Gedanken an einem kalten Abend in Dortmund

Im Sommer fällt es leichter, auf der Straße zu leben. Die Wärme ist nicht nur gut für den Körper. Sie erhellt auch das Gemüt. Wenn man in einem Park sitzt, den Kopf entspannt den Sonnenstrahlen zugewandt, kann man sich für kurze Augenblicke der Illusion hingeben, man sei wie alle anderen dort. Einfach ein Mensch, der das schöne Wetter auf einer Parkbank genießt. Das sind so kurze Momente des Ausruhens, des Durchatmens.

Doch die wenigen heißen Tage dieses Jahres sind in meiner Erinnerung verblasst. Inzwischen ist es November, die Temperaturen liegen morgens und abends nur noch im einstelligen Bereich. Dazu diese Feuchtigkeit. Und der Winter hat erst angefangen. Ein Pfarrer, der sich ab und zu um uns Obdachlose kümmert, hat mir letzte Woche einen warmen Schlafsack versprochen. Bis jetzt ist er noch nicht aufgetaucht.

Während ich mich an einem meiner üblichen Plätze niederlasse und mein Tellerchen aufstelle, geht mir die Geschichte durch den Kopf, die ich neulich bei Hilde in den Ruhr-Nachrichten las. Es geht um Michael, der oft in der Fußgängerzone sitzt. Meist zum Ende des Monats, wenn sein Hartz-IV-Budget längst aufgebraucht ist und er nicht weiß, wie er über die Runden kommen soll. Dort ist er beim Betteln einer Mitarbeiterin des Jobcenters aufgefallen, die ihn offenbar kennt. Die machte Meldung über seinen sog. Nebenerwerb und daraufhin wurde ihm die Grundsicherung gekürzt. Verbunden mit der Auflage, einen Plan mit den geschätzten Einnahmen für 2018 einzureichen.

Ich kenne den Michael nur vom Sehen und weiß nichts über ihn. Er ist ein freundlicher Mann, der immer grüßt, wenn ich vorbeikomme. Bestimmt ist es ihm beim ersten Mal genauso schwergefallen wie mir, Passanten um Geld zu bitten. Nun wird ihm vom Amt auch noch was abgezogen. Was ist das für eine Logik? Michael sagt: „Weil das Existenzminimum nicht reicht, muss ich betteln“. Das Jobcenter kontert: „Weil du bettelst, kürzen wir dir das ohnehin zu geringe Minimum auch noch.“ Abgesehen vom finanziellen Druck hat er nun auch noch die Amtsschreiben und deren Beantwortung an der Hacke. Der arme Kerl. Offiziell heißt es wohl, der Michael habe Einkünfte aus einer selbständigen Tätigkeit verheimlicht. Wenn man dieser Argumentation folgt, wird man wahrscheinlich demnächst Spitzel auf die zahlreichen Flaschensammler ansetzen. Wie viele von denen geben ihre „Nebeneinkünfte“ wohl ordnungsgemäß an? Wirklich eine Zumutung für den Sozialstaat. Der wäre nämlich schon längst den Bach runtergegangen, wenn wir nicht die hart arbeitenden Broker, Banker und Funktionäre mit ihren Briefkastenfirmen auf den Bahamas hätten.

Manchmal kann man nur noch sarkastisch werden. Oder wütend, oder traurig. Was ist das für eine Frau, die den Michael da angeschwärzt hat? War sie mal seine Sachbearbeiterin und hatte eine persönliche Fehde mit ihm laufen? Hat sie die Sanktionsquote ihrer Vorgesetzten für diesen Monat noch nicht erfüllt? Oder ist sie so durchdrungen von Rechtschaffenheit, dass sie sich mit ihrem Tun im Recht glaubt? Einfach nur widerlich ein solches Verhalten. Eine Person, die dazu fähig ist, sollte mal in sich gehen und nach ihren verborgenen inneren Motiven suchen. Ob diese Frau dazu in der Lage ist? Sehr unwahrscheinlich. Man kann nur hoffen, dass diese Dame nicht weiter zuständig ist für Michael. Wie sollte das denn funktionieren?

Gestern Abend drückte mir ein junger Mann zwei Euro in die Hand und flüsterte dabei konspirativ: „Ich habe mich vorher umgeschaut. Niemand zu sehen vom Jobcenter. Dann musst du das Geld nicht in deine Buchführung aufnehmen“.
„Aber das ist gar nicht zum Lachen“, fügte er noch hinzu. „Das ist unmenschlich, was die treiben“. Mit diesen Worten ging er weiter.

Dass inzwischen die ganze Republik angewidert den Kopf schüttelt über die Sanktionen gegen den Michael, scheint das Jobcenter und auch die Stadtoberen nicht zu interessieren. Bisher kam keine offizielle Stellungnahme, außer dass nach Recht und Gesetz entschieden wurde. Na, das bezweifelt ja auch niemand. Aber nicht alles, was legal ist, ist auch legitim, sagt man immer. Und es gibt für jede Entscheidung einer Behörde einen Ermessensspielraum. An Ullis Stelle wäre ich ziemlich sauer über diese Imagepflege für unser schönes Dortmund. Jetzt werden wir im Rest der Welt nicht nur durch die Nazihorden und die prügelnden Fußballultras bekannt, sondern auch noch durch unmenschlichen Umgang mit den ärmsten Bewohnern der Stadt. Das gibt doch mal ein Bild ab nach außen! Und das alles unter strammer SPD-Regierung.

Gut, das miese Image können wir ja mit dem größten Tannenbaum der Welt wieder ein wenig aufpolieren. Morgen, nach dem Totensonntag, werden die 48.000 Kerzen dieses Prachtstücks von Ulli ganz feierlich angezündet. Natürlich nicht jede einzeln, aber die symbolische Geste zählt, nicht wahr? Dass die Besucher des Weihnachtsmarktes mit Pollern, Betonblöcken und bemannten LKW geschützt werden, tut der feuchtfröhlichen Konsum-Stimmung sicher keinen Abbruch. Nach dem 5. Glühwein stören vielleicht auch die Einsatzkräfte mit Maschinenpistolen nicht mehr.

Ich merke, dass ich abschweife. Eigentlich wollte ich euch vom Michael erzählen. Wir von der Straße kommen selten zu Wort, deshalb bin ich froh, dass ich das alles in diesem Blog mal loswerden kann. Danke dafür und eine Gute Nacht an alle Leser.

P.S.: der Pfarrer mit dem Schlafsack ist immer noch nicht aufgetaucht. Ich hoffe, er kommt noch.

Anmerkung der Redaktion: Mit Ulli ist Ullrich Sierau, der Oberbürgermeister der Stadt Dortmund gemeint

Quelle:
http://www.ruhrnachrichten.de/Staedte/Dortmund/Dortmunder-Bettler-wurde-Hartz-IV-gekuerzt-1011900.html

 

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