Engagement und Leidenschaft

Der 1. September ist Antikriegstag. Aus diesem Anlass organisierte der DGB gestern eine Veranstaltung vor der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache hinter dem Dortmunder Hauptbahnhof. Hauptredner war Dr. Eugen Drewermann. Hier sind meine Eindrücke.

Krieg und Frieden. Bei kaum einem anderen Thema wird mehr geheuchelt und dreister gelogen. Die Politiker versuchen, uns einen Knoten in den Kopf zu reden. Da wird gefaselt von Verantwortung und von der enormen Komplexität der Probleme, die militärische Einsätze unumgänglich machen. Diese Mähr wird in den Mainstream-Medien tagein, tagaus wiedergekäut. Es ist manchmal schwer, sich der Wirkung einer solchen Dauerberieselung zu entziehen. Deshalb ist Eugen Drewermann so wichtig.

Bei all der üblen Propaganda und Hetze, der wir ausgesetzt sind, bedarf es dringend einer Stimme der Vernunft, einer Stimme der Menschlichkeit.

Eugen Drewermann bringt die Dinge mit zwei zentralen Aussagen auf den Punkt, denn so kompliziert, wie man uns weismacht, sind sie gar nicht.

  • Ein Mord ist ein Mord. Ein Soldat ist ein Mörder, denn ein Mord, auch wenn er vorgeblich im Namen hehrer Ziele ausgeführt wird, bleibt das, was er nun mal ist.
  • Aus Gewalt und Mord kann nichts Gutes entstehen.

Damit ist das Wichtigste gesagt. Alles, was unsere Regierung zum Thema Krieg beizutragen hat, dient nur dazu, ganz anders geartete Interessen mit Nebelkerzen zu verhüllen.
Da also Krieg keine Option und schon gar keine Lösung ist, ergeben sich für jeden friedliebenden Bürger Forderungen an sein Parlament. Drewermann hat sie so zusammengefasst:

Deutschland muss raus aus der NATO, denn die Nato ist keine Sicherheitsarmee, sondern eine Kriegsmaschinerie.

Atomwaffen raus aus Deutschland; es darf keine Beteiligung der Bundesrepublik an atomarer Aufrüstung geben.

Schließung von Ramstein, keine weitere Beteiligung an illegalen, außergerichtlichen Morden auf Verdacht hin.

Keine Erhöhung der Rüstungsausgaben, Abschaffung der Bundeswehr.

Eugen Drewermann kommt auch auf die Bedrohung durch Russland zu sprechen, die zurzeit wieder allgegenwärtig propagiert wird. Vielleicht helfen in diesem Fall ein paar Zahlen weiter (sie beziehen sich auf das Jahr 2016):
600 Milliarden Dollar gaben allein die USA für Militär aus, 300 Milliarden die NATO-Staaten, die assoziiert sind. Russland gab 80 Milliarden Dollar fürs Militär aus. Nicht ein Zehntel dessen, was der Westen an Rüstungsmitteln verschwendet. Wer also bedroht da wen? Und vor wem müssten wir mehr Angst haben?

Ein Gedankengang seiner gestrigen Rede ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Drewermann richtet einen Appell an Frau v.d. Leyen. Er sagt sinngemäß: „Ich kann es nicht mehr hören, wie Frau von der Leyen behauptet, dass Soldat zu sein genauso ein Beruf sei wie jeder andere, beispielsweise Gärtner oder Ärztin. Ich will auch nicht, dass die Bundeswehr ihre Agenten in unsere Schulen schickt und schamlos für sich Werbung macht. Dort erzählen sie den Schülern, welch gute Aufstiegs-Chancen man in der Armee habe; wie sogar die Kinderbetreuung und der Urlaub prima geregelt seien. Das ist zynisch. Frau von der Leyen: Das Töten von Menschen kann niemals ein normaler Zivilberuf sein!“

Jeder fühlende Mensch kann Herrn Drewermann da nur Recht geben. Wie weit muss man von seiner Seele entfernt sein, wenn man Jugendliche ernsthaft dahingehend belehrt, dass eine Ausbildung zum Töten nichts anderes sei als eine Ausbildung zum Brotbacken? So etwas dürfen wir als Zivilgesellschaft in unseren Schulen nicht dulden!

Ein Soldat ist kein Bürger in Uniform. Einem Soldaten wird in der Kaserne das Denken aberzogen und der dafür gewonnene freie Raum wird mit Gehorsam gefüllt. Dafür ist der Drill konzipiert worden. Der Soldat soll blindlings gehorchen, seinen Verstand, sein Gefühl und sein Gewissen ausschaltend. Anders kann man auch kein guter Soldat sein. Anders kann man unmenschliche Befehle nicht ausführen.

Das heißt aber auch im Umkehrschluss: Mit wirklichen Individuen ist kein Krieg zu machen, denn wir Menschen haben Herz und wir haben Geist. Wir sind mit einer Seele und einem Gewissen ausgestattet. Wagen wir es, vollwertige Menschen zu sein, indem wir all diese wunderbaren Eigenschaften nutzen, sind wir als Soldaten untauglich. Das macht Hoffnung.

Natürlich spricht uns Drewermann auch auf die bevorstehende Wahl an. Auch er beklagt, dass über Krieg und Frieden im Wahlkampf kaum geredet wird. Dabei sei es das zentrale Thema überhaupt. „Wir Bürger müssen uns einer Politik verweigern, welche sich die Option des Krieges immer noch offen lässt. Wir müssen uns einer Politik verweigern, die unter dem Begriff Verantwortung Waffengewalt versteht.“

Er bedankt sich für die Einladung des DGB zu dieser Veranstaltung. Der DGB habe im Gegensatz zur SPD in der Frage Krieg und Frieden meist klar Stellung bezogen. Auf die Meinung der sog. Christlichen Parteien geht er in diesem Zusammenhang nicht ein. Deren Kriegstreiberei ist ja auch hinlänglich bekannt.

Wie die anwesenden Bundestags-Kandidaten diese Einschätzung aufnehmen, kann ich nicht beurteilen. Aber Ulli Sierau habe ich im Blick, da er ziemlich in meiner Nähe steht. Er folgt dem ganzen mit unbewegter Miene, die Arme vor der Brust verschränkt. Politisch korrekt applaudiert er selbstverständlich an den richtigen Stellen. Was er von den Bemerkungen in Richtung SPD hält, kann man nur erahnen. Ich wage mal die Vermutung, dass ihm das Thema gleichgültig ist und er hier einen Pflichttermin absolviert. Als ich später mit der Bahn Richtung Stadtgarten nach Hause fahre, sitzt er mit zwei weiteren Genossen auf der benachbarten Bank, so dass ich die angeregte Diskussion über den BVB-Spieler Reus und dessen Verletzung mithören kann. Es scheint nicht so, als dass Herr Drewermann bei Ulli bleibenden Eindruck hinterlassen hätte. Nachdenklichkeit ist nicht zu spüren.

Dabei ist Eugen Drewermanns Rede mitreißend, voller Engagement und Leidenschaft. Dieser eher unscheinbare 77jährige Mann aus Bergkamen hat eine große Wirkung auf viele Zuhörer. Die Authentizität, die er ausstrahlt, ist selten geworden. Man spürt, dass ihm die Menschen am Herzen liegen.

Angesichts der wenigen Mitstreiter, die sich gestern im düsteren Vorhof der Steinwache zusammengefunden haben, könnte man den Mut verlieren. Besonders, wenn man bedenkt, dass am heutigen Samstag wieder Abertausende in die Fußballstadien pilgern. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen ist es wichtig, nicht zu resignieren und für Frieden und Abrüstung einzutreten.

Es tat gut, eine Stimme voll Empathie und Menschlichkeit zu hören.

 

 

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