Männer-WG – Teil 18

Als Ülle in die Küche kommt, hängen seine Mundwinkel ziemlich herunter. „Die Lilie welkt, einen Rüdesheimer Kaffee bitte“, sagt er zur Kaffeemaschine auf der Anrichte. Ülle wirft einen Blick in den elektronischen Briefkasten, den sie sich als WG neulich erst eingerichtet haben. Außer den üblichen roten Herzchen von 13jährigen Mädchen findet er nichts, was ihn aufheitern könnte. Da steht plötzlich Mama Götze in der Küche: „Hallo André, was ziehst Du denn für ein Gesicht heute morgen? Schau mal, die Sonne scheint“, begrüßt sie den jungen Mann. „Guten Morgen, Frau Götze. Sie sind heute aber früh dran“, antwortet der gut erzogene Ülle. „Ja weißt Du, ich helfe dem Mario Koffer packen. Wir fahren doch heute zur Kur nach Bad Münstereifel.“ „Verstehe. Mario spricht seit Tagen von nichts anderem mehr.“ „Wie schön , dass Du schwindeln kannst, ohne rot zu werden.“ Mit diesen Worten verlässt Mama Götze den trauernden Ülle, der sich mit seiner Tasse an den Tisch setzt. „Oh schönes Darmstadt, wart auf mich! Dortmund tausch ich ein für Dich“, kommt Kevin singend in die Küche. „Wie kann man so gute Laune haben, wenn man in ein solches Nest zieht und auch noch zweite Liga spielt?“, fragt Ülle mürrisch. „Die Lilie welkt, einen Kaffee bitte. Ach Ülle, gegenüber Kemminghausen ist das alles ein Fortschritt. Die spielen in der sechsten Liga oder so und haben gerade Strom bekommen da draußen.“ „Du spinnst ja, so rückständig sind die auch nicht.“ „Ey Alter, klar krass übertrieben. Aber so kam es mir vor, als wir das Pokalspiel mit Superbeamer im Vereinsheim geguckt haben.“ „Oh Mann Mama, nicht das Kuscheltier in den Koffer!“, hören sie Majo schreien. „Der hats auch nicht leicht“, grinst Kevin. „Hast Du denn schon eine Wohnung in Darmstadt?“, will Ülle wissen. „Ja klar ey. Ich ziehe da zu so einer Andrea. Die war Tennisspielerin und macht da jetzt eine WG für Ex-Sportler auf“, erklärt Kevin stolz. „Aber Du bist doch gar kein Ex“, sagt der neunmalkluge Ülle in seiner typischen Art. „Ach naja doch irgendwie schon. Zweite Liga mache ich doch locker“, gibt Kevin an. „Jaja, so wie bei Stuttgart“, höhnt Reusi und kommt herein, „die Lilie welkt, einen Kakao mit Schuss. Die Pflaster sind alle.“ Damit setzt sich Reusi an den Tisch. Seine Mundwinkel pendeln sich auf der Höhe von Ülles ein. „Auch das noch!“, stöhnt dieser. „Ey Reusi, was geht?“, fragt Kevin aufmunternd. „Nicht den Schlafanzug mit den Teddybären!“, hören sie Majo verzweifelt rufen. „Ach Alter, vergiss es“, sagt Reusi. „Was habt Ihr denn bloß alle? Pokalsieger und Millionenverträge und trotzdem miese Laune.“ Kevin kann es nicht verstehen. „Aber diese WG ist wohl kaputt“, flüstert Reusi. „Wieso das denn?“, ist Kevin erstaunt. „Ja Du gehst nach Darmstadt und Majo in Rente.“ „Wieso das denn? Davon hat er noch gar nichts gesagt.“ „Er weiß es ja auch nicht. Ich habe aber gestern ein Gespräch vom Manager mit dem großen Boss mitgekriegt. Die haben gesagt, sie holen den Toni aus Madrid für 70 Mio und schießen dafür Majo in den Wind“, erzählt Reusi. „Was Du immer mitkriegst“, wundert sich Ülle, „der Toni will doch gar nicht da weg.“ „Naja, kann auch Oli aus Mailand gewesen sein. Was weiß denn ich.“ Reusi nimmt einen großen Schluck. „Wohin gehst Du denn in Urlaub?“, versucht es Kevin. „Ich begleite Madelleine auf eine Nackttour durch die westfälische Provinz. Es geht los in Gütersloh. Ihr Onkel hat das arrangiert“, erzählt Reusi traurig. „Aber das ist doch toll, wenn Du Deine Freundin so unterstützt“, ermuntert Kevin. „Jaja prima.“ „Was hast Du denn, Reusi?“ „Der Onkel wollte so ein Freundschaftsspiel mit mir organisieren. In so einem Vorort. Doch keiner wollte mitmachen. Angeblich sind alle in Urlaub“, erklärt Reusi. „Ey Alter, Ärger Dich nicht. Sind bestimmt alles Schalker da“, beschwichtigt Ülle. „Mensch Mama, jetzt reichts! Ich spiele kein Maumau mehr mit Dir!“ Eine Tür knallt ins Schloss und ein wütender Majo stürmt in die Küche: „Ich brauche dringend ein Pflaster.“ „Wir haben keine mehr“, seufzt Reusi. „Wenn Ihr die olle Lilie nicht hättet“, murmelt Kevin und verschwindet. In der Tür stößt er fast mit Mama Götze zusammen: „Mein lieber Mario. So geht das nicht. Du musst schon mitarbeiten an Deiner Heilung. Das hat auch Dr. Knackfuß gesagt.“ „Der hat einen Knack im Kopf“, schimpf Majo. „Wie viele Heiler habe ich geholt und wie viele hast Du abgelehnt?“, fragt Mama Götze beschwörend. „Mindestens sieben“, meint Ülle. „Eher elf“, sagt Reusi. „Vier habe ich noch!“, jubelt Kevin und stockt. „Ähm, ich meine, höchstens vier.“ „Genau neun waren es“, stellt Mama Götze fest und wendet sich brüsk ab. „Das ist ja gerade nochmal gut gegangen“, stöhnt Ülle. Schnell verteilen die Jungs die guten Stücke. „Eigentlich wollte ich die mitnehmen, weil die bei den Lilien garantiert keine haben. Aber Ihr drei guckt so trübe aus der Wäsche. Das ist ja nicht auszuhalten am letzten Tag hier“, erklärt Kevin. „Der Auba ist mit der Tochter vom Trainer durchgebrannt. Auf irgendeine Südseeinsel. Der hat vielleicht getobt“, erzählt Reusi mal wieder was aus dem Nähkästchen. „Wer, der Auba?“, fragt Majo sinnend. „Nein, der Trainer natürlich. Das hat ihm die ganze Abschiedsrede für uns verhagelt. Ich hoffe, Ihr habt mitbekommen, dass der Trainer gefeuert ist?“, fragt Reusi vorsichtig. „Na klar“, betont Majo, „ich habe ihm auch eine SMS geschickt. Dass ich ihn ganz toll finde und so.“ „Lass das bloß nicht den großen Boss hören“, warnt Ülle, „der kann den Trainer gar nicht mehr leiden.“ „Ey Alter, der sitzt im neuen Haus am See und kriegt nichts mit“, erklärt Majo. „Wieso hat denn Euer Chef jetzt ein Haus am Phönixsee?“, will die Lilie wissen. „Weil der Hoeneß auch eins hat. Am See, meine ich“, erklärt Majo. „Ach so, der Hoeneß hat auch ein Haus am Phönixsee?“, ist Reusi doch leicht verblüfft. „Quatsch Reusi, am Tegernsee natürlich“, erklärt Ülle. „Ja stimmt,“ fällt es Majo ein, „da hatten wir mit den Bayern mal ne Grillparty. Später am Abend haben wir dann so richtig gezockt. Mit echtes Geld und so.“ „Dafür ist der Hoeneß ja auch in den Knast gewandert“, weiß Kevin beizusteuern. „Oh weia, hoffentlich hat der uns nicht verraten“, ist Majo erschrocken. „Der ist längst wieder draußen“, erläutert Ülle, „alles in Ordnung.“ Majo will schnell das Thema wechseln: „Sag mal Ülle, fährst Du wenigstens in den Urlaub?“ „Falsche Frage“, flüstert die Lilie. „Die Lilie welkt, einen Rüdesheimer bitte“, sagt Ülle nur. „Was habt Ihr denn schon wieder?“, fragt Majo verständnislos. „Mensch Majo, alter Junge. Der Ülle fährt mit Nevada in die Hohe Tatra in ein Kloster. Neubeginn und so“, erklärt Reusi. „Auf den höchsten Berg, den es in den Karpaten gibt. 2.600 Meter hoch“, ergänzt Ülle seufzend. „In ein Kloster?“, ist Majo verblüfft. „Ja wegen Ruhe und wir können uns auf uns konzentrieren und so“, erklärt der Freund. „Schöne Aussichten, zweitausend Meter hoch mit der Ollen und vermutlich nur ein Ziegenpfad zur Flucht“, ist Kevin sehr mitfühlend. „Soll ich die John Sinclair-Hefte alle einpacken?“, hören sie Mama Götze rufen. „Ab Heft 318!“, brüllt Majo. „Ey Alter, das ist gar nicht lustig. Nevada sagt, sie liebt mich noch. Ich will Ihr gern die neunte Chance geben. Außerdem immer noch besser als mit Heino zusammen eine Autogrammstunde geben oder mit Madelleines halbgaren Verwandten in Paderborn auftreten“, schimpft Ülle mit Hilfe seines zweiten Rüdesheimers. Majo holt mit seinem BVB-Becher aus und trifft mal wieder nicht. Leider hatte Papa Reus vergessen, Panzerglas einbauen zu lassen. In den Weinkühlschrank, dessen Scheibe in tausend Scherben geht. Auch Reusi fühlt sich gefordert, die Verwandtschaft seiner Geliebten zu verteidigen. Er schnappt sich die Vase, in die Mama Götze eine Lilie gestellt hat. Ülle duckt sich rechtzeitig und so knallt die Vase über der Tür an die Wand. Wieder einmal steht Mama Götze im Regen, weil sie wegen des Lärms nachgucken wollte. Ausnahmsweise ist sie sprachlos. Nicht so die Dame vom ASB. Die Direktleitung wurde vom Weinkühlschrank aktiviert. „Liebe Frau Götze, was können wir für Sie tun?“, fragt sie dienstbeflissen. „Holen Sie sofort diese vier Idioten ab!“, kreischt die sonst so beherrschte Mutter, „ich halte das hier nicht mehr aus.“ „Kommt, wir verziehen uns ins Wohnzimmer. Hier ist dicke Luft“, flüstert Majo schnell. Laufen können die vier Profifußballer ja gut und sind blitzartig aus dem Blickfeld der Götze-Mama verschwunden. „Hier ist noch ne Flasche Wein. Kommt, wir stoßen wenigstens auf unseren Abschied an“, sagt Reusi, der Hausherr, und greift zum Korkenzieher, „so jung kommen wir nie wieder zusammen.“

Liebe Leserin, lieber Leser, damit endet das WG-Leben unserer drei Helden. Vorläufig. Denn niemand weiß, wie es mit ihnen beim BVB weitergeht. Die Idee zu den Geschichten entstand im Sommer spontan, als alle drei Jungnationalspieler hier in Dortmund versammelt wurden. Weitgehend sind die Abenteuer ausgedacht, hatten jedoch immer einen Bezug zu Gegenwartsereignissen. Ob und wie es nach der Sommerpause weitergeht, wird die Zeit zeigen.

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