Völlig empathiefrei

Seit über 19 Jahren gehe ich zur Dialysebehandlung. Was mir gestern geschah, war als Unfall neu. Die anschließende Behandlung, von der ich erzählen möchte, leider nicht.

Im Tiefschlaf bin ich aus dem Bett gefallen. Mittlerweile habe ich gelernt, trotz zweier Nadeln im linken Arm so tief schlafen zu können, dass das Pflegepersonal mich am Ende der Behandlung kaum wach kriegt. Ich wachte also plötzlich auf und wusste nicht, was los ist. Irgendwas tat ziemlich weh. Als nächstes registrierte ich, wie zwei aufgeregte Schwestern an mir zogen. Jede an einer Hand. Ich begriff, dass ich neben meinem Bett saß und es das rechte Bein war, das wehtat. Die erste Sorge der Schwestern waren die Nadeln. Völlig verständlich. Ich jedoch spürte nichts im linken Arm. Er fühlte sich normal an. Das konnten sie sehen, auch wenn ich auf dem Boden saß. Der linke Arm lag lässig auf dem Bett. Die Maschine gab keinen Alarm. Dennoch zerrten sie mich hoch und aufs Bett. Das tat zwar weh, aber es ging nichts kaputt. Bei einem Bruch wäre diese Behandlung massiv schädlich gewesen. Ich habe bei Sibylle erlebt, wie sie die Krankenfahrer unsachgemäß auf die Trage verluden. Das verschlimmerte ihre Schmerzen und daher wohl den Bruch erheblich. Auf dem Bett stellten sie dann fest, dass dem Arm nichts passiert ist. So wandten sie sich dem rechten Bein zu, auf das ich gefallen war. Es wurde gebeugt und gestreckt und funktionierte. Ich will ihnen zugutehalten, dass sie nach meinem Aufstehen nicht mehr mit einem Bruch rechneten. Sonst wäre dieses Bewegen wiederum völlig kontraproduktiv gewesen. Plötzlich zog die eine Schwester ohne Ankündigung an meiner Jogginghose. Ich lag natürlich mit meinem Hinterteil darauf. Mir ihre Aktion anzukündigen, wie es jede Höflichkeit gebietet und erst recht gegenüber jedem Unfallopfer angezeigt ist, kam ihr nicht in den Sinn. Ich erlebte das alles in einer Art Schockzustand. Es war sehr weit entfernt hinter Watte. Plötzlich waren alle weg und ich lag da mit einem stark schmerzenden Bein. Auf die Idee des Kühlens kam niemand. Dafür wurde ich fünfmal gefragt, ob ich zum Röntgen ins Krankenhaus wolle. Erst von den sich abregenden Schwestern. Eine halbe Stunde später vom Oberpfleger. Eine weitere Stunde später von Frau Doktor während der Visite. Zum Unfallort war sie nicht gerufen worden. Im Nachhinein denke ich, sie wollten sich mit ihren Fragen gegenüber einer Versicherung absichern. Nach dem Motto, sie haben es mir ja immerhin angeboten. Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder gibt es Brüche, die nicht stärker schmerzen als meine Prellung gestern. Dann hätten sie mich am Boden lassen und näher untersuchen müssen. Oder der gesunde Menschenverstand sagte ihnen, wer aufstehen kann, hat keinen Bruch. Dann waren ihre Angebote komplett überflüssig. Frau Doktor sah sich das Bein nicht einmal aus der Nähe an. Um ihrer Sicherheit willen, hätte sie mich aber an einem Freitag um 18 Uhr in irgendeine Notaufnahme geschickt. Ein Horrortrip. Wie jeder weiß, der das mal erlebt hat. Heute merke ich erst, welch Schrecken mir der Unfall eingejagt hat. Der Shunt mit den zwei Nadeln darin hätte aufreißen können. Ein gewaltiger Blutverlust und weitere Komplikationen wären die Folge gewesen. Das Bein hätte tatsächlich brechen können. Der Bruch wäre durch die unsachgemäße Behandlung massiv verschlimmert worden.
Während der gesamten Aktion fiel nicht ein menschlich anteilnehmendes oder beruhigendes Wort. Niemand kam auf die Idee, dass ich Ängste haben könnte. Niemand nahm meine starken Schmerzen im Bein ernst und brachte ein Kühlpad, damit der Bluterguss kleiner bleibt. So schnell wie sie angedüst kamen, waren sie wortlos wieder verschwunden. Das hat meinem Gefühl nach mit einer Behandlung von Patienten nichts zu tun. Weder fachlich und emotional schon gar nicht. Mein Gefühl der Praxis gegenüber, wie ich es in „18 Jahre Leben“ beschrieb, hat sich komplett gewandelt. Kaum jemand ist da, der sich kümmert. Dass ich mich ihnen seit zwölf Jahren anvertraue, ist nur noch bei wenigen zu spüren. Der gestrige Vorfall hat die menschliche Armut dort bestätigt. Zusätzlich hat er das Vertrauen in grundlegende pflegerische und medizinische Fähigkeiten tief erschüttert. Um weiterzuleben, muss ich weiterhin dort hin. Andere Dialysen dürften nicht besser sein. Überall wird ökonomisiert bis zum geht nicht mehr. Loswerden kann ich meine Traurigkeit dort nicht. Denn selbst auf leise Kritik reagieren sie wie fast alle Pflege-Institutionen: mit Einigeln und Abwehr. Ganz gleich, ob Du Dein Ansinnen lieb, leise, laut oder aggressiv vorbringst. Deshalb hoffe ich, dass mir das Aufschreiben hilft.

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