Ziellose Talkshows

Gemeint sind die sog. politischen Talkshows. Zugegebenermaßen haben wir kaum mehr die Geduld und Kondition, um eine ganze Sendung zu sehen oder zu hören. Die populären von Illner, Will oder Plasberg erst recht nicht. Das sind reine Unterhaltungssendungen. Der Informationsgehalt bleibt dürftig, der Erkenntnisgewinn gleicht null. Gleichförmig und bisweilen populistisch sind diese Sendungen ohnehin. Der Dortmunder Mdb Bülow machte sich mal die Mühe, eineinhalb Jahre lang die Themen besagter Talkshows zu dokumentieren. Passend zum Untersuchungszeitraum ging es überwiegend um den Themenkomplex Flüchtlinge, Terror, innere Sicherheit, Migration und Integration. Lustig gemischt wurde alles in den Topf geworfen, kräftig umgerührt und andauernd wieder aufgekocht. Da sage noch einer, es wird gesendet, was die Menschen sehen wollen. ARD und ZDF zufolge hatten wir in den Jahren 2015/16 keine anderen Sorgen in Deutschland „Uns geht es gut“, sagt die Regentin und unsere Leitmedien spiegeln es brav. Bis heute tröten sie ins Land, dass dieser Themenkomplex die AfD-Erfolge bewirkt hätte. Tatsächlich trompeten alle Parteien außer den Linken seit September 2015 gegen zu viele oder gar gefährliche Flüchtlinge. Die Linke blieb menschlich standhaft, was ihr nicht selten Hohn und Spott der guten Demokraten einbrachte. Die AfD hat es vor der Bundestagswahl in Bayern treffend und pointiert plakatiert: „Wir machen, was die versprechen“. Und so gedieh die Saat, die unsere Politdarsteller zwei Jahre lang gepflegt haben. Auch und gerade in den Talkshows.

Wir hatten den WDR im Visier. Einfach deshalb, weil dort Sendungen mit Themen liefen, die uns interessierten. Im WDR-Fernsehen lud Bettina Böttinger am Mittwoch (11.10.17) zur Talkrunde über den sog. Pflegenotstand ein. Als Experten waren NRW-Sozialminister Laumann (CDU), der Buchautor Claus Fussek sowie eine Wissenschaftlerin geladen. Die etwa 100 Besucher_innen durften mitreden. Und so erzählten die Menschen, alle Pflegekräfte oder sowas ähnliches, von ihrer Arbeit in Bettinas Mikrofon. Die Geschichten ähnelten sich sehr. Auch diejenige zweier Angehöriger, die pflegten bzw. es noch tun. Herr Laumann verwies auf die gute Politik des Herrn Gröhe in der vergangenen Legislatur. Die Umwandlung in Pflegegrade wurde allseits begrüßt. Aber sonst? Die Pflegekräfte dürfen Eingaben machen. Soll das neu sein? Ändert sich was? Der Pflegedienst kommt nicht regelmäßig. Personalmangel. Das Wechseln zu anderen Diensten bringt keine Besserung. Ergebnis Schulterzucken. Angeblich schreibt das Gesetz vor, dass die Krankenkassen im mobilen Pflegedienst den Mindestlohn ersetzen müssen. Dennoch bezahlen angeblich viele schlechter. Machen sie einfach. Tja, und was nun? Leider blieb es in allen Facetten bei Situationsbeschreibung. Kennen wir alles. Selbst die Teilnehmer sagten, dass sie hierüber schon 1981 gestritten hätten. Die einzig zukunftsweisende Äußerung machte Herr Fussek. Die Pflegekräfte sollten sich doch endlich solidarisieren! Der Organisationsgrad in der Pflege liegt bei 6 %. Dieser Ausweg wurde nicht weiter beachtet. Schnell gab es neue Defizitgeschichten. Arbeitgeber waren keine da. So blieb die Unternehmerseite offen. Welch miese Vorbereitung des WDR. Weitere Chancen zur Besserung wie Solidarisierung des Pflegepersonals mit den Angehörigen und Patienten blieben unberührt. Warum wird einem Pflegedienst, der keinen Mindestlohn zahlt, nicht die Lizenz entzogen? Ganz einfach: Weil dann das fragile System zusammenbricht. Es verdienen viel zu viele daran. Und mit solchen Sendungen ohne jede Perspektive wird der herrschende Missstand nur zementiert. Das ist nicht der Auftrag einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt, die durch Zwangsbeiträge finanziert wird.

