Der Schulzzug

Vor einigen Tagen hatten wir „Auf dem Abstellgleis“ angekündigt, dass wir uns dem Liedchen zum Schulzzug noch einmal sprachlich nähern wollen. Immerhin handelt es sich um eine Werbebotschaft unserer (noch) zweitgrößten Partei. Ein gewisses Niveau erwarten wir von solch einer Organisation immer noch. Auch, wenn wir in Event-Zeiten leben und Politik vielfach über Twitter gemacht wird.

Glückauf, Glückauf, der Schulzzug rollt.

Beginn und Melodie des Liedes entsprechen dem Steigerlied oder Steigermarsch. “ Thema des Steigerliedes ist die Hoffnung der Bergleute, nach der harten und gefährlichen Arbeit im Bergwerk wieder ans Tageslicht und zu ihren Familien zurückzukehren. Andere Quellen sprechen davon, dass der Refrain „Glück auf!“ das Glück beschwört, der Berg möge sich auftun, und den Abbau von Bodenschätzen zu ermöglichen. (…) Das Lied ist heute in nahezu allen Bergbauregionen Deutschlands anzutreffen und hat für Bergleute und Personen, die sich dem Bergbau verbunden fühlen, den Charakter einer Hymne. Es ist fester Bestandteil von Bergparaden im Harz, im Erzgebirge, im Saarland und im Ruhrgebiet. Es wird außerdem bei Sportveranstaltungen, unter anderem bei Heimspielen des FC Erzgebirge Aue, von Rot-Weiss Essen und des FC Schalke 04, gespielt und gehört zum Standard-Repertoire von Studentenverbindungen. Außerdem wird es auf Parteitagen der SPD gespielt und gesungen.“

Dass manch ein Fußballverein das Lied vereinnahmt, können wir zumindest ein wenig nachvollziehen. Es handelt sich um Klubs, die früher von Bergleuten gegründet und geprägt wurden. Heute ist das nur noch eine historische Verbindung, da Profivereine reine Wirtschaftsunternehmen sind. Dass die SPD dieses Lied immer noch quasi als Partei-Hymne nutzt, halten wir für anmaßend. Es ist richtig, dass sich die SPD in Ländern wie NRW für einen unvernünftigen Erhalt des Bergbaus einsetzte und dies bis heute tut. Wir halten das für keine gute, weil reine Subventionspolitik. Spätestens mit der Agenda 2010 hat die Partei die Vertretung des „kleinen Mannes“ aufgegeben. Auch vorher bestanden bereits ernsthafte Zweifel an diesem Vertretungsanspruch. Wir halten es für völlig unpassend, wenn die Sozialdemokraten immer wieder an eine längst vergangene Haltung anknüpfen.

Und er hat keine Bremsen und fährt mit voller Kraft, und er hat keine Bremsen und fährt mit voller Kraft
ins Kanzleramt, ins Kanzleramt.

So weit, so gut. Es traf haargenau die Stimmung der wenigen Wochen des Schulz-Effektes. Die Umfragewerte explodierten um bis zu 50 %. Ein nie da gewesenes demoskopisches Phänomen, dem in seiner Vehemenz schon die Kurzlebigkeit innewohnte.

Aus dem Weg, der Schulzzug rollt,
lasst uns Brücken bauen, ja, und dann geht es los
lasst uns Brücken bauen, ja, und dann geht es los
das ist megageil, das ist megageil.

Soll dieser Schluss eine Annäherung an eine irgendwie geartete junge oder junggebliebene Gruppe von Menschen darstellen? Oder ist den Textern einfach nichts mehr eingefallen? Letzteres könnten wir mit der Kürze der Zeit erklären, in der das Werk entstand. Ersteres wäre eher ein peinlicher Missgriff, der die Macher im Willy Brandt-Haus auf die Stufe einer schlechten Schülerzeitung stellt.

Glückauf, Glückauf, Gott-Kanzler Schulz,

Hier wird es kritisch. Die Frage taucht auf, ob wir das Liedchen wegen dieser unmäßigen Überhöhung ihres Kandidaten zum „Gott“ als Satire werten sollen. Mag ja sein, dass Gabriels Coup manch völlig verzagtem Sozi wie das Erscheinen eines Messias vorkam. Erinnern wir uns an das Tollhaus zu Aschermittwoch oder die 100 %-Wahl des Martin zum Parteivorsitzenden (oder Parteigott), dann mag das so sein. An die Öffentlichkeit sollte eine derart verzückte Partei mit ihren Anwandlungen von Größenwahn vielleicht doch nicht gehen.

und er rettet die deutsche Sozialdemokratie, und er rettet die deutsche Sozialdemokratie

Sie hat es offenbar nötig, die Sozialdemokratie. Angesichts der Wahlergebnisse in Holland und Frankreich sicher nicht nur die deutsche. Dass sie intern die Lage so dramatisch einschätzen, haben wir nicht gewusst.

mit hoher Energie, mit hoher Energie!

„Hohe“ Energie gibt es nicht! Es gibt zum Beispiel große Energie oder starke Energie. Oder soll das Wörtchen „hoch“ an den Begriff „Gott“ anknüpfen. Soviel Textvirtuosität können wir den Machern nicht zubilligen. Ihnen ist schlicht ein dummer Fehler beim Gebrauch der deutschen Sprache unterlaufen.

Kurz zusammengefasst ist der Text des Schulzzuges ein selten anspruchsloses Machwerk, in dem sich in der Sprache entscheidende Merkmale der herrschenden SPD-Klasse manifestieren: Realitätsferne (ins Kanzleramt…), Größenwahn (Gott-Kanzler) und versuchte Anbiederung an sog. einfache Leute durch primitivste Proll-Ausdrücke (megageil).

 

Den Genuss der gesungenen Ausgabe wollen wir Ihnen nicht vorenthalten. Bitte sehr:

Quelle:

https://de.wikipedia.org/wiki/Steigerlied

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