Im Banne Beethovens

Der erste Teil dieses Artikels ist ein Erlebnisbericht über unseren Geburtstagsbesuch im Bonner Beethoven-Haus im August 2015. Im zweiten Teil finden Sie offizielle Informationen.

Von Anfang an war die Stimmung im Beethoven-Haus außergewöhnlich. Die Empfangsdame hinterm Tresen sang uns ein Geburtstagsständchen.

Frau Vossböcker war auch schon da. Vorm Hinterhaus sitzend, in dem Ludwig van Beethoven 1770 geboren wurde, erklärte sie uns, dass dies ihre zweite Spezialführung für blinde Menschen sei. Dass diese nur für uns durchgeführt wurde, hatte mich im Vorfeld sehr beeindruckt. Damit gerechnet hatte ich nicht. Im Hinterhof war es endlich ruhig, nachdem uns das hektische Bonn auf dem falschen Fuß erwischt hatte. Ein ruhiges Städtchen hatten wir erwartet und Dortmunder Westenhellweg-Atmosphäre geboten bekommen.

Ludwigs Opa war nach Bonn gegangen. Am Hofe des Fürsten Clemens August ließ sich als Musiker gutes Geld verdienen. Clemens August liebte die Feste und so gab er wöchentlich welche. Uns befremdete die damalige Sitte, dass Bonner Bürger Geld dafür zahlten, von den Rängen aus dem Schmaus im Saal zusehen zu dürfen. Sie kriegten nicht einmal die Reste.  Klassenkämpferisches Gedankengut hatte Bonn Anfang des 18. Jahrhunderts noch nicht erreicht.
Beethoven scheint da ein etwas kritischerer Geist gewesen zu sein. Überliefert ist ein Ausbruch gegenüber seinem langjährigen „Gönner“ Fürst Lichnowsky: „Fürst! was Sie sind, sind Sie durch Zufall und Geburt. Was ich bin, bin ich durch mich. Fürsten gibt es Tausende. Beethoven nur einen.“

Ludwigs Vater erkannte das Talent seines Sohnes sehr früh. Heute würden wir sagen, er vermarktete ihn als Wunderkind. Damit konnte Ludwig viel zum Lebensunterhalt der wachsenden Familie beitragen. Ludwig hatte sechs Geschwister, von denen aber vier bereits im Kindesalter starben. Als Ludwig siebzehn war, starb auch seine Mutter. Sein Vater war alleinerziehend. Diese Rolle füllte er  nur mangelhaft aus. Auch Vernachlässigung führte wohl zum Tod des einen oder anderen Kindes.

Dass es in Bonn überhaupt ein Beethoven-Haus gibt, ist zehn engagierten Bürgern zu verdanken, die einen Verein gründeten und Geld sammelten. Die Stadtoberen hatten kein Interesse an diesem Sohn ihrer Stadt. Mittlerweile läuft das Museum und hat sehr viel zu bieten. Im Laufe unserer Führung hörten wir viele Sprachen – zum Beispiel Japanisch und Russisch.

Die Stimmung der Führung einzufangen, ist mit Worten kaum möglich. Sie war intensiv. Wir durften zum ersten Mal in unserem Leben auf einer Geige und einer Bratsche spielen. Diese Instrumente waren echt, auch wenn sie nicht der Meister in Händen gehalten hat. Zugegeben, ein wenig Übung könnte uns nicht schaden. Ein Hörrohr probierten wir aus. Geflüsterte Worte kommen hörbar an. Gleichzeitig war das Gerät auch gegen böse Menschen in dunklen Gassen einzusetzen. So wuchtig ist es. Beinahe hätte ich der Orgel des Meisters Töne entlockt, auf der er in einer Kirche spielte. „Doch dann wollen das ja alle“, mahnte Frau Vossböcker leise. Drei Manuale, vier Reihen Register-Knöpfe und diverse Pedale mussten beim Spielen koordiniert werden. Schon der 14jährige Ludwig beherrschte dieses Instrument meisterhaft.

Sehr viele Bilder von Beethoven gibt es nicht. Aber zum Beispiel einen Scherenschnitt, der den 16jährigen Musiker zeigt. Zu ertasten gibt es eine Beethoven-Büste. Diese ist ein Nachguss der Lebendmaske aus Gips, die 1812 von Beethoven abgenommen wurde. Ergänzt wird dieser Eindruck durch eine Art Schaufensterpuppe, die die damals übliche Ausgeh-Kleidung trägt. Privat war Ludwig eher der Typ Jogginganzug oder „ist mir doch egal“.

