Wie der Blinde auf Hindernisse stößt – Kapitel 20

„Manfred, wir wollen heute Abend wieder ein bisschen trainieren. Bist Du dabei?“, fragt Petra, als sie zur Tür hereinkommt. „Hallo erstmal“, entgegnet Manfred freundlich, ich wollte auf jeden Fall kommen. Vielleicht sogar mit dem Bus.“ „Oh das ist prima, Volker meinte nämlich, wir könnten vielleicht eine zweite Mannschaft aufmachen. Mehr so zum Spaß, weißt Du.“ „Ich bin dann wohl das Maskottchen“, scherzt Manfred. „Ach Quatsch, ist doch auch egal, wer welchen Platz belegt. Hauptsache, wir kriegen ein Team zusammen.“ „Na, wir wollen mal sehen. Weißt Du übrigens auswendig, welche Buslinie von mir aus zum Spielort fährt?“ Petra muss ein Weilchen überlegen. Währenddessen schlüpft Manfred in seine Jacke und schnappt sich seinen Stock. „Ich glaube, das ist die 458. Frag sicherheitshalber den Fahrer nochmal.“ „Falls ich komme, mache ich das. Tschüss Petra.“ Schon recht zügig kommt Manfred den Gang entlang und wartet vor der Tür auf sein Taxi. Die Fahrer halten mittlerweile am Straßenrand und steigen nur noch selten aus, um ihm zu helfen. Sie sparen sich gern den Weg und kurbeln lediglich das Fenster runter, um zu rufen. Manfred hat sich den Arbeitsweg im Netz einmal angesehen. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln würde es nur wenig länger dauern. Allerdings müsste Manfred einmal umsteigen. Abends ab 19 Uhr sogar zweimal. Das traut er sich vorläufig beim besten Willen nicht zu. Einige Hemmungen hat er zum Beispiel noch beim Fragen. Weil er nie so genau weiß, wen er da anspricht. Er kann es sich ja nicht vorher aussuchen. Manchmal hört er die anderen Menschen an der Haltestelle. Häufig aber muss er irgendwie in die Luft fragen. Eigentlich sind es meist freundliche Antworten, die er bekommt. Aber so oft hat er das auch noch nicht gemacht. Gertrude bekommt Zustände, wenn sie davon hört. Deshalb vermeidet Manfred meist die Einzelheiten, wenn er zu Hause etwas erzählt. Mit Gertrude herrscht in diesen Tagen eine Art Burgfrieden. Manfred weiß genau, dass die Mutter so schnell nicht oder niemals aufgeben wird. Es gelingt ihm aber derzeit gut, ihr aus dem Weg zu gehen. Bei den Mahlzeiten, die vorläufig unvermeidlich sind, reden sie über Politik oder was in der Nachbarschaft so los ist. Gertrude ist sehr mit ihrer Krankengymnastik beschäftigt. Inzwischen ist sie bei der dritten Therapeutin. Zum Glück ist das eine recht große Praxis, zu der Gertrude dreimal die Woche gehen muss. Sie haben genug Personal, das Gertrude verschleißen kann. Mit diesen Gedanken gelangt Manfred zu Hause an. Mittagessen gibt es erst in einer Stunde, weil seine Mutter heute wieder Training hatte, wie sie das nennt. An der Wohnungstür wird er freudig von Pfiffi begrüßt.“ Ja, mein lieber Hund, wir gehen gleich raus. Hier stinkt es aber sehr nach Farbe. Das ist nicht gut für Dich.“ Als nächstes wird Manfreds Schienbein begrüßt. Und zwar von etwas Hartem, das umkippt. Heller Schreck fährt ihm in die Glieder. „Das war nur der letzte Farbeimer. Ist nichts passiert. Der ist noch zu!