Digitalisierung in aller Munde

Im wahrsten Sinne des Wortes. In den USA wurde vor kurzem die erste digitale Testpille zugelassen, die registriert, ob und wann sie eingenommen wird.

Und so funktioniert dieses neue Wunderwerk der Technik: die digitale Pille enthält einen Sender, der sich aktiviert, sobald er mit Magenflüssigkeit in Kontakt kommt. Daraufhin schickt der Sender ein Signal an ein Pflaster, das der Patient sich auf die Brust klebt. Dieses Pflaster registriert nun die genaue Zeitangabe der Einnahme und sendet die Information an eine Smartphone-App. Von dort gehen die Daten weiter in eine Cloud, zu der auch andere – beispielsweise Ärzte oder Betreuungspersonen – Zugang haben können.

Der erste Test wird momentan mit einem Medikament unternommen, das u.a. zur Behandlung bei Schizophrenie eingesetzt wird. Angeblich vergessen diese Patienten oftmals die Einnahme oder verweigern sich ihr, erfahren wir. Und so werde die Behandlung enorm erschwert. Die neue Technik soll es dem Patienten und / oder seinen Betreuern ermöglichen, die regelmäßige Einnahme zu kontrollieren. Am Rande kann man sich die Frage stellen, wie sinnvoll es ist, einem an paranoider Schizophrenie erkrankten Menschen zu erklären, er müsse nur eine Tablette mit Überwachungssensor schlucken, um seine Ängste in den Griff zu bekommen.

Man muss nicht paranoid sein, um bei dieser neuen Pille Verfolgungsängste zu bekommen. Was passiert denn mit meinen Daten? Wer hat Zugriff darauf? Und was ist die Konsequenz einer Nicht-Einnahme? Wird beispielsweise beim Testmedikament der Schizophrene von seinen Betreuern zum Pillenschlucken gezwungen? Wird ihm mit stationärer Unterbringung gedroht? Stellen wir uns vor, diese Art Sensor wird demnächst in Antibiotika, in blutdrucksenkende Mittel, Antidiabetika usw. eingebaut. Da liegt es doch nahe, einem Menschen Medikamente zu verweigern, wenn er sich bei vorherigen Behandlungen nicht „kooperativ“ genug gezeigt hat. Dann verschwendet er ja sozusagen Krankenkassengelder und ist selbst schuld, wenn es ihm nicht gut geht. Es ist durchaus vorstellbar, dass diese Argumentation Anhänger finden würde. So nach dem Motto „ich bezahle mit meinen Krankenkassenbeiträgen für diesen Quertreiber die Medikamente. Und der nimmt sie nicht vernünftig ein. Dann soll er auch nichts mehr kriegen“. Also immer schön schlucken, was dir verordnet wird, denn das wird alles haargenau kontrolliert. Ansonsten bekommst du gar nichts mehr, auch wenn du beim nächsten Arztbesuch den Kopf unter dem Arm trägst.

Aber wahrscheinlich muss man die Menschen gar nicht zwingen zur digitalen Pille. Viele sind ja ohnehin schon von Datenerhebungs- und Sammelwut befallen. Sie lassen längst freiwillig Smartwatches ihren Blutdruck, ihren Puls, ihren Blutzucker messen und speichern. Dabei werden sie gern unterstützt von den Krankenkassen. Ganz uneigennützig natürlich. Die haben nur unser Wohlergehen im Sinn. Wer wissen möchte, wie die jeweilige Kasse den Kauf einer Smartwatch unterstützt, kann gern dem zweiten Link am Ende dieses Textes folgen.

Menschen brauchen anscheinend inzwischen Messdaten, um zu wissen, wie es ihnen geht. Ihrer eigenen Körperwahrnehmung trauen sie nicht mehr. Das Gefühl dafür ist ihnen abhanden gekommen oder abtrainiert worden. Auch Ärzte fragen ja nicht mehr die Patienten, wie sie sich fühlen, sondern informieren sich darüber an Bildschirmen. Die Untersuchung der Zukunft könnte folgerichtig effizienter sein, wenn Patient und Arzt ihre beiden digitalen Endgeräte miteinander kurz schließen. Nun werden die Daten abgeglichen, eine App schickt dem Patienten einen Therapieplan auf seine Smartwatch, die dann praktischerweise auch dessen Einhaltung überwacht. Nimmt der Patient seine Medikamente? Regelmäßig und in der richtigen Dosierung? Macht er das empfohlene Fitnesstraining? Isst er immer noch so cholesterinhaltiges ungesundes Zeug? Womöglich raucht er auch noch? Immer noch 7 Kg über dem Idealgewicht? Solche unverbesserlichen Zeitgenossen, die der Volksgesundheit und dem Solidarsystem großen Schaden zufügen, gehören gemaßregelt. Das klingt vielleicht alles ein wenig zugespitzt, aber mit etwas Phantasie können dies durchaus die Folgen der angeblich so segensreichen digitalen Medizin sein. Wollen wir wirklich eine Totalüberwachung im allerpersönlichsten Bereich?

Aber Überwachung ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist der Profit. Das Gesundheitswesen ist längst nicht mehr in erster Linie für unsere Gesundheit da. Die ist eher so eine Art Nebeneffekt. Das Gesundheitswesen ist ein Marktplatz. Ein hart umkämpfter Marktplatz, wo es zugeht wie auf einem orientalischen Bazar. (Wobei man dem Bazar bei diesem Vergleich sicher Unrecht tut). Im Gesundheitswesen geht es um Kosten-Nutzen-Rechnungen, um Gewinnmaximierung, um Effizienz, um Marktanteile. Und die Hersteller elektronischer Geräte wittern ihren Marktanteil. Auch die Softwareproduzenten wollen ein Stück vom großen Kuchen. Warum sollen denn nur die Klinikkonzerne und die Pharmaindustrie an uns verdienen? Es wäre doch zu blöd, wenn man sich eine solche Chance entgehen ließe! Neben Hardware und Software bietet das Verhökern der Nutzerdaten sicher die größte Profitmöglichkeit. Und für die muss man nicht mal investieren. Die liefert der dämliche Smartwatchbesitzer ja frei Haus.

Ganz am Rande dieses Gesundheitsmarktes mit riesigen Gewinnmargen stehen wir kleine Patienten, denen man so lange die Ehrfurcht vor Zahlen eingehämmert hat, bis wir tatsächlich glauben, sie sagen etwas über unser Wohlbefinden aus. Und wenn wir dann immer alle noch nicht krank genug sind für die Segnungen der Pharmaindustrie, werden die Normwerte mal eben gesenkt. Wie kürzlich in den USA, wo man die Grenzwerte für Bluthochdruck „nach unten korrigiert“ hat. Aber dank digitaler Kontrolle können wir ja bald auch diese utopischen Messwerte genau einhalten.

Quellen:

http://www.praxisvita.de/digitale-pille-kontrolliert-einnahme-selbst#

https://trendblog.euronics.de/telefon-navigation/smartwatches-diese-zuschuesse-zahlen-die-krankenkassen-52066/

 

 

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