Bewachter Konsumwahnsinn

Wir wissen, worauf wir uns an einem Samstag im Advent um 15 Uhr in Dortmund einlassen. Eine gut gefüllte U42 bringt uns zur Reinoldikirche. Babys brüllen, Ureinwohner murmeln und Teenies kichern. Soweit alles gut. Die Stadt lebt. Oben am sogenannten Pylon nimmt die Redaktion geschichtsträchtige Fühlung auf. Neun Betonquader versperren leibhaftig und auf rutschfester Unterlage den terroristischen Zugang per Lkw. Jeder zweite trägt ein Tannenbäumchen. Vielleicht darf nicht jeden Quader eines zieren, weil es die Sicht der Wachtruppen stört?

Wir dürften sie zwar fotografieren, sie haben es aber nicht so gern. Gemeint sind die beiden Soldaten mit Maschinenpistole. Während einer kurzen Unterhaltung sagen sie uns, dass sie sich auch nicht sehr wohlfühlen. Eine andere Passantin fragt nach dem Busbahnhof. Es sind nette Menschen, diese Soldaten. Es wird einem das Herz schwer bei der Vorstellung, dass diese Männer Dauerfeuer auf ein heranrasendes Cockpit geben sollen. Zu Hause warten vielleicht zwei Kinder auf diesen Papa. Vielleicht wollte er mal als Polizist für andere Menschen da sein und muss jetzt Soldat spielen. Sie klingen nicht wie Blödmänner, die sich zur Schießwütigen-Brigade gemeldet haben. Mag auch sein, dass hier unsere Vorurteile auf Realität treffen. Wohlgemerkt auf der menschlichen Ebene. Die Vorstellung bleibt gruselig, dass rund ums Konsumgelände solch ein Wachcordon gezogen ist. In welch schlimmen Zeiten leben wir? Aus unserer Sicht sind diese Maßnahmen unnötig. Es gibt genug Wege zur Ermordung mehrerer Menschen an diesem Ort. Was soll der Maschinenpistolero eigentlich genau machen? In die Menge schießen sicher nicht. Diese Maßnahmen dienen hauptsächlich der Vergewisserung der Verantwortlichen, dass wir ihnen nach einem Anschlag kein Versäumnis vorwerfen können.

Wem die Laune jetzt nicht verdorben ist, stürzt sich rein ins Vergnügen. Ich stelle mir jetzt mal vor, ich bin der mobilste Blinde aller Zeiten und laufe allein mit Stock zum Stadtgarten. Sturzgefährdet bin ich nicht. Um mich herum ist ein reichliches Menschenpolster. Die durchschnittliche Gehgeschwindigkeit dürfte 1 km/h nicht überschreiten. Im Weg liegen immer wieder abgedeckte Rohr- und Kabelstränge. Die Buden sind oftmals an ihren Gerüchen zu erkennen. Natürlich die mit sauerländischer Schnitzkunst nicht. Ein Kinderkarussell fährt überwiegend Hupen im Kreis herum. Eine Freude für jedes Vaterherz und Mutterohr. Wo sich das Gedränge besonders dicht anhört, findet sich garantiert ein Glühweinstand. In der Nähe unseres sog. Baumes höre ich sogar einige bewundernde Worte. Hier muss ich kurz visuell werden. In der Zeitung stand, dass neben dem Engel der DFB-Pokal an des Baumes Spitze hängt. Dämlicher kann sich diese Stadt kaum präsentieren. Aber wir wollten ja nicht so streng sein. Wir liegen Ihnen nicht mit dem ewigen Gejammer über die Abwesenheit von Besinnlichkeit in den Ohren. Darüber sind wir hinaus. Dieser umzäunte Markt ist einfach das letzte Konsumevent des Jahres. Entsprechend schallt eine Amateurstimme durch die Luft. Ich höre deutsche und englische Wörter. Zweisprachig, sehr inklusiv singt sie. Es klingt auch nicht schlimmer als auf dem Hombrucher Straßenfest. Weiter hinten höre ich noch einen Ansager. Unklar bleibt, ob da noch eine Bühne ist. Zwei ältere Damen hinter uns meinen, im letzten Jahr war es nicht so voll. Dabei suchen sie nach einem Euro für ein dringendes Bedürfnis. Als mobilster Blinder habe ich natürlich Elektronik im Ohr, die mir den Weg weist. Denn das Problem bei der Sache ist der Langstockeinsatz. Der ist unmöglich und hat maximal eine Reichweite von 20 cm. Pendeltechnik ist unpraktisch. Zumeist landet der Stock zwischen zwei Beinen. Als Kennzeichen wirkt er noch. Manchmal. Natürlich lenkt der schönste Weihnachtsbaum aller Zeiten alle Augen und Linsen auf sich. So schweben die 135 Zentimeter schneeweißes Blindenstock-Rohr dicht vor mir senkrecht über den Markt. Wie gesagt, gefährlich ist es nicht. Vielmehr werden unsere Erwartungen voll erfüllt. Liebe Susanne, wie siehst Du die Dinge?

Ich beginne mal mit dem weltgrößten Tannenbaum, der sich 45 Meter in den Himmel erhebt. Die großen roten Kerzen, mit denen er geschmückt ist, machen was her. Der Baum nur mit diesen Kerzen, das wäre vielleicht ein netter Anblick. Aber man kann es ja nicht dabei belassen. Es müssen noch 48.000 kleine Lichter dazukommen und der schon erwähnte unsägliche Fußballpokal. Das ganze Konstrukt krönt dann noch ein überdimensionaler Engel. Wie jetzt der Pokal und der Engel thematisch zusammenpassen, muss man sicher nicht verstehen. Der Baum ist symptomatisch für den ganzen Weihnachtsmarkt. Er ist zu groß, zu überladen, zu bunt, zu schrill. Kurz gesagt, grauenvoll.

