleich noch eine üppige Mehrheit in der Nationalversammlung gesichert hat. Gleichzeitig wehrte er mannhaft den Griff der Marine le Pen nach der Krone ab. Endlich ist da einer bereit und in der Lage, das verkrustete Frankreich mit seiner Sozialromantik aufzubrechen. Damit lange nicht genug. Für die EU hat er vertiefende Ideen in Richtung Finanz- und Militärpartnerschaft. Im Prunksaal von Versaille gekürt eilte er zu den aufstrebenden Jünglingen an der Sorbonne, um seine Ideen zu verkünden. Das ist einer, der Angela Merkel bei ihren schweren Aufgaben beistehen kann. So schreibt es Drozdiak. Dumm nur, dass Angela noch nicht bereit ist. Macron muss sich gedulden. Doch er ist mit Sigmar befreundet und der trommelt schon für die neue schwarzrote Koalition.

In London findet der Autor lauter zerknirschte Engländer. Jetzt merken sie, was sie vom Brexit haben. Erst fiel das Pfund und das Reisen wurde teurer. Bald stiegen die Lebensmittelpreise. Außerdem war die Jugend des Landes ja gar nicht zur Abstimmung gegangen. Im Grunde ist die also nicht repräsentativ. Camerons Abschied aus Brüssel samt Einholen des Union Jack sowie auch das Ende in Downing Street Number 10 werden beschrieben. So hatte sich das der smarte Oxford-Student nicht vorgestellt. Er war ein getriebener der rechten Tories. Diese wollte er mit der Brexit-Abstimmung endgültig ruhigstellen. Angela hatte ihn vorm letzten EU-Gipfel im Februar 2016 privat empfangen und sich sehr um ihn bemüht. Cameron bekam dann dort auch ein paar Zückerchen für sein Land. Es half alles nichts und auch David verließ die Kanzlerin. Wenn er für Europa auch kein rollendes Rad an der Achse Berlin-London war, so hat Theresa May nun den totalen Platten. Sie hilft unserer Regentin kein Stück. Und Europa schon gar nicht. Konfusion herrscht in London, seit sie da in Downing Street wohnt. Drozdiak verließ eine zerknirschte Insel im Schatten des Votums vom 23. Juni 2016.

Geographisch hüpfte er über die Nordsee und landete in Kopenhagen. Ja, die Dänen haben so ihre eigene Behaglichkeit, der sie sich hingeben. Mit der EU haben sie nicht so viel zu tun. Den Euro gibt’s dort nicht. Sie sind sehr stolz auf ihren ausgebauten Wohlfahrtsstaat. In Ranglisten über glückliche Bevölkerungen rangieren die Dänen immer weit vorn. Dafür zahlen sie gern hohe Steuern. Bis zu Angelas Grenzöffnung standen sie Flüchtlingen recht offen gegenüber. Dann wurden es viel zu viele und die Grenze wurde dicht gemacht. Die Dänen fürchteten um ihre Behaglichkeit. Eine Rechtspartei toleriert im Parlament die Minderheitsregierung. Ein besonderer Blick Drozdiaks fällt auf Kopenhagen. Die erste europäische Hauptstadt, die 2025 klimaneutral sein will. Dazu fahren die Dänen viel Rad. Sie werden angehalten, Strom zu sparen. Der ÖPNV wird gefördert. Das klingt sehr schön, was dort geschieht. Der Bürgermeister sagt, auf seine Kollegen in Europa und der Welt käme eine große Aufgabe zu. In Kopenhagen kümmert er sich nämlich um die Belange der Menschen, an denen er nahe dran ist. Das Parteiengezänk im Parlament interessiert nicht so sehr. Auch wenn es nur ein kleines Land ist, engagiert sich Dänemark weltweit für den Klimaschutz. Ein Teil des Staatsgebietes besteht in Grönland aus Eis, das wegschmilzt. Das Land liegt nur knapp über dem Meeresspiegel. Die Dänen lassen sich vom Argument, dass sie sowieso zu klein sind, um etwas zu bewirken, nicht abhalten. Leider erfahren sie von unserer ehemaligen Klimakanzlerin in ihrem Engagement keine Unterstützung. Energiewende hin oder her.

