Demographische Katastrophe

Gestern stolperte ich in einem Zeitungsartikel mal wieder über das Wort Überalterung. Ich sage „mal wieder“, weil dieses Wort dauernd vorkommt und selbst in niveauvolleren Medien anscheinend kaum ein Bewusstsein für die damit verbundene Abwertung existiert. Beim Begriff der Überfremdung würde jeder sofort hellhörig werden.

Die sprachliche Diskriminierung von Alten treibt tolle Blüten. Hier ein paar Beispiele:

  • Deutschland wird zur Rentnerdemokratie
  • Rentnerlawine, Rentnerschwemme
  • Warnung der Bundesbank: Überalterte Gesellschaft bremst Deutschlands Wirtschaftswachstum
  • Strategien gegen die Überalterung: Raffgier-Herrschaft der Alten muss gestoppt werden
  • Demographische Katastrophe
  • Altenlast
  • Vergreisung der Gesellschaft
  • Alte kassieren die Jungen ab
  • Greiseneinfach (gefunden in einer Bedienungsanleitung für ein technisches Gerät)
  • Pest und Hunger sind glücklich überwunden – nun sind die Alten da!

Man mag es kaum glauben, aber viele dieser abwertenden Wortschöpfungen tauchen seit Jahren auf. In Zeitungen, in Fernseh- und Radiobeiträgen, im Internet. Oft unwidersprochen schleichen sie sich in die Alltagssprache. Da wir sie so oft hören, verschwindet der diskriminierende Aspekt nach und nach aus unserem Bewusstsein. Er wird uns aber schlagartig wieder klar, wenn wir das Wort „Alte“ mal durch z.B. „Schwarze“ oder „Behinderte“ ersetzen. Oder stellen Sie sich vor, wir würden über die Raffgier-Herrschaft der Juden schwadronieren. Das gäbe einen Aufschrei – völlig zu Recht!

Die Alten können und sollten sich gegenüber solch verunglimpfenden Begriffen massiv zur Wehr setzen. Und nicht nur die Alten. Denn gerade die Altersdiskriminierung ist ja besonders paradox, da die Täter von heute die Opfer von morgen sind. Es ist doch nur eine Frage der Zeit. Diejenigen, die heute die Alten abwerten und sie sprachlich zu Nichtskönnern und Schmarotzern der Gesellschaft erklären, gestalten damit auch das soziale Klima, in dem sie selbst einst alt sein werden. Ist ihnen das nicht bewusst? Aber vielleicht wollen sie nicht alt werden, sondern freiwillig sozialverträgliches Frühableben praktizieren (eine besonders widerwärtige Kreation des Präsidenten der Bundesärztekammer Karsten Vilmar aus dem Jahr 1998). Denn das wäre ja dann wohl die einzige Alternative, wenn man nicht zu den verachtenswerten Alten gehören möchte.

Ich denke auch mit Grausen daran, dass es in der nächsten und übernächsten Generation noch viel mehr arme Alte geben wird. Auch gegen die Armen wird seit Jahren sprachlich polemisiert. Diese Menschen werden dann doppelter Diskriminierung ausgesetzt sein.

Die Alten und die Jungen, die Arbeitslosen und die Gering-Verdiener, auch die sog. wohlhabende Mittelschicht: sie alle sollten sich nicht gegenseitig misstrauisch beobachten und sich auseinanderdividieren lassen. Das ist nämlich der Zweck der Übung. Die Entsolidarisierung der Gesellschaft wird vorangetrieben, so dass der einzelne Mensch nur noch als Kosten-Nutzen-Faktor vorkommt. Das überall gängige Wort „Human Resource“ sagt das überdeutlich.

Die wahren Schmarotzer in unserer Gesellschaft sitzen in den Chefetagen der Konzerne, in den Banken-Vorständen, in den Versicherungspalästen, in den Aufsichtsräten der Automobil-Industrie, in den Beraterfirmen und an der Börse. Es spielt keine Rolle, ob die alt oder jung sind. All diese Schmarotzer sind im besten Fall für nichts gut, im schlimmsten richten sie großen Schaden an. Und dafür kriegen sie geradezu unanständige Summen in den Rachen geschmissen. Wenn diese wahren Schmarotzer ihre Tätigkeit von heute auf morgen einstellen, passiert für uns als Bürger genau gar nichts, außer dass wir Unmengen an Geld sparen, welches wir für wirklich gute Dinge brauchen können.

Leider sind es nicht nur die einschlägigen Machwerke, die versuchen, uns mit Sprache das Hirn zu vernebeln. Diese Art der Manipulation hat längst auch bei den öffentlich-rechtlichen und ehemals als seriös angesehenen Medien Einzug gehalten. Wir müssen wachsam sein, denn Sprache ist immer erst der Anfang. Von der sprachlichen Herabwürdigung bis zur sozialen Ausgrenzung und Ungleichbehandlung ist es dann nicht weit. Immer gingen den diversen Pogromstimmungen auch die entsprechenden verbalen Attacken voraus.

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