Dammbruch

„Der Fußball ist zum Geschäft geworden“, heißt es seit Jahren. Ich glaube, in diesem Sommer hat er in Deutschland den entscheidenden Schritt weg vom alten Lieblingssport hin zum puren Kommerz gemacht. Vermutlich hat da jeder seine eigene Schmerzgrenze. Meine wurde überschritten. Seit fast 40 Jahren habe ich am Wochenende die Spiele der Bundesliga verfolgt. Es war mal ein sehr großes Hobby. In den vergangenen Jahren lebte es sogar etwas auf, weil es außer Radio- auch Internet-Übertragungen gab. Die kamen völlig ohne Musik und Nachrichten aus. Wer wollte, konnte sich ein Spiel in voller Länge anhören. Das entsprach deutlich mehr meinen Wünschen als das Gedudel mit Blitzeinblendungen auf WDR 2 oder Radio 91.2 in Dortmund.

Ablösesummen und Gehälter sind seit langer Zeit nicht mehr gerechtfertigt. Ich kann keine Summe nennen, die ein guter Ligaspieler verdienen soll. Vielleicht 500.000 €, vielleicht 100.000 € im Jahr. Im Laufe der Jahre trat ein Gewöhnungseffekt ein. Der Maßstab verschob sich. Transfers von 20 oder 30 Mio. wurden in der Bundesliga normal. Ziemlich krank wirkte schon die Werbeaktion um Marco Reus beim BVB. Er unterschrieb einen neuen Vertrag mit nur 8 Mio. Jahresgage. Woanders hätte Reus viel mehr kriegen können. Deshalb war sein Bleiben ein Beweis für seine Liebe zum BVB. Wer das noch glaubte, naja … Ein wenig tröstete ich mich damit, dass ich dem Fußball keinen Cent gebe. Weder kostete das Internet-Hören noch kaufte ich Fanartikel oder Eintrittskarten. Die zu hörenden Darbietungen langweilten mich jedoch zusehends. Torszenen wurden rar. Identifikationsfiguren für ein Team sehr selten. Die BVB-Fans hatten es unter Klopp noch sehr gut. Das war ein gewachsenes Team. Heute ist davon nichts mehr übrig und die Bindung spürbar anders. In der Liga laufen fast nur noch Söldnertruppen rum. Das belegt auch der hohe Ausländeranteil, der seit vielen Jahren zwischen 40 und 55 % schwankt. Einen Titelkampf gibt es seit fünf Jahren nicht mehr. Von vornherein erklärt sich der Konkurrent BVB für chancenlos gegen die Bayern. Das ist langweilig und lässt sich durch einen spannenden Abstiegskampf nicht ausgleichen. Denn im Leistungssport geht es nun mal darum, wer gewinnt. Nicht darum, wer etwas weniger schlecht ist.

Zum ersten Mal empfand ich die Fußballpause ab Mai als derart wohltuend. Confed-Cup, U21- oder Frauen-EM ließen sich ignorieren.

Dann wurde klar, dass es einfaches Internet-Hören nicht mehr geben wird. Ab dieser Saison musst Du Premium-Kunde bei Amazon werden, um deren Angebot hören zu können. Mehr noch als hinter den paar Euros pro Monat werden sie hinter unseren Daten her sein. Zudem fehlt mir die Lust auf das komplizierte Einloggen über deren Seite. So etwas mag ich nicht. Für die Zuschauer ist es noch etwas komplexer. Wer Sky-Abonnent war, wähnte sich bislang auf der sicheren Seite. Aber für die neue Saison braucht der Allesgucker zusätzlich ein Eurosport-Abo. Die Spieltage werden weiter zersplittert. Es gibt fünf Partien am Freitagabend, fünf am Sonntag um 13.30 Uhr und fünf am Montag um 20.30 Uhr. Für die Nichtfußballer: bisher gab es Samstag 15.30 Uhr mehrere, Samstag um 18.30 Uhr das sog. Topspiel, sonntags eines um 15.30 Uhr und 17.30 Uhr. Diese Termine bleiben. Alles nur, um mehr Einzelspiele zu haben. Einen Überblick über den gesamten Spieltag hast Du dann frühestens am Montagabend. Wer gern mehrere Teams live verfolgt, hat am gesamten Wochenende etwas zu tun. Das halte ich für unzumutbar. Wer nur sein Team verfolgt, für den ändert sich nicht viel. Aber der ist auch reichlich einspurig unterwegs. Anfang August kaufte nun der Scheich von Paris St. Germain den Spieler Neymar für 222 Mio. Euro vom FC Barcelona. Als Ersatz holen sich die Spanier jetzt den Dortmunder Spieler Dembélé für bis zu 148 Mio. Euro. Das ist abstoßend. Dembélé war bockig und streikte für seinen Wechsel. Der BVB suspendierte ihn daraufhin. Jetzt hat das Kind sein Räppelchen. Und der BVB hat knappe 150 Mio. Die werden reinvestiert, denn sie brauchen ja einen Ersatz für Ousmane. Schon im vergangenen Sommer kauften und verkauften die hiesigen Borussen für jeweils 110 Mio. Es gingen drei, es kamen acht. Jetzt ist es nur einer und damit haben sie die Grenze deutlich überschritten. Ein Verein, dessen Anhänger im Februar Besucher aus Leipzig attackierten, weil der RB ein Plastikverein ist. Abhängig vom Red Bull-Hersteller Mateschitz und aus dem Boden gestampft. Gegen den BVB sind die bei RB Kleingeldhändler. Selbst Bayerns teuerster Transfer Tolisso bewegte sich bei etwa 42 Mio., also einem Drittel. Dieser unanständige Transfer ist der letzte Schubser, um den Fußball ins Aus zu schieben. Die Entfremdung setzt ein. Für viele ist es nur noch Event, bei dem auch geknallt und gekloppt werden sollte. Irgendwann werden die Bewohner der Bundesligastädte nicht mehr bereit sein, dieses Wochenendtheater so klaglos hinzunehmen. Die Polizeieinsätze verschlingen große Summen. Das Personal fehlt anderswo. Die Vereine zahlen Steuern wie jeder Veranstalter. Sie verursachen mit ihren Spielen allerdings ein Vielfaches an Kosten. Bei internationalen Spielen darf in einer Zone rund ums Stadion nur etwas von den jeweiligen Sponsoren der WM oder der CL verkauft werden. Wie lange lassen sich das die Einzelhändler und Gastronomen bieten? Bislang agieren die Verantwortlichen sorglos. Der DFB hatte 14 Bewerber für zehn EM-Schauplätze. Da fällt es ihm leicht, die Kommunen gegeneinander auszuspielen und die Kosten auf sie abzuwälzen. Das muss nicht so bleiben. Kippt die Popularität einer Sportart erstmal, dann ist der Rückweg bitter schwer. Das gilt für den Radsport wie für die Leichtathletik. Hier herrscht genereller und begründeter Dopingverdacht. Im Fußball könnte bald der Manipulationsverdacht wegen Wettens Einzug halten. Die hohen Summen müssen ja wieder reinkommen bei den Sponsoren. Aus welchem Grund auch immer, wenn der Fußball einmal seinen Kredit verspielt hat, kriegt er ihn so schnell nicht wieder. Er ist auf schlechtem Weg dorthin.

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