Über den ökologischen Aspekt darf man gar nicht nachdenken. Da wird es einem übel. Eintausendsiebenhundert Rotfichten mussten ihr Leben lassen, damit sich die Stadt Dortmund mit einem zweifelhaften Rekord brüsten kann. Da wird dann beschwichtigend gesagt: „Na, die Fichten werden doch extra dafür gezüchtet“. Welch ein dämliches Argument. Diese Bäumchen wollten wachsen wie jedes andere Pflänzchen. Aber das durften sie nicht, denn sie wurden extra gepflanzt, gehegt und gepflegt, damit sie dann für ein paar Wochen am Ende des Jahres die Großmannssucht irgendwelcher Politiker bedienen können. Welch eine Verhöhnung der natürlichen Ressourcen.

300 Verkaufsstände sind auf insgesamt 10 Plätzen der Innenstadt aufgebaut. Wie viele Buden dem Glühwein vorbehalten sind, wissen wir nicht. Tatsache ist, dass dort der meiste Andrang herrscht. Trotz drangvoller Enge schaffen es die Menschen an den vielen Stehtischen, irgendwie die Arme anzuwinkeln, um die Becher an den Mund zu führen. Gut, manchmal geht auch schon mal was daneben. Aber das trübt die Stimmung in keiner Weise. Denn so erstaunlich es sein mag, die meisten Besucher scheinen das Ganze zu genießen. Kurz drängt sich der Vergleich zu den Mitgliedern einer Schafherde auf, die sich auch am wohlsten fühlen, wenn sie möglichst gequetscht dicht an dicht aneinanderstehen. Aber das klingt so böse. Das wollen wir gar nicht werden. Trotzdem fällt es schwer, den Abscheu vor diesem irren Konsum-Event nicht allzu deutlich zu zeigen.

Als tapfere Leser unserer hiesigen Zeitung haben wir sie verfolgt. Das ganze Jahr über. Die Events, die unseren geplagten Bürgern Abwechslung und Vergnügen bieten. Jeder Stadtteil, der was auf sich hält, hat mindestens zwei Festwochenenden im Kalender. Die heißen dann „Apfelmarkt“, „Hörder Brückenfest“ oder „Hombruch karibisch“. Auch hier ist das Nord-Süd-Gefälle spürbar. Der kostenpflichtige Westfalenpark erstrahlt gerade im „Winterleuchten“. Während des Jahres gab es eine Menge Feierlichkeiten und die Flohmärkte. Da lässt sich der Norden nicht lumpen und feiert im Fredenbaum-Park den mittelalterlichen Weihnachtsmarkt. Nicht zum ersten Mal im Jahr nimmt auch dieser Park Eintritt. Die Erholung im Wischlinger Revierpark weicht immer häufiger den Events, die dort stattfinden und die Nachbarn verstören. Unser Phoenixsee darf nicht fehlen. Er sah u.a. ein Drachenbootrennen und die Schwimmer des Triathlon. Parteien und Sozialfirmen aus der Trägerlandschaft feiern Jahresbeginn und –ende. Im Sommer grillen sie alle um die Wette. Andauernd sind Heimspiele für 80.000 Menschen. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Was seid Ihr denn da für Spaßbremsen?, werden Sie vielleicht fragen. Gar keine. Das Maß macht‘s. Wird das Event zum Dauerzustand, verliert es. An Erholungseffekt und freudigem Austausch. An Spaß an besonderen Köstlichkeiten und Erlebnissen für die Kleinen. Events sind geistlos. Das wird niemand bestreiten. Werden sie zum Dauerzustand, wird es die Geistlosigkeit auch.

Zum Abschluss möchten wir Ihnen zeigen, dass nicht alle dieses letzte Großereignis des Jahres so nüchtern sehen wie wir. Es gibt noch Menschen mit weihnachtlichem Anspruch. Das zeigt ein Gedicht, das wir auf der Internetseite des Marktes finden.

Der größte Weihnachtsbaum der Welt!
Winterschritte, grau und kalt, schlendern über Stadtasphalt.
Geruch von Schnee liegt in der Luft, gemischt mit süßem Plätzchenduft.
Ziel ist heut‘ der Hansaplatz, dort soll steh‘n ein Weihnachtsschatz.
Der größte Weihnachtsbaum der Welt!
Wer hat ihn dort wohl aufgestellt?
Der Weihnachtsmann mit Helferlein?
So könnte es gewesen sein.
Der Baum zeigt 45 Meter!
Da staunen Kinder, Mütter, Väter!
48.000 Lichter spiegeln glänzende Gesichter
bei Äpfeln süß in Zuckerrot und knusprig braunem Alpenbrot.
17 Hundert schöne Fichten den Weihnachtsbaum mit Nadeln dichten,
bis auch vor Glück das kleinste Kind viel Freude an den Kugeln find.
Leuchtend große Ornamente schenken Augen Glücksmomente,
der Weihnachtsbaum ein Märchen malt, sein Engel auf der Spitze strahlt.
Er strahlt aus Dortmunds Herz heraus, schickt Frieden in ein jedes Haus.
Der größte Weihnachtsbaum der Welt, ob er Dir wohl auch gefällt?
Bunte Weihnachtszauberei!
Zieh‘ dich an und komm vorbei!
All‘ Herzen, die den Baum betrachten, wünsch‘ ich „Schöne Weihnachten!“
© Anja Schulz, Kamen

Quelle:
https://www.dortmunderweihnachtsmarkt.de/weihnachtsbaum/

 

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