Eine Weltreligion zwischen Radikalisierung und stillem Rückzug

„Immer mehr Musliminnen und Muslime auf der ganzen Welt reduzieren in einem ‚stillen Rückzug‘ ihr religiöses Engagement, so dass nicht einmal mehr klar ist, wie viele Muslime es tatsächlich überhaupt noch gibt (Kapitel 1).
Die islamische Welt, die so lange blühte und auch militärisch expandierte, hat ihre einstige Führungsrolle durch eine verhängnisvolle Fehlentscheidung verloren: Das Verbot des Buchdrucks von 1485 leitete die Erstarrung und die bis heute reichende Bildungskrise der islamischen Zivilisation ein (Kapitel 2).
Faktisch werden zahlreiche gerade auch arabisch-islamische Staaten nur noch am Leben erhalten durch den Ölverkauf, der zu unguten Allianzen und Einmischungen seitens westlicher Mächte führt und zugleich gesellschaftliche und demokratische Entwicklungen in der Region erstickt (Kapitel 3).
Mangels einer schlüssigen Erklärung für den Niedergang übernehmen zahlreiche Muslime Verschwörungsmythen aus dem Westen; sie befördern damit weitere Akte sinnloser, kriegerischer und terroristischer Gewalt (Kapitel 4).
Und während gerade auch jüngere Muslime in großer Zahl in christlich geprägte Demokratien fliehen, brechen aufgrund erstarrter Sexual- und Familienregeln zugleich die Geburtenraten in den meisten islamisch geprägten Gesellschaften rapide ein (Kapitel 5). Nein, der Islam ist noch nicht tot, doch er gleicht einem Schwerkranken, der vor Verzweiflung und Schmerz um sich schlägt. Und erst, wenn wir – Nichtmuslime und Muslime gleichermaßen – dies realistisch wahrnehmen und verstehen, besteht die Chance auf eine bessere, gemeinsame Zukunft (Kapitel 6).“

So fasst Michael Blume sein Buch „Islam in der Krise“ in der Einleitung zusammen. Wir versuchen, wie bei „Putins Russland“ keine Rezension zu liefern, sondern unseren Erkenntnisgewinn weiterzugeben. Das ist natürlich subjektiv und Herr Blume will vielleicht andere Dinge vermitteln. Das macht nichts. Im Zweifel können Sie das Buch ja selber lesen.

Blume macht darauf aufmerksam, dass das Kind muslimischer Eltern mit seiner Geburt Muslim ist. Das Christenkind nicht. Dieses wird erst mit der Taufe in die Gemeinschaft aufgenommen. Die Eltern können sich für oder gegen die Taufe entscheiden, der Jugendliche ab dem 15. Lebensjahr. Der Muslim kann das nicht. Er kann aus seiner Religionsgemeinschaft auch nicht austreten. In der Türkei wird z.B. jeder Staatsbürger mit seiner Geburt offiziell zum sunnitischen Moslem. Als solcher wird er statistisch geführt. Viele Muslime erzählen niemandem davon, wenn sie später kein Muslim mehr sein wollen. Denn das gilt unter den Gläubigen als quasi undenkbar. Viele Menschen fürchten gesellschaftliche Nachteile bis hin zu Ausgrenzung oder Verfolgung. Deshalb findet ein Abschied vom Islam, ob in Europa, Asien oder Afrika, zumeist im Innern statt. Beim Vergleich der Zahlen von Christen und Muslimen kommt es somit zu einer gehörigen Schieflage. Schon in der BRD alle Kirchenmitglieder als Christen zu zählen, ist fragwürdig. Vielfach ist die Taufe noch obligatorisch, bei weitem nicht alle Atheisten treten aktiv aus der Kirche aus. Auch hier schlummert eine gewaltige Dunkelziffer an Nichtchristen. Sich vom Islam aktiv abzumelden, geht gar nicht. Somit kann die Zahl der tatsächlich Gläubigen nur geschätzt werden. In der BRD sind nur etwa 20 % der Muslime religiös organisiert. Politisch ist dies für all die wichtig, die Angst vor Überfremdung oder der Machtübernahme der Islamis haben. Alles halb so schlimm! Als Kritiker von Religionen finden wir diese Regelung im Islam furchtbar. Was ist das für ein Glaube, der die Menschen bis zum Tod an sich fesselt?

