Merkels Mauer

In den 80er-Jahren erschien eine Hörspielserie von Michael Koser. Sie heißt „Jonas, der letzte Detektiv“. Sie spielt um das Jahr 2010 herum und galt deshalb damals als Science Fiction. Technische Spielereien wie sprechende Computer kommen auch drin vor. In diesen Geschichten hat sich Europa von der sog. Drittwelt abgeschottet. Eine hohe Mauer zieht sich quer über den Balkan. Ganz genau wird die Geografie nicht beschrieben. Von draußen darf niemand hinein und den Wohlstand stören. Der ist für den Normalo in Europa ohnehin nicht groß. Billige Arbeitskräfte lassen die Grenzer nach Bedarf durch geheime Türen. Oder auch Babys für reiche Europäer. Als Kind oder auch als Organspender. In unseren damaligen Ohren klang diese Mauer gruselig. Ein paar Jahre später wurde die tatsächliche Mauer eingerissen. Damals regte sich das Volk noch (auf). Über Tschernobyl 1986 oder die Volkszählung ein Jahr später. Sie gestatten diesen Ausflug in meine Jugend, weil die EU gerade dabei ist, solch eine unmenschliche Mauer fertigzustellen.

In „Merkels Plan“ beschreiben wir, wie es zum Bau der östlichen Mauer kam. Es ist keine aus Mörtel und Beton. Das ist heute kaum mehr nötig. Die Mauer besteht im politischen Willen des so oft gescholtenen Recep Tayib Erdogan. Seit März 2016 sorgen die türkischen Sicherheitskräfte dafür, dass fast keine Menschen mehr nach Griechenland übersetzen können. Dafür bekommt die Türkei 6 Milliarden Euro. Angeblich nicht der Staat, sondern nur Hilfsorganisationen. Die kümmern sich um die Syrer in der Türkei. 2,5 Millionen sind es angeblich. Seltsamerweise hören wir nichts über diese Syrer in der Türkei. Dabei müssten es doch prima Werbefilmchen für die arg kritisierte EU sein. Unsere geleiteten Leitmedien müssten mit Freude über die Wohltaten des Westens berichten. Tun sie aber nicht. Im übrigen ist auch der Rest der alten Balkanroute dicht. Vor allem in Griechenland sitzen die Flüchtlinge fest. Frontex sollte dort Zentren für Asylverfahren aufbauen. Mit deutscher Hilfe. Auch davon hören wir nichts. Es sollten Syrer aus Griechenland zurück in die Türkei verschifft und im Gegenzug welche aus der Türkei nach Europa geflogen werden. Maximal hat das bei ein paar hundert geklappt. In Deutschland kräht nach all dem kaum noch ein Hahn. Hauptsache, es kommt niemand mehr. Das Boot ist voll. Eine schlimme Metapher, wie wir noch sehen werden. Penibel rechnen wir irgendwie die Integrationskosten für die Angekommenen aus und addieren sie zur staatlichen Entwicklungshilfe. Diese Summe schlagen wir auf die Kriegsausgaben für die Bundeswehr drauf und sagen den Amis: Schaut her, fast erreichen wir die geforderten 2 % des BIP. Warum kommt all das nicht im Wahlkampf vor? Weil fast alle diese Politik gut finden und glauben, dass die AfD im Hinblick auf Flüchtlinge allzu sehr punkten würde. Sie trauen ihrem eigenen Volk nicht, das vor zwei Jahren ein großartiges Willkommen organisiert hat. Schon eine Woche nach Angelas berühmten Satz fing die CSU an zu schimpfen. Im Duett mit den Alternativen. Bald stimmte die GroKo ein. Schon im November 2015 kam es zum ersten Maßnahmenpaket (gegen die Flüchtlinge). Nach fast zwei Jahren Trommelfeuer aus fast allen Parteien und geleiteten Leitmedien ist es kein Wunder, dass vom Willkommen nicht mehr viel übrig ist.