Das zweite Beispiel wurde gestern (12.10.17) im WDR 5-Radio gesendet. Es ging im „Stadtgespräch“ um sog. „Schrottimmobilien im Ruhrgebiet“. Das sind herunter gekommene Häuser, die zum Teil noch bewohnt werden. Wieder wurde ausgiebig das Symptom beschrieben. In Essen gibt es eine Task Force dagegen, in Gelsenkirchen heißt das Interventionsteam. Whow! Welch Erkenntnis. „Wie erkennen Sie denn Schrottimmobilien?“, fragte der Moderator die anwesenden Gäste. „Kaputte Fassade, offene Haustür, Müllberge etc.“ Das weiß doch jeder. Was soll die dumme Frage? Erschwert wird das Gespräch durch kleine vorbereitete Infobeiträge. Darauf steuert die Moderatorin – es waren zwei – zielstrebig hin. Dann kommt erstmal der Jingle, damit wir wissen, dass WDR 5 die Infos zur Verfügung stellt. Wieder überflüssige Fakten. Ein Pfarrer erzählt, wie er durch spielende Kinder auf die Situation in seiner Nachbarschaft aufmerksam gemacht wurde. Warum er nicht selber aktiv wurde, fragt niemand. „Jetzt mussten die alle raus und ich habe zu manchen noch Kontakt“, erzählt er treuherzig. Wahrlich ein Hüter seiner Schäfchen. Über die Menschen, oft aus Südosteuropa zugewandert, wird nicht geredet. Es geht um Eigentümer und Eingriffsmöglichkeiten der Stadt. Gelsenkirchen hat natürlich kein Geld, um Häuser zu kaufen und zu sanieren. Das wird so akzeptiert. Und wird ein Haus dichtgemacht, müssen die Leute halt raus. Wie bei unserem Hannibal. „Die kommen dann meist bei Verwandten unter“, erzählt ein hoher Vertreter der Stadt. Kaum ein Wort dazu, wie wir mal mit diesen Zuwanderern in Kontakt kommen könnten. Wie wir ihnen helfen könnten, eine Lebensperspektive zu finden. Vielleicht sogar in ihrer Heimat. Denn bei Verwandten unterkriechen ist doch keine Lösung. Dann wartet das nächste Abbruchhaus mit teuren Mieten. Eigentümer verdienen sich goldene Nasen. Warum tut niemand was dagegen? Kaum eine kritische Haltung in der Moderation und viel Zustandsbeschreibung. Auch diese Sendung ändert genau gar nichts. Keine Impulse. Nur das Besprechen dessen, das wir schon wissen. Soll das alles sein? Brauchen wir solche Sendungen überhaupt?

Wenn Phänomene neu sind, dann tut Beschreiben not. Aber hier werden bekannte Zustände nur wiedergekäut. Sind wir dann zufrieden und können alles so lassen? Was geht in den verantwortlichen Redakteur_innen vor? Haben sie Anweisung aus den politisch besetzten Führungsgremien? Von den privaten Sendern ist gar nichts zu erwarten. In RTL wird Armut übertrieben als Asi-Unterhaltung angeboten. Was sind wir für eine arme Gesellschaft, die sich gesittet über haarsträubende Zustände gemäßigt aufregt und dann zur Tagesordnung übergeht? Solch eine rückgratlose Gemeinschaft ist anfällig für charismatische Führer mit leichten Lösungen. Die Medien bis hin zum WDR erfüllen ihren Auftrag nicht mehr. Sie zementieren die Missstände. „Weiter so“ allerorten. Nennen wir es merkelisiert oder sonst wie. Wir alle werden alt und geraten in diese Pflege. Wir alle können arm werden und in Löchern hausen müssen. Die Bewohner des Hannibal sind beispielgebend dafür, was uns geschehen kann. Leider ist die vierte Gewalt kein Ort der Kritik und des Aufrüttelns mehr.

Quelle:
https://www.marco-buelow.de/talkshows-einseitig-und-verzerrend/

 

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