Johann Gutenberg (1400 – 1468) erfand in Mainz den Buchdruck. Bis dahin wurden Bücher – meist in Klöstern – abgeschrieben. So hatte die Kirche quasi das Monopol auf das geschriebene Wissen. Im Islam war es ähnlich. Das Lesen und Abschreiben des Korans galt als heilige Handlung. In beiden Religionen wurden Neuigkeiten fürs Volk von Ausrufern verbreitet. Kurz nach der Erfindung des Buchdrucks kam es im Christentum zur Reformation. Luther übersetzte die Bibel und so hatten im Laufe der Zeit immer mehr Menschen direkten Zugang zu den Regeln, die ihnen bis dato die Pfarrer vorgaben. Natürlich konnten mit dieser Technik auch alle wissenschaftlichen Erkenntnisse festgehalten und zusammengeführt werden. Der Buchdruck war für die spätere Aufklärung und danach die Technisierung in Europa sehr wichtig, wenn nicht mitentscheidend. Kaufleute brachten Druckerpressen natürlich auch ins Osmanische Reich. Dort wurden sie aber 1485 vom Sultan verboten. Im Gegensatz zu den europäischen Herrschern konnte er die Entwicklung für etwa 300 Jahre aufhalten. Dies führte zu Stagnation in Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur. Europa und die Christen entwickelten sich wesentlich schneller. Bis heute werden viele Luxus- und Konsumgüter in islamischen Staaten nicht hergestellt, sondern importiert. Leider und viel zu häufig auch Waffen.

Einige islamische Länder leben fast ausschließlich vom Öl- und Gasverkauf. Saudi-Arabien ist das Paradebeispiel. Das Herrscherhaus in Riad pflegt einen sehr strengen Glauben und exportiert diesen mit Ölgeld gewalttätig in viele Nachbarländer. Die eigenen Staatsbürger werden alimentiert. Gesundheits- und andere Sozialleistungen sind kostenfrei. Harte Arbeit wird vorrangig von Gastarbeitern ohne Rechte erledigt. Laut Blume tragen die staatlichen Leistungen sehr dazu bei, dass die Bürger gehorsam sind und wenig nach Freiheit und Mitbestimmung verlangen. Wir erkennen hier einen möglichen Zusammenhang, sind uns aber über dessen Bedeutung unsicher. Natürlich ziehen diese Ölstaaten das große Interesse westlicher Industrieländer auf sich. So kommt es zu miesen Allianzen. Der Westen kriegt das Öl und liefert dafür Waffen. Gerade vor ein paar Monaten war Donald in Riad und nahm gigantische Rüstungsaufträge mit. Auch die Nr. 5 der Waffenweltexportliste, Deutschland, nimmt an solchen Deals immer gern teil.

Laut Blume lähmen auch Verschwörungstheorien die Entwicklung der islamischen Welt. Im Grunde läuft es immer darauf hinaus, dass der Araber vom Europäer/Amerikaner hintergangen und betrogen wird. Nur deshalb kommt er nicht vom Fleck. Was für den einzelnen gilt, funktioniert eben auch in ganzen Staaten. Aus unserer Sicht gilt hier das gleiche wie für den Zusammenhang zwischen Alimentation und Gehorsam bzw. fehlende demokratische Forderungen. Das kann so sein, wir wissen es aber nicht. Einen gewissen Vertrauensvorschuss sollten wir dem Autor geben. Gewiss fördern diese gefühlte Unterdrückung und Verrat auch die Gewaltbereitschaft und vielleicht sogar den Terrorismus. Andererseits gibt es Unterdrückung, Verrat und schlimmste Gewalt tatsächlich. Da braucht es keine Verschwörungstheorien.

