Ein verwegener Plan

Vor Wochen stand es in der Zeitung. Vor wenigen Tagen nochmal. Was mal eine nicht ganz ernst gemeinte Idee war, wurde zum verwegenen Plan. Einige Tage des Daran-Gewöhnens brauchten wir in der Redaktion schon. Dann meldeten wir uns bei der CDA an. Wer die nicht kennt, hat nicht viel verpasst. Dies ist die Arbeitnehmerorganisation innerhalb der CDU. Zu Norbert Blüms Zeiten hatte die CDA noch was zu melden. Heute eher nicht mehr. Die CDA hatte die Kanzlerin nach Dortmund eingeladen. Sie sollte in der Westfalenhalle sprechen. Beim Anmelden fielen wir nicht durch. Offenbar enthält das Datenpaket, welches zu unseren Namen bei der CDA vorliegt, nichts von Tosulit. So bekamen wir die persönliche Anmeldebestätigung, mit der wir in Kombination mit dem Personalausweis anstandslos eingelassen wurden.

Der Weg zur Regentin ist derselbe wie neulich zu Günna. Vorsichtshalber steigen wir am Brückmannplatz um. Am 5. August lernten wir, dass die U46 an Heimspieltagen nur bis dorthin fährt. Der BVB hat zwar ein Pokalspiel in der 6. Liga, aber wir wissen ja nie bei der DSW. Seit Her W. weg ist, läuft da nicht mehr viel. Das Wetter ist ähnlich wie bei Günna – nasskalt. Die AfD war damals nicht vor Ort. Aber heute mit einem großen Stand. „Stoppt Merkel“ oder „Stoppt die Raute“ können wir lesen. Die Polizei ist auch reichlich anwesend. Zum Glück ohne Kriegsmontur. Susanne nimmt einen Flyer der Alternativen mit. Vielleicht hat sie für uns ein bahnbrechendes Zitat? Ja, hier ist eins: „Der Waffenbesitz für gesetzestreue Bürger ist zu erleichtern“. Oder „Verbot der Vollverschleierung in der Öffentlichkeit“. Dieser AfD-Flyer hat es in sich. Wir werden uns mit ihm noch gesondert beschäftigen. Aber nun zurück zur CDU in der Westfalenhalle II.

Nach dem Einlass dürfen wir uns akkreditieren. Das ist nach Buchstaben geordnet. Wir gehen zu P und ich kriege ein Armband. Obwohl Susanne ein G ist, kriegt sie ihres auch hier bei P. Es herrscht eine sehr freundliche Atmosphäre. Vor der Bühne steht eine große Stuhlparade. In drei Grüppchen nochmal kleine Schwestern davon. Wir haben eine geniale Idee. Alle setzen sich für die Begrüßung vor die Bühne. Wir aber sichern uns zwei Plätze am Stand, der sich von elf bis zwölf mit Gesundheit und Pflege beschäftigt. Ein Saaldiener findet das nicht gut, doch wir bleiben standhaft. Dafür werden wir dort vom Gesundheitsminister Gröhe persönlich begrüßt. Vielleicht sahen wir da so allein recht wichtig aus. Er kann ja nicht alle aus der Partei kennen. Er nicht, aber eine andere.