Sehr beeindruckend ist auch das nachgeahmte Hörvermögen des Meisters. Die neunte Symphonie hört sich in der Simulation eher an wie die Musik aus einem Dracula-Film. Es sind gar nicht massenhaft Exponate, die angefasst oder ausprobiert werden können. Dennoch reichen sie völlig aus. Die Museumsführerin hat alles mit Geduld, Humor und großem Wissen gestaltet. Ihr gebührt ein besonderer Dank für dieses einmalige Erlebnis. Als Laie kam ich ins Haus, als Bekannter von Beethoven verließ ich es wieder.

Wer sich in die Zeit um 1800 versetzt, der kann sich vorstellen, wie Ludwig van Beethoven gelebt hat. Welchen Ängsten und tiefen depressiven Phasen er wegen seines Hörverlustes ausgesetzt war. Die Musik und der Alkohol halfen ihm ein wenig bzw. phasenweise. Im Alter von 57 Jahren starb er an Leberzirrhose. Damals wurden die Menschen im allgemeinen nicht so alt wie heute. In Wien war er bis zum Schluss ein Star. Gut 20.000 Menschen begleiteten seinen Sarg zur letzten Ruhestätte. Das war gut ein Fünftel der Wiener Bevölkerung. Umgerechnet auf heutige Dortmunder Verhältnisse müssten schon 130.000 Menschen mitgehen.

Beethoven hat seine Missa solemnis mit dem Motto versehen: „Von Herzen – möge es wieder – zu Herzen gehen“! Und tatsächlich erreicht Beethoven mit seiner Musik auch fast 200 Jahre nach seinem Tod noch die Herzen der Menschen!

Soweit unser persönlicher Bericht. Abschließend möchten wir noch einige etwas „offiziellere“ Informationen hinzufügen:

Führungen im Beethoven-Haus Bonn

Ab Juni 2015 bietet das Beethoven-Haus in Bonn Führungen für Blinde und Sehbehinderte an.
Neben  Erläuterungen zu Beethovens Leben und Werk gibt es im Haus der Familie Beethoven einen musikalischen Teil und die Möglichkeit zum Ertasten von Instrumenten, alten Notenpapieren, Bronzebüsten etc.; Terminabsprachen unter Telefon 02 28 / 9 81 75 – 25, Mail: museum@beethoven-haus-bonn.de.

Das Beethoven-Haus erfüllt einen nationalen und internationalen Auftrag. Es ist Bewahrer und Vermittler der Person und des Werkes Beethovens durch Generationen und Zeiten. Das Beethoven-Haus ist ein wesentlicher Teil der Identität Bonns als Beethovenstadt. Seit seiner Gründung im Jahr 1889 sind im Beethoven-Haus musikhistorischer Gedächtnisort (Beethovens Geburtshaus), Sammlungsstätte, Forschungszentrum und Konzertsaal zu einem einzigartigen Ensemble zusammengewachsen. Die Verknüpfung von Sammeln und Bewahren, Erforschen und Erschließen, Präsentieren, Publizieren, Vermitteln und Interpretieren macht das Beethoven-Haus zu einem modernen Zentrum des Musik- und Kulturlebens. Die Bedeutung des Beethoven-Hauses gründet auf der ungebrochenen Aktualität Ludwig van Beethovens und seiner Musik, der Aura seines Geburtshauses in Bonn sowie der einzigartigen Quellensammlung und langjährigen Forschungs- und Dokumentationsarbeit. Getragen und begleitet wurde es von Beginn an von großem bürgerschaftlichem und künstlerischem Engagement. Das Beethoven-Haus bringt alle Menschen mit der besonderen Kraft von Beethovens Musik in Berührung. Hier finden auf den großen Komponisten bezogene Fragestellungen eine kompetente Antwort. Das Beethoven-Haus ist ein Haus mit vielen Türen – offen für alle und auf verschiedenen Wegen erreichbar (real und virtuell). Ausgehend von der Bedeutung und Wirkung Ludwig van Beethovens will das Beethoven-Haus Magnet und Orientierungspunkt sein, aber auch Impulsgeber mit Ausstrahlung in alle gesellschaftlichen Bereiche.

Das Beethoven-Haus finden Sie in der Bonngasse 18-26, D-53111 Bonn. Es liegt im Zentrum von Bonn am Rand der Fußgängerzone unweit des Rheins. Vom Hauptbahnhof aus erreicht man die Bonngasse zu Fuß in wenigen Minuten. Straßenbahnen und Busse halten an der nahegelegenen Haltestelle Bertha-von-Suttner-Platz/Beethoven-Haus, an der sich auch Taxistände befinden.

 

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