Emigration kann islamischen Staaten massiv schaden. Findet sie nun innerlich oder äußerlich statt. Deshalb sind die starren Familien- und Sexualregeln längst zu überdenken und zu reformieren. Dass sich dies einfacher schreibt als tut, ist klar. Erst vor wenigen Wochen führte unser Bundestag per Zufall die echte Ehe für Homosexuelle ein. Solche Reformen dürfen nicht unerwähnt bleiben. Fesseln sie doch die islamischen Gesellschaften. Im schlimmen Fall gehen kluge und fähige Menschen aus solchen Staaten einfach weg.

Blume meint, wenn wir und die Islamis seine Erkenntnisse über den Islam übernehmen und darauf basierend in den Dialog einsteigen, können wir erst dann zu friedlichen und fruchtbaren Ergebnissen kommen. Wir haben durch dieses Buch einiges gelernt und sicherlich unsere Sicht auf den Islam deutlich erweitert. Die schmutzigen Öl-Waffen-Deals müssten sofort gestoppt werden. Das können nur unsere Regierungen tun, auf die wir fast keinen Einfluss haben. Mit den islamischen Ländern ohne Öl ist es möglicherweise leichter, die Kooperation auf allen Feldern des Miteinander massiv auszubauen. Dazu müssen natürlich beide Seiten bereit sein. Hier kann jeder Leser, jede Leserin – genau wie wir – für sich schauen, was er oder sie persönlich tun kann.

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Eine Antwort zu Eine Weltreligion zwischen Radikalisierung und stillem Rückzug

  1. Eckhardt Kiwitt schreibt:

    Im Beitrag lese ich
    „Er kann aus seiner Religionsgemeinschaft auch nicht austreten.“,
    und ein paar Sätze weiter
    „Sich vom Islam aktiv abzumelden, geht gar nicht.“.

    Warum es nicht geht, ist in einem Satz erklärt:
    Es geht nicht, weil gemäß einem heutzutage immer noch gültigen islamischen Gesetz auf Apostasie (Abfall vom Glauben) die Todesstrafe steht, womit Muslime zu Geiseln ihrer Religion genommen sind. Entsprechende Urteile wurden auch in Europa, auch in Deutschland, schon vereinzelt vollstreckt — wegen „unislamischer Lebensweise“. In den Medien war dann immer von einem „Ehrenmord“ die Rede.

    Für islamische Rechtsgelehrte an der Azhar-Universität in Kairo, oder in Saudi-Arabien, im Iran und anderswo sollte es möglich sein, dies zu ändern.
    In unserer Verfassung, dem GG, steht im Artikel 102 der prägnante Satz „Die Todesstrafe ist abgeschafft.“. Punkt. So etwas stelle ich mir auch im Islam vor — zumal dieser gern als friedliche und tolerante Religion bezeichnet wird — und natürlich auch für nichtislamische Länder wie die USA, China, Japan, …

    In so manchen islamischen Ländern beobachte ich eine ausgeprägte Selbstkritikphobie — allerdings nicht nur dort. Diese halte ich für nicht positiv. Sie lähmt.
    Darüberhinaus besteht mancherorts eine Religionsfreiheitsphobie, die man aber überwinden kann.

    Kritik am Islam wird manchmal immer noch als „Islamophobie“ diffamiert — womit den Gegenargumenten jedoch die Plausibilität genommen ist. Kritisieren — ohne pauschal gegen andere Menschen zu hetzen oder diese in Sippenhaftung für etwas zu nehmen, das sie nicht getan oder geschrieben haben — darf man schließlich alles und jeden.

    Was die These „Öl gegen Waffen“ betrifft:
    Es gibt in jedem Land etwas, das nennt man „Realpolitik“ — eine Gratwanderung zwischen Wünschenswertem und Machbarem, ein Abwägen taktischer und insbesondere strategischer politischer Interessen, was bisweilen von machtpolitischem, ekelerregendem Zynismus begleitet sein kann. Diese Realpolitik kann man kritisieren, ja sogar verurteilen, sollte dann aber auch Gegenvorschläge unterbreiten, die auf dem internationalen Parkett und angesichts vielfältiger internationaler Verflechtungen und vertraglicher Verpflichtungen machbar und durchsetzbar sein müssen.

    Eckhardt Kiwitt, Freising

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