In Stein gemeißelt

Es scheint immer noch oder inzwischen schon wieder Rollenzuweisungen an Jungen und Mädchen zu geben, die bereits vor 50 Jahren als überholt galten. Damals schienen wir auf dem Weg zu sein, die verkrusteten Klischees unseres Geschlechts abzustreifen und nicht mehr nur „den starken Mann“ und „das hilflose Weibchen“ zu verkörpern.

Ein Blick in die Gegenwart ernüchtert da sehr schnell. Und ein Bild sagt tatsächlich mehr als tausend Worte.

Am Wochenende werden wir ja immer mit dem kostenlosen Stadtanzeiger nebst umfangreichem Werbematerial beglückt. Letztes Mal war auch ein tedi-Prospekt dabei, den ich zunächst gedankenlos durchblätterte, bis ich auf eine Doppelseite mit Reklame für Kinderzimmer-Zubehör stieß.

Die linke Prospektseite ist den Mädchen vorbehalten. Einfach zu erkennen durch den rosafarbenen Hintergrund und die in Pink gehaltene herzchengeschmückte Überschrift „Little Princess“.

Die rechte Seite ist für Jungen gedacht und selbstverständlich – Sie ahnen es sicher – hellblau unterlegt. Die Jungen werden angesprochen als „Super Heroes“ mit einem dunkelblauen, von Pfeilen umrahmten Schriftzug.

Und in diesem Stil geht es weiter. Schlimmere Klischees könnte sich eine Feministin der ersten Stunde nicht ausdenken. Eine herzförmige Lampe in rosa und die Stuhllehne in Krönchenform für die Mädchen. Fußball für die Jungen. Selbst die Aufbewahrungskisten sind rot/rosa/gelb bzw. dunkelblau/ hellblau/grün. Ein Sofakissen bringt es dann in der jeweiligen Ausführung auf den Punkt: Herz in der Kissenmitte, umrahmt von dem Spruch „Make a wish“ und auf der anderen Seite ein Traumfänger und der Slogan „Follow your dreams“.

Am Rande frage ich mich auch, was die englischen Phrasen auf Sofakissen für Kinder im Vorschulalter zu suchen haben. Warum in aller Welt muss das englisch sein? Einfach deshalb, weil es so „weltoffen und modern“ wirken soll? Aber lassen wir diesen Aspekt beiseite und kommen zu den Aufforderungen, die transportiert werden. Die sind nun alles andere als modern. Der Junge soll seine Träume verwirklichen und das Mädchen soll sich was wünschen. Na prima. Und so schreiben wir unseren Kindern die Vorurteile und Stereotypen direkt aufs Kissen, wahlweise auch auf die Shirts und Pullover. Im Jahr 2017, in unserem ach so aufgeklärten Zeitalter.

Schlimm genug, dass ein solcher Müll produziert und angeboten wird. Noch schlimmer, dass er gekauft wird. Wie kann das sein? Sicher gibt es bei einem Teil der Käufer einen eklatanten Mangel an Problembewusstsein, was geschlechtsorientierte Normen angeht. Und dann gibt es noch die Käufer, die ganz klar umrissene Vorstellungen davon haben, wie ein Kind seine jeweilige Geschlechterrolle auszufüllen hat. Vor zwei Wochen war ich Zeuge einer Auseinandersetzung in einem Spielzeuggeschäft. Ein etwa achtjähriger Junge, sein Vater und seine Oma stehen vor einem Regal mit Spielzeuggewehren. Die Oma: „Nein, Leon, das möchte ich dir nicht kaufen. Such dir doch was anderes aus“. Vater: „Was soll denn der Scheiß? Warum kein Gewehr? Der ist doch ein Junge. Willst du ein Mädchen aus ihm machen? Dann kauf ihm doch gleich ein Plüschpony!“

Bleiben wir bei diesem Beispiel. Was hat der Junge gelernt? Zum einen, dass ein Gewehr, also etwas Kaltes, Martialisches, das richtige Spielzeug für ihn ist. Zum anderen, dass ein Stoffpony zum Schmusen und Liebhaben etwas Minderwertiges, etwas für Mädchen ist. Vielleicht hätte er aber ab und zu gern etwas zum Knuddeln, vielleicht braucht er wie alle Kinder manchmal ein Stofftier als Trost. Er wird sich kaum trauen, solche Wünsche zu äußern. Irgendwann wird er sie nicht mehr spüren, weil er seine Rolle als „Hero“, als tatkräftiger „starker Mann“ verinnerlicht hat. Ein armer Wicht, der sein Leben lang versuchen wird, diese ihm aufgezwungene Rolle zu erfüllen, ohne je darüber nachzudenken, was seine wahren Bedürfnisse sind.

Und aus den Mädchen werden Prinzessinnen in rosa. Sie sind Töchter, die sich etwas wünschen. Die nett, hübsch und anschmiegsam auf einen passenden Ritter in der weißen Rüstung warten, der ihnen die Wünsche erfüllt. Auch da kann es einen gruseln und man hat das Gefühl, in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts gelandet zu sein.

Dabei war es zwischendurch mal anders. Wenn man sich Kinderfotos aus den 70er Jahren anschaut, kann man oft kaum erkennen, ob es sich um Jungen oder Mädchen handelt. Die Kinder trugen damals durch die Bank lange Haare und praktische, robuste Kleidung in kräftigen Farben.

Das widerlegt klar das Argument, dass Mädchen nun mal quasi aus ihrer biologischen Natur heraus gern rosa Rüschen tragen und als verträumtes Wesen durch die Welt trippeln. Kinder merken in einem sehr frühen Alter, was gewünscht wird. Und sie passen sich dann den jeweiligen Forderungen an. Entwicklungsbiologisch ist das ihre einzige Chance zu überleben.

Dies zu negieren und unsere eigenen Wertvorstellungen dann den Kindern als genetische „Mitgift“ unterzujubeln, ist schon ein starkes Stück. Doch das passiert dauernd.

Warum wir in unseren Geschlechterrollen wieder bei solchen Stereotypen gelandet sind, obwohl wir doch heute alle so tolerant, offen und vorurteilsfrei daherkommen, kann ich mir nicht erklären. Da machen sich Menschen stark für eine Ehe für alle, setzen sich ein für die Rechte von Schwulen und Transsexuellen und auf der anderen Seite werden Jungen zu emotionalen Krüppeln und Mädchen zu hirnlosen Schönchen degradiert. Sie werden in Rollen gepresst, bevor sie die Chance haben, sich selbst und ihre Wünsche kennenzulernen. Das ist furchtbar traurig.

 

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Erlebnisberichte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s