“, ruft eine unbekannte Stimme aus Sabines Zimmer, das nun zu Carlos wird. „Da bin ich ja sehr beruhigt“, stöhnt Manfred und reibt sich das schmerzende Bein. Dann richtet er den Eimer wieder auf und stellt ihn neben Carlos Tür an die Wand. „Hier ist er nicht so im Weg, verstehst Du?“, ruft Manfred. „Ja, kein Problem.“ „Für Dich nicht“, denkt unser Held. Die herumstehenden Renovierungsutensilien gehen ihm schon auf die Nerven. „Sag mal, diese Gummidichtung an der Tür, soll die bleiben?“, klingt es aus dem Zimmer. „Lass mal lieber dran“, antwortet Manfred und verschwindet Richtung Küche. „Pfiffi, warte mal, ich will nur kurz was trinken.“ Manfred tastet über die Arbeitsplatte zum Kühlschrank. Da stehen ein paar leere Flaschen. Ganz leer wäre besser gewesen. Eine der Bierflaschen ist noch halb voll und verteilt ihren Inhalt wohlriechend, aber glücklicherweise oben auf der Platte. Schnell ist Manfred mit einem Lappen zur Hand und verhindert das Schlimmste. Im Lappenholen ist er mittlerweile sehr geübt. Diesmal gelingt es ihm, dass die Flüssigkeit oben bleibt. Er richtet alle Bierflaschen wieder auf, schüttet den einen Rest in den Spülstein und schiebt die Kompanie hinten an die Wand. Das hatte ihm Martina geraten. So haben die Dinger mehr Halt. Endlich sucht er die Cola im Kühlschrank. Er findet nichts. Seufzend schließt Manfred die Tür und geht in den Flur. „Hey, wie heißt Du eigentlich?“, ruft er. „Ich bin Christoph, Spitzname Schlurfi, falls Dir das was sagt“, antwortet die Stimme. „Im Kühlschrank war eine Cola. Weißt Du, wo die ist?“ „Ja hier. Ist nochne Pfütze drin. Neben dem Kühlschrank steht noch Bier, falls Du magst.“ „Das habe ich leider umgeworfen“, sagt Manfred. „Na egal, die Cola war mir sowieso lieber“, meint Christoph. Da er noch mit Pfiffi vor die Tür will, hat Manfred keine Zeit für langes Suchen. Im Schrank findet er noch zwei saubere Gläser. Leitungswasser geht immer. Als Manfred etwas eilig in den Flur zurückkehrt, ratscht die metallene Trittleiter seinen Handrücken. Das tut schon ordentlich weh, scheint aber nicht zu bluten. „Ich bin wieder weg!“, ruft Manfred dem Schlurfi hinüber und zieht schnell die Tür hinter sich zu. „Zum Glück werden sie heute wohl fertig mit Renovieren. Dann wird es wieder ordentlich“, denkt er und steigt die Treppe runter. Pfiffi drängelt.

Im Park setzt er sich auf eine Bank und lässt dem Hund seine Freiheit. Das Smartphone ist jetzt wichtiger. Er teilt Rosa mit, dass er heute Abend zum Tischball fahren wird. Gleichzeitig fragt er an, was sie denn am Wochenende vorhätte. „Sonntag ist Trödel, sonst nichts“ bekommt Manfred zur Antwort. „Wollen wir uns morgen sehen?“, wagt sich Manfred mutig vor. Eigentlich rechnet er nicht mit einer Antwort. Meist lässt sich Rosa recht viel Zeit. Weil sie bei der Arbeit immer so viel um die Ohren habe, sagt sie. Manfred glaubt manchmal, sie lasse ihn absichtlich zappeln. So richtig weiß er nicht, wie sie zu ihm steht. Wenn sie beieinander sind, ist es immer schön. Die Absprachen stottern häufig ein wenig. Diesmal aber läuft es flüssig: „Morgen Nachmittag bei mir wäre schön.