Männer-WG – Teil 17

Als Ülle in die Küche kommt, sitzt niemand am Tisch. Das ist Ülle nicht gewöhnt. So ein Fußballer ist Gewohnheitsmensch. Schließlich muss er die Spielzüge auf dem Rasen kennen wie seine Westentasche. Immer dasselbe und möglichst schnell. Vonwegen no look pass – das ist pures stupides Auswendiglernen. Mit Hirn und Muskeln. Aber wir wollen nicht gleich zu Anfang philosophieren. „Bei uns wohnt eine Lilie einen Rüdesheimer bitte“, sagt er zum einzig verfügbaren Gesprächspartner, dem Thermomix. Von draußen klingt ziemliches Getöse an sein morgendlich jungfräuliches Ohr. Aus dem Wohnzimmer kann sich manchmal Majos Stimme gegen den Lärm von draußen durchsetzen: „Nein Gonzo, ich war wirklich nicht mit im Bus. Warum sollte ich auch? Ich war doch beim E-Biking in der Innenstadt.“ „Der checkt aber auch gar nichts“, murmelt Ülle. „Ach so, Du meinst am Dienstag. Nein, da war ich nicht beim E-Biking. Das gab es ja auch gar nicht mehr. Aber im Bus war ich trotzdem nicht.“ Ülle war auch nicht im Bus gewesen, als beim Abbiegen auf die Wittbräuker Straße drei Knallkörper hochgingen. „Was soll dem Marco passiert sein? Der war doch auch hier. Wir wollten unser Spiel gegen die Monacoaner gucken“, erklärt Majo und kommt in die Küche. „Mensch Reusi, kannst Du das Ding mal abstellen!“, brüllt Majo auf die Terrasse hinaus, ohne sein Smartphone von den Lippen zu nehmen. „Ach Du meinst den Marc. Der ist verletzt worden. Ja sowas haben wir auch gehört. Wieso waren denn da Bomben an der Straße?“ „Ich mach nur schnell fertig!“, brüllt Reusi von draußen. Der Thermomix hat Ülles morgendliche Stärkung bereitet, als Kevin zur Tür hereinkommt. „Ey krass Alter, das waren Terroristen!“, ruft Majo gerade verblüfft. „Ey Alter, was geht?“, hat Kevin die übliche Begrüßungsformel gelernt. „Wie Islamisten? Was haben wir denen denn getan?“, fragt Majo verständnislos. „Bei uns wohnt eine Lilie einen Kakao mit Schuss“, bestellt Kevin und setzt sich zu Ülle an den Tisch. Er zieht einen Zettel aus der Tasche und liest vor: „Die Lilien sind eine Gattung der Familie der Liliengewächse (Liliaceae) mit rund 115 Arten. Lilien sind ausdauernde, aufrecht wachsende Zwiebelpflanzen mit oft auffälligen Blüten. Aufgrund ihres attraktiven Erscheinungsbilds wurden und werden sie in vielen Kulturen als Zierpflanzