Mutig bleiben – Utopien wagen

Gibt es aus unserer heutigen Gesellschaft überhaupt noch einen Ausweg? Gibt es eine Alternative dazu? Und falls ja, wie sieht die aus und wie kommen wir dorthin? Das sind Fragen, mit denen wir uns immer wieder beschäftigen. Denn jede Kritik an herrschenden Zuständen birgt den Wunsch nach Änderung. Ist dieser Wunsch nicht mehr da, wird jede Kritik zum Lamento. Hoffen wir also, dass jeder Kritiker auch ändern möchte. Dass er Wünsche oder sogar Träume hat.
Konfrontiert wurden wir immer wieder mit der Frage, ob Änderungen innerhalb oder nur außerhalb des herrschenden Machtsystems möglich sind. Dieses Machtsystem sehen wir auf der sichtbarsten Ebene durch die Parteien repräsentiert. Neben diesen haben sich gesellschaftliche Organisationen wie Gewerkschaften, Kirchen und Sozialunternehmen wie Caritas, Diakonie, DRK oder die AWO bequem eingerichtet. Wenn diese Organisationen sich noch für etwas einsetzen, dann für die Größe ihres Stücks vom Kuchen. Politisch gestalterischen Anspruch haben sie keinen. Unsere Parteien tun noch so, als hätten sie den. Dass hinter den Parteien und ihren Schauspielern andere Mächtige stehen, ist für uns klar. Darauf wollen wir heute aber nicht weiter eingehen.

Die Frage war immer wieder, ob mit Hilfe der Parteien eine grundlegende Änderung unserer ökonomisierten Lebensweise möglich ist. Manche meinen, es müsse nur der Richtige an die Spitze einer Partei kommen, dann klappt das. Einer erhofft das bei den Sozis, der andere bei den Linken. Wir sagen, an die Spitze einer unserer Parteien kann überhaupt nur jemand kommen, der Ideen und Mut zugunsten von Anpassung bis zur Alternativlosigkeit abgelegt hat. Martin Schulz war ein Paradebeispiel dafür. Weil das so ist, muss eine Änderung von außerhalb des Parteiensystems kommen. Wenn Sie so wollen, von unten oder außen. Das Internet bietet einer solchen Bewegung eine prima Möglichkeit, Anhänger zu finden und sich auszubreiten. Dies zeigte sich zum Beispiel während des sog. Arabischen Frühlings 2010/11 oder im Frühling dieses Jahres bei Jeremy Corbyns Wahlkampf für Labour. Als nächstes werden wir dann gefragt, wie sieht denn Euer Alternativvorschlag aus? Was soll es denn geben anstelle unseres herrschenden Systems? Diese Frage können wir nicht beantworten. Wir wollen es auch nicht, weil es unredlich wäre. Wer sind wir denn, dass wir mal eben ein Gesellschaftsmodell erdenken können? Das kann niemand. Manche meinen, Gott konnte das. Den können wir aber leider nicht fragen. Was wir Menschen aber haben können, sind Ideen. Ohne Ideen ändert sich nichts. Schon gar kein System mit so vielen Profiteuren wie unseres. Das war schon immer so. Glauben Sie, die Industriebarone des 19. Jahrhunderts konnten sich vorstellen, dass ihre Arbeiter dereinst nur 40 Stunden die Woche arbeiten? Oder, dass Kinder erstmal zehn Jahre zur Schule gehen? Glauben Sie, Kaiser Wilhelm konnte sich vorstellen, dass Frauen in der Politik mitreden und „sein“ Land dereinst von einer Angela regiert wird? Ideen, die was ändern, können wir daran erkennen, dass sie unmöglich scheinen. Das ist ihnen wohl gemeinsam. Natürlich ändert nicht jede unmögliche Idee etwas. Aber ohne Idee und den Mut dazu geht es nicht.

Mitten in diesen Gedanken und Diskussionen stießen wir auf ein Buch mit dem Titel „Utopien für Realisten“. Was für ein Wort! Utopien. Für den modernen Menschen, der der Ratio gehorcht, ein allenfalls veraltetes, wenn nicht vergessenes Wort. Utopien haben mit Träumen, mit Fantasie und Empathie zu tun. Wann haben Sie diese drei Stichworte zuletzt in der Politik gehört? „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“, sprach der verehrte Altkanzler Schmidt. Diese Maxime gilt heute allenthalben. Rutger Bregman, der Autor unseres Buches, kennt diese Vokabeln noch. Er wurde 1988 in den Niederlanden geboren, ist Historiker und Journalist und einer der prominentesten jungen Denker Europas. Bregman wurde bereits zweimal für den renommierten European Press Prize nominiert. Er schreibt für die «Washington Post» und die «BBC» sowie für niederländische Medien. Sein Buch liefert Ideen. Es zeigt mögliche Wege auf. Bregman schreibt optimistisch und macht Mut und Hoffnung. Dabei erfindet er nichts grundlegend Neues. Muss er gar nicht. Vieles wurde sogar schon ausprobiert von dem, worüber er schreibt. Uns hat er damit viel Freude und Mut gemacht. Deshalb möchten wir ein wenig aus „Utopien für Realisten“ wiedergeben.

Bregman lehnt es ebenfalls ab, fertige Gesamtkonzepte zu entwerfen. Eine seiner Ideen ist das bedingungslose Grundeinkommen. Jeder bekommt eine bestimmte Summe Geldes pro Monat, weil er da ist. Andere Bedingungen muss er oder sie nicht erfüllen. In letzter Zeit wird diese Idee hie und da sogar diskutiert. Jahrzehntelang war sie ganz verschwunden. Und das ist das Erstaunliche. Im kapitalistischsten aller Länder, den USA, stand das Grundeinkommen in den 70er-Jahren kurz vor seiner Einführung. Präsident Nixon hatte die Feder quasi schon zur Unterschrift gespitzt. In verschiedenen Gegenden der USA sowie in Kanada liefen entsprechende Experimente. Diese Idee ist die einfache Antwort auf die Frage, was fehlt armen Menschen? Geld. Ganz einfach. Entgegen unserer – wie auch vielleicht Ihrer – Annahme wurden nicht alle Menschen faul und träge. Sie wurden frei. Frei von dem Zwang, irgendetwas tun zu müssen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Frei, sich was eigenes überlegen zu können. Ob es nun superkreativ oder einfach etwas weniger Arbeit ist. Wer soll das bezahlen? Auch darauf können wir keine durchgerechnete Antwort geben. Hinweise finden sich aber sofort. Der gesamte Förder- und Forderapparat unserer Arbeitsverwaltung ist überflüssig. Die Menschen werden gesünder und weniger kriminell. Sie haben wieder Zeit, sich um sich selber zu kümmern und Gedanken zu machen. Der Großteil ihres Denkens war vorher vom Geld und dessen Mangel absorbiert. Dies ergaben die Tests. Die meisten arbeiten weiter. Nur eben was anderes oder weniger. Niemand liegt den ganzen Tag 365-mal im Jahr einfach nur rum. Natürlich kann es keine unendlich große Summe sein, die jeder kriegt. Deshalb müssen wir uns den Konsum womöglich ein wenig abgewöhnen. Wahrscheinlich brauchen wir den auch gar nicht mehr. Ist der Konsum doch allzu oft nur eine Ersatzbefriedigung anderer Bedürfnisse. In der Freiheit materiellen Auskommens fällt uns womöglich wieder ein, für was der Konsum Ersatz war. Und was zu Nixons Zeiten allenfalls am Horizont auftauchte, ist die Robotisierung. Immer mehr Tätigkeiten werden sehr bald von Maschinen erledigt werden können. Sie werden einwerfen, das haben die Menschen schon häufiger gedacht. Bspw. nach der Erfindung der Dampfmaschine oder Fließbandfertigung. Richtig. Dann gab es immer neue Arbeit. Doch anders als damals haben wir in Europa ein Wohlstandsniveau erreicht, dessen Steigerung bei vielen Menschen keine Glücksmehrung mehr bringt. Somit ist es Aus mit Wachstum im herkömmlichen Sinne. Das Grundeinkommen sorgt dafür, dass endlich alle teilhaben. Ungeahnte Energie wird frei, weil wir sie nicht mehr für erzwungene, leere Arbeit verbrauchen. Kluge Köpfe können sich geistiger oder kultureller Entwicklung widmen statt die 100. Kekssorte zu erfinden. Ab Keks Nr. 10 waren es sowieso alles nur minimale Neuerungen. Materieller Wohlstand verliert total an Wert, weil ihn alle haben. Der Mensch strebt immer danach, was er nicht hat. Neid und Missgunst finden kaum mehr Nahrung. Auch die Unterhaltung wird sich ändern. Das Dschungelcamp ertragen nur Menschen, die von ihrer Arbeit völlig ausgebrannt irgendeine Ablenkung suchen. Es wird sich sehr viel ändern. Das ergaben auch die Experimente. Im Moment laufen wieder welche in Finnland und den Niederlanden. Was aus dieser Idee wird, wissen wir nicht. Warum unterschrieb Nixon nicht? Natürlich gab es Gegner der Versuche. Sie wurden zum Teil nicht ausgewertet, zum anderen Teil wurden Ergebnisse verfälscht. Das klingt in Ihren Ohren wie eine dürre Entschuldigung? Denken Sie bitte daran, dass auch Auswertungen Geld kosten und wer welches hat und wer nicht.

In einem anderen Kapitel wendet sich Bregman der Obdachlosigkeit zu. Was fehlt einem Obdachlosen? Eine Wohnung, richtig. Also spendieren wir ihm eine, dachten sie sich in London. Von dreizehn Probanden hatten neun nach einiger Zeit ein etabliertes Leben mit eben einer Wohnung und dem Einkommen, um sich und sie zu unterhalten. Auch dieser Versuch zeigte, dass die Menschen etwas daraus machen, wenn ihr Mangel behoben wird. Etabliert ist ja inzwischen der Begriff der „sozial Schwachen“. Ein bitterböses Wort. Bedeutet es doch, dass diese Menschen im Umgang mit anderen Menschen nichts können. Wir müssen befürchten, dass dies allzu oft ein Nebengedanke ist. In Wirklichkeit fehlt es den Menschen entweder an Geld oder einer Wohnung. Das wird ihnen in der BRD nur unter strengen Auflagen gegeben. Friss oder stirb! Wer nicht reinpasst ins System, hat Pech gehabt. Von unseren Politdarstellern wird meist die fehlende Bildung dieser Menschen als Ursache ihrer Situation genannt. Als ob sie Bildung essen oder darin wohnen könnten! Ja klar, über den Umweg der Bildung sollen sie angemessene Arbeit erlangen. Bildung heißt bei uns Schule. Wer aber als Kind nicht ins System Schule passt, hat Pech gehabt. Gut, wir können Abschlüsse als Erwachsene nachholen. Aber nur, wenn wir dann in die Schablonen passen und noch jemand da ist, der für unseren Lebensunterhalt sorgt. Wenn es die Bildung / Schule richten könnte, hätten wir in der BRD kaum mehr Armut.

Richten wir den Blick über die reichen Länder Europas, Amerikas und Asiens hinaus, finden wir sehr viele Menschen, deren Grundbedürfnisse nicht erfüllt werden. Für sie erscheint bspw. Europa als das Schlaraffenland, wie es das auch für die Europäer des 19. Jahrhunderts schien. Bislang haben wir eine Menge Entwicklungshilfe geleistet, ohne dass sich grundlegend viel geändert hat. Mit unserem Geld kamen aber auch immer die guten Ratschläge, was damit zu geschehen hat. Wir wussten das immer besser, weil wir ja schon reich waren. Die Afrikaner wurden nicht gefragt. Allenfalls die uns gewogenen Regierungen. Dafür kriegen sie auch immer einen Teil des Geldes. Dabei achten wir darauf, dass unsere Wirtschaft bei der Entwicklung armer Länder hilft und gut daran verdient. Eigentlich ist das Subvention. Das sagt aber niemand. Bodenschätze helfen uns bei der Auswahl der Länder, denen wir beistehen. Die können wir gut gebrauchen. Rund um die Hilfsprojekte hat sich ein ganzer Wirtschaftszweig gebildet. Die Hilfsorganisationen. Wenn die mit ihren Landrovern und Luxusunterkünften auftauchen, wissen die Armen, dass bald alles besser wird. Damit wollen wir nicht leugnen, dass viel Gutes getan wird. Wir müssen aber schon darauf hinweisen dürfen, wie es getan wird und aus welchen Motiven. Weiterhin sind wir vielfach durch zum Beispiel Waffenlieferungen am Schlechten in diesen Ländern beteiligt, das wir dann wiedergutmachen. Bregman erzählt von GiveDirectly. Diese Organisation gibt armen Menschen Geld in die Hand und traut ihnen zu, am besten zu wissen, was sie damit anfangen können. Und siehe da – wieder wird es nicht sinnlos verprasst. Und natürlich wissen die Menschen vor Ort zumeist besser, was sie brauchen. Und es ist weltweit mittlerweile so viel Buchgeld unterwegs, das kaum noch Anlagemöglichkeiten findet. Nehmen wir davon doch einen Teil weg und drucken dafür echte Scheine. Eine weitere Quelle sind die exorbitanten Rüstungsausgaben weltweit.

Neben dem Optimismus ist es oft die Einfachheit der Ideen, die begeistert. Wer arm ist, braucht Geld. Wer obdachlos ist, braucht eine Wohnung. Wer unentwickelt ist, braucht etwas Kapital und die Freiheit zur eigenen Entwicklung. „Utopien für Realisten“ ist gewiss keine neue Bibel und will es sicher nicht sein. Es liefert Ideen. Jeder ist aufgefordert, weitere hinzuzufügen. Es gibt andere Pfade als die des kapitalistischen Wachstums. Führte uns der Wachstumsweg zu materiellem Wohlstand, brauchen wir jetzt andere Pfade.

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