“ Diesmal zögert Manfred. Er hat sich gerade ins örtliche Fahrplandickicht verstrickt. Wie heißt denn diese vermaledeite Haltestelle, wo sie immer Tischball spielen. Zum Glück hat so ein Smartphone auch eine Uhr. Zufällig tippt Manfred grübelnd auf den richtigen Button und hört: „12.46 Uhr.“ Nichts ist schlimmer, als sich bei Gertrude zu verspäten. Das war schon immer so. Manfred springt auf und stopft das Gerät in die Tasche. Er greift sich Leine und Stock und eilt heimwärts. Dabei pfeift er nach Pfiffi. Der Hund ist so gut konditioniert, dass er noch außer Gertrudes Sicht bei seinem Herrchen ankommt. So kann sich Manfred bücken und Pfiffi vorschriftsmäßig anleinen. Dummerweise steht Pfiffi direkt neben einem großen Mülleimer aus Plastik. So wird der Vorgang des Runterbeugens abrupt gestoppt, als Manfreds Stirn die Plastikkante der Tonne trifft. Stöhnend kommt Manfred wieder hoch. Sein erster Gedanke gilt seiner Mutter, die wieder lautes Wehklagen über ihren unvorsichtigen Sohn anstimmen wird. Wie oft hat sie ihm in letzter Zeit die Gassigänge mit Pfiffi schon untersagt. Manfred atmet dreimal tief durch und denkt: „Was für ein elender Pechtag heute.“ Dann leint er Pfiffi an und freut sich, dass er kein Blut auf der Stirn fühlt. Ganz vorsichtig tastet er nach der Beule. Es ist nur eine Macke – aber sehr gut sichtbar. „Mein Gott Junge, was hast Du wieder gemacht!“, sind dann auch Gertrudes erste Worte, „komm schnell rein, wir müssen das sofort desinfizieren. Zeig mal, vielleicht muss das genäht werden.“ Manfred weiß nicht, was er zuerst tun soll. Stehenbleiben und zeigen oder mitkommen und desinfizieren. Gertrude erledigt beides gleichzeitig. „Ach mein lieber Junge, das kommt davon“, schimpft sie und tupft an Manfreds Macke herum. Es brennt ein wenig. „Oh, jetzt kommt wieder Blut. Warte, bleib stehen. Ich hole ein Taschentuch.“ „Ist doch nur ein Tropfen“, sagt Karl-Heinz und begrüßt seinen Sohn. „Papperlapapp! Lieber Manfred, die Mami macht das wieder gut.“ Nach diversen mütterlichen Bemühungen ziert ein großes Pflaster die Stirn unseres Helden. „Heute gibt es Nudeln mit Tomatensauce. Ich habe Dir mal zwei Servietten gegeben“, sagt Karl-Heinz und setzt sich. Gertrude ist heute dran mit Vorbeten. Sie wählt die längste Version. Dabei dankt sie dem Herrgott sozusagen für jede Tomate einzeln, die in der Sauce steckt. Am Ende fügt sie eine kleine Fürbitte für die Gesundheit ihres Sohnes an. Für sein seufzendes Amen erntet Karl-Heinz einen strengen Blick. Manfred versucht es mit einem lockeren Spruch: „Du sollst nicht böse gucken nach dem Gebet“, sagt er zu seiner Mutter. „Aber mein Junge, das tue ich nie“, bekommt er zur Antwort. Karl-Heinz räuspert sich. Manfred stopft sich eine der Servietten in den Kragen. Als Schutztuchersatz, die irgendwie alle verschwunden sind. Erstaunlicherweise ereignet sich beim Essen keinerlei Unfall.

