Erich als Visionär

Morgens am Küchentisch beim ersten Kaffee führen wir oft spannende Gespräche. Gestern zum Beispiel. Wir hörten das Lied „Der Sonderzug nach Pankow“ im Radio und kamen so auf Erich Honecker und seine DDR.

In einigen Punkten war Erich seiner Zeit voraus, haben wir festgestellt. Kaum zu glauben, oder? In unser aller Erinnerung verkörpert er ja geradezu den Typus des lernresistenten, ewig gestrigen Parteibonzen.

Aber es gibt Bereiche, in denen unsere Gesellschaft ihm heute sehr nacheifert und ihn (wie das im erfolgreichen Westen so ist) teilweise auch überholt.

Nehmen wir mal die Überwachung:
Die Stasi in der DDR war allgegenwärtig. Sie überwachte akribisch alle verdächtigen Subjekte. Telefonate wurden mitgehört, Briefe gelesen, Gespräche belauscht. Das Speichern war dann ziemlich aufwendig! Alle Ergebnisse dieser Spitzeldienste mussten mühsam im Zweifingersuchsystem mit alten mechanischen Schreibmaschinen auf Papier mit mehreren Durchschlägen festgehalten und in dicken Aktenordnern abgelegt werden.
Heute ist das ein wenig anders. Die verdächtigen Subjekte heißen inzwischen Gefährder. Sie werden auch nicht bespitzelt, sondern ausgespäht. Das Speichern der ausgespähten Daten ist ein Klacks. Speicherkapazität gibt es ohne Ende. Durchschläge sind nicht mehr erforderlich, da man dank Digitalisierung alle Daten gleichzeitig rund um den Globus schicken kann. Anders als der DDR-Bürger arbeitet der Konsument von heute viel besser mit. Die Geräte zur Überwachung schafft er selber an. Sei es mobil das Smartphone oder die Smartwatch oder daheim der PC oder der Großbildfernseher. Und viele überbieten sich zusätzlich darin, ihr Leben in Facebook oder anderen Diensten auszubreiten. So kooperativ konnte der beste IM nicht sein.
In diesem speziellen Fall haben wir den alten Erich überrundet sowohl in der flächendeckenden Ausführung als auch in der Zugänglichmachung der Daten für befreundete Dienste.

Kinderbetreuung:
In der DDR waren ganztägige Kinderkrippen, Kindergärten und Schulen die Norm. Damit die Werktätigen ihrer Arbeit und ihren gesellschaftlichen Pflichten ordentlich nachkommen konnten. Böse Zungen im Westen behaupteten, die armen DDR-Würmchen seien seit dem zartesten Babyalter in Institutionen abgeschoben worden, damit man sie besser indoktrinieren könne.
Nun hat man auch in unserem wertegetragenen Westen die Vorteile der ganztägigen Fremdbetreuung erkannt. Hier werden die Kinder natürlich nicht indoktriniert, sondern gefördert. Deshalb werden sie in Kitas gesteckt, noch bevor sie richtig laufen, geschweige denn sprechen können. Die Eltern können dann in Ruhe ihren drei fürs Überleben notwendigen Jobs nachgehen. In diesen Jobs können sie sich auch viel besser verwirklichen, wenn sie ihre Kleinsten gut untergebracht wissen.
An der flächendeckenden staatlichen Versorgung der Kinder wird hier noch gearbeitet. Da sind wir noch nicht wirklich so weit wie in Erichs System. Aber wir befinden uns auf einem guten Weg! Zum Glück haben wir die Bertelsmann-Stiftung. Mit passenden Studien zur rechten Zeit fördert sie die Entwicklung des sog. Ganztags.

Medienlandschaft
Dem Namen nach konnte man in der DDR unter einer Reihe von Zeitungen, Zeitschriften, Radiosendern und TV-Programmen wählen. Der Staat wurde auf dem Papier dem Anspruch einer breiten Informationspflicht gerecht. Es gab sogar eine Art Satiremagazin, den Eulenspiegel, der sich ab und zu kritische Seitenhiebe erlauben konnte, solange sie im Rahmen blieben. Doch natürlich gingen alle Informationen in eine Richtung. Die zu verbreitende Meinung war klar vorgegeben, sie unterschied sich nur in Nuancen. Deshalb wurde im Westen zurecht moniert, dass unter Erich keine Pressefreiheit existierte.
Das ist ja bei uns heute ganz anders. Wir erfreuen uns der Pressefreiheit, haben aber leider keine freie Presse mehr. Denn die Blätter gehören einigen wenigen Familien, die ihre eigenen Interessen vertreten. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehprogramme sind fest in der Hand von Parteien. So hören wir fast überall denselben, eintönigen Einheitsbrei und vorgefasste Meinungen. Einzig das Internet bietet Möglichkeiten, sich umfassend zu informieren. Oder auch schlicht, um Nachrichten zu lesen, die uns ansonsten verschwiegen werden. Deshalb wird in letzter Zeit auch so gern über fake-news, hate-speech und wie diese Neusprech-Wörter alle heißen, berichtet. Das Internet kann den Machthabern gefährlich werden. Man sucht also eine Begründung, um es kontrollieren zu können.
An dieser Stelle hatte Erich es natürlich einfacher. Missliebige Meinungen waren einfach untersagt. Aber die Mächtigen im freien Westen sind auch hier auf der richtigen Spur. Sie müssen die Kontrolle nur ein bisschen besser begründen. Und ihr Vorteil ist, dass es kein „Westfernsehen“ mehr gibt, das die Dinge ganz anders schildert.

Alternativlosigkeit
Auch die von Frau Merkel bestens vertretene Alternativlosigkeit ist nicht neu. Die gab es selbstverständlich schon im real existierenden Sozialismus. Man konnte über manches reden, sich für verschiedene Probleme unterschiedliche Lösungen ausdenken. Man konnte auch kleine Veränderungen fordern. Aber eins durfte man nie: das System als solches, als einzig richtiges infrage stellen.
Das entspricht dem heutigen neoliberalen Denken, das das Wohlergehen der Märkte zum Credo erhoben hat. TINA (there is no alternative) ist die Lebensmaxime schlechthin geworden. Sie wird nicht richtiger dadurch, dass sie jeder widerkäut. Aber wenn nur genug Deppen daran glauben, spielt die Richtigkeit und Logik ja keine Rolle. Das kennt man ja von Religionen.
Im Unterschied zu Erichs Welt können wir uns frei dagegen aussprechen. Wir landen deshalb (noch) nicht im Knast. Mit Systemkritikern geht man hier anders um. Sie werden in die Spinner-Ecke gestellt, als sog. Verschwörungstheoretiker gebrandmarkt und lächerlich gemacht. Größere politische Bewegungen werden ins System integriert. So wurden die Grünen zu den Blassen und die Linke ist auf dem besten Weg der Ramelowisierung. Da sind sie heute cleverer als damals bei Erich. Die Herrschenden und ihre Marionetten, sprich unsere Politikdarsteller, sind eindeutig überzeugt von der Alternativlosigkeit unseres Systems. Sei es aus nicht hinterfragter Systemtreue, weil es sich für sie lohnt oder schlicht aus geistiger Limitiertheit.

