Schere

Wir sprechen heute von der Gehalts- oder Einkommensschere, die sich immer weiter spreizt, weil Lohnerhöhungen prozentual gestaltet werden. Im Grunde ist es eine einfache mathematische Übung. Es geht um Prozentrechnung. Aufgrund intensiverer Beobachtungen können wir sagen, dies ist eine Übung, die vielen Menschen nicht so liegt. Obwohl in den Nachrichten sehr häufig von Prozenten die Rede ist. Gerade wieder hat die IG Metall beschlossen, mit einer Forderung von 6 % mehr Lohn in die kommende Tarifrunde zu gehen. Eine ganz gewöhnliche Meldung. Wenn jeder Mitarbeiter der Metallindustrie dann 3 % mehr Lohn erhält, bekommen die besser Bezahlten mehr zusätzliche Euros in die Lohntüte als die weniger gut Bezahlten. Der Monatsverdienst geht weiter auseinander. Dies stört die Gewerkschaft nicht. Nur selten fordern sie für die unteren Lohngruppen einen Sockelbetrag von 100 €, die auf jeden Fall zum bisherigen Lohn dazu kommen sollen. Um das zu konkretisieren, haben wir ein einfaches Rechenbeispiel gemacht.

A bekommt 2.000 € im Monat, B bezieht 6.000 Euro. Beider Lohn wird nun um 3 % gesteigert. A erhält jetzt 2.060 Euro, B bekommt 6.180 Euro. Die Differenz hat sich von 4.000 auf 4.120 Euro erhöht. Zehn Jahre lang bekommen beide jeweils eine Lohnsteigerung um drei Prozent. A bekommt nach zehn Jahren einen Lohn von 2.687,83 Euro, B erhält 8.063,50 €. Der Unterschied zwischen A und B beträgt nun 5.375,67 Euro. Er ist damit um etwa 35 % größer als der Ausgangswert von 4.000 €. Ist das gerecht? Warum lassen sich Gewerkschaften darauf ein? Sind ihnen besser verdienende Mitglieder wertvoller? Oder haben wir es einfach immer so gemacht?

Wir können das nicht erklären, haben uns aber ein Modell ausgedacht, wie es anders gehen kann. Sicher sind wir nicht die Ersten, die darauf kommen. Wir behalten unsere Ausgangswerte bei. A kriegt 2.000, B bekommt 6.000 Euro. Das konkrete Plus, das B bekommt, schlagen wir auf den Lohn von A auf, sodass der 2.180 € erhält. Das konkrete Plus von A addieren wir zum Gehalt von B, der nun 6.060 Euro erhält. Die Differenz sinkt auf 3.880 Euro. So machen wir das wieder zehn Jahre lang. Die Steigerung des einen addieren wir zum Gehalt des anderen und umgekehrt. Am Ende erhält A dann 4.063,50 Euro, während B ein Gehalt von 6.687,83 Euro bezieht. Die Differenz von einst 4.000 Euro ist auf 2.624,33 € und um besagte 35 % gesunken. Ist das nicht gerechter? Oder brauchen wir den Unterschied, um differierende Leistungen unterschiedlich zu bezahlen? Aber wächst denn auch die Differenz in der Leistung im Laufe von zehn Jahren? Sicherlich nicht.

Muss aber nicht vielleicht der Gegenwert in Waren zwischen den Lohnempfängern gleich bleiben? Weil die teurer werden, muss dann auch der Verdienst weiter auseinander gehen? Diese Begründung wirkt ein wenig hergeholt und akademisch. Generell ist das Bewerten und Bezahlen von Arbeit immer in Frage zu stellen. Grundsätzlich wird in Deutschland Arbeit mit dem Kopf besser bezahlt als die mit den Händen. Dass dies so richtig ist, möchten wir in Zweifel ziehen. Es gibt gute Gründe dafür, bspw. die Arbeit für oder am Menschen höher zu bewerten als die an oder für Maschinen. Hier werden wir in den kommenden Jahren wahrscheinlich ein Umdenken erleben müssen. Sonst kollabiert unser Kranken- und Pflegesystem. Und die Gewerkschaften sollen endlich auf unsere einfache Idee kommen. Es ist schädlich, unsolidarisch und wenig gerechtfertigt, wenn die Löhne und Gehälter innerhalb einer Branche immer weiter auseinander gehen.

Zum Abschluss wollen wir noch einen Gedanken einbringen, auf den uns der ehemalige uruguayische Präsident Mujica aufmerksam werden ließ. Wir ersetzen das Geld als Wertmaßstab durch Lebenszeit. Sofort kommen wir auf die Idee, dass doch jedes Menschen Lebenszeit gleich viel wert ist. Zum Beispiel in der Gesundheitsversorgung versuchen wir, das umzusetzen. Wenn es auch in der Realität nicht immer klappt, hat doch in der BRD jeder Mensch ein gleiches Anrecht auf Gesundheitsversorgung. Jedes Leben ist also gleich viel wert. Und jeder investiert in 60 Minuten eine Stunde Lebenszeit in Arbeit, die gleich viel wert ist. Dieser Gedanke führt in die Nähe eines gleichen Lohns. Dass er in unserem Land sogar nach Regionen wie Ost und West unterschiedlich sein darf, ist ein Anachronismus, der sofort abzustellen ist.

Mujica geht in seinen Überlegungen aber weiter. Er regt an, den Konsum nicht mehr nach Geld, sondern nach dafür investierter Lebenszeit zu berechnen. Verdienen Sie den Mindestlohn von 8,84 Euro, so kostet Sie ein Brot etwa 20 Minuten. Für diese Rechnung müssen Sie ihren Nettolohn pro Stunde kennen. Wer 20 € netto verdient, den kostet das Brot nur knapp 10 Minuten Lebenszeit. So wird der Unterschied doch sehr schnell deutlich. Aber nicht nur den Unterschied zu anderen Menschen, sondern auch ihren persönlichen Konsum können Sie so ganz anders bewerten. Ist es Ihnen als Mindestlohnbezieher das 10.000 € teure Auto wert, wenn Sie es mit 1.131 Lebens- und Arbeitsstunden bezahlen müssen? Das sind 141 Acht-Stunden-Tage oder 28 Arbeitswochen bei fünf Tagen Arbeit pro Woche. Mehr als ein halbes Jahr Arbeit kostet ihr Auto. Nur für das Anschaffen! Beim Großbildfernseher, der Ihre Wohnlandschaft ziert, können Sie die Zahlen durch zehn teilen. Für ihn arbeiten Sie knappe drei Wochen. Wir meinen, dies ist eine spannende und aufschlussreiche Denkweise. Viel konkreter als das Bewerten in Euro und Cent.

Gar nicht in die Bewertung der Einkommensschere eingeflossen sind die Einkünfte aus Kapital und/oder Immobilien. In Deutschland haben wir die Zeit des Erbens. Die Aufbaugeneration kommt ans Lebensende. So steigt die Zahl derjenigen, die neben der Arbeit andere Einkünfte haben. Diese gehören für uns selbstverständlich in die Überlegungen hinein.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Zeitgeschehen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s