Wenig später sinkt Manfred erschöpft von mütterlicher Fürsorge und der Frühschicht auf seine Spezialmatratze. Das erzeugt ein: „Upps!“ Manfred ist auf zwei ausgestreckten Beinen gelandet, die sich nun rasch wegbewegen. „Ach hallo, bist Du der Manfred?“, fragt eine weibliche Stimme, „Sorry, aber ich musste mich nach der Uni erstmal hinlegen.“ „Dann bist Du eine Kollegin von Carlo?“, fragt Manfred, der nach dem Schreck wieder Luft bekommt. „Ich bin Montana. Vielleicht hast Du ja von mir gehört. Ist das hier Dein Bett?“ „Würde ich sagen.“ „Ist ja irgendwie stylisch, diese Matratze. Ist das Fengshui oder so?“ „Nein, das soll mir zeigen … ach, ist auch egal.“ Manfred sind diese Blindenbesonderheiten in seiner Wohnung jetzt manchmal etwas peinlich. „Ich wollte mich nach der Arbeit etwas ausruhen“, sagt er. „Ja, kein Problem. Was machst Du denn so?“ „Ich bin im städtischen Grünflächenamt beschäftigt“, erklärt Manfred. „Cool. Ich gucke mal im Wohnzimmer, ob die Couch frei ist“, meint Montana und schlurft aus dem Zimmer. Manfred findet im Bett noch ihr Smartphone und legt es im Flur auf die Kommode. Mitten zwischen diverse Schlüssel und andere undefinierbare Gegenstände. Sanft schließt sich die Tür hinter unserem erschöpften Helden. „Für die ist nie etwas ein Problem. Aber mir gehen sie gehörig auf die Nerven“, denkt sich Manfred, „sind ja alle sehr freundlich. Aber Rücksicht oder Mitdenken kommt eher selten vor.“ Kurz denkt er an Rosa. Aber sein Telefon steckt in seiner Jacke und die hängt im Flur. Für dieses Abenteuer ist Manfred jetzt zu müde. Gegen drei weckt ihn sein Vater. Mit dessen Hilfe findet Manfred ein paar frische Klamotten und kommt unfallfrei aus seiner eigenen Wohnung. „Lieber Herr Borkenstock junior, wann sind denn die Bauarbeiten in Ihrer Wohnung zu Ende?“, fragt ihn die Nachbarin im Treppenhaus. „Ich hoffe heute, liebe Frau Borgstein-Waldschmidt.“ „Das sagen Sie schon seit drei Tagen.“ „Ich kann Ihnen auch nur sagen, was Carlos Helfer so erzählen. Fragen Sie doch bitte Herrn Gerstenbinder-Lüdke“, murmelt Manfred. „Jenseits des Weges unseres Herrn wird es oft steinig“, antwortet die Nachbarin seufzend „Da sagen Sie was“, meint Karl-Heinz dazu. „Jaja, der Apfel und der Stamm“, entfährt es der Ex-Lehrerin und weiter, „aber das stimmt ja gar nicht.“ Erst dann schlägt sie sich erschrocken die Hand vor den Mund. Nun hätte sie beinahe eine schwere Sünde begangen. „Einen gesegneten Tag“, wünscht Karl-Heinz schnell. Bald sind sie aus dem Haus. Pfiffi bleibt diesmal an der Leine. „Komm, wir gehen rüber zum Bäcker und trinken einen schönen Kaffee“, schlägt Manfred vor, „zu Hause kriege ich kaum mehr welchen. Entweder haben sie die Kanne gerade ausgetrunken oder es fehlen Filtertüten, die jemand zu kaufen vergessen hat“, erzählt Manfred. „Ist etwas chaotisch, dieser Umzug?“, fragt der Vater verständnisvoll. „Das kannst Du laut sagen. Wenn die am Wochenende nicht fertig werden, krieg ich die Krise.“ „Gertrude will heute Nachmittag waschen. Dann sind Deine Schränke wenigstens wieder voll.“ „Am besten, Du schickst sie mal hoch. Dann kriegen die aber Feuer unter dem Allerwertesten“, schlägt Manfred vor. „Und das aus Deinem Munde.“ „Die pure Verzweiflung. Ewig steht was im Weg. Vorhin lag eine junge Frau in meinem Bett.“ „Es gibt Schlimmeres, oder?“ „Vielleicht. Aber es war nicht Rosa.“ Als er das sagt, fährt ihm heißer Schreck in die Glieder. Immer noch nicht hat er geantwortet. Und dabei ärgert er sich immer über sie, wenn Rosa so lange braucht. Als der Kaffee bestellt ist, tippt Manfred schnell: „Komme gern. Freue mich auf Dich und Deine schöne Wohnung.“

