Nachteilsausgleich oder Vergünstigung

Kürzlich berichteten wir von der geplanten Einführung eines EU-weit gültigen Schwerbehindertenausweises. Im Beitrag sprachen wir von „Vergünstigungen“, die aufgrund dieses Dokuments gewährt werden. Eine aufmerksame Leserin wies uns darauf hin, dass dies nicht der übliche Begriff ist.

Da hat sie recht. Jedenfalls im politischen Gebrauch. Wir haben selbst in der Behindertenpolitik mitgewirkt. Dort ist immer von Nachteilsausgleich die Rede. Während unserer Arbeit haben wir uns dieser Festlegung gern angeschlossen. Der Ausgleich eines Nachteils ist wesentlich besser zu begründen als eine Vergünstigung. Deshalb ist die Wahl des Begriffs Nachteilsausgleich sinnvoll.

Als Sprachbetrachter sehen wir die beiden unterschiedlichen Bedeutungen. Zum Beispiel ermöglicht der Schwerbehindertenausweis in vielen Fällen die kostenlose Nutzung des ÖPNV in Deutschland. Wird hier ein Nachteil ausgeglichen? Grundsätzlich kann ein Blinder den Bus genauso gut nutzen wie ein Sehender. Gibt es Barrieren wie Haltestellen ohne Leitsystem, nutzt auch die unentgeltliche Beförderung nichts. Der Blinde kommt gar nicht erst hin zum Bus. Für Rollifahrer und hohe Bordsteine sowie fehlende Rampen gilt das gleiche. So müsste der Sprachbetrachter diesen Teil der Sonderregel als Vergünstigung ansehen. Zusätzlich ermöglicht der Schwerbehindertenausweis in vielen Fällen die kostenlose Mitnahme einer Begleitperson. Diese kann gewöhnlich die Nachteile eines unübersichtlichen Haltepunktes ausgleichen. Für den Blinden. Beim Rollifahrer stößt dieser Ausgleich schnell an Grenzen. Ein E-Rolli mit Besatzung wiegt schnell einmal 200 Kilo. Niemand kann den in den Bus wuchten. Wir würden in solchen Fällen der Freifahrt ohne Zugangschance wohl von einer nutzlosen Vergünstigung sprechen.

Oder betrachten wir das zu konkret? Sind vielleicht die Sonderregeln für Ausweisinhaber ein genereller Ausgleich der Gesellschaft für deren Nachteile? Zum Teil könnte das so sein. Dagegen spricht aber die Koppelung von Sonderrechten an spezielle Merkzeichen, die sich wiederum auf bestimmte Behinderungen beziehen. Auf einem Behindertenparkplatz darf nur parken, wer ein „AG“ für außergewöhnlich gehbehindert im Ausweis hat. Auch handelt es sich bei dieser Betrachtung um eine Art Freikaufen von menschlicher Zuwendung mittels staatlichen Geldes. Denn viele Barrieren (Nachteile) könnten durch menschliche Hilfe leicht und gesellig überwunden werden.

Abschließend stellen wir noch die Frage, wie sich die Forderung nach Nachteilsausgleich mit derjenigen nach Gleichstellung verträgt. Hier kann es zu gedanklichen Konflikten kommen. Ist es legitim, Gleichstellung zu fordern und stillschweigend Sonderrechte zu nutzen? Warum dürfen Blinde frei im ÖPNV fahren und nicht alle? Wird es nicht vollends ungerecht, wenn uns jetzt das Abschaffen des Sozialtickets ins Haus steht? Es darf nicht dazu führen, Sonderrechte abzuschaffen. Übers Ausweiten sollten wir nachdenken.

Wir meinen, politisch ist der Begriff Nachteilsausgleich nützlich. Sprachlich passt er nicht immer. Das Empfinden eines Nachteils ist eine sehr individuelle Sache. Insofern lässt der Sprachbeobachter sicherlich gern beide Begriffe zu.

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