In diesem Jahr begann die Kritik an den Hilfsorganisationen im Mittelmeer. Bundesinnenscharfmacher de Maiziere war immer ganz vorn dabei. Wie oft haben wir gefordert, dass diese Verbalzeitbombe weg muss? Es heißt, die NGOs arbeiten mit den Schleppern zusammen. Es gebe Lichtsignale und geheime Rendezvous auf dem Wasser. Den größten Handlungsdruck hat Italien. Weil es vom Rest der wertegetragenen EU mit den Geretteten allein gelassen wird. In diesem Jahr etwa 120.000 Menschen bisher. Die Hilferufe und Drohungen Roms verhallten in den Alpen. Ganz so ernst meinten es die Gentilonis und Minnittis auch nicht. Nach anfänglichem Zögern stimmten sie der Kriegsmission Sophia der EU doch wieder zu. Italien wollte, dass die freiwilligen Retter einen Verhaltenskodex unterzeichnen. Ein Teil der Organisationen hat es wohl gemacht. So richtig half das alles noch nicht. Inzwischen hat die EU in Libyen willige Helfer gefunden, ausgestattet und bezahlt. Diese libysche „Küstenwache“, gewöhnlich sagt man Söldner dazu, fährt nun vor der Küste herum und bedroht die Rettungsschiffe. Aus der üblichen 12-Meilen-Zone wurde eine 70 Meilen umfassende Sperrzone. Wie gut das mit internationalem (See)recht übereinstimmt, wissen wir nicht. Es kräht im Westen … na Sie wissen ja. Um das Leben ihrer Leute zu schützen, zogen viele NGOs ihre Schiffe zurück. Seit einigen Tagen ist das Thema nicht in den Medien und so kennen wir die aktuelle Lage nicht. Zu allem Überfluss kreuzt noch so ein Schiff der nationalsozialistischen Identitären im Mittelmeer. Ursprünglich wollten sie – getreu dem AfD-Wahlprogramm – Menschen retten und nach Libyen zurückbringen. Dazu ist es bislang nicht gekommen.

Der Deutsche ist ja für seine Gründlichkeit bekannt. Was die Lebemänner aus Italien da machen, ist ja schon ganz gut. Entschuldigen Sie den humorigen Ton im Angesicht vieler Toter und der herrschenden Unmenschlichkeit. Die unionierten Christen, denen Jesus laut Bibel Barmherzigkeit ans Herz legte, möchte Afrikas Nordgrenze sicher, sprich undurchlässig machen. Wie einst unter Freund Gaddafi. Vielleicht wollte Westerwelle – Gott hab ihn selig – den Libyer 2011 deshalb nicht wegbomben. Übrigens stimmen die meisten anderen Parteien im und außerhalb des Bundestages diesem Vorhaben zu. Unsere 87 Prozent-Linken sind die einzigen, die das anders sehen. Unsere Regentin reiste also am 28. August nach Paris zu ihrem neuen Freund Emmanuel Macron. Der hatte zusätzlich Gentiloni aus Italien und Rajoy aus Madrid eingeladen. Für sich genommen schon mal ein seltsames Quartett. Offenbar die einzigen in der EU, die bei der Flüchtlingsfrage mal anpacken wollen. Sebastian Kurz aus Wien wäre sicher auch gern gekommen. Immerhin ist Österreich potentielles Transitland und spielt deshalb mit Panzern am Brenner. Nur nicht im Sommer wegen der Urlauber. Erst wieder im Herbst kurz vor der eigenen Nationalratswahl. Aber Kurz war nicht eingeladen. Vielleicht wäre das zu auffällig gewesen. Denn es gab noch andere, die nicht eingeladen waren. Bei den Afrikanern fehlte zum Beispiel der sympathische Herrscher aus Eritrea. Da werden junge Männer jahrelang in die Armee gezwungen und unmenschlich kaserniert. Außerdem ist die Bevölkerung bitterarm. Deshalb kommen viele Menschen von dort. Der Präsident des Sudan konnte auch nicht kommen. Der wird nämlich wegen Völkermords mit internationalem Haftbefehl gesucht. Das wäre ein Bild gewesen, wenn Merkel und Macron ihn festhalten bis die Polizei kommt. Aus und durch den Sudan kommen ebenfalls viele Menschen. Trotz des Abspaltens des Südsudans hat sich dort nichts verbessert. Das geschah auch wohl eher, um leichter an die südsudanesischen Ölreserven ranzukommen. Um von der Ausbeutung abzulenken, gibt’s dort einen Bürgerkrieg. Die kamen also alle nicht. Anwesend waren die Führer aus dem Niger und dem Tschad. Ebenfalls Transit- und Herkunftsländer. In Tripolis hat der Westen ja irgendeinen der marodierenden Warlords zum Staatschef Libyens ernannt. Entweder er selber oder einer seiner Spießgesellen war auch in Paris. Es ging um den Marshall-Plan für Afrika. Tolle Sache, diese gelungene historische Anspielung. Uns halfen die Amis, damit wir BRDisten machten, was sie sagten. Jetzt hilft die EU bestimmten afrikanischen Herrschern, damit die machen, was die EU sagt. Es geht um Ausbildung. Aber nicht etwa zum Schreiner, sondern wahlweise zum Polizisten oder Soldat auf dem Land oder auf dem Wasser. Dann geht es um Technologieexport. Aber nicht von effektiven Landmaschinen, sondern um Schießgewehre, Panzer und was die o.g. Berufsgruppen alles brauchen. Das geschieht freilich alles unter dem Schirm der hehren Werte der EU. Das haben die afrikanischen Herrscher schnell kapiert und setzen die dann zu Hause um. Wenn sie zögern, kommt so ein mahnendes Köfferchen mit Überredungspapier aus Brüssel. Außerdem ist Afrika weit weg und da sieht der wertegetragene Europäer das Geschehen nicht so gut. Ihm ist ja auch nur wichtig, was noch rauskommt. Nämlich niemand! Gezielt werden die Grenzschutztruppen der kooperierenden Staaten ausgebildet. Damit die in Afrika endlich das schwere Problem des Sandschmuggels in den Griff kriegen. In „Bleibt doch in der Wüste“ haben wir das genau erklärt. Die Konferenz von Paris läuft darauf hinaus, dass Europa afrikanische Herrscher dafür bezahlt, dass keine Menschen mehr aufs Mittelmeer fliehen können. Die Boote bleiben leer. Gleichzeitig sponsern wir die heimische Kriegsindustrie, die die Afrikaner, mit unserem Steuergeld bezahlt, ausrüsten wird. Die schmutzigen Hände, die sich die Söldner dort machen, können wir von Brüssel aus nicht sehen. Außerdem weht uns ständig die Fahne mit unseren hehren Werten wie Menschenrechte und so vor der Nase herum. So wird dieser miese Deal eines Tages klappen wie der mit der Türkei. Wir sagen dann Aufbauhilfe für Afrika und Beenden des widerlichen Schleusertums dazu. Die anderen drei nordafrikanischen Staaten Tunesien, Algerien und Marokko kümmern sich aus Eigeninteresse darum, dass keine Flüchtlinge ins Land kommen. Sonst schließen wir mit denen auch so praktische Abkommen. Mit Ägypten klappte das übrigens schon ganz gut. Ägypten ist ja auch ein Stabilisator in der Region. Hat unsere Regentin gesagt. Nur böse Verschwörungstheoretiker würden die Milliardenaufträge an Siemens mit dieser Einschätzung in Verbindung bringen. Der Außenminister spielende Sigmar war kürzlich in ganzer Pracht auch am Suezkanal zu Gast.

Die schlimme Vorhersage des Michael Koser wird wahr. Europa schottet sich ab gegen die Drittwelt. Anders als bei Koser muss Europa den Grenzschutz nicht selber übernehmen. Das machen Vasallen. Von anderen schlimmen Dingen aus diesen Hörspielen sind wir auch nicht mehr weit entfernt. Zum Beispiel sind die Menschen in dem fiktiven Europa total überwacht und nach sozialem Nutzen eingeteilt. Doch darauf wollen wir hier nicht eingehen. Merkels Mauer wird gebaut. Auch wenn sie nicht aus Mörtel und Steinen besteht wie ihre altertümlichen Vorgänger in Berlin oder China.

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