Gedanken an einem trüben Tag

Der Tag fängt trostlos an. Ich werde früh wach. Mir ist schrecklich kalt und ich fühle mich wie gerädert. Gestern Abend schüttete es wie aus Kübeln, so dass nicht viel Zeit blieb für die Suche nach einem passenden Schlafplatz. Also verkroch ich mich in der nächstbesten überdachten Einfahrt in der Innenstadt. Hier war es feucht und schmuddelig, aber wenigstens halbwegs sicher. Mein Schlafsack, meine Klamotten – alles ist klamm.

Ich bin ganz steif vom Liegen auf dem harten Boden und sammle mühsam meine paar Habseligkeiten zusammen. Das Aufstehen fällt schwer. Es geht zunächst nur schlurfend vorwärts. Mein erster Weg führt mich zum Kiosk ein paar Straßen weiter. Dort verkauft Hilde. Die ist eine gute Seele. Oft lässt sie mich ihre Toilette benutzen und spendiert mir einen heißen Kaffee und ein Brötchen. Man fühlt sich schon um einiges besser, wenn man sich ein wenig frischmachen kann und etwas Warmes zu trinken hat. Aber heute ist der Kiosk noch geschlossen. Vielleicht ist Hilde krank. Ich nehme mir vor, später noch mal vorbeizuschauen. Hoffentlich hat sie nur verschlafen. Mir knurrt der Magen. Es ist erst kurz nach 6 Uhr und ein unendlich langer unfreundlicher Herbst-Tag liegt vor mir.

Langsam laufe ich den Bahnhofsvorplatz entlang auf der Suche nach einer geeigneten Stelle zum Betteln. Hier sind um diese Zeit schon Pendler und Reisende unterwegs. Noch immer fällt es mir schwer, das Wort „betteln“ auszusprechen. Dabei lebe ich schon seit zwei Jahren auf der Straße. Klar gibt es die Tafel, die Suppenküche, die Obdachlosenheime. Aber was nützt dir morgens um 6 Uhr der Hinweis auf ein kostenloses Frühstück, das du erst in ein paar Stunden im Gast-Haus bekommen kannst?

Also stelle ich meinen kleinen Teller vor mich hin in der Hoffnung, dass der ein oder andere Passant etwas hineinwirft. Den Moment, als ich mich entschloss, das erste Mal um Geld zu betteln, vergesse ich nie. An dem Tag hatte ich stundenlang erfolglos nach Flaschen gesucht. Die Ausbeute ergab nicht mal zwei Euro. Dann konnte ich einfach nicht mehr. Ich war völlig fertig, hatte Blasen an den Füßen und mir war schwindelig. Es ging nicht anders. Verzweifelt reihte ich mich also ein in die Riege der „Schnorrer“. Anfangs traute ich mich überhaupt nicht, den Vorbeigehenden ins Gesicht zu schauen. Die Scham war zu groß. Ab und zu ließ ich ein leises „Bitte“ verlauten, was wahrscheinlich niemand wahrnahm in der üblichen Einkaufshektik. Die Menschen hasteten einfach an mir vorbei. Lange saß ich dort in der Shopping-Meile. Irgendwann sprach ich jemanden direkt an mit dem typischen Satz „Haben Sie wohl ein bisschen Kleingeld für etwas zu essen?“ Es dauerte lange, bis ich ein paar Euros zusammen hatte. Und es war hart verdientes Geld, denn ich musste lernen, die Blicke der Gebenden auszuhalten. Die mitleidigen, die verächtlichen, die aggressiven, die gönnerhaften. Ich sah mich selbst in diesen Blicken. Meine ganze armselige Gestalt: abgemagert, mit strähnigen Haaren, schmutziger Kleidung, schlecht riechend. Ich glaube fast, die mitleidigen Blicke sind am schlimmsten. An alles andere gewöhnt man sich, aber das Mitleid macht mich heute manchmal noch fertig. Da komme ich mir so klein vor.

Im Laufe der Zeit lernte ich noch etwas anderes, nämlich die Menschen einzuschätzen. Inzwischen kann ich fast voraussagen, wer mir etwas schenken wird und wer nicht. Das hat beileibe nichts damit zu tun, wie gut situiert jemand ist. Im Gegenteil. Die besonders verächtlichen Kommentare stammen meist von teuer gekleideten Leuten mit Einkaufstüten aus Markenläden in den Händen. Es fällt sehr schwer, einen Rest Selbstbewusstsein zu behalten in meiner Welt. Dauernd bekommt man signalisiert, dass man nicht etwa nur am Rande der Gesellschaft lebt, sondern überhaupt nicht mehr dazugehört.

Noch ist das Betteln bei uns erlaubt. Das ist längst nicht überall so. Hilde überlässt mir immer eine Zeitung vom Vortag, so dass ich mich informieren kann über das aktuelle Geschehen. Das ist mir wichtig, auch wenn ich auf der Straße lebe. In dieser Zeitung also las ich, dass Dänemark ein Gesetz erlassen hat, das sogenanntes aggressives Betteln verbietet. Dafür kann man nun auch als „Ersttäter“ für zwei Wochen ohne Bewährung ins Gefängnis wandern. Was bitte darf man sich unter „aggressivem Betteln“ vorstellen? Wir tun doch niemandem etwas. Wer uns nichts geben will, muss es auch nicht. Angeblich soll das Gesetz wegen der organisierten Banden aus Rumänien erlassen worden sein. Aber es gilt natürlich für alle Bettler, seien sie Rumänen oder Dänen. Ich glaube nicht, dass es um rumänische Banden geht. Nein, wir stören die Ordnung, auch wenn wir einfach nur da sitzen. Wir kratzen am schönen Bild von der Wohlstandsgesellschaft, in der es jedem gut geht, der sich nur genug anstrengt. Ist denn das Bild von einer heilen, ordentlichen Welt wichtiger als die elementaren Bedürfnisse von Menschen? Das ist so erbarmungslos. Wenn wohlhabende Menschen uns sehen, müssten sie eigentlich froh sein über das Glück, das sie haben. Sie befinden sich doch auf der Sonnenseite des Lebens. Stattdessen richtet sich ganz oft blanke Wut und Verachtung gegen uns. Ich kann es mir nur so erklären, dass wir etwas darstellen, vor dem sie insgeheim riesige Angst haben. Sonst müssten sie uns nicht hassen, sondern könnten uns ganz gelassen ignorieren. Ja, man lernt eine Menge auf der Straße.

Vielleicht wundern Sie sich über meine kritischen Gedanken. Aber auch wir Bettler und Obdachlosen sind nicht anders als andere Menschen. Unter uns gibt es dumme und intelligente, Extrovertierte und Verschlossene, Faule und Fleißige. Es gibt welche, die resigniert haben und solche, die noch Hoffnung haben. Die Hoffnung nicht aufzugeben, ist jedoch schwer. An Tagen wie heute ganz besonders. Aber inzwischen haben mir drei Passanten etwas aufs Tellerchen gelegt. Und eine Frau hat mir dabei freundlich zugenickt und einen „Guten Morgen“ gewünscht. Das gibt etwas Auftrieb. Und das Geld reicht für ein kleines Frühstück. Wenn ich erstmal etwas im Magen habe, werde ich unbedingt nach Hilde schauen.

Quelle:
https://www.taz.de/Archiv-Suche/!5418372&s=d%C3%A4nische+volkspartei/

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