So kommen wir zur Nikoläusin, die am Gesundheitsstand die Diskussion moderieren soll. Also eigentlich heißt die Dame Claudia Middendorf und wir trafen sie bereits zweimal. Einmal bei einem Nikolausstand der örtlichen CDU in Hörde im letzten Dezember und das zweite Mal nahm sie in ihrer Eigenschaft als MdL an einer Veranstaltung im Dortmunder Propsteihof zum Thema Langzeitarbeitslosigkeit teil. Bei beiden Treffen fiel sie weder durch Kompetenz noch durch Engagement auf. Landtagsabgeordnete ist sie nun nicht mehr. Sie bekleidet noch mehrere Ämter in der CDA. Wahrscheinlich steht sie deshalb hier auf der Bühne neben dem „Herrn Minister“. So nennt sie ihn tatsächlich. „Herr Minister“ wird gleich kommen oder der „Herr Minister“ wird ihre Frage sofort beantworten. Sie scharwenzelt um Herrn Gröhe herum wie eine beflissene Dienstmagd. Dieses devote Anbiedern ist so extrem, dass man statt der Bezeichnung „Herr Minister“ eher „seine Majestät“ erwarten könnte. Sie sonnt sich im Glanz von Gröhes Wichtigkeit. Mit der Aufgabe der Moderation ist sie hoffnungslos überfordert. Sie ist sich nicht zu schade dafür, immer wieder ins Publikum zu winken und Leute zu begrüßen, die mit dem, was auf der Bühne gerade passiert, überhaupt nichts zu tun haben. Dabei werden wir Zuschauer darüber informiert, wie die Betreffenden heißen und welche herausragenden Ämter die Herrschaften innehaben. So macht uns Claudia Middendorf klar, wie wichtig sie selbst ist. Es ist erbarmungswürdig. Fast kann sie einem leid tun in ihrer verzweifelten Gier nach Anerkennung. Als es endlich zur Fragerunde geht, wandelt sich das Mitleid aber in Zorn. Der Plan sieht vor, immer drei Fragen zu sammeln, auf die Herr Gröhe anschließend eingehen kann. Hier soll eigentlich das Publikum, sprich der Bürger, seine Anliegen vorbringen. Nicht so mit Frau Middendorf. Sie reicht das Mikrofon unverzüglich gezielt einer Bekannten, die eine vorbereitete Rede zum Thema Physiotherapie vom Stapel lässt. Nicht ohne sich und ihr Amt vorher langatmig vorzustellen. Denn sie ist ebenfalls wichtig. Auch die zweite Kandidatin wird von der Nikoläusin direkt mit Namen und Dienstgrad angesprochen und als Fragestellerin „ausgewählt“. Claudia Middendorf versucht nicht einmal, dem Ganzen einen demokratischen Anstrich zu verleihen. Es ist im Vorfeld abgeklärt worden, wer da die Chance bekommt, etwas vorzutragen. Zwei „Normalos“ kommen kurz zu Wort, alle anderen Beiträge sind von der Nikoläusin platziert. Wahrscheinlich war sie der einen oder anderen Person noch einen Gefallen schuldig. Als Bürger kommt man sich bei einem solchen Prozedere gewaltig verschaukelt vor. Stimmvieh eben. Eher kontraproduktiv bei einer Wahlveranstaltung.

Auch in der CDU haben sie anscheinend gemerkt, welch hohle Nuss da in ihren Reihen agiert. Claudia Middendorf hat es nicht wieder in den NRW-Landtag geschafft. Und dies, obwohl die CDU etwa fünf Prozentpunkte zulegte. Ihr Listenplatz war nicht gut genug. Middendorfs einziges Talent ist das Anbiedern und Füßeküssen. Vermutlich ist sie bei der Caritas wieder herzlich aufgenommen worden. Auf ihrer Homepage schweigt sie dazu.

Nach den etwa einstündigen Workshops begeben sich die ungefähr 1.000 Zuschauer wieder vor die Hauptbühne. Wir bleiben sitzen. Susanne sieht von hier aus genug. Mit schwungvoller Musik wird der Einmarsch des Stars intoniert. Regentin Merkel betritt gefolgt von den Ministern Gröhe und Laumann die Bühne. Sie ergreift das Wort und bedankt sich erstmal herzlich bei ihren CDA-Kollegen. Eine Pflichtübung für die Parteivorsitzende. In der Rede nicht viel Neues. Wie in den Medien berichtet, lehnt sie die E-Auto-Quote für die EU ab, die der Lokführer ins Gespräch gebracht hatte. Wir wissen auch nicht, wie solch eine Quote durchgesetzt werden könnte. Ansonsten beschränkt sich Merkl auf die Sozialpolitik. Wir sind ja gekommen, um Eindrücke zu spüren. Das geht nur vor Ort. Die Kanzlerin überrascht uns. Sie leiert ihre Rede diesmal keineswegs runter wie sonst. Sie wirkt erholt. Ihre Stimme verrät Emotionen und überträgt das Gefühl, als stehe sie auch mit dem Herzen hinter ihrer Politik. Sogar ein Scherz kommt über ihre Lippen. All das überrascht uns doch sehr. Angela Merkel scheint gut vorbereitet auf den Schlussspurt des bisher so lahmen Wahlkampfs.

