Der Mensch als Opfer des Systems

In Dortmund haben wir ein Hochhaus namens Hannibal. Es ist in der Stadt als nicht gerade bevorzugte Wohnlage bekannt. Vor knapp drei Wochen wurde das Gebäude mit rund 400 Wohnungen komplett geräumt. Die Stadt hatte große Mängel bei Brandschutzvorkehrungen festgestellt und sieht sich rechtlich gezwungen, die Menschen vor die Tür zu setzen. Aus welchem Anlass gerade jetzt diese Prüfung stattfand, wissen wir nicht. Das Haus hat seit Jahren vielfältige Mängel und sollte bereits vor zwölf Jahren komplett saniert werden. Seither tut sich nichts am bewachten Bauwerk. Niemand darf rein. Diejenigen Mieter, die sich nicht selber helfen können, werden von der Stadt in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht. Mehr als die Miete einbehalten, können die Mieter offenbar nicht tun. Rechtlich gibt es vermutlich den Anspruch auf zur Verfügung-Stellen der gemieteten Räume. Erwähnt wird so ein Recht nirgends. Fraglich ist, wer dies bis wann durchfechten will. Denn der Eigentümer bzw. der Verwalter ist zu den bisher zwei Veranstaltungen nicht erschienen. Die Stadt in Person des OB Sierau gibt sich hilflos. Sie verweist auf die Verwaltungsgesellschaft Intown. Rechtlich scheint vorläufig alles korrekt zu sein. Doch ist hier das Recht in keiner Weise für die Menschen da. Noch schlimmer, auch die gewählten Vertreter sind nicht für die Menschen da. Eher halbherzig wirken die Ersatzangebote der Stadt. Da half die Wohnungsgesellschaft GWS ihren Mietern in Hörde vor einem halben Jahr sehr viel engagierter. Diese mussten nach einer Explosion wegen statischer Gefahren aus ihren Wohnungen. Sieraus Verweis auf Intown wirkt einigermaßen frech. Was tut er denn, um diese Firma in Bewegung zu setzen? Welche Perspektive haben die Menschen? Und zuletzt stellt sich nicht einmal unsere Dortmunder Zeitung eindeutig auf die Seite der Mieter. Herr Großekemper beschreibt den Verlauf der Versammlung und sagt, dass weder Mitleid noch Zorn weiterhelfen. Keine Frage an die Stadt, keine Infos über den Eigentümer. Dabei ist es nicht schwer, sich im Netz ein Bild zu machen. Wir liefern unten erhellende Ausschnitte. Demnach ist der tatsächliche Eigentümer unklar. Offizieller Eigentümer und Verwalter sitzen in Berlin Tür an Tür. Beide haben als Unternehmensziel, Immobilien zu kaufen, dann entweder Mieteinnahmen ohne Instandhaltungskosten quasi netto zu kassieren oder das Gebäude nach einer Sanierung mit guter Rendite weiterzuverkaufen. Die Verantwortlichen der Stadt wissen dies garantiert, sagen es laut Ruhr-Nachrichten aber den Leuten nicht. Der Berichterstatter greift es auch nicht auf. Nicht einmal geldgierige Anwälte stürzen sich auf den Fall, da bei den Mietern nichts zu holen ist. So bleiben diese allein und perspektivlos zurück. Einzige Alternative wäre ein Umzug. Ob die Menschen ihre Möbel aus ihrer Wohnung holen dürften, wissen wir nicht. Ohnehin ist es sehr schwierig, gleichartige Wohnungen wie im Hannibal zu finden. Es zeigt, wie krank unser System mittlerweile ist. Juristisch ist vielleicht in langwierigen Verfahren was zu machen. Im Augenblick wähnen sich Stadt und Verwalter im Recht. Die gewählten Vertreter tun fast nichts. Der Mensch mit seinen grundlegenden Bedürfnissen bleibt allein.

Und nun die von uns gesammelten Hintergrundinformationen:

Der Hannibal ist eines der größten Wohnhäuser in Dortmund und wurde 1972 bis 1975 durch die Dogewo errichtet, die ihn 2004 an das börsennotierte Wohnungsunternehmen Janssen & Helbing verkaufte. Dieses begann umfassende Renovierungsarbeiten, da der Komplex bauliche Mängel aufwies, meldete jedoch 2005 Insolvenz an. Der Komplex wurde unter Zwangsverwaltung gestellt und die Arbeiten abgebrochen, sodass es derzeit in einem Gebäudeteil modernere Fassaden und Fenster gibt, während der Rest im Zustand der 70er Jahre ist. Die Probleme häuften sich, so wurden die Sicherheitsleute gekündigt, die Überwachungskameras wurden ausgeschaltet und die Reparaturmaßnahmen auf das absolute Minimum beschränkt. Seitdem wechselt der Besitzer des Komplexes öfter, meist sind es Zwangsverwaltungen, doch die vorherrschenden Mängel werden nicht beseitigt. Am 21. September 2017 wurde bekannt, dass der Gebäudekomplex aus Brandschutzgründen evakuiert werden muss.

Der Dorstfelder Hannibal gilt als Problemimmobilie und wechselte bereits mehrfach den Eigentümer, zuletzt bei einer Zwangsversteigerung im Jahr 2011. Der derzeitige Eigentümer ist ein börsennotierter Finanzinvestor aus Berlin namens Lütticher 49 Properties. Er hat unter anderem finanzielle Probleme. Darüber hinaus wurden Renovierungsarbeiten begonnen, die jedoch durch die finanzielle Situation des Eigentümers gestoppt wurden.

Das Hauptproblem heute sind die öfter ausfallenden Aufzüge sowie in einigen Teilen gravierende Baumängel, wie undichte Fenster und abblätternder Putz.

Wegen Brandgefahr wurde der Komplex kurzfristig am 21. September 2017 geräumt. Wann und ob überhaupt die Bewohner wieder in Ihre Wohnungen können, war zu diesem Zeitpunkt noch unklar. Alle Wohnungen sind versiegelt und die Gebäude werden von einem Wachschutzunternehmen bewacht.

Der Eigentümer des Hannibal, besagte Lütticher 49 Properties GmbH, hat ihren Firmensitz in Berlin in der Möckernstraße. Die Übersetzung von properties ist Eigentum oder Immobilien. Der Dortmunder Mieterverein berichtet im März 2012 folgendes zur Versteigerung und der Zukunft des Hannibal: „Am Donnerstag wurden die Mieterinnen und Mieter der Wohnanlage Hannibal II am Vogelpothsweg 12-26 in Dortmund-Dorstfeld über den erfolgten Eigentümerwechsel und das Ende der Sicherheitsverwaltung informiert. Neuer Eigentümer ist die Lütticher 49 Properties GmbH mit Sitz in Berlin. Diese beauftragte die Grand City Property GmbH in Berlin mit der Verwaltung des Dorstfelder Hannibals. In einem Schreiben der Grand City Property GmbH vom 20.03.2012 wurden die Mieterinnen und Mieter über die neue Hausverwaltung und die zuständige Ansprechpartnerin mit Berliner Telefonnummer informiert. „Für die Mieter ist jedoch wichtig, dass der Eigentümerwechsel keine Veränderung mit ihrem Mietvertrag mit sich bringt. Es gilt der Grundsatz ‚Kauf bricht nicht Miete!‘“ so Rainer Stücker vom Mieterverein Dortmund und Umgebung e.V. (…) Die Lütticher 49 Properties GmbH ist beim Amtsgericht Berlin Charlottenburg im Handelsregister eingetragen. Eigentümergesellschaft ist demzufolge eine in Nikosia auf Zypern ansässige Gesellschaft. Geschäftsführer/in der Lütticher 49 Properties GmbH ist Efrat Abuav.

Hintergrund: Die Zwangsversteigerung im Dezember 2011

Am 14.12.2011 ist beim Dortmunder Amtsgericht der Dorstfelder Hannibal im Rahmen der Zwangsversteigerung für 7.000.000 Euro an die Lütticher 49 Properties GmbH mit Sitz in Berlin verkauft worden. Damit ging der Hannibal für fast das doppelte des Verkehrswertes von knapp 3,7 Millionen € über den Tisch. Hinzuzurechnen sind zu dem Investitionen von mindestens 9.320.000 € um akute Bauschäden und -mängel zu beheben. Drei Parteien lieferten sich eine dreistündige Bieterschlacht mit über 200 Geboten. Zum einen die Lippstädter Tramontana GmbH, vertreten durch Detlef Gründer, der mit seiner Deutschen Haus- und Grundbesitz 24 GmbH vor einem Jahr Bestände der Janssen und Helbing Unternehmensberatung in Westerfilde und der Dortmunder Nordstadt erwarb. Zum anderen die in Dortmund bisher unbekannte DG Deutsche Grundbesitz GmbH in Neu-Ulm. Den Zuschlag bekam für 7.000.000 Euro die Lütticher 49 Properties GmbH mit Sitz in Berlin, die durch vier Personen vertreten war. Verhandlungsführer war Rechtsanwalt Dr. Holger Lerche von der Kanzlei Jung und Schleicher aus Berlin. Welche Strategie der Eigentümer für den Dorstfelder Hannibal mitbringt, ist weiterhin unklar. „To make it nice …and bring nice people“ so formulierte es ein  Eigentümervertreter im Anschluss an die Versteigerung. „Wir haben die Befürchtung, dass der neue Eigentümer keine ausreichende wohnungswirtschaftliche Erfahrung besitzt, um eine Sanierung und Bewirtschaftung des Hannibals in Dorstfeld-Süd zu leisten, sondern den Hannibal als Spekulations- und Abschreibungsobjekt nutzt. Ein Kaufpreis, der fast das doppelte des Verkehrswertes beträgt, verheißt für die Mieter nichts Gutes.“ so Mietervereins Geschäftsführer Rainer Stücker.“ Der westen.de liefert am 14.03.12 weitere Informationen zum neuen Eigentümer: „„Auf Basis der Handelsregistereinträge vermuten wir, dass die Lütticher 49 Properties GmbH in Verbindung mit der Grand City-Gruppe steht, deren Eigentümer über verschiedene Gesellschaften Wohnungen in NRW erworben haben. Darunter auch die 366 Wohnungen an der Erpachtstraße/Weiße-Ewald-Straße in Dortmund Aplerbeck, die zum Jahresende 2010 bzw. zum Mai 2011 von der GAGFAH an die Residential Dortmund I Grundstücks GmbH und die Residential Dortmund II Grundstücks GmbH veräußert wurden“, sagte Dr. Tobias Scholz vom Mieterverein Dortmund. „So war die Grand-City-Gruppe im Namen verschiedener Gesellschaften in den vergangenen Monaten in verschiedenen Städten Nordrhein-Westfalens auf Einkaufstour und erwarb problematische Bestände – mit teilweise sehr hohen Investitionsbedarfen – u.a. in Solingen, Erkrath, Bielefeld und Lünen. Dort die Siedlung Hirtenweg; die ebenfalls aus der Insolvenzmasse der Jansen und Helbing GmbH stammt“, so Scholz weiter.

Der Dorstfelder „Hannibal“ (412 Wohneinheiten mit 130 Leerständen) wurde von der DOGEWO21 gebaut und im Rahmen eines Verkaufspakets mit 800 Wohnungen im Mai 2004 an die Jansen und Helbing Unternehmensberatung veräußert. Das Unternehmen hatte in Dortmund (und auch anderen Städten) insbesondere Hochhausanlagen aufgekauft. Das Unternehmen geriet in die Insolvenz. Die Anlagen standen sämtlich unter Zwangsverwaltung. Kürzlich wurde der ehemalige Geschäftsführer des Unternehmens Elmar U. („Dr. Schneider“) wegen Betrugs vor dem Landgericht Essen verurteilt.

Heutiger Verwalter des Hannibal ist ja die Intown GmbH aus Berlin. Übrigens hat sie dieselbe Firmenadresse wie unser Eigentümer, die Lütticher 49 Properties in der Möckernstraße 139-141. Die Firma stellt sich selbst wie folgt vor: „Intown ist ein erfahrener, ziel- und zukunftsorientierter Spezialist für den deutschen Immobilienmarkt. Ob Neustrukturierung überholter Nutzungskonzepte, Projektentwicklung und -steuerung, Asset-, Facility- oder Property Management – INTOWN deckt von der Beratung vor getätigten Investitionen über die klassische Verwaltung bis zum profitablen Wiederverkauf alle Bereiche des gesamten Lebenszyklus von Wohn- und Gewerbeeinheiten, Hotels und Einkaufszentren ab.“

Zum Schluss noch der Artikel aus den heutigen Ruhr-Nachrichten zur gestrigen Mieterversammlung: „Von Tobias Großekemper. Irgendwann, die Diskussion in der Dasa lief schon rund anderthalb Stunden, stand da eine Frau und sprach zwei Sätze. Einer davon war eine Sichtweise, einer eine Frage: Die Stadt hat uns auf die Straße gesetzt. Wann bekommen wir Ersatzwohnungen? Die Stadt als die Institution, die den Menschen das Heim genommen hat, die ist, und so sehen das nicht wenige der rund 150 Betroffene, auch verantwortlich, für gleichwertigen Ersatz zu sorgen. Nicht für Zimmer in Gemeinschaftsunterkünften, nicht für Provisorien, in denen das Leben an den Nerven zehrt und Beziehungen auf harte Proben stellt.

Probleme allenthalben, im täglichen Leben: Wer zahlt die Fahrten durch das Stadtgebiet? Wo soll man waschen, wenn man bei Freunden oder Verwandten wohnt? Wie, so ein Vater, der androhte, mit seinen drei Kleinkindern (2, 5, und 7) im Wagen vor einem städtischen Büro schlafen zu wollen, soll man das erklären? Und wie um Gottes Willen bringt man seine Kinder aus so einer Situation heraus?

Kolossaler Bau. Der Hannibal in Dorstfeld ist ein städtebaulicher Koloss, man kann ihn auch aus der Dasa-Halle heraus sehen, und so groß, wie er da steht, so große Probleme macht er auch. Und so sehr man mit den Menschen auch mitfühlen kann in ihrer Verzweiflung, so sehr kann man das wenig Zielführende in einer Diskussion spüren, bei der drei Parteien miteinander reden müssten, aber eine einfach fehlt: Intown, der Vermieter, der sich selber in verschickten Pressemitteilungen auch Eigentümer nennt, war nicht erschienen. Einmal mehr. Bei der ersten Veranstaltung zum Thema war kein Vertreter der Firma vor Ort. Und gestern erneut nicht, wie es hieß, ohne Angaben von Gründen. Dabei wäre es doch Aufgabe dieser Firma gewesen, den Menschen, mit denen sie Mietverträge hat, zu sagen, wie sie sich die nähere Zukunft vorstellt. Was sie anbietet. Wie sie und ob sie, um es salopp zu fahren, die in den Dreck gefahrene Karre wieder flott machen will. Oder, wie es Oberbürgermeister Ullrich Sierau sagte: Schuld ist der Eigentümer. Doch der war nicht da.

Und so steht dann also eine Stadt im Fokus des berechtigten Zorns der Menschen ausgelöst durch eine Räumung, zu der die Stadt rechtlich verpflichtet war. Aber was interessieren Recht und Gesetz, wenn man nicht weiß, wohin mit sich, den Kindern? Oder wenn man in der Klausurenphase steckt, so wie die Studentin, die im Verlauf der Diskussion irgendwann anfängt, sich fürchterlich aufzuregen, sie zetert und schreit. Und auch, wenn man nicht alles versteht, die Stimme der Frau bricht, ihre Verzweiflung ist greifbar.

Sozialamtsleiter Jörg Süshardt erläutert emphatisch, erklärt verständnisvoll Verfahrenswege. Krisenstabs-Leiter Ludger Wilde äußert sich sachlich. Sierau verteidigt die Position der Stadt. Es wird auch mal laut im Publikum, die eine große Eruption aber bleibt aus. So wie die große Lösung. Aber wo soll die auch herkommen, wenn Intown sich nicht rührt und sich nicht äußert? So bleibt im Moment nur Mitgefühl für die Betroffenen. Und Zorn.

Was beides nicht hilft.“

Quellen

https://de.wikipedia.org/wiki/Hannibal_(Dorstfeld)

https://web2.cylex.de/firma-home/luetticher-49-properties-gmbh-8530573.html

https://www.mieterverein-dortmund.de/news-detail.html?&tx_ttnews%5Btt_news%5D=100&cHash=53c4427c46e6a9aa5ae452665fa76fe6

https://www.derwesten.de/staedte/dortmund/wohnkoloss-hannibal-in-dortmund-fuer-7-millionen-euro-versteigert-id6162386.html

http://intown-invest.de/

Ruhr-Nachrichten vom 10. Oktober 2017

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