Parteien
Aus heutiger Sicht war auch das Parteiensystem der DDR sehr fortschrittlich. Aus KPD und SPD hatten sie die SED gemacht, die das Sagen hatte. Tatsächlich gab es noch Pendants zu CDU und FDP. Auch die waren wählbar.
So ähnelte die Volkskammer unserem Bundestag der letzten Legislatur. In der Regel erlebte unser Parlament große Mehrheiten. Denn auch die Blassen stimmten häufig mit der GroKo. Das Parlamentsleben spiegelte die o.g. Alternativlosigkeit wieder. Erichs Genossen wäre ein Ergebnis, wie es beim SPD-Vorsitz zuletzt zu bestaunen war, peinlich gewesen. Dem Lokführer war ob seiner 100 % kein derartiges Gefühl anzumerken. Auch die Medien bejubelten ihn und sein Ergebnis. Gerade bei Personalentscheidungen pflegen unsere Parteien den Personenkult. Meist gibt es nur einen Kandidaten. Treten tatsächlich einmal zwei an, so handelt es sich sofort um eine Kampfkandidatur. Nur die Blassen kultivieren manchmal ihre Wurzeln und lassen parteiweit abstimmen. Am Ende gewann erwartungsgemäß der Cem aus dem Süden, unser schwäbelnder Migrationshintergründler mit thinktank-Erfahrung. Sein Mitstreiter war Robert, ein Buchautor mit Theater- und Ministererfahrung. Siehste, so bunt waren die ollen Genossen vielleicht nicht. Doch in vielen Dingen hatte Erich schon das, was in Zeiten von Angela zu uns kam.

Der Feind
Ein Feindbild hatten beide Systeme schon damals. Für Erich war das der imperialistische Klassenfeind. Für den Westen war es der Kommunismus, der ihm 1990 abhanden zu kommen schien. Doch haben wir nur zehn Jahre gebraucht, um uns einen neuen Feind zu suchen. Den islamistischen Terror. Dabei ist es gleichgültig, ob der Al Qaida oder ISIS oder IS heißt. Boko Haram und viele andere gibt es auch noch. Ein Feindbild stärkt den Zusammenhalt, die Wehrbereitschaft und die Rüstungsindustrie. Wahre Pfeiler eines funktionierenden Staates. Auch da war Erich schon auf der Höhe der Zeit.

Mauer
Nun, es gibt wohl keinen Zweifel, dass Honecker im Mauerbau eine absolute Vorreiterrolle einnimmt. Zwar hat er nicht selbst den Befehl dazu gegeben, war aber maßgeblich an der Planung und Durchführung beteiligt. Auch die Wartung und Verteidigung dieses Bauwerks zählte er zu seinen vornehmsten Pflichten.
Lange Zeit waren Mauern in der westlichen Welt ein Symbol für Unfreiheit und Unterdrückung, aber seit einigen Jahren haben sie auch hier Konjunktur. Sie sind neuerdings Garanten für unsere Sicherheit und unseren Wohlstand.

Frauenrolle
Im Sozialismus praktizierten sie das, wonach unsere Wirtschaft samt Politlautsprechern lechzen. Die real existierenden sozialistischen Frauen gingen zur Arbeit, häufig ganztags. Deshalb brauchten sie die Kinderkrippen, um den Nachwuchs versorgen zu lassen. Auf diesem Weg befindet sich nun auch der goldene Westen. Natürlich wird das als Wahlfreiheit verkauft. Für die einzelne mag das zutreffen. Dahinter steht der Bedarf unserer Wirtschaft nach zusätzlichen Arbeitskräften. Sollte dieser Bedarf künftig wieder sinken, zum Beispiel wegen der Robotisierung, wird die Bertelsmann-Stiftung schnell Studien veröffentlichen, die die heimische Erziehung preisen. Vorläufig aber eifert unser Land der alten DDR kräftig nach.

Es mag hie und da etwas überspitzt sein oder nicht. Es mag Ihnen gefallen oder nicht. Wir haben den Eindruck, dass wir Vieles erleben, das es in der DDR schon gab.

All diese Beispiele zeigen, dass wir weit mehr als die Ampelmännchen aus der DDR übernommen haben. Unsere Politiker zieren sich nur ein wenig, dies deutlich auszusprechen. Sie stehen halt gern als innovative Lichtgestalten da, die den Stein der Weisen höchstselbst gefunden haben. Wer aber die Verhältnisse im Osten kennt, wird die eine oder andere Neuheit in unserer Gesellschaft nicht als Neuheit wahrnehmen können. Wir haben dem alten Erich anscheinend oft unrecht getan. Sonst würden wir nicht so viel von ihm übernehmen, nicht wahr?

 

 

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