Einmal auf dem Weg nach Osten, landet Drozdiak in Warschau. Hier ist die Demokratie böse in Gefahr. Erst waren es die Brüder, jetzt ist es der eine Kaczynski, der dort die Politik beherrscht. Sie waren mal Kumpel von Lech Walesa in der Solidarnosc. Als dieser zu Amt und Würden gekommen war, trennten sie sich vom ehemaligen Gewerkschaftsführer. Der eine Bruder Kaczynski kam bei einem Flugzeugabsturz in Russland ums Leben. Mit ihm diverse hohe Regierungsvertreter. Der verbliebene Kaczynski beschuldigt den Kreml, mitgewirkt zu haben, um Polen zu schaden. Nun gut, seine Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) holte die absolute Mehrheit. Dieser etwas dubiose Bruder hat es geschafft. Polen ist sehr um seine Sicherheit besorgt. Es gehört zu den wenigen Ländern der NATO, die 2 % des BIP fürs Militär ausgeben. Wichtig für den Machterhalt der PiS ist ihre Allianz mit der katholischen Kirche. Polen ist das Land in der EU, wo diese Kirche die größte Rolle spielt. Der „reaktionäre“ Papst Johannes Paul II wird dort zutiefst verehrt. In Brüssel wird die PiS-Regierung ja kritisiert. Diesen Blick hat Drozdiak übernommen. Immerhin sind die Polen bei der Aufnahme von Flüchtlingen nicht solidarisch. Dass die PiS spürbar die Renten in Polen anhob, sieht Drozdiak eher als Stimmenfang denn als Sozialpolitik. Er macht sich Sorgen um einen östlichen EU-Staat unter der dubiosen Führung eines noch viel dubioseren Mannes.

Nicht weit ist es bis Riga in Lettland. Hier wird es interessant und das Buch bringt Erkenntnisgewinn. Wie Estland hat Lettland einen hohen Anteil russisch-stämmiger Menschen. Die werden in der befreiten Baltenrepublik seit dem Ende der UdSSR nicht gerade sanft behandelt. In den Schulen wird nur Lettisch gelehrt. Russischsprachige Medien wurden geschlossen. Man distanzierte sich von den Russen. Wer nicht vor 1941 schon dort gelebt hatte und nicht im Land geboren war, konnte kein Lette werden. Weil Putin mal gesagt hat, er kümmere sich um alle Russen, egal, wo sie leben, haben sie in Lettland Angst, wie die Krim im Handstreich erobert zu werden. Hier finden wir die unterschiedliche Bedrohungswahrnehmung, die uns kürzlich in der Auslandsgesellschaft erläutert wurde. Drozdiak erzählt dann von einer Bewegung, die auf Annäherung der Volksgruppen setzt. Viele der in Russland geborenen Menschen sind schon lange in Lettland. Sie haben sich dort ein Leben aufgebaut und letztlich fürs Land gearbeitet, wenn Sie so wollen. Der Führer der Bewegung hat es immerhin schon zu Rigas Bürgermeisteramt gebracht. Er setzt auf Verständigung, ohne die Unterdrückung und das Leid der Letten unter der Sowjetunion zu leugnen. Ein hoffnungsvoller Kurs. Denn ein friedliches Zusammenleben und –wachsen der Volksgruppen ist der bessere Schutz gegen russische Übergriffe. Drozdiak glaubt an die russische Aggression, wie später noch deutlich wird.

Bei seiner Reise in die großen Hauptstädte hatte der Autor Madrid nicht vergessen. Hier beschäftigt er sich vorwiegend mit dem Streben der Katalanen heraus aus dem Staatsverband. Er beschreibt Rajoy als recht schwachen Staatsmann. Spanien steckt tief in der Krise, erholt sich aber langsam. Sie hatten neben den USA die größte Immobilienblase und so stürzte die sog. Finanzkrise viele Spanier in die Pleite. Die Katalanen wollen sich laut Drozdiak jetzt nicht mehr solidarisch am Wiederaufbau beteiligen. Separatistische Populisten sind in Barcelona am Werk. Wir wissen heute mehr als der Autor damals. Drozdiak hoffte noch, dass Rajoy wieder alles in den Griff kriegen wird.

