Einladung zum Tee

Martin Schulz hat sich einen Mann mit Erfahrung als neuen Generalsekretär auserkoren. Hubertus Heil hat die Aufgabe schon einmal vier Jahre lang erfolgreich erledigt. So arrangiert Hubertus aus Hildesheim einen tollen Termin für seinen Chef. Dabei zeigt der Skorpion gleich sein ganzes Können. Martin kennt sich sehr gut aus mit Zügen. Immerhin hat die Partei einen nach ihm benannt. Deshalb fährt Martin natürlich mit dem Zug. Außerdem war er irgendwas Hohes in Europa. Daran kann sich Hubi, wie er in der Partei liebevoll genannt wird, noch erinnern. Lange her, damals vor dem Schulz-Effekt. Leider fährt von Würselen nach Aachen kein Zug mehr. So besteigt Martin den Bus Nr. 11 und gondelt eine halbe Stunde durchs hinterwäldlerische Rheinland. In Aachen kann er endlich den Eurostar nach London besteigen. Während der Fahrt unterm Ärmelkanal hindurch wird ihm ganz warm ums Herz. Dieser Tunnel steht doch sozusagen symbolisch fürs geeinte Europa. Und am geeinten Europa hatte er doch großen Anteil als Präsident gehabt. Deshalb auch an diesem Tunnel. Ruckzuck ist Martin in London und wird von Frau Corbyn abgeholt. Ihr Mann ist zu Hause geblieben, um für den Gast aus Deutschland einen besonderen Tee zu bereiten. Red Sky heißt diese Mischung. Herzlich begrüßt der Vorsitzende der Labour Party seinen Kollegen von der SPD. Bald sitzen sie zu dritt am Tisch und knabbern Scones.

Martin Schulz: Ganz hervorragend, dieser Tee. Du sag mal, Jeremy, unser Hubi hat ja den Termin gemacht. Bist Du nicht auch ein Parteivorsitzender?

Jeremy Corbyn: Oh ja, ich gehöre zur Labour Party.

MS: Ja und sag mal, der Hubi hat mir sowas erzählt. Du sollst bei der Unterhauswahl letzten Donnerstag 40 % geholt haben. Das ist doch wohl ein Scherz, oder?

JC: Oh no joke. Tatsächlich haben wir 40 % gehabt und damit über 260 Sitze geholt.

MS: Aber dann kannst Du doch kein Sozialdemokrat sein! Die verlieren doch überall.

Jeremy Corbyn wiegt etwas verlegen den Kopf. Seine Frau bestätigt das Wahlergebnis vom 8. Juni noch einmal.

MS: Ich kann es nicht glauben. So viel hatte ich noch nicht einmal während des Schulz-Effekts im Februar. Sind denn bei Euch nicht die meisten Medien auf der Seite der Konservativen?

JC: Das sind sie. Daran kannst Du auch nicht viel ändern. Die sind größtenteils gekauft. Viel von dem Dreck, den sie anfangs ausgruben und warfen, habe ich einfach ignoriert. Du darfst Dich nicht mit jedem Quark beschäftigen.

MS: Aber das geht doch gar nicht. Dann sind Eure aber zahm. Ich muss auf jeden dummen Vorschlag etwas sagen.

JC: Vielleicht kann Dir der Hubi mal ein paar unserer Zeitungen übersetzen. Ich denke, unsere Presse ist eher noch schärfer als Eure. Der britische Humor kann böse sein.

MS: Ich habe da so eine fähige Fachkraft namens Papoulias. Der spricht mehrere Sprachen. Der kann das machen. Wie hast Du denn ohne die Medien die Menschen erreicht? Das geht doch gar nicht. Habt Ihr vielleicht tolle Plakate gehabt? So wie bei uns, wo mein Kopf für die Null in 2017 steht.

JC: Auf Plakate legen wir hier wenig wert. Ich habe viele Reden gehalten. Einfach live vor den Leuten. Ich bin herumgereist. Einige dieser Reden wurden aufgenommen und ins Internet gestellt. Dort haben sie sich dann viele Menschen angesehen.

MS: Jaja, wir müssen uns der modernen Zeit so langsam öffnen. Das sagt der Hubi auch. Aber was hast Du den Leuten denn da erzählt?

JC: Ein Schwerpunkt war die Wiederverstaatlichung öffentlicher Einrichtungen wie Krankenhäuser, Eisenbahnen oder Wasserleitungen. Die wurden jahrzehntelang vom Staat in private Hand verkauft. So konnten die Regierungen zwar ihre Haushalte aufpolieren, aber für die Menschen wurde es teurer und vor allem sehr viel schlechter.

MS: Jeremy, mein Freund, nimm mich nicht auf den Arm! In Griechenland verkaufen wir doch gerade alles, weil das gut ist für die Griechen. Das habe ich in meiner Zeit als Präsident immer unterstützt. Frau Merkel hat mich dafür immer sehr gelobt.

JC: Ist Angela Merkel denn in Deiner Partei?

MS (lacht): Manche sagen das. Zum Beispiel so ein Bauer namens Spahn aus dem Münsterland. Aber egal. Eigentlich ist Frau Merkel nicht in der SPD. Da hast Du recht.

JC: Haben denn Deine Genossen, während Du in Straßburg warst, nicht dagegen opponiert?

MS: Oh keineswegs! Wir sind doch mit der CDU in einer Koalition. Deshalb stimmen wir immer gemeinsam ab. Und meine Genossen daheim waren sehr für die Griechenlandpolitik von Merkel und Schäuble. Schließlich macht der Tsipras ja auch mit.

JC: Seltsame Geschichte. Er wollte vorm Regieren genau das Gegenteil wie danach. Deshalb würde ihn jetzt auch kaum noch ein Grieche wählen.

MS: Was Du da forderst, das fordert bei uns Die Linke. Das können wir als SPD doch schon aus Prinzip nicht übernehmen.

JC: Aus meiner Sicht müsstet Ihr das. Es würde den Deutschen guttun. Oder haben bei Euch die Privatisierungen toll geklappt?

MS: Naja, wir müssen jetzt nicht mehr sechs Wochen auf einen Telefonanschluss warten. Ich meine, in Würselen schon. Da gibts noch kein schnelles Internet. Aber in den Metropolen geht das dank des privaten Marktes alles viel schneller. Nur auf dem Lande hapert es ein wenig. Außerdem ist der Tarifdschungel überhaupt nicht überschaubar. Meine Tochter hat derzeit drei Mobilfunkverträge laufen. Einer günstiger als der andere, aber alle zusammen? Im Gesundheitssektor setzen wir voll auf die Kräfte des Marktes. Im Moment läuft das nicht so gut. Das muss aber daran liegen, dass da noch behördliche Hemmnisse sind. Ja und bei der Rente haben wir gerade so ein tolles drittes System eingeführt. Warum das neu sein soll, habe ich noch nicht kapiert. Diese Betriebsrente funktioniert eigentlich so wie damals Riester. Nur die Arbeitgeber machen ein bisschen mit und haben schöne Vorteile davon. Es ist doch wichtig, dass es der Wirtschaft gut geht.

JC: Aber Martin, stehen bei Euch in Deutschland die Sozialdemokraten nicht dafür, dass es vor allem den Menschen gut geht?

MS: Sozial ist, was Arbeit schafft.

JC: Wer sagt das – Euer alter Willy Brandt?

MS (überlegt): Nee ich glaube, das war auch wieder Angela Merkel. Aber immerhin habe ich gesagt, dass ich für die hart arbeitende Bevölkerung bin.

JC: Das hast Du. Ich habe aber noch nicht mitgekriegt, was Du für sie tun willst.

MS: Na zum Beispiel die Steuern senken.

JC: Welche denn, die Mehrwertsteuer?

  1. Aber nicht doch, die Einkommenssteuer.

JC: Soweit ich weiß, zahlen Geringverdiener bei Euch gar keine Einkommenssteuer. Da gibt es so Freibeträge. Sie müssen aber einen großen Teil ihres Einkommens für Lebensmittel und Kleidung ausgeben. Genau wie Sozialhilfeempfänger. Wenn Du die darauf lastende Steuer senkst, dann nutzt das den ärmeren Haushalten wirklich.

MS: Aber den Reichen auch.

JC: Ja sicher. Aber die geben prozentual viel weniger ihres Geldes für Konsum aus.

MS: Aber das können wir nicht machen. Wir haben uns jetzt für die hart Arbeitenden entschieden. So ab 3.000 € brutto aufwärts.

JC: Armer Martin, wie willst Du damit Wahlen gewinnen? Das ist doch die Wählerschaft der CDU.

MS: Alle bei uns sagen, die Wahlen werden in der Mitte gewonnen.

JC: Und Du fällst darauf rein?

MS: Was hast Du denn sonst noch gefordert?

JC: Ich gebe Dir mal ein paar Stichworte: Wohnungsbau: Labour will eine Millionen Wohnungen bauen, davon die Hälfte in öffentlicher Hand; zusätzlich soll es eine Mietpreiskontrolle geben. Bildung: Labour will die Studiengebühren abschaffen, 6,3 Mrd. Pfund in die Schulen investieren, freie Mahlzeiten für Grundschüler einführen und die Klassengrößen senken. Arbeit: Labour will gegen prekäre Arbeitsverhältnisse vorgehen und den Mindestlohn erhöhen. Finanzen: Labour will die Bankenaufsicht stärken und Steuerschlupflöcher schließen. Steuern: Labour will Unternehmen stärker besteuern und den Steuersatz für Menschen, die mehr als 80.000 Pfund pro Jahr verdienen, anheben. Soziales: Labour will eine kostenlose Kinderbetreuung einführen. Altersvorsorge: Labour will die Mindestrente jährlich nach einem nach oben offenen flexiblen System steigen lassen.

MS: Das können wir nicht fordern. Dann geht unser Wirtschaftswunder doch wieder kaputt.

JC: Lieber Martin, Du wolltest wissen, wie ich 40 % geholt habe. So war es und so klappt das. Aber wenn Du und die SPD anderer Meinung seid, könnt Ihr das natürlich auch nicht fordern

MS: Nein Jeremy, das sehen wir tatsächlich anders. Deshalb haben wir im Moment ja auch noch die große Koalition. Da haben wir prima regiert. Und wenn ich meinen Schulzzug erstmal wieder ins Rollen bringe. Jetzt haben wir ja den Hubi. Ich gewinne in der Mitte und werde Kanzler. Den Koalitionspartner kann ich mir dann aussuchen.

JC: Das ist traurig für die Menschen in Deutschland. Die haben dann ja gar nichts zu wählen.

MS: Aber sicher doch. Wir zeigen klare Kante für soziale Gerechtigkeit.

JC: Aber Martin, was ich da fordere, ist soziale Gerechtigkeit.

MS: Viel zu radikal. So geht das nicht. Tut mir leid, Jeremy. Ich muss los. Mein Eurostar fährt gleich.

Als die Corbyns vom Bahnhof heimkommen, sind sie schon wieder ganz munter. Der Besuch dieses Sozialdemokraten aus Deutschland hatte sie vorübergehend sehr nachdenklich gemacht. Frau Corbyn war dann zu dem Schluss gekommen, dass die SPD in Deutschland wohl erst marginalisiert werden muss, ehe sie vielleicht neu gelebt wird. Das ist zwar eigentlich nicht nötig, aber nicht zu ändern. Und damit hatten sie das Thema fallen gelassen.

Quelle: http://www.nachdenkseiten.de/?p=38660#more-38660

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