Parallelgesellschaften

Häufig ist von Parallelgesellschaften die Rede. Immer sind in diesem Zusammenhang türkisch-stämmige Mitbürger oder andere, meist muslimische, Gemeinschaften in Deutschland gemeint.
Ganz richtig, in unserem Land gibt es Parallelgesellschaften. Aber auf einer ganz anderen Ebene. Ich würde gern zwei davon beschreiben. Um die  verschiedenen Welten anschaulich zu machen, habe ich zwei Protagonisten erfunden. Nicht erfunden jedoch sind die Lebensumstände der jeweiligen Personen.

Hier ist Gabi A. Sie ist 54 Jahre alt, geschieden, Betreuungskraft in einem Seniorenheim. Dort hat sie einen 32-Stunden-Vertrag. Schon seit zwei Jahren sollte ihr Vertrag auf 40 Stunden erweitert und entfristet werden. Auch der Stundenlohn sollte erhöht werden. Leider haben ihre Vorgesetzten den Versprechungen keine Taten folgen lassen. Oftmals leistet Frau A. (unbezahlte) Überstunden und ist an Wochenenden und an Feiertagen auf Schicht. Trotzdem reicht der Verdienst nicht, so dass sie Aufstockung beantragen muss. Dafür muss sie beim Jobcenter endlosen Papierkrieg und Bespitzelung über sich ergehen lassen. Eigentlich ist sie Bürokauffrau, aber nach einer Firmenpleite wurde sie arbeitslos und die Arbeitsagentur machte ihr klar, dass sie in einen Bürojob nicht mehr vermittelbar sei. Also wurde sie in eine Maßnahme gesteckt, damit sie anschließend einem karitativen Unternehmen als billige Arbeitskraft zur Verfügung stehen konnte. Der magere Lohn hat natürlich Auswirkungen. Ihr jährlich eintrudelnder Rentenbescheid macht ihr klar, dass sie im Ruhestand finanziell am Existenzminimum rangieren wird. Dabei wollte sie alles richtig machen und hat einige Jahre von ihrem ohnehin nicht üppigen Lohn Einzahlungen für die Riester-Rente bestritten. Vielleicht werden die so erworbenen Riester-Euros dafür sorgen, dass sie später so gerade knapp über den Sozialhilfesatz kommt und nicht zum Amt laufen muss. Damit verzichtet sie aber auch auf die kleinen Vergünstigungen, die das so mit sich bringt. Zum Beispiel ein preiswertes Ticket für die Bahn oder ein herabgesetzter Eintritt im Westfalenpark. Die Mieten steigen auch in Dortmund und die Anzahl der bezahlbaren Wohnungen wird von Jahr zu Jahr kleiner. Sie macht sich Gedanken, ob sie irgendwann ihr lieb gewonnenes Zuhause verlassen muss, weil ein geldgieriger Spekulant die Straße aufkauft und anfängt umzustrukturieren. Nun wird ihr dringend geraten, fürs Alter vorzusorgen mit einer Betriebsrente. Ja, wovon denn nur? Es reicht doch so schon hinten und vorn nicht, obwohl sie zu den viel zitierten hart arbeitenden Menschen gehört, die ihr Job physisch und psychisch oftmals an die Grenzen bringt.

Szenenwechsel:
Hier haben wir Melanie B. Sie ist seit 4 Jahren Mitglied des Bundestages. Sie hat kein wichtiges Amt und steht selten im Rampenlicht. Sie ist normale Abgeordnete, die aber – wie alle anderen ihrer Zunft – darüber abstimmt, wenn es um Sozialleistungen, Renten und Rahmenbedingungen für Beschäftigungsverhältnisse geht. Über eine abgeschlossene Berufsausbildung verfügt sie nicht. Das ist kein Makel. Damit steht sie durchaus nicht allein da.
Sie erhält für ihren Job im Bundestag eine zu versteuernde Abgeordnetenentschädigung von derzeit monatlich 9.327 € brutto, das sind 111.924 € im Jahr. Dazu bekommt sie zusätzlich eine steuerfreie Aufwandspauschale von 4.305 € pro Monat, insgesamt 51.665 € pro Jahr. Pro Mandatsjahr erwirbt sie einen Pensionsanspruch von 233 Euro. Nach ihrer ersten Legislaturperiode hat sie also bereits Anspruch auf 932 Euro Ruhegeld. Das sind rd. 20 Euro mehr als die von der Großen Koalition geplante Lebensleistungsrente für Geringverdiener nach 40 Jahren Arbeit. Das ist auch mehr, als Gabi A. bekommen wird. Melanie B. ist sehr bemüht, ihrem ersten Mandat noch weitere folgen zu lassen. Da sie opportunistisch angepasst keines eigenen Gedankens fähig ist, hat sie durchaus Chancen, wieder einen vorderen Listenplatz in ihrer Partei zu ergattern. Alle Möglichkeiten zur zusätzlichen privaten Rentenvorsorge stehen ihr offen. Bei ihrem Jahresgehalt ist das überhaupt kein Problem. Sie gehört zu denen, die mit Fug und Recht den Satz von Frau Merkel „Uns geht es gut“ unterstreichen können. Mit der Lebens- und Arbeitsrealität von Gabi A. hat das alles überhaupt nichts zu tun.

Dabei hat Frau A. alles gemacht, was von ihr erwartet wurde in dieser Leistungsgesellschaft: sie hat einen vernünftigen Schulabschluss, eine ordentliche Berufsausbildung und sie arbeitet mit großem Engagement in einem gesellschaftlich hochwichtigen Bereich. Sie wird dringend gebraucht im Seniorenheim.

Frau B. hingegen brach das Gymnasium nach der 11. Klasse ab, versuchte es mit zwei Ausbildungen, von denen sie keine beendete, und sitzt nun im Bundestag als Entscheidungsträgerin. Wenn sie mal krank ist und nicht zur Arbeit erscheint, interessiert das niemanden. Es hat einfach keine Relevanz.

Und trotzdem sitzt sie da als eine von denen, die Frau A erzählt, was sie alles versäumt hat im Hinblick auf ihre mageren Rentenansprüche. Die ihr gute Ratschläge gibt, was zu tun sei.

Da treffen zwei Welten aufeinander, die nicht zusammenpassen. Das sind für mich die wahren Parallelwelten.

https://www.steuerzahler.de/Die-Finanzierung-der-Bundestagsabgeordneten/8692c9972i1p525/

 

 

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