Was man so Wahlkampf nennt. Eigentlich ist dieses Wort fehl am Platze. Denn weder ist etwas von kämpferischer Stimmung zu spüren, noch haben wir wirklich eine Wahl. Die Phrasen, die Merkel zur Sozialpolitik loslässt, könnten genauso gut vom Lokführer stammen. Tatsächlich beruft sie sich mehrmals auf den alten Franz Müntefering, als sie an vergangene Leistungen erinnert. Nur zur Erinnerung, das war der „Sozialdemokrat“, der sich mit dem flotten Spruch hervortat: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“

Ein paar Worte möchte ich auch noch über die Themen verlieren, die NICHT angesprochen wurden. Auch das scheint sehr bezeichnend zu sein für die mangelnde Bereitschaft zur Auseinandersetzung. Nichts gesagt hat die Kanzlerin zum Thema Krieg und Frieden. Weder die Auslandseinsätze, noch die bevorstehende exorbitante finanzielle Aufrüstung der Bundeswehr fanden Erwähnung. Die bedrohliche Eskalation im Konflikt zwischen den USA und Nordkorea auch nicht. Sogenannte „Randgruppen“ der Gesellschaft waren keine Silbe wert. Die Langzeitarbeitslosen kamen nur einmal als Ziffer vor, verbunden mit dem Versprechen auf nahende Vollbeschäftigung. Auch hier hörten wir wieder das Argument, die älteren Arbeitnehmer müssten sich noch mit der digitalen Technik anfreunden. Es ist schlicht eine Unverschämtheit, dass einem ab einem gewissen Alter Fähigkeiten in diesem Bereich abgesprochen werden. Aber vielleicht schließt sie da von sich auf andere. Denn die Digitalisierung war zwar in aller Munde, aber Datenschutz eben nicht. Im Zusammenhang mit der geplanten Gesundheitskarte und den damit verbundenen Bedenken der Bürger zur Sicherheit ihrer Daten, hatte Frau Merkel eine abenteuerliche Erklärung. Sie sagte: „Wenn Ihre Daten in Papierform hinterlegt sind, haben Sie keine Chance zu merken, wenn die jemand liest oder manipuliert. Bei digitalen Daten erkennen Sie das sofort.“ Ist das nicht niedlich? Als ihr Handy damals gehackt wurde, hat Frau Merkel sich sicher auch gefreut, dass sie es sofort gemerkt hat.

Zum Glück verzichtet das Publikum auf minutenlangen Applaus, wie er auf Parteitagen sekundengenau von den Medien gemessen wird. Fürs Ende der Veranstaltung ist eine Talkrunde mit der Kanzlerin geplant. Teil nehmen die Vertreterin einer Krankenhausgesellschaft sowie eine Ordensschwester aus Berlin. Unser Sitzfleisch ist aufgebraucht und wir schlängeln uns durch die Menge dem Ausgang zu. Einige Grüppchen unterhalten sich bereits miteinander, statt dem Gespräch auf der Bühne zu lauschen. Draußen hat sich die Situation geändert. Mit der AfD ist auch ein Großteil der Polizei verschwunden. Später erfahren wir, dass uns ein Höhepunkt entgangen ist. Zum Ende der Veranstaltung wird tatsächlich die Nationalhymne angestimmt. Das Auditorium erhebt sich. Ein Ereignis, das wir gern versäumt haben. Befremden bis hin zu Übelkeit hätte uns erfüllt.

So aber kommen wir wohlbehalten nach Hause in den Stillen Winkel, der seinem Namen gerecht wird. Der Regen hindert die Nachbarn daran, ihre zahlreichen Motorspielzeuge zu verwenden. Unser Ausflug brachte Erkenntnisgewinn. Es ist was anderes, live und in Farbe in die Welt einer Partei einzutauchen. Die CDU hat eine routinierte Vorsitzende. Merkel wirkt munter und locker. Es war gut, sie einmal im Leben live erlebt zu haben. Der Lokführer kommt nicht nach Dortmund. Für ihn werden wir nach Bochum eilen müssen.

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