Ein grüner Daumen

Es waren trübe Tage im Februar. Unser Winter war kalt und trocken. Einen einzigen Schneespaziergang hatten wir am 2. Januar zustande bringen können. Mittags war schon alles wieder weg.
Doch trübe war es nur draußen. Nachdem wir den Stress des Umzuges mit der halbgaren Firma Göke hinter uns hatten, lebten wir wie im Ferienhaus. Von den Ärgernissen mit unserer Vermieterin und ihren merkwürdigen Firmen ahnten wir noch nichts. Irgendwann so nach vier Wochen fing Susanne an, einen ihrer Träume in Angriff zu nehmen. Dazu brauchte sie ein paar Samenkörner in Tütchen, etwas Erde sowie kleine Blumentöpfchen aus Plastik. Die nahmen Platz auf der Fensterbank neben dem Esstisch. Es dauerte nur wenige Tage, da guckten aus der Erde vereinzelt kleine, zarte stecknadelgroße Stäbchen heraus. Das erste Grün! Ich weiß nicht mehr, was Susanne damals gepflanzt hatte. (Es waren die ersten Tomaten- und Zucchinipflänzchen).
Irgendwann im März oder so stand Gartenarbeit auf dem Programm. Am Zaun unserer Nachbarn, die lieber mit unserer Vermieterin statt mit uns reden, sollte ein Gemüsebeet entstehen.

Dazu musste ein großer Kupferbottich weichen. Mühsam gruben wir die Erde aus dem Kessel, als schon die Nachbarin hinzueilte, die damals noch mit uns redete. Was wir denn mit der Birke wollen, die im Bottich wuchs? Wir wollten sie ins Beet umsetzen. Das ginge so nah am Zaun nicht. In 20, 30 Jahren ist die groß und wächst hinüber. Das stehe so in der Satzung. Um des Friedens willen, folgten wir den Hinweisen. Wir lernten, dass es Bäume mit Bestandsschutz gibt. Die Nachbarn haben so einen. Steht so ein Baum erstmal lange genug, darfst Du ihn nicht mehr fällen. Der hässliche Bottich jedenfalls steht in der Garage. Wir wollen ja kein Vermieterinnenvermögen vernichten. Mannhaft grub ich das Beet um. Sehr unterstützt von Susanne, die größeren Pflanzen schon mal den Garaus machte. Einige Steine waren auch dabei, die jetzt das Fundament des Springbrunnens bilden. Zwei kleinere Bottiche mit Erde darin rollten wir von den Mülltonnen ganz hinten in die Gartenecke neben den Wassertonnen. Alles Vorbereitungen.
Übrigens hat Marcel diese Ecke später zum Grillplatz erkoren. Wir haben einen Kugelgrill – auch Vermieterinnenvermögen. Derweil sprossen Susannes Stecknadeln vor sich hin. Liebevoll pflegte sie die Pflanzen. Ich glaube fest daran, dass sie merken, wie der Mensch mit ihnen umgeht. Über jeden neuen Spross freuten wir uns. Freund_innen brachten uns neuen Samen. Tomaten, Zucchini, Erdbeeren und diverse Kräuter waren dabei.
Ende März gab es einen warmen sonnigen Sonntag, wie er sich im Sommer selten wiederholte. Das war unser Start in die Grillsaison mit der ganzen Familie: Carmen, Hannah, Susanne, Armin, Marcel, Titus und Thorsten. Überschaubar, aber sehr schön. Meine Schwester Vera missgönnte mir den Umzug ins Häuschen und wird hier wohl niemals auftauchen. Einzig die Erfahrung, lieber niemals nie zu sagen, schwächt diese Aussicht etwas ab.
Langsam wurde es Zeit zum Pflanzen-Umzug.

Die Töpfchen wanderten vor die Tür und wurden auch bald zu klein. Unsere liebe Vermieterin hinterließ uns Blumenkästen, wie Sie sie kennen. An Pavillon und Schuppen befestigt wuchs das Grün weiter. Einen von mir verursachten Absturz überlebte so ein Kasten glücklicherweise. Beim eifrigen Rasenmähen war er mir irgendwie in die Quere gekommen.

                   

Was wann genau wohin kam, kann uns nur Susanne erzählen.
Das tue ich gern. Also, das Gemüsebeet auf der linken Grundstückseite neben den netten Nachbarn bestückte ich mit Zucchini, Gurken, Tomaten, Petersilie, Schnittlauch und Radieschen. Weiter hinten, bei den Erdbeeren, wuchs Rhabarber, der auch noch von unseren Vorgängern stammte und zu einer hervorragenden Marmelade verarbeitet wurde. Im runden Blumenbeet vor der Terrasse entstand eine Ecke für Salbei, Zitronenmelisse und Pfefferminze. Im nächsten Jahr sollen noch Bärlauch, Liebstöckel, Lavendel, Kohlrabi und Erbsen dazukommen.

