Jetzt fahrn wir übern See

Nicht mit einer hölznern Wurzel, sondern mit der Weißen Flotte Baldeneysee. Ob sie aus mehr als einem Ausflugsschiff besteht, wissen wir nicht. Der See in Essen steht noch auf unserem Programm. Wir haben da so einige Orte, die wir besuchen möchten. Sie liegen in Tagesreichweite. Malle ist daher nicht dabei. Es ist zu einer Geburtstagstradition geworden, rund um unsere beiden Tage Ausflüge zu machen. Der nach Bonn zu Beethoven war auch so einer.

Susanne hat sich um die Planung gekümmert. Neu an dieser Reise ist, dass die traditionelle Verpflegung aus dem eigenen Garten stammt. Trotz fehlender Sonne haben es Susannes Pflanzen fertiggebracht, schmackhafte Tomaten zu produzieren. Sie fühlen sich viel fester an als die im Laden. Vermutlich liegt das an dem wenigen Wasser, das sie enthalten. Wie Günna kürzlich richtig sagte, haben es die Holländer geschafft, aus Wasser Tomaten zu machen. Spanier und andere haben sie kopiert. Wie Tomaten wirklich schmecken können, haben wir zwei gartenlose Stadtbewohner längst vergessen.

Der Dortmunder Hbf empfängt uns wie immer. Schäbig, schmutzig und voller Barrieren. Da wir etwas früh an Ort und Stelle sind, schnappen wir uns einen früheren Zug. Kurz ein Wort zu den drei weiteren Bahnhöfen, die unseren Weg kreuzen. Essen Hbf, Villa Hügel und Kupferdreh sind barrierefreier als das Drehkreuz Dortmund. Irgendeiner bei der Bahn muss was gegen Dortmund haben. Alle drei haben Leitsysteme und Fahrstühle mit Beschriftung. Susanne fällt es leicht, die Beschriftung am Treppengeländer zu entziffern.

                     

Sie ist ja inzwischen eine fortgeschrittene Braille-Leserin. Auch handelt es sich um ein Leitsystem, das besser tastbar ist. Anders als bspw. an der Haltestelle „Allerstraße“ in Aplerbeck sind die Rippenplatten nicht leicht abgesenkt, sondern sie sind sogar leicht erhöht. Durch die erhöhte Basis ragen natürlich auch die Gipfel der Rippen deutlich fühlbar in die Höhe. Es ist undenkbar, dass zwischen Planern der Deutschen Bahn und der Stadt Dortmund solch eine Wissenslücke besteht. In Dortmund werden die Rippenplatten absichtlich tiefer gelegt, um Rollatoren und Kinderwagen weniger zu „stören“. Damit verlieren sie beinahe ihren Zweck. Ein herzlicher Gruß von hier aus an das Dortmunder Tiefbauamt.

In Essen haben wir Anschluss an die S-Bahn. Am zweiten Haltepunkt hören wir eine seltsame Durchsage: „Liebe Fahrgäste, wegen der Bombenentschärfung in Düsseldorf fährt dieser Zug heute nur bis Essen-Kettwig. Reisende, die weiterfahren möchten, steigen am besten hier aus und nehmen die Gegenbahn zurück zum Hauptbahnhof.“ Hat der Fahrer jetzt erst von der Bombe und ihren Folgen erfahren? Warum kam der Hinweis nicht schon am Hauptbahnhof? Uns betrifft die Störung nicht und wir fahren fort bis Villa Hügel. Bald stellen wir fest, dass Susanne schon hundertmal über die Straße zwischen Gleisen und See gefahren ist. Zur Arbeit nach Velbert. Durch den schönen Anblick kam der See ja überhaupt erst auf ihre, dann auf unsere Löffel-Liste.