Italien beschreibt er als ein sehr marodes Land. Die Bevölkerung hält nichts mehr von den Politikern. Dazu haben die Menschen sicher gute Gründe. Das aber begünstigte den Aufstieg der 5-Sterne-Bewegung des Beppe Grillo. Beispielhaft beschreibt Drozdiak die Situation in Rom. Eine junge Frau namens Virginia Raggi hat das Amt der Bürgermeisterin im Sturm erobert. Das öffentliche Leben Roms ist an gewinnorientierte Firmen verscherbelt worden. Wasser- und Müllentsorgung laufen längst nicht mehr gut. Die Bausubstanz verfällt allerorten in der ewigen Stadt. Politik, Wirtschaft und Mafia bilden einen einzigen Filz. Der jungen Raggi traut unser Autor den Umschwung nicht zu. Er ist vielleicht auch unmöglich. Es entsteht der Eindruck eines Landes kurz vor dem Kollaps. Die Italiener sind gelähmt wegen all der Verfilzungen. Worauf er nicht so recht zu sprechen kommt, ist die Bedeutung Italiens für die EU und den Euro.

Ähnlich trübe wie in Rom ist die Stimmung in Athen. Die Griechen hielten ihre Politikerkaste auch nicht mehr aus und wählten Tsipras überraschend an die Macht. Dieser versprach ihnen das Ende des finanziellen Würgegriffs der Troika. Trotz Volksvotums im Rücken hielt er diese Politik nicht lange durch. Den Griechen geht es richtig schlecht. Das beschönigt Drozdiak nicht. Menschlich beschreibt er auch das Schicksal und das Leid der 60.000 Syrien-Flüchtlinge, die auf dem Festland und den Inseln darben. Der griechische Staat ist nicht mehr in der Lage, diese Menschen angemessen zu versorgen. Wie soll er auch, wenn er das schon bei der eigenen Bevölkerung längst nicht mehr gewährleistet. Drozdiak verschweigt nicht, dass „sein Liebling“ Merkel in Griechenland verhasst ist. Andererseits hatten sich die Griechen anfangs in den Euroraum reingeschmuggelt, als sie ihre Bilanzen frisierten.

Ich hoffe, ich habe keine Station vergessen. William Drozdiak beschreibt Gutes wie Schlechtes. Mit Vorschlägen oder eigenen Gedanken spart er. Vielmehr stellt er die überragende Rolle Angela Merkels auch am Ende der 300 Seiten heraus, in denen er einen Blick auf die Weltlage wirft. In Washington haben wir einen unberechenbaren Präsidenten. Angela gab sich Mühe, wird mit ihm aber nicht warm. Trotz aller Bemühungen steigt Donald aus dem Klimaabkommen aus und pfeift auf den Iran-Deal. Sämtliche Handelsbeziehungen stellt er auf den Prüfstand. Vorher kam Merkel mit Obama so prima klar. Zuletzt sahen wir das auf dem evangelischen Kirchentag. Mit Donald klappt das überhaupt nicht. Obgleich sie ihm kurz nach seiner Wahl die Hand reichte und ihm gleichzeitig die westlichen Werte erklärte. Mindestens genauso viel Mühe gab sich Merkel mit Putin. Geduldig hörte sie sich immer wieder seine Klagelieder über die Benachteiligung Russlands an. Doch bei der Besetzung der Krim und den russischen Soldaten in der Ostukraine war Schluss. Merkels Hand bleibt genauso ausgestreckt wie die Sanktionen in Kraft. Da zeigt die EU unter Merkels Führung wahre Einigkeit. Drozdiak sieht Gefahren für Europa aus West und Ost. Er setzt auf die vielbesungene Achse Berlin-Paris. In weiten Teilen hätte er sein Werk auch vom grünen Tisch schreiben oder von unseren Gazetten abkupfern können. Er erzählt die gleiche Geschichte, wie wir sie schon kennen. Nur mit einer Glorifizierung Angela Merkels als Hintergrundmelodie. So eine Lektüre ist zuweilen anstrengend. Es gab Passagen über Kopenhagen oder Riga, die kannte ich nicht. Ich sah durchaus Hoffnungsschimmer. Es schadet nicht, sich die Position eines Merkel-Freunds mal in aller Ausführlichkeit durchzulesen. Es macht lediglich etwas traurig, weil dieser Mann aus meiner Sicht komplett auf dem Holzweg ist.

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