Thomas auf Halbmast

Wieder muss der arme Thomas de Maizière dran glauben. Ja, Sie haben Recht. Er ist einer unserer Lieblinge. Diesmal hatte er wirklich etwas zu sagen. Also zu entscheiden. Er als Bundesinnenscharfmacher darf bestimmen, wann die Flaggen auf Halbmast gehängt werden. Vielleicht dürfen das die Landesinnenscharfmacher für ihr Bundesland auch. Kann sein. Am Mittwoch aber hing Thomas im ganzen Bundesgebiet auf Halbmast. Natürlich wegen des Anschlages in Manchester am Montagabend. Am Dienstag war er wohl noch nicht so weit. Da war vielleicht noch nicht klar, ob es ein Kriegsakt des IS war. Denn dann sind wir auf jeden Fall mitbetroffen. Weil wir in diesem Krieg ja mitmachen. Neuerdings nicht mehr nur als EU-, sondern auch als NATO-Mitglied. Natürlich überschlugen sich die westlichen Politschauspieler am Dienstag mit Beileidsadressen. Theresa May kam gar nicht mehr weg von der Kamera. Der Deutschlandfunk befragte einen ihrer Lieblingsscharfmacher, den CSU-Spitzenmann Joachim Hermann. Der forderte gerade, dass nach der Wahl auch das Überwachen von WhatsApp eingeführt werden soll. Als ob sie das nicht längst täten, wenn sie es denn hinkriegen. Aber solch nette Vorschläge bringt der Herrmann Joachim immer wieder. Auch die Kanzlerin und der Bundessteini und der Obersozi-Lokführer – alle waren zur Stelle. Mir sagte diese Woche eine Frau aus dem Volk, noch bevor die Leute unter der Erde sind, kommen die mit ihren ewig gleichen Worten. Sie kann es nicht mehr hören. Recht hat sie! Und weil das alles ja wirklich stereotyp wird, erfanden die Medien fluchs eine neue Stufe der Barbarei. Diesmal sei es gezielt gegen Kinder und Jugendliche gegangen. Ganz falsch ist das nicht. Aber im Bataclan in Paris waren es auch sehr viele junge Menschen, die getötet wurden. Ein DLF-Journalist verstieg sich zu dem Satz: „Jeder Europäer ist zutiefst erschüttert, weil auch Kinder getötet wurden.“ Dieses Vereinnahmen von uns allen ist eine Unverschämtheit an sich. Die Medien sagen uns, wie wir zu fühlen haben. Sie sollten die Klappe genauso halten wie all die Politschauspieler. Ihr schlecht gespieltes, ewig gleiches Stück hilft niemandem. Den Opfern und ihren Angehörigen am wenigsten. Ich möchte im Krankenhaus nicht eines Tages von Regentin Angela mit acht Sicherheitsleuten im Schlepptau besucht werden. Weiterhin bleibt uns verborgen, warum es bei Kindern besonders schlimm ist. Weil sie unseren besonderen Schutz genießen. Stimmt. Aber vor Terror sind wir Erwachsene genauso hilflos. Weil sie noch länger zu leben gehabt hätten. Wer sagt denn das? Die Statistik, aber bewerten wir menschliches Leben neuerdings quantitativ? Wir haben uns diese Frage anlässlich des Flugzeugunglücks im März 2015 gestellt. Was kostet der Mensch?“, fragten wir uns damals. Wir sind an dieser Stelle nicht bereit, unsere Haltung zu IS oder Terror nochmals auszubreiten. Viele von Ihnen kennen sie und die anderen dürfen getrost die „richtige“ voraussetzen. Dumm war für Politschauspieler wie Journaille, dass England zu den am schärfsten überwachten Ländern der Welt zählt. Weder die Amokfahrt auf der Westminster Bridge noch die Manchester-Bombe konnten verhindert werden. Es fiel ziemlich schwer, diesmal Gesetzesverschärfungen zu fordern.

So hing Thomas am Mittwoch überall auf Halbmast. Wir fragen uns, warum hängt er heute nicht mehr dort? Ist doch klar, nach einem Tag werden die Fahnen wieder eingeholt. Aber gestern hat der IS wieder unschuldige Menschen umgebracht. Darunter auch kleine Kinder. Koptische Christen in einem Bus in Ägypten. 28 Tote. Nicht jeder wird es bemerkt haben. Heute war nämlich schon der Vergeltungsschlag der ägyptischen Luftwaffe in den Meldungen. Und zwar angeblich auf Camps nahe der Stadt Derna. Die liegt in Libyen. Aufgehorcht, auch Ägypten nimmt sich das Recht, ein anderes Land zu bombardieren. Wer gerade die Macht in Derna hat, wissen wir nicht. Sogenannte „ostlibysche Sicherheitskräfte“ ließen verlauten, beim Angriff mitgemacht zu haben. Was diese Ostlibyer mit denen in Tripolis zu tun haben, mit denen Thomas die Grenze in der Wüste sichern will, wäre ein anderes Thema. Gut, also die Ägypter. Laut Merkel ja ein Garant für Stabilität in der Region, flogen mal eben rüber und bombardierten ein bisschen. Das stürzte den DLF-Korrespondenten in Verwirrung. In den libyschen Camps werden Al Qaida-Kämpfer ausgebildet, die Anschläge gegen Kopten verübten in diesem Frühling Mitglieder des IS. Unser ägyptischer Freund, Fatah al-Sisi, Putschist gegen den demokratisch gewählten Murzi, meinte, dieser Anschlag dürfe nicht ungesühnt bleiben. Also Rache ist Blutwurst. Weder traf es die Attentäter noch die richtige Organisation. Al-Sisi fand eine willkommene Gelegenheit, um einerseits die Camps im Nachbarland zu bombardieren und andererseits dem Westen und seinem Geld seine Zugewandtheit zu unseren Werten zu demonstrieren. Nehmen wir mit guter Wahrscheinlichkeit an, dass es IS-Mörder waren, die 28 Kopten erschossen. Die waren sogar auf dem Weg in ein Kloster. Müsste da die moralische Empörung nicht mindestens so groß sein wie bei den Konzertbesuchern in England? Aber niemand hängt auf Halbmast. Keine Beileidsbekundungen allerorten. Wir sind nicht plötzlich alle Kloster St. Samuel, sondern immer noch Manchester.

Es ist zu kompliziert für uns mit der Trauerwertung. Kinder sind schlimmer als Erwachsene. Ägyptische Kinder aber nicht, obwohl sie Christen sind wie wir. Sind jetzt europäische Erwachsene schlimmer als ägyptische Kinder? Und was ist, wenn die Europäer Muslime sind? Wir werden mal eine entsprechende Anfrage an den Deutschlandfunk richten. Nur so exemplarisch für alle anderen Lauttrauerer. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden wir keine Antwort bekommen. Wie schon so oft. Antworten ist nämlich aus der Mode gekommen. Dafür ist Lauttrauern drin in der Mode. Wenn Sie demnächst Thomas irgendwo auf Halbmast hängen sehen, wissen Sie jedenfalls bescheid.

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