Verzweiflungstat

Sechs Tage liegt das zahnlose Duell zwischen Merkel und Schulz zurück. Wir sind sicher, für die Parteien- und Medienwelt hatte es weit größere Bedeutung als für den Bürger. Heute begeben wir uns in den Kosmos der Journalisten und Politschauspieler. In diesem kleinen Universum meinten viele, das Duell sei Martins letzte Chance, spürbar auf Angela aufzuholen. Wie er das bewerkstelligen könnte, wurde nicht gesagt. Der rationale Journalist meint natürlich, dass er mit Inhalten punkten muss. Schwierige Sache bei so geringen Unterschieden. Statt der Sozialdemokratisierung der Union – wie sie so oft genannt wird – würden wir gern den Begriff der Unionisierung der SPD in die Debatte einführen. Die begann spätestens mit der Agenda 2010. Bleibt also nur die Chance, einen besseren Eindruck als die Regentin zu hinterlassen. Ist ihm gelungen. Bei der dämlichen Frage, wer besser war als erwartet, lag Martin vorn.

Ihm schien das aber nicht zu reichen und so hatte er sich was ausgedacht: „Wenn ich Kanzler bin, werde ich mich dafür einsetzen, dass die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei abgebrochen werden.“ Es folgte Erstaunen bei der Regentin. Sie ist jedoch routiniert und meinte dann so irgendwas wie, dass sie auch schon daran denkt. Na prima. Im kleinen Kosmos wurde das natürlich damit übersetzt, dass Schulz es leid ist und die Gespräche abbrechen will. Endlich hatten sie mal ein wenig Futter für ihre hungrigen Druckerpressen und Online-Portale. Vordringlich ging es Martin um den Eindruck. Er markiert den starken Mann, der sich die Provokationen aus Ankara nicht länger gefallen lässt. Dem Türken zeigen wir jetzt aber mal, wer der Stärkere ist. Denn inhaltlich ist dieser Vorstoß natürlich ein Rohrkrepierer. Das war Sonntag schon klar und wurde beim Außenministertreffen der EU deutlich. Außer Österreich, ebenfalls im Wahlkampf, will keiner mitmachen. Dümmer kannst Du in einer Gemeinschaft kaum dastehen. Aber auch der Eindruck eines harten Machers konnte nicht entstehen. Hatte Sigmar doch zwei Tage zuvor noch etwas ganz anderes gesagt. Und der ist immerhin Martins Inthroniseur und Außenminister. Schulz ist nur Sozichef und Kanzlerkandidat. Nun ja, die Türken reagierten wie gewünscht mit Nazivergleichen. Kennen wir schon, regt keinen mehr auf. Selbst das Wahlvolk ist zu 80 % für das Fortsetzen von Gesprächen. Und weil Schulz die meiste Zeit seines Schauspielerdaseins in der EU verbrachte, wissen wir, dass er weiß, wie dort der Hase läuft. So müssen wir seinen Vorstoß als puren Populismus werten. Rolf Mützenich, aufrechter Genosse und Wahlkämpfer, versucht am Samstag im Interview mit dem DLF Martins Kehrtwende damit zu erklären, dass seit dem Parteitag und -programm im Juni ja noch was geschehen ist. Richtig, es wurden weitere Deutsche in der Türkei eingeknastet. Diese Erklärung wirkt armselig. Schulz hatte weder uns noch den Türken gesagt, dass bei einer bestimmten Anzahl Gefangener für ihn Schluss ist. Seinen Genossen, siehe Sigmar, hatte er es auch nicht verraten. So wirkt diese Ankündigung während des Duells wie eine Verzweiflungstat. Außer billigem Populismus fällt dem Obersozi nichts mehr ein. Gewirkt hat es nicht. Glauben wir dem Deutschlandtrend der ARD, sinkt die älteste Partei Deutschlands auf 21 %. Noch niedriger, als sie bei Martins Amtsantritt im Januar war.

Wir weisen gern auf unser Orakel und das Projekt 18 der SPD hin. Selbst in freundlichen Umfragen kommen sie der Sache näher.

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