Unkraut

Muss „Unkraut“ eliminiert werden?

Seit Februar wohnen wir in unserem Häuschen in Dortmund-Scharnhorst. Wir haben hier ein ganz wunderschönes neues Zuhause gefunden, in dem wir uns sehr, sehr wohlfühlen. Wir lieben es, auf der Terrasse beim Plätschern des Springbrunnens unsere „Redaktionssitzungen“ abzuhalten. Es ist ein unbeschreiblich schönes Gefühl, morgens barfuß auf der taubenetzten Wiese mit dem ersten Kaffee in der Hand zu stehen und dem Gezwitscher der frühen Vögel und dem leisen Gequake der Frösche zu lauschen. Wir haben Platz für das grüne Wunder und den blauen Blitz, Raum genug für jeden von uns, einen Garten mit Pavillon, zwei Apfelbäumchen und reichlich Zucchini-, Tomaten- und Radieschenpflänzchen. Ein kleines Paradies.

Wir lieben es, so nah in der Natur zu sein. So nah es in einer Großstadt eben geht. Da wir beide aus Mietwohnungen kommen, ist es neu und aufregend zu beobachten, was sich im Garten so zeigt. Sei es absichtlich Gepflanztes oder auch sogenanntes Unkraut. Erstmal schauen, was aus der Erde kommt, haben wir uns gesagt und in erster Linie beim Rasenmähen Hand angelegt, weil man ja sonst irgendwann nicht mehr durchkann mit dem Mäher. Alles andere darf zunächst wachsen. Na ja, eine Zeitlang. Bis sich der Kontrollwahn der Nachbarn und der Vermieterin entfaltete. Denn es scheint Konsens zu sein, dass Halme und kleine Pflänzchen zwischen Gehwegplatten einen üblen Makel in der Ordnung der Dinge darstellen. Das lernen wir gerade. Wir lernen auch, dass Halme zwischen Steinen „Verunkrautung“ heißen und mit dem Attribut der Verwahrlosung belegt werden. All dies erfahren wir aber nicht in einem normalen Gespräch, sondern man fährt sofort die ganz großen Geschütze auf. Es wird uns eine Abmahnung zugeschickt und mit Kündigung gedroht. Wegen ein paar Hälmchen! Nun sagt ein solches Vorgehen sicher mehr über die psychischen Befindlichkeiten unserer Nachbarn und Vermieterin aus, als ihnen selbst lieb ist. Aber das hilft uns nicht wesentlich weiter, denn die gute Wohlfühl-Grundstimmung im Häuschen ist gestört.

Wir werden eine Art und Weise finden müssen, damit umzugehen. Auf keinen Fall möchten wir uns vertreiben lassen.

Die Vorstellungen darüber, wie ein Garten / Vorgarten auszusehen hat, sind sehr unterschiedlich. Wäre überhaupt kein Problem, wenn es jeder so machen könnte, wie er möchte. Wir amüsieren uns im Stillen auch über manche Eskapaden unserer Nachbarn, wären jedoch nie so dreist, ihnen unsere eigenen Ideen als die richtigen unterzujubeln.

Ein paar besonders groteske Bemühungen um Ordnung möchte ich beschreiben, denn ein bisschen Lästern ist nach der „Unkraut-Abmahnung“ einfach notwendig.

Herr F. von gegenüber. Er kümmert sich aufopferungsvoll um seine Winterreifen. Bekleidet mit blauer Latzhose und Gummistiefeln säubert er sie akribisch mit einem Hochdruckreiniger. Diese Aktion findet am Straßenrand über einem Gulli statt. Hunderte von Litern Trinkwassers schießen in den Untergrund. Damit die kostbaren Räder nicht wieder schmutzig werden, stemmt Herr F. die Dinger abschließend mannhaft hoch und trägt sie in den Keller. Hoffentlich kriegt er nicht Rücken.

Diese Gefahr möchte die Bewohnerin des nächsten Hauses anscheinend direkt bannen. Sie sitzt im Eingangsbereich auf einem winzigen Höckerchen. Das sieht ein wenig wie ein Melkschemel aus. Bewaffnet mit einem Hümmelken rutscht sie so die Einfahrt entlang und macht dem Unkraut den Garaus. Frauhaft kriegen auch die Halme im Rinnstein, was ihnen gebührt.

Unser direkter Nachbar ist da rabiater. Bei ihm kommt eine Art Bunsenbrenner zum Einsatz, der Lärm und Gestank verbreitet. Nach einer gründlichen Behandlung mit diesem Horrorinstrument sind die Fugen vor der Garage garantiert halmfrei. Aber ansonsten ist er ja naturlieb, wie das Insektenhotel und das Vogelhäuschen im außerordentlich gepflegten Garten zeigen.

Interessant war auch die Johannisbeerernte. Alle Beeren wurden gepflückt und anschließend wurden die Äste zurückgeschnitten. Ist es so, dass alle Beeren zum gleichen Zeitpunkt reif werden? Machen ordentliche Beeren das so? Vielleicht fehlt uns noch das nötige Gartengrundwissen.

Zum guten Schluss haben wir noch das junge Paar vom hinteren Grundstück. Die beiden durften wir heute beim Rasenmähen beobachten. Also, er mähte und sie lief ein paar Meter hinter ihm her. Sie hielt dabei das Elektrokabel in der passenden Position und erteilte Anweisungen; zeigte ihm Stellen, die seiner Aufmerksamkeit entgangen waren und erinnerte ihn, nicht zu fest an den Stamm des Apfelbäumchens zu fahren. Ein Bild für die Götter und in Anbetracht des jugendlichen Alters der beiden ziemlich desillusionierend. Schlagartig wird uns klar, wie viel Glück wir miteinander haben. Die Rangordnung des besagten Paares wurde neulich schon deutlich. Er saß mit einem Kumpel auf Terrasse und vertrödelte die Zeit. Die Dame des Hauses tauchte auf und bald hörten wir von drinnen Schleifgeräusche. Auch zwei Herren der Schöpfung hat Madame voll im Griff

Ein paar Häuser straßabwärts wohnt Herr M. Gut über 70 sehen wir ihn gelegentlich in voller Radlerkluft. Helm, Trikot, Hose sowie Schuhe mit Spikes, um mehr Halt in der Pedale zu haben. Erzählt hat er uns den Hintergrund gleich im Winter. Jahrzehntelang war Herr  M. Radamateur und -trainer. Unser blauer Blitz begeistert ihn.

Also alles in allem eine illustre Gesellschaft um uns herum. Aber wenn sie an solchen Tätigkeiten Spaß haben, sollen sie es machen. Wir möchten nicht so enden. Es wird also in diesem Sommer eine Gratwanderung werden zwischen dem, was man von uns erwartet und dem, was wir bereit sind zu tun.

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