Unsere beiden Apfelbäume begannen zu blühen. Das Gras wuchs auch und ich entdeckte ein neues Hobby. Das Rasenmähen. Es war toll, wie die Pflanzen quasi aus dem Nichts immer mehr Substanz schufen. Sie wuchsen spürbar. Nur Luft, Wasser und Sonne reichen als Zutaten. Die Erbsen am Galgen wurden nichts. Direkt an der Terrasse ist der Boden viel zu fest. Diesen Holzpin haben wir inzwischen entfernt und natürlich sorgfältig gelagert. Sie wissen schon. Über die Metallhalterungen baute Susanne das Steinfundament für den Brunnen.

                         

Wir beide hatten dann ab dem Frühsommer das Erlebnis, von dem oft die Rede ist. Gemüse aus dem Garten schmeckt besser als das aus dem Supermarkt. Wir hatten das nie bezweifelt. Doch an einen derart großen Unterschied hatte ich nicht geglaubt. Die Radieschen haben Schärfe. Du glaubst es kaum wie viel. Ihre Konsistenz ist anders. Sie sind innen weicher als die Gekauften. Da ist nämlich kaum halb so viel Wasser, sondern Fruchtfleisch. Als Liebhaber von Radieschen genoss ich sie einzeln und langsam. Denn gerade im Nachgang kam die Schärfe so richtig empor. So viele Radieschen wie in diesem Sommer habe ich lange nicht gegessen. Meine Dialyseärzte wären erschüttert ob der bösen Kaliumgefahr. Susanne mag Radieschen nicht gar so gern. Es gab ja noch Zucchini und Gurken. Irgendwann drückte sie mir stolz einen Öschi in die Hand, mit dem Du Einbrecher verhauen könntest. Eine Zucchini wurde mal gewogen und brachte mehr als zwei Kilo auf die Waage. Kürzlich sah ich einen Bericht über Rekordgemüse, das viel viel schwerer war. Aber das ist extra gezüchtet. Und ob es noch genießbar ist, wurde nicht gesagt. Unsere Öschis jedenfalls waren es. Gurkensalat oder Zucchini-Risotto. Wir kreierten, was wir als Laienköch_innen können. Die Erdbeeren machten wieder einen Riesenunterschied. Du kannst sie ohne Beigaben essen. Weder Zucker noch Sahne oder sonst was sind nötig. Weniger Wasser, dafür viel Geschmack und auch nicht zu viele. So geht Genuss! Sorgen hatten uns die Tomaten gemacht. Sie fühlten sich so hart an und blieben sehr lange grün. Sie hatten auch sehr wenig Sonne in diesem Jahr. Sie kamen als letzte, rundeten das schmackhafte Gemüsejahr würdig ab. Sie sind so hart, weil sie statt nachgiebigem Wasser festes Fruchtfleisch enthalten. Maximal halb so viel Wasser wie üblich. Du kannst hineinbeißen, ohne dass alles in die Gegend spritzt. Zum Beispiel eine echte Tomatensauce, die schmeckt, haben wir daraus gemacht. Es ist September und so langsam endet die Gemüsesaison.
Die Äpfel sind reif. Leider sind sie eine Enttäuschung. Sehr viele sind wurmstichig und innerlich verfault. Susanne hat gestern mal die Essbaren eingesammelt und zu Mus verkocht. Überzeugt von Geschmack und Konsistenz ist sie nicht. Von außen hatten wir die Äpfel noch bei unserem Besichtigungstermin gesehen. Da waren sie wie gemalt. Wir wissen noch nicht, ob unsere Apfelbäume krank sind. Möglicherweise fehlte einfach die Sonne für ein gehaltvolles Aroma. Aber das erste Apfelmus ist sehr schmackhaft geworden.

Alles in allem war es ein tolles Gartenjahr. Susanne liebt es, barfuß und mit bloßen Händen im Beet zu werkeln. Ihre Freude daran erhellt das ganze Haus. Liebevoll servierte sie jeden Tag eine Ernte. Außerdem sammelte sie viele Erfahrungen fürs kommende Jahr. Neuer Samen ist bereits besorgt. Unsere Tomaten haben sich übrigens selber fortgepflanzt. Kaum einer weiß es, aber die Industrie hat das unseren üblichen Tomaten weggezüchtet. Damit wir nur die aus dem Supermarkt essen können. Susanne hat auch schon Pläne, wann welcher Samen gesät wird. Ich glaube, bereits im November geht es los. Unser Gemüsebeet ohne Bestandsbirke müssen wir noch umgraben. Die übrigen Pflanzen kommen auf den Kompost, den unsere liebe Vermieterin inzwischen hat herrichten lassen. Wir können unseren Früchten anschmecken, wie viel Liebe, Sorgfalt und Geduld in ihnen steckt.

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