José Mujica, ein außergewöhnlicher Mensch

„Wir haben Berge von überflüssigem Bedarf angehäuft. Ständig müssen wir kaufen, wegwerfen, kaufen… Es ist unser Leben, das wir verschwenden. Denn wenn wir etwas kaufen, bezahlen wir nicht mit Geld. Wir bezahlen mit unserer Lebenszeit, die wir aufwenden mussten, um dieses Geld zu verdienen. Der Unterschied ist: Leben lässt sich nicht kaufen. Es vergeht einfach. Und es ist schrecklich, dein Leben zu verschwenden, indem du deine Freiheit verlierst.“ – José Mujica (Präsident von Uruguay von 2010 bis 2015)

Dieses Zitat entdeckte ich gestern durch Zufall. Bis dahin war mir der Name José Mujica nicht bekannt. Was weiß man schon über Uruguay? Die Worte von Mujica beeindruckten mich sehr, so dass ich nach weiteren Informationen über ihn suchte. Was ich fand, ist faszinierend. 

Uruguay ist eine demokratische Präsidialrepublik. Das Land hat ca. 3,5 Millionen Einwohner. Es ist das kleinste Land in Südamerika. Uruguay grenzt im Norden an Brasilien, im Osten an den Atlantischen Ozean, im Süden an den Río de la Plata und im Westen an Argentinien.

Der Präsident, welcher zugleich Staatsoberhaupt und Regierungschef (Premierminister) ist, besitzt eine starke Stellung und kann gegen Gesetzesvorhaben des Parlaments sein Veto einlegen und unter bestimmten Bedingungen das Parlament auflösen. Er ernennt die Mitglieder seines Kabinetts, wird zusammen mit den Vizepräsidenten direkt vom Volk für eine Amtszeit von fünf Jahren gewählt und darf nicht zweimal hintereinander für das Amt kandidieren. 

Von 2010 bis 2015 bekleidete José Mujica dieses Amt. Während seiner Präsidentschaft legalisierte er die Abtreibung. Die Ehe für homosexuelle Paare wurde etabliert. Sehr bemerkenswert für ein überwiegend katholisches Land Südamerikas. Seine Regierung beschloss, Marihuana landesweit zu legalisieren und den Verkauf zu regulieren. Damit konnte man den Kartellen des Marihuana-Geschäftes die Macht entreißen und so die endlose Gewaltspirale der Drogenkriege unterbrechen. Mujicas wichtigstes Anliegen waren immer die Menschen. Während seiner Amtszeit wurden große Summen in die Bildung und z.B. auch in die Energieproduktion aus regenerativen Quellen investiert.

Dem Bild vom typischen Politiker und Staatsoberhaupt entsprach er in keiner Weise. Statt mit einer Luxus-Limousine fuhr Mujica mit einem klapprigen VW-Käfer. Eine Vorliebe für Designer-Anzüge hatte er nicht. Er empfing offizielle Gäste und Journalisten auch schon mal in Sandalen oder Gummistiefeln. Er weigerte sich, in den Präsidenten-Palast zu ziehen und lebt bis heute mit seiner Frau lieber auf einem kleinen, alten Bauernhof, wo er Blumen züchtet. Den offiziellen Präsidentenwohnsitz verkaufte er, um von dem Geld Schulen bauen zu lassen. 90 % seines Präsidentensalärs spendete er für soziale Projekte.

Ein außergewöhnlicher Politiker, ein außergewöhnlicher Mensch. Kritiker warfen ihm oft Selbstinszenierung vor. Nun ja, es wäre ausgesprochen segensreich, wenn diese Art der Selbstinszenierung bei unseren Politikern Schule machen würde. Mujica selbst sagte, er wolle mit gutem Beispiel vorangehen und seine Werte vorleben.

Als junger Mann war Mujica Revolutionär. Wegen seiner Angehörigkeit zur Guerillabewegung Movimiento de Liberación Nacional wurde er verhaftet und musste die gesamte Zeit der Militärdiktatur (1972-1985) im Gefängnis verbringen. Er wurde brutal gefoltert und saß überwiegend in Einzelhaft unter unmenschlichen Bedingungen. „Die Jahre in Einsamkeit waren jene, die mich wahrscheinlich am stärksten geprägt haben“, sagt Mujica. „Sieben Jahre lang durfte ich kein einziges Buch lesen. Ich musste alles immer wieder neu denken, um nicht wahnsinnig zu werden.“

Ein wichtiges Ergebnis dieser erzwungenen Zeit der Reflektion war es, dem bewaffneten Kampf ebenso abzuschwören wie dem Materiellen. Die Konsumgesellschaft, daraus machte Mujica auch in seiner Amtszeit nie ein Hehl, ist ihm zuwider. Seiner Ansicht nach muss die Menschheit anfangen, für eine andere Art von Kultur zu kämpfen. „Nicht derjenige ist schlecht, der wenig besitzt, sondern der, der immer noch mehr will“, sagte er mal.

Das ist eine Botschaft, die über das Land Uruguay hinausgeht. Eine Botschaft für uns alle in der westlichen Welt. Üblicherweise wird Konsumverzicht mit Beschränkung gleichgesetzt. Aber das ist ja nur die eine Seite der Medaille. Hier möchte ich auf das Eingangszitat zurückkommen.

Wie oft machen wir uns wirklich klar, dass wir nicht Geld, sondern Lebenszeit zu Markte tragen, wenn wir überflüssige Dinge kaufen? Wenn wir das verinnerlichen, überlegen wir uns manche Neuerwerbungen bestimmt zweimal. Denn wir gewinnen etwas Unbezahlbares durch weniger Konsum. Lebenszeit, Freiheit und ein Stück Unabhängigkeit.

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