So oft hatte ich mir vorgenommen, auch mal außerhalb der Arbeit ins Essener Naherholungsgebiet zu fahren. Nun ist es endlich soweit. Der Bahnhof Essen Hügel liegt – wie man es vermuten kann – neben der gleichnamigen Villa, die dem Kriegsverbrecher Alfred Krupp von Bohlen und Halbach gehörte. Der wurde übrigens 1945 enteignet und zu 12 Jahren Gefängnis verurteilt, u.a. wegen Sklavenarbeit (Einsatz von Kriegsgefangenen unter unmenschlichen Bedingungen) und Plünderung von Wirtschaftsgütern im besetzten Ausland. Aber man musste sich keine Sorgen machen. Schon 1951 wurde er begnadigt und die Familie Krupp kam finanziell und gesellschaftlich schnell wieder auf die Beine, wie wir wissen. Heute gehört die Villa Hügel der Alfred Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung. Diese Stiftung soll „der dem Gemeinwohl verpflichteten Tradition des Hauses Krupp“ Ausdruck verleihen. Ein hehres Ziel für eine Familie, die buchstäblich über Leichen ging für ihren Profit.

Aber zurück zur Gegenwart. Wir laufen vom Bahnhof Hügel hinunter zum See. Der Weg führt uns vorbei am Restaurant „Hügollos“ und am Kiosk „Flotte’s Büdchen“. Bei der Namensgebung waren hier offenbar Menschen mit Phantasie am Werk. Die Schiffe der weißen Flotte legen am Regattaturm an, unterhalb der kleinen Besucher-Tribüne. Wassersport jeder Art wird groß geschrieben am größten Ruhr-Stausee. Wir vertreiben uns die Wartezeit mit einem kleinen Spaziergang am Seeufer. Dabei beobachten wir ein merkwürdig anmutendes Wasserfahrzeug. Es ist kein Floß, sondern ein Boot, aber von der Form her rechteckig. Eher ungewöhnlich. Darauf befinden sich zwei Männer, die sich ab und zu laute Kommandos zurufen. Das Boot dreht sich mehrmals um die eigene Achse, fährt dann ein Stück vorwärts und wieder zurück. Das alles wirkt ziemlich unkoordiniert. Wir überlegen, ob das eine Art Fahrschule für angehende Bootskapitäne ist oder möglicherweise eins von diesen Mähbooten, über die die RN berichtete.

Dann taucht unser Schiffchen mit dem Namen „Stadt Essen“ auf und steuert auf den Anleger zu.

Außer uns gibt es bisher nur eine Handvoll Reiselustige. Umso besser. Wir können uns also unsere Plätze aussuchen und lassen uns oben auf Deck nieder. Bisher hält sich das Wetter. Wir hoffen, dass wir oben bleiben können, denn hier hat man einen schönen Überblick und frische Luft. Es geht los Richtung Osten. Bald erscheint am linken Ufer das Seaside Beach. Dort hat man mit einem 250 Meter langen und 35 Meter breiten Sandstrand einen schönen Ort zum Entspannen geschaffen. Man kann sich in Liegestühlen und Hängematten erholen und seit Mai darf man nach über 40 Jahren Schwimmverbot auch wieder baden in diesem Seeabschnitt. Heute herrscht hier aufgrund der kühleren Temperaturen allerdings wenig Betrieb.

Nun fahren wir am Schloss Baldeney vorbei. Das Schloss ging aus einer ehemaligen Wasserburg hervor und diente als Namensgeber für den Essener Stausee. 2011 wechselte die Burg letztmalig den Besitzer. Erstaunlicherweise ist weder bekannt, wer das ist, noch was er mit dem Gebäude zu tun gedenkt.

Wir nähern uns unserem ersten Haltepunkt, dem Haus Scheppen. Das ist ein ehemaliges Lehnsgut, das an allen Seiten von Wassergräben umgeben war. Diese Gräben werden durch den Baldeneysee gespeist und heute als Bootsanleger genutzt. Zahlreiche Wasservögel sind in Ufernähe zu beobachten.

Ich entdecke auch ein schwarzes Schwanenpaar. Leider zu weit weg für meinen Fotoapparat. Nur wenige Ausflügler steigen ein und aus, so dass unsere Fahrt bald weitergeht.

Inzwischen hat es auch die freundliche Bedienung bis zu unserem Tisch geschafft. Mit den Würstchen wird es nichts. Die müssen erst heiß werden und das schaffen die nicht bis Kupferdreh. Also bestellen wir uns alternativ einen Cappuccino und greifen auf unsere selbstgezüchteten Tomaten zurück.

Nächste Station ist Heisingen. Dieser Essener Vorort liegt auf einer Ruhrhalbinsel, eingerahmt durch den Baldeneysee und den Schellenberger Wald. Heisingen war mit der Carl-Funke-Zeche durch den Bergbau geprägt, entwickelte sich aber in der jüngeren Vergangenheit zu einem beliebten Naherholungsziel. Dazu trägt die Heisinger Ruhraue bei, die mit ihren Auwäldern, Wiesen und Teichen zu einem Rückzugsraum für viele Wasservögel wurde. Bedrohte Schmetterlingsarten haben hier genauso eine Heimat gefunden wie Fledermäuse, Frösche, Kröten und seltene Libellenarten.

Der letzte Abschnitt unserer Dampferfahrt führt uns nach Kupferdreh. Erfreulicherweise gibt es hier kein Relikt aus hochherrschaftlicher Zeit. Villa Hügel, Burg Baldeney oder Haus Scheppen zeugen alle von Reichtum, der nicht nur auf der eigenen Hände Arbeit gründet. Dies vermutlich zuletzt. Der Familie Krupp zu huldigen, ist schon böswillig. Verdiente sie doch sehr viel Geld an diversen Kriegen seit 1870. Unterm Naziregime fühlte sie sich wohl und nutzte die billigen Arbeitskräfte, die aus dem Osten geliefert wurden.

Wenden wir uns nach dem gedanklichen Ausflug in die Historie wieder der harten Wirklichkeit zu. 46 sind angemeldet. Die nette Serviererin wirkt angespannt. Gemeint ist tatsächlich eine Gruppe von bis zu 46 Personen, die für Kupferdreh angekündigt sind. Wir sind froh, hier auszusteigen. Denn von oben tröpfelt es zunehmend und unten in der Kabine wird drangvolle Enge herrschen. Auf in die Freiheit und den Hinweisen zur S-Bahn folgend geht es links und rechts. Wir geraten unter eine Autobahnbrücke. Hurra, die metallene und laute Gegenwart hat uns wieder. Nach einigem Fragen finden wir den durch Baustellen und Autos verdeckten Aufgang zur S-Bahn. Die A40 dröhnt.

Unten rumpelt Metall. Die S-Bahn bringt Erlösung. Sie fährt uns zum letzten Abenteuer der Reise.

Der Regionalexpress hat Verspätung. Das ist nichts Besonderes. Der abfahrende Thalis weckt Erinnerungen. Dürften wir wohl einsteigen und bekämen im Zug Fahrkarten? Wir wissen es nicht und lassen auch noch einen ICE fahren. Selber schuld. Im RE stapeln sich beinahe die Menschen. Die Luft ist entsprechend. Schön langsam fährt unser Zug den höherrangigen beiden Schnellzügen hinterher. So handelt er sich weitere 15 Minuten Verspätung ein. Zum Glück fährt er nur bis Hamm. So macht Bahnfahren wahrlich keine Freude. Auf der Rolltreppe streiten sich Mutter und Tochter mit dicken Koffern. Bald atmen wir die frische Dortmunder Stadtluft und lassen uns auf den Rücksitz eines Taxis sinken. Auf in den Stillen Winkel, den wir seit einem halben Jahr bewohnen. Der Ausflug in eine weitere grüne Oase des Ruhrgebietes war wirklich schön.

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