Absolutismus in Reinkultur

Wir befinden uns im Jahr 1682. Anfang Mai hat Ludwig XIV seinen Regierungssitz in das neu erbaute Prunkschloss Versailles verlegt.

Und jetzt, im Hochsommer, wird dort eine große Einweihungsfeier stattfinden. Alles, was in den benachbarten europäischen Fürstenhäusern Rang und Namen hat, ist eingeladen. Stellt euch vor, welch eine Aufregung herrscht. Man kann in Versailles unmöglich einfach so auftauchen. Das muss schon entsprechend stilvoll geschehen. Denn man möchte ja nicht weniger prächtig daherkommen als die übrigen Gäste. Um unterwegs und vor Ort präsentabel zu wirken, braucht es eine Menge. Wie wohl eine solche Reise damals ablief? Da fahren unzählige Kutschen los, denn es gehen ja nicht nur die erlauchten Herrschaften auf die Reise, sondern auch zahlreiche Bedienstete z.B. Kammerzofen, Schneider, Köche, Ankleidedamen, Kellermeister, persönliche Sekretäre, Leibärzte, Soldaten als Begleitschutz, Zeremonienmeister, Pferdeknechte, Perückenmacher, Hufschmiede, Wäscherinnen, Mätressen, Gesellschaftsdamen, Musiker usw. Je größer die Entourage, umso wichtiger der Gast. Also gibt jeder Potentat sein bestes, damit sein Reisetross so groß wie möglich ist. Im Klartext bedeutet das, er muss seinen Untertanen noch brutaler als sonst das letzte Geld abpressen, um diesen Irrsinn zu bezahlen.

Die Kutschen der anreisenden Fürsten sind aus kostspieligen Materialien gebaut und mit Intarsien verziert, das Zaumzeug für die Pferde aus weichstem Leder hergestellt, mit Ornamenten vergoldet. Die Kutscher sind ausstaffiert mit edlem Zwirn, damit sie was hermachen auf dem Kutschbock. Und erst die Kleider der Herrschaften! Sie stolzieren herum in den teuersten samtenen und seidenen Roben. Sie tragen ungeachtet der sommerlichen Temperaturen Pelze und Perücken, die ihresgleichen suchen. Allein die zur Schau gestellten Klamotten kosten so viel, dass mehrere Kleinstädte ihre armen Bürger ein Jahr lang davon ernähren könnten.

Hoheitsvoll schreiten die Damen und Herren zu den legendären Banketten in Versailles. Die Tische sind bestückt mit einer überbordenden Vielfalt an Speisen und Getränken, während viele französische Bürger zur gleichen Zeit elendig an Hunger krepieren. Auch für nicht enden wollende Unterhaltung ist gesorgt mit Opern, Tänzen, Jagden, Fecht- und Reittournieren usw. Abends werden in den riesigen Sälen des Schlosses Bälle unter einem bestimmten Motto veranstaltet, zu dem die modebewussten Herrschaften Themen-Kostüme und passende Frisuren benötigen. Nur gut, dass ihre Schneider und Friseure sie begleiten. Hunderte von Bediensteten sorgen dafür, dass es in keiner Sekunde an irgendetwas fehlt.

So ähnlich lief es ab in den Zeiten der absoluten Monarchie des Sonnenkönigs. Welch ein Wahnsinn! Könige und Fürsten pressten – durchdrungen von ihrer Wichtigkeit – aus ihren Untertanen jedes Quäntchen Arbeitskraft und jedes bisschen Geld, dessen sie habhaft werden konnten. Sie waren die übelsten Schmarotzer, die eine Gesellschaft nur haben kann.

Nur gut, dass wir heute in anderen Zeiten leben.
Denkt man. Aber ist das tatsächlich so?

Der Vergleich zu den Zuständen im Absolutismus drängte sich auf, als ich in den Medien die Berichte zum anstehenden G20-Gipfel verfolgte.

Wir befinden uns im Jahr 2017. Die Vorbereitungen zum G20-Treffen sind in vollem Gange. Besondere Beachtung verdient der saudische König Salman. Für diesen illustren Herrscher und seine Entourage reicht nicht einmal ein ganzes Hotel. 400 Zimmer haben die Araber in Hamburg gemietet, 160 davon im „Vier Jahreszeiten“ an der Alster, also das komplette Hotel. Dort wird König Salman in der 400 Quadratmeter großen Royal Suite residieren. Weil die aber im Grunde viel zu klein für den König sei, wird einer der Festsäle für die Dauer des Aufenthalts zum Thronsaal umgebaut, wie Hoteldirektor Ingo Peters im Interview mit dem „Manager Magazin“ verriet. Dort wird dann der mitgebrachte Herrschersitz stehen. Weitere Säle werden zu Wohnbereichen und Lounges umgestaltet. Auch darüber hinaus musste in dem Hotel, das zu Hamburgs ersten Adressen gehört, einiges umgebaut werden, um den Ansprüchen zu genügen. „Ein paar Wände mussten umgesetzt werden, um Platz für die Insignien des Herrschers zu schaffen“.

Etliche Gäste haben Sonderwünsche, etwa, was die Badezimmertechnik angeht. In der Suite des Königs wird temporär Panzerglas vor den Fenstern montiert. Außerdem reist der König mit eigenen Köchen an. Peters: „Leute, die nur Tee kochen, andere, die nur für das Obst zuständig sind. Aber dieses Personal versorgt nur den König und seine engeren 20 bis 30 Vertrauten. Die übrigen 130 bis 140 bekochen wir.“

Neben dem eigenen Thron hat König Salman offenbar immer eine fahrbare goldene Rolltreppe dabei, damit er nach der Landung nicht selbst die Stufen vom Flieger herabsteigen muss. Außerdem bringe die Delegation Kamele mit, um immer frische Kamelmilch zu haben, munkelt man. Um all diesen Ansprüchen gerecht zu werden, wird die arabische Delegation mit insgesamt 6 Boeings anreisen. Was der Mensch eben so braucht.

Nun ja, da tun sich einige Fragen auf. Zum Beispiel, wie jemand glaubhaft über Klimawandel reden kann, wenn er für einen Zwei-Tages-Trip 6 Boeings in Bewegung setzt. Oder wie jemand, der in einem solchen Wolkenkuckucksheim lebt, überhaupt befähigt ist, etwas zum Zustand unserer Welt zu sagen.

Die Parallelen zu den ausufernden, durch nichts legitimierten Ansprüchen des Adels in Ludwigs Zeiten sind überdeutlich. Wieso greift in den Medien kaum jemand dieses Thema auf? Wenn überhaupt über diese unglaubliche Verschwendung berichtet wird, dann mit einem kleinen ironischen Augenzwinkern. Aber nicht, wie es angemessen wäre, mit Empörung und Abscheu. Menschen verhungern in vielen Teilen der Welt, weil man ihnen die Existenzgrundlagen geraubt hat. Weil Lebensmittel und sauberes Trinkwasser Dinge sind, mit denen an den Aktienmärkten spekuliert wird. Weil Waffen immer wichtiger zu sein scheinen als Brot.

Aber in Hamburg kümmert man sich aufopferungsvoll darum, dass der saudische Machthaber mitsamt den zahlreichen Hofschranzen alles seinen absurden Vorstellungen entsprechend vorfindet. Dieses Gebaren ist angesichts hungernder Menschen geradezu obszön. Dass der König Unmengen Blut an seinen Händen kleben hat, wird im übrigen auch höchst selten erwähnt.

Es ist nicht nur verständlich, sondern eine moralische Pflicht, gegen solche Zumutungen zu protestieren.

Abschließend ein paar Worte des Soziologen Jean Ziegler zu G20:

„Es ist eine total illegitime und illegale Zusammenkunft. Es gibt eine Organisation, die Vereinten Nationen, die das öffentliche Interesse der Völker wahrnimmt. Für eine Herrschaftszusammenkunft von einigen mächtigen Staatschefs, die 85 Prozent des Weltbruttosozialprodukts kontrollieren, die hinter 20.000 Polizisten hinter Stacheldraht zusammenkommen in der Weltstadt Hamburg, gibt es keine Legitimation. Sie fassen Beschlüsse, über deren Ausführung keine Kontrolle besteht. Und das geht nicht. Das ist gegen den Willen dessen, was die Gründer der Vereinten Nationen gewollt haben. Und dieser G20-Gipfel unterminiert die Demokratie“.

Manch einer mag nun mit dem Finger auf diesen hinterwäldlerischen Monarchen und seine Märchenwelt zeigen. Über diese Zustände sind wir doch im aufgeklärten, modernen Westen hinaus. In diesem Falle trifft sie der Hinweis auf die vier Finger, die auf uns zurückweisen. Es ist nämlich bei weitem nicht nur ein saudischer König, der mit großem Gefolge anreist. Auch für Präsident Trump sind bereits die Karossen seines Konvois per Flugzeug geliefert worden. Er wird umgeben von seiner persönlichen Leibgarde. Die darf in Deutschland Waffen tragen und untergräbt damit das staatliche Gewaltmonopol der BRD. Leibgarden hat freilich nicht nur Trump. Wer alles Revolverhelden mitbringt, ist noch nicht abschließend bekannt. Türkei, Russland und Niederlande tun dies auf jeden Fall. Wir fragen uns, vor wem Marc Rutte Angst hat? Seit Wochen üben die Polizeikräfte Deutschlands für den Gipfel. Aus Langeweile schlugen kürzlich ein paar über die Stränge. Sie durften nach Hause. Was hier an Aufwand für ein sinnloses Treffen betrieben wird, spottet jeder Beschreibung. Unsere Regentin ist mittendrin. Sie möchte sich inszenieren als glorreiche Gastgeberin, die es an nichts fehlen lässt. Vor allem möchte sie schöne Bilder für ihre Wiederwahl. Angela Merkel als Hüterin der westlichen Werte. Es wird einem übel bei diesem Trauerspiel. Wie oben beschrieben, übt die ehemalige vierte Gewalt keinerlei Kritik. Und auch gesellschaftlich wirkmächtige Gruppen wie Kirchen und Gewerkschaften schweigen. Zwar sind 30 Demos gegen den Gipfel angekündigt. Leider ist darunter keine große unter dem Schirm achtsamer Organisationen. Im Angesicht der Drohung de Maizières, hart gegen sog. Straftäter vorzugehen, im Wissen um vorbereitete Schnellgerichte und die gewaltbereiten Rowdys auf allen Seiten, trauen wir uns als friedliche Bürger nicht in diese Stadt, um unseren legitimen Protest zum Ausdruck zu bringen.

http://www.spiegel.de/reise/staedte/g20-gipfel-vier-jahreszeiten-chef-ingo-peters-koenig-salman-reist-mit-thron-a-1155249.html

http://www.stern.de/politik/deutschland/g20-gipfel-in-hamburg–die-besonderen-beduerfnisse-der-saudis-7406962.html

https://www.tagesschau.de/inland/g20-ziegler-101.html

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Eine Antwort zu Absolutismus in Reinkultur

  1. Anonymous schreibt:

    Ja, aber die Saudis haben doch nun mal unser Öl… unser schönes Öl. Da wir die nicht umbringen können, müssen wir sie halt HOFIEREN. So haben wir es noch vor nicht allzu langer Zeit auch mit Gaddafi, Hussein und Bin Laden doch auch gemacht. Hmmm, nun sind die tot. Wäre vielleicht doch billiger gewesen…

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