Du bist nicht länger mein Leitwolf

Wir möchten heute den beeindruckenden Gastbeitrag einer jungen Frau veröffentlichen, die sich mit ihrem inneren Kritiker auseinandersetzt.

Mein lieber innerer Kritiker!
Ich glaube, dass es langsam mal Zeit wird, Dir ein paar Worte zu widmen. Gewissermaßen eine Streitschrift gegen Deine ewig nervende Stimme in meinem Kopf. Du bist immer da, egal, was ich tue, denke oder fühle. Du bewertest, Du weißt es besser, Du interpretierst und Du legst den Finger immer genau in die Wunde, die gerade am meisten schmerzt. Natürlich bist Du ein Teil von mir, aber ich weigere mich schlichtweg, Dich weiterhin mit Verständnis und Akzeptanz zu ummanteln. Denn aus meiner inneren Weisheit entstammst Du ganz sicher nicht. Vielmehr wirkst Du auf mich wie ein Sammelsurium aus all den gefallenen Sätzen, gelesenen Aussagen, gehörten Botschaften und normierten Leitsprüchen, die ich mir in meinem Leben bisher so anhören durfte. Leider hat meine Seele für Dich keinen Filter eingebaut und leider bin ich offenbar ein Mensch, bei dem Du Dich so richtig schön aufplustern und wichtig fühlen kannst.

Aber jetzt sag ich Dir mal was: ich lasse Dich los! Ja, Du hast richtig verstanden und ja, Du bekommst hiermit einen Abschiedsbrief. Denn aus welchen Gründen auch immer Du so stark werden konntest, nun ist die Zeit gekommen, Dich mal in Deine Schranken zu verweisen. Du bist nicht der Herrscher über alles in mir und ich bin es so müde geworden, Dir und Deinen exorbitanten Ansprüchen gerecht werden zu wollen.

Es gibt aber auch wirklich keinen Bereich, in dem Du Dich nicht niedergelassen hast. Du warst schon immer da, zumindest fühlt es sich so an. Du warst in allen Bereichen meines Lebens präsent und Du bist der wahre Grund, warum ich einst ein so gut funktionierendes Rädchen im Getriebe war. Oder war ich das gar nicht? Wie dem auch sei! Ich kann Dich jedenfalls nicht länger gebrauchen und ich habe lange nicht verstanden, dass Du eigentlich das größte Problem bist. Da sucht man im Außen nach dem Bösewicht, der einem das Leben so schwer macht, der es einem immer wieder die köstliche Suppe versalzt und der aber auch wirklich an jedem schönen Moment noch einen Haken findet.

Du warst einmal so mächtig, dass mein Leben nur noch aus Funktionalität und Anpassung bestand. Aber egal wie sehr ich mich dabei bemühte, Dir hat es nie gereicht…

Dir haben meine Noten in der Schule nie gereicht, sie mussten besser werden.
Dir haben meine Freunde nie gereicht, es sollten mehr oder bessere sein.
Dir haben meine Partner nie gereicht, es sollte noch besser in der Beziehung laufen.
Dir hat es nie gereicht, wenn ich einen schönen Urlaub gemacht habe. Es hätte schließlich noch wärmer, weiter, ausgefallener oder einfach besser sein können
Dir hat mein Aussehen nie gereicht. Über zehn Jahre hast Du mich mit Deinem Wahn von körperlicher Perfektion terrorisiert und die Parameter dafür entnahmst Du immer extremeren Vorbildern.
Dir hat meine Belastbarkeit nie gereicht. Es ging doch immer noch ein Schübchen drauf und natürlich war dann ich Schuld, wenn ich mich schließlich überfordert hatte.
Dir hat meine Intelligenz nie gereicht. Wie oft hast Du mich mit anderen Menschen gemessen und mich dabei als gnadenlosen Dummkopf abgestempelt.

Kurzum, Du bist ein Lebensfresser. Du vertilgst gierig alles, was Dir gerade in den Sinn kommt und mir helfen könnte, wieder etwas Stärke zu erlangen. Du nimmst Dir, was Du gebrauchen kannst, um dick und rund zu werden. Eine ewig wachsende Blase voll mit Träumen, Hoffnungen, Liebe, Freude, Frieden und Nähe zu sich selbst.

Weißt Du, all das hätte ich mir ja wahrscheinlich auch noch weitere Jahre oder Jahrzehnte gefallen lassen, denn für sich selbst einzustehen, das lernen wir Menschen hier auf der Erde nicht. Ich hätte Dich wohl noch länger auf mir herumtrampeln und Dich die Richtung in meinem Leben bestimmen lassen. Doch nun hast Du etwas getan, das für mich im Nachhinein wie eine magische Grenze wirkt und die Du lieber nicht hättest übertreten sollen.

Du hast begonnen, Dich noch mehr aufzuplustern und es Dir zum Ziel gemacht, ein neues Gebiet zu erschließen. Diesmal bist Du noch verfressener, noch ungebändigter und noch gnadenloser als je zuvor. Ich hätte nicht gedacht, dass das geht, doch Du weißt eben sehr genau, wo Du drücken musst, damit es richtig weh tut.

Du hast die maßlose Frechheit besessen, Dich nun auch noch in ein völlig unschuldiges, kleines und wehrloses Leben einzumischen. In Inbrunst der Überzeugung wieder einmal nur das Beste (also meine Lebensqualität) zu wollen, diktierst Du mir nun seit mehr als 1,5 Jahren, wie ich meine einzigartige und wunderschöne Beziehung zu meiner Tochter zu gestalten habe. Ihr Glück hast Du dabei im Sinn, sagst Du. Natürlich! Es soll ihr schließlich gut gehen und sie soll sich niemals zurückgewiesen fühlen. Die Ansprüche an Dein neu erschlossenes Territorium sind gerade deshalb so gnadenlos und unerreichbar, weil Du mir in jedem Augenblick meine eigene Geschichte vorhalten kannst. Alles, was ich je an Therapien gemacht habe, verwendest Du nun gegen mich. Alle Bücher, die ich zur eigenen Heilung gelesen habe, haust Du mir nun tagein, tagaus um die Ohren. Du zerpflückst mich mittels eines mütterlichen Idealbildes, gegen das ich emotional keine Chance habe. Bei jeder Schwäche, bei jeder Überforderung und bei jedem etwas härteren Ton attestierst Du mir eine pathologische Entwicklung der kleinen Tochter. Du machst dabei nicht nur mich, sondern diesmal auch sie zum Objekt und spielst uns gegeneinander aus. In meiner wieder und wieder unerreichten Perfektion lauert ihr seelisches Zerbrechen. Durch meine Unzulänglichkeit wird Buchstabe für Buchstabe ihre pathologische Entwicklung in Stein gemeißelt. Was für ein perfider Plan…

Doch jetzt sag ich Dir mal was: Du unterschätzt uns beide maßlos und Du machst meine Tochter zu einem Opfer, das sie nicht ist. Sie hat all die Schönheit, die Du nie haben wirst und sie ist voller Leben. Du hingegen bist der schleichende Tod, grau wie die Männer aus Momo und leer wie die Seelen, die Du schon aufgefressen hast. Du bist weder in der Lage, die Schönheit eines Kindes zu sehen, noch wirst Du je fühlen können, welche Magie Mutter und Kind verbindet. Du bist nur so mächtig, weil ich Dir bisher so viel Futter gegeben habe und weil da draußen ein Zeitgeist weht, der Deiner Gnadenlosigkeit sehr entspricht. Aber nun hast Du Dich zu weit aus dem Fenster gelehnt und ein Terrain betreten, das heilig ist. Deine Perfektionsansprüche und Deine Gnadenlosigkeit haben schon zu viele Tränen verursacht. Sie haben mich dermaßen ausgelaugt, dass ich keine Kraft mehr habe. Und genau in dieser Kraftlosigkeit und dieser Müdigkeit schreibe ich Dir endlich das, was ich wahrscheinlich sonst noch hinausgeschoben hätte: Ich werde nicht mehr kämpfen für Dich, denn ohne meinen Kampf hast Du kein Futter. Also werde kleiner, Du riesige Blase der illusorischen Perfektion!

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