Schulzzug in Scharnhorst gestoppt

Zeitig gehen wir los. Der Stille Winkel macht seinem Namen Ehre. Nicht einmal Rasenmäher oder Heckenscheren sind unterwegs. Geruhsam wandern wir zur Haltestelle. Neben uns kommt eine Bahn von Grevel Richtung Stadtmitte. Die wollen wir gar nicht erreichen, sondern die nächste. Plötzlich ein Knall! Nicht wie ein Pistolenschuss oder eine Fehlzündung. Danach noch zweimal ein merkwürdiges Geräusch von derselben Stelle. Susanne kann nichts sehen. Die Häuser stehen dazwischen. Erst als wir einige Meter weiter sind, erspäht sie einen Masten, der qualmt. Das könnte der Übeltäter sein. Die Bahn ist weitergefahren bis zur Haltestelle. Wir wandern. Eine Gegenbahn nach Grevel hören wir nicht. Gewöhnlich fahren die Bahnen fünf Minuten versetzt zueinander. Es hätte eine kommen müssen. So langsam beschleichen uns Ahnungen. „Das wäre doch ein Omen fürs Projekt 18, wenn der Knall für unseren Zug war“, orakelt Susanne.

Denn – wie in unserem Bericht „Ein verwegener Plan“ schon angekündigt – sind wir auf dem Weg nach Bochum, um den Lokführer live bei einem Wahlkampfauftritt zu sehen. Dass er die Großstadt Dortmund nicht mit seiner Anwesenheit beehrt, finden wir sehr bedauerlich. Aber gut, dachten wir, dann fahren wir nach Bochum ins Bermuda3eck. Dort soll ja auch zu Nicht-Wahlkampfzeiten schwer was los sein. Meine Motivation lässt etwas zu wünschen übrig. Politik, oder vielleicht richtiger, unsere Politdarsteller, öden mich zunehmend an. Die sog. Dieselaffäre, das unverdrossene Festhalten an ÖPP-Projekten, die zunehmende Militarisierung und die Datensammelwut sind nur ein paar Beispiele dafür, warum ich mich als Bürgerin nicht mehr vertreten fühle von meinen „Volksvertretern“. Die vertreten zwar noch irgendwelche Interessen, aber ganz bestimmt nicht die der normalen Bürger. Der Lokführer gehört zur besonders verlogenen Kategorie der Sozialdemokraten. Stellt er sich doch zum Beispiel jetzt hin und spricht sich gegen die Maut aus mit der – man höre und staune – abenteuerlichen Begründung, die Maut habe außer der CSU sowieso keiner gewollt. Als Wählerin fehlen mir die Worte ob einer solchen Frechheit. Auch die SPD-Genossen saßen im Bundestag, als über die Maut abgestimmt wurde. Und sie stimmten dafür. Oder hat Herr Schulz das schon vergessen? Dies ist nur ein Beispiel, warum den Politikern die Wähler weglaufen. Sie sind inzwischen einfach zu dreist in ihrer Scheinheiligkeit.

Zurück zu unserer Hoffnungsbahn. Als wir zur Haltestelle Gleiwitzstraße kommen, steht sie oben auf dem Bahnsteig. Die Türen sind offen. Einige Fahrgäste sitzen noch drin. Als wir in die Runde fragen, ob es bald weitergeht, kommt ein allgemeines Schulterzucken. Also marschieren wir weiter bis zum echten Lokführer, sprich Bahnfahrer. Der steigt auch gerade aus und zündet sich erstmal eine Zigarette an. Den Knall hat er auch gehört. „Jetzt habe ich keinen Saft mehr“, meint er. Wir verabschieden uns abwärts, denn diese Bahn fährt vorläufig nicht weiter. Dessen sind wir sicher. Weil ich mich an diesem Tage nicht fit fühle, verzichten wir auf ein Taxi zum Bahnhof und gehen heim. Von unten hören wir noch die Bahnsteigdurchsage. Bis Schulte-Rödding wird ein Schienenersatzverkehr eingerichtet. Unsere technische Einschätzung der Lage war richtig. Zu Hause gibt es wahnsinnig schmackhafte Ofenkartoffeln mit Quark. Später erfahren wir aus dem Netz, wie recht wir hatten mit unserer Umkehr. Bochum sei Martinsland und der Lokführer hatte ein Heimspiel. Allerdings erst ab 15 Uhr. Beginn der Veranstaltung war um 13.30 Uhr. 90 Minuten wurden die Sozis mit einer Band und lokalen Politgrößen bei Laune gehalten. Seit unserer Anmeldung hatten wir von der SPD zahlreiche Mails erhalten. Ein Hinweis auf Martins spätes Erscheinen war nicht dabei. Dies war bei der unionierten Christenheit und ihrer Regentin deutlich besser. Dort war klar, was wann ablaufen sollte. Wir sind hochfroh, dass wir nicht fast zwei Stunden im Kreise selbstzufriedener, altbackener Sozis mit Bier zubringen mussten. Auf dem Rückweg hätten uns die schwarzgelben Horden, ebenfalls mit Bier, beglückt.

Susannes Politverdrossenheit teile ich. Wie erwartet schafft es Martin nicht, aus dem Dunstkreis Angelas herauszukommen. Dafür ist seine Politik der ihren zu ähnlich. Nach der guten Zusammenarbeit auf EU-Ebene, als Martin noch EU-Parlamentspräsident war, ist dies auch nicht anders zu erwarten. Deshalb blieb der Schulzzug vom Februar eine lahme Ente. Die Wähler_innen waren bereit für einen Politikwechsel, die SPD nicht. Treue Sozis wie Albrecht Müller von den NachDenkSeiten rufen die Genossen zur Umkehr in letzter Sekunde auf. Unverdrossen träumt Müller von Willys Zeiten. So wie ihm mag es vielen alten Sozis gehen. Auch denen in Bochum. Was junge Leute zur SPD zieht, wissen wir nicht. Aber das Volk ist groß und vielfältig. Auf das Würstchen bei den Linken haben wir gleichzeitig verzichtet. Parallel zum Lokführer grillten sie in Bochum. Am Rost standen Sahra Wagenknecht und Sevim Dagdelen. Doch auch die Linken sind enttäuschend. Im Wahlkampf nicht zugkräftig und in Brandenburg senken sie gerade gemeinsam mit den Sozis die Klimaziele ab. Auch war es, um an Susanne anzuknüpfen, Ramelow aus Thüringen, der die Maut und die Privatisierung der Autobahnen im Bundesrat möglich machte.

Übrigens fährt die Hoffnungsbahn schon seit etwa 17 Uhr wieder.

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