Der Nachmittag mit Vater und Sohn verläuft harmonisch. Pfiffi bekommt reichlich Auslauf. Karl-Heinz begleitet Manfred noch in seine Wohnung. Die Tischballtasche steht am rechten Fleck. Sie wird auch in Manfreds Zimmer aufbewahrt, wohin sich nur selten Carlo-Helferinnen verirren. „Und Du bist sicher, dass Du heute mit dem Bus fahren willst?“, fragt Karl-Heinz im Treppenhaus, „ich kann Dich auch eben hinfahren.“ Innerlich gerät Manfred doch sehr ins Wanken. Natürlich will er selbständig sein. Das Busfahren hat er mit Martina und Rotraud ein bisschen geübt. Trotzdem hat er noch Angst davor. Diesen Weg zum Tischball kennt er nicht gut. Außerdem ist es mit dem Auto viel bequemer. Nach kurzem Zögern gibt sich Manfred einen Ruck: „Heute will ich das probieren. Ein Erfolgserlebnis kann ich an diesem verkorksten Tag noch gut gebrauchen.“ Karl-Heinz ist auch nicht gerade scharf darauf, nochmal den Autoschlüssel zu holen und in die Stadt zu fahren. Deshalb wünscht er seinem Sohn an der Haustür viel Glück und wendet sich dem eigenen Sofa zu. Manfred klappt draußen seinen Stock aus und marschiert los. Die Pendeltechnik funktioniert schon fast von selber. Nur am Start muss Manfred darauf achten, dass er den vorderen Fuß seitenverkehrt zur Stockspitze setzt. Wie Rotraud immer sagt, neigt Manfred noch sehr dazu, sich eine sogenannte Leitlinie zu suchen. Das hilft bei der Orientierung und gibt Sicherheit. Die äußere Leitlinie, die Bordsteinkante, ist meist unbrauchbar. Das liegt an den falsch parkenden Autos, die den Gehsteig mitbenutzen, obwohl sie das nicht dürfen. Die innere Leitlinie ist unregelmäßiger. Fassadenfronten wechseln mit Vorgärten, Treppenvorsprünge mit Mülltonnen, herausragende Autohinterteile mit ausgreifenden Hecken. Der Weg zur Hauptstraße ist leicht zu finden. Immer dem Lärm nach. Dann biegt Manfred ohne Querung ein. Schon nach gut fünfzig Metern stößt er aufs Haltestellenschild. Traditionell knallt er mit der Schulter oben dagegen, ehe die Stockspitze den Mast unten trifft. Dies ist für Manfred keinen Aufreger mehr wert. Der Stoß erinnert ihn daran, dass er noch immer nicht weiß, wie die Zielhaltestelle heißt. Er kann niemanden in der Nähe hören. Pünktlich kommt der Bus und Manfred fragt beim Einsteigen den Fahrer: „Ist dies die 458?“ Der Fahrer brummelt zustimmend. Auf dem Behindertenplatz hinterm Fahrer hört Manfred eine Mutter mit ihrem kleinen Kind sprechen. Die will er nicht verjagen. So hangelt er sich an der Querstange weiter. Mitten im Bus findet Manfred seinen Sitzplatz. Petra kann er genauso wenig erreichen wie Volker. So denkt sich Manfred, dass ihm die Zielhaltestelle schon wieder einfällt, wenn der Name genannt wird. Die Ansage im Bus funktioniert. Die ersten Haltestellen kommen Manfred sehr bekannt vor. Eine Nachricht von Rosa lenkt ihn ab: „Bei mir ist es jetzt ordentlicher als bei Dir. Bis morgen.“ So richtig verliebt klingt das ja nicht. Hoffentlich glaubt Rosa nicht, er käme nur, um dem Chaos daheim zu entfliehen. Nein, bestimmt nicht mehr. Sie mag ihn inzwischen doch wirklich sehr gern. Sagt sie zumindest. Eine Weile ist Manfred mit seinen Zweifeln beschäftigt. Dann sagt ihm sein Zeitgefühl, dass er doch angekommen sein müsste. Die nächste Ansage versteht er nicht, weil zwei Reihen hinter ihm ein Baby schreit. Das steigt aber jetzt aus. Vor der kommenden Ansage spitzt Manfred die Ohren. Diese Haltestelle sagt ihm gar nichts. Zwei weitere lässt er fahren, ehe Manfred mutig aussteigt. Diese hier kennt er auch nicht. Aber er kann ja Petra oder Volker anrufen. Diesen Straßennamen hat er sich gemerkt. Leider können beide nichts damit anfangen. Sie wissen nicht, ob Manfred überhaupt auf dem richtigen Weg ist. „Da bleibt Dir nur, ein Taxi zu rufen und hierher zu kommen“, meint Petra und nennt ihm die richtige Zieladresse. So einfach ist das aber nicht, weil die Taxizentrale eine Hausnummer wissen will. Mühsam kann Manfred der ungeduldigen Dame erklären, dass er eben an jener Haltestelle steht und blind ist und daher die Hausnummern nicht ablesen kann. Widerwillig akzeptiert die Dame diese Erklärung und sagt ein Taxi zu. Ehe Manfred fragen kann, wie lange es wohl dauert, hat sie aufgelegt. Nach einer Viertelstunde erreicht ihn immerhin eine SMS mit der Botschaft, dass sein Taxi gleich eintreffe. Hoffnung kommt auf. Als er dem Fahrer die Zieladresse nennt, kennt dessen Navi diese nicht. Zehn Minutenwird probiert. Der Fahrer hat schon zwei Kollegen angerufen und gefragt. Endlich fällt Manfred ein, dass der Fahrer vielleicht das h im Straßennamen vergessen hat. Oh Wunder, jetzt klappt es. Je länger die Fahrt dauert, desto mulmiger wird Manfred. Da hat er sich ganz gehörig verfahren 20 Minuten sind es am Ende. Und dies bei wenig Verkehr. Erwartungsgemäß gelingt ihm an der Platte heute auch nicht viel. Ein Spiel nur kann er gewinnen. Gegen den Opa der Truppe, der mit 83 nach neuen Herausforderungen sucht. Manfred ist gar nicht mehr in der Stimmung für Herausforderungen. Für den Heimweg ruft er sich gleich ein Taxi. Der Opa fährt bis zur Haltestelle Sowieso mit und nimmt von dort aus die Bahn. Manfred stolpert reichlich erschöpft die Stufen zu seiner Wohnung hinauf. Aus der Nachbarwohnung klingt eine Rede von Kardinal Marx, dem Vorsitzenden der Bischofskonferenz. Dieselbe Rede hatte sich neulich Gertrude angehört. Jetzt hat sie die DVD wohl an Hermine weitergereicht. Aus seiner Tür klingt lautes Stimmengewirr. Sein erster Schritt in den heimischen Flur ist auch sein letzter. Sein Fuß bleibt im Stapel farbverkleckster Arbeitsschuhe und dito Kittel hängen und Manfred macht einen Kniefall. Sehr unsanft und unfreiwillig. Eilends springt Carlo herbei: „Oh Mann tschuldigung, das liegt aber auch wirklich blöd da. Wir feiern ein bisschen die Renovierung.“ „Seid Ihr denn fertig?“, fragt Manfred und unterdrückt mannhaft den starken Schmerz. „Ach so gut wie. Morgen nur noch Aufräumen. Besser, Du gehst heute etwas vorsichtig. Hast Du übrigens was dagegen, wenn Elli und Gernot heute hier schlafen. Die haben schon ein wenig Schräglage. Neuerdings kontrollieren die ja sogar Radfahrer.“ „Nein nein, kein Problem“, murmelt Manfred. „Willste noch ein Bier?“ Manfred nimmt die geöffnete Flasche entgegen und tastet sich mit dem Hinweis auf seine Müdigkeit ganz vorsichtig in Richtung seines Zimmers. Dorthin hatten sie bereits Pfiffi gebracht. Das sollten sie zwar nicht machen, aber heute Abend ist es Manfred ganz recht, ein Lebewesen zu haben, dem er sein Leid klagen kann.

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