Jesus braucht eine App

Die christlichen Kirchen in Deutschland leiden unter Mitgliederschwund. Seit vielen Jahren ist der Trend ungebrochen: die Mitgliederzahlen sinken kontinuierlich. Gottseidank, könnte man als Atheist ein wenig sarkastisch dazu sagen. Und na ja, da haben die Kirchen etwas gemeinsam mit anderen Vereinen.

Es gibt sicher viele Gründe für die Schrumpfungsprozesse in den Gemeinden. Menschen sterben. Menschen, die als Kind zwangsrekrutiert wurden, aber nie gläubig waren, treten aus. Menschen wenden sich vom Glauben ab oder sie wenden sich von der Institution Kirche ab. Wieder andere wollen schlicht die Kirchensteuer sparen.

Besonders junge Menschen können sich in der Kirche nicht so recht wiederfinden, heißt es im Allgemeinen. So steht es auch auf der offiziellen Homepage der EKD. Aber wenigstens an dieser Front naht jetzt Hoffnung. Herr Bedford-Strohm, seines Zeichens EKD-Ratsvorsitzender, hat nun einen Strohhalm gefunden, an den sich die Kirchenoberen klammern können.

Er ist auf das Wort gestoßen, das neuerdings als Lösung für all unsere Probleme herhalten muss: die Digitalisierung. Nur mit dem Ausbau der Digitalisierung werden wir die Aufgaben der Zukunft meistern können. So tönt es allenthalben. Sei es auf dem Arbeitsmarkt, bei der Bildung, im Dienstleistungssektor, in den Verwaltungen, beim Militär, in der Pflege, in der Produktion, im Krankenhaus – überall eben. Da ist es doch naheliegend zu glauben, auch die Mitgliederprobleme der Kirche könnten mit dieser Technik in den Griff zu kriegen sein, oder? Herr Bedford-Strohm jedenfalls bescheinigt der Kirche in diesem Bereich Nachholbedarf und sagt dazu: „Erschließt sich die Kirche den digitalen Raum nicht, verpasst sie einen entscheidenden Lebensraum junger Menschen“ oder „Mit den Mitteln der Digitalisierung solle die Kirche möglichst nah bei den Menschen sein“.

Welch bahnbrechende Erkenntnis. Wenn die vereinzelten Gestalten, die sich in den ansonsten leeren Kirchenbänken tummeln, zumeist eher im Rentenalter sind, liegt es also daran, dass Kirche mangels Technik nicht richtig auf junge Leute zugeht.

Ich als naiver Laie dachte bisher, dass die „frohe Botschaft“ das Wichtigste sei, was Kirche zu bieten hat und nicht das Medium, mit dem man sie transportiert. So gesehen, ist es mir ein Rätsel, wie die Idee von Jesus den Siegeszug um die Welt antreten konnte. Man stelle sich nur mal vor, wie man vor 2000 Jahren Botschaften an den Mann / die Frau brachte: in erster Linie durch das gesprochene Wort, denn nur privilegierte Schichten waren des Schreibens und Lesens mächtig. Gut, das gilt dann heute wohl nicht mehr, denn wir haben ja jetzt die Digitalisierung. Die wird es richten. Mit ihrer Hilfe werden junge Menschen in Scharen in die Gotteshäuser pilgern.

Ich stelle es mir gern praktisch vor: man installiert eine App der EKD mit dem phantasievollen Namen „Auf dem Weg ins Himmelreich“ und schon wird man Sonntagsmorgens an den Gottesdienst-Termin erinnert. Man kann natürlich auch einer entsprechenden facebook-Gruppe beitreten. Dort kann man auch Likes sammeln für besonders fleißiges Beten oder gründliches Bibelstudium. Für diejenigen, die eine Teilnahme am Gottesdienst persönlich nicht schaffen, wird ein Livestream eingerichtet. So kann man in seiner Küche ganz gemütlich beim Frühstück der Predigt lauschen und nebenher noch mit dem Kollegen chatten. Jeden Tag bekommt man ein Bibelzitat geliefert, verbunden mit einer persönlichen Ermunterung. So schafft man es besser durch den Tag. Die App sagt uns dann auch, wann es mal Zeit ist, innezuhalten für ein Gebet. Falls wir den Text aus Kindertagen nicht mehr kennen, werden wir von der Sprachausgabe kompetent unterstützt.

Soll es so oder ähnlich gehen?

Wer jetzt meint, Herr Bedford-Strohm habe sich in ein Kloster zurückgezogen und sein Geistesblitz sei das Ergebnis einer tage- und nächtelangen Klausur, der irrt vermutlich. Herr Bedford-Strohm bekam ein wenig Unterstützung aus der jungen Generation, nämlich von seinem Sohn. Dieser ist als Journalist in der digitalen Entwicklung des Bayerischen Rundfunks tätig. Nebenher forscht er an der Münchner Hochschule für Philosophie der Jesuiten. Sein Thema: die digitale Revolution in Institutionen wie den Kirchen.

Also besagter Jonas vertritt folgende These:

„Wenn die Kirche weiterhin das digitale Talent der Freiwilligen in ihren Gemeinden verschwendet, wird es eng, denn der Generationenabbruch ist weit vorangeschritten.“ Er fordert von den Kirchengemeinden, „die digitalen Talente in ihren Reihen zu suchen: die Programmierer, Webdesigner und Social-Media-Manager.“

So, so, gesucht werden Programmierer, Webdesigner und Social-Media-Manager für die Verkündigung des Evangeliums. Das wird ja immer besser. Herr Bedford-Strohm jun. möchte anscheinend eine richtige Medienoffensive starten. Wer bisher dachte, die Vermarktung habe wenigstens vor den Kirchentoren haltgemacht, wird hier eines Besseren belehrt. Es geht anscheinend nicht darum, welche Botschaft man transportiert, sondern dass und vor allem wie man transportiert. Die Kampagne für ein neues Waschmittel oder ein innovatives Kraftfahrzeug würde nicht anders laufen.

Herzlich willkommen in der digitalen Welt.

Ein nachträglicher Gedanke dazu, dass man die jungen Leute angeblich nicht erreicht. Für kaum eine Glaubensgemeinschaft ist es so leicht, die Kinder und Jugendlichen zu beeinflussen. Nicht umsonst werden sie im unmündigen Alter getauft und mit Religionsunterricht indoktriniert. Das passiert jeden Tag, in jeder Schule. Dass man die Kinder nicht erreichen kann, ist schlicht erfunden und erlogen.
Wenn sie der Kirche nicht verbunden bleiben, liegen die Gründe vielleicht bei der Botschaft oder auch bei den Menschen, die sie verkünden. Sicher nicht an mangelnder Digitalisierung.

Quellen:

http://www.evangelisch.de/inhalte/146920/12-11-2017/ratsbericht-heinrich-bedford-strohm-ekd-synode-2017

https://www.evangelisch.de/inhalte/143037/05-04-2017/jonas-bedford-strohm-antwortet-der-zeit-auf-hannes-leitlein-warum-sich-die-kirche-digital-schwer

https://www.jesuiten.org/slides-startseite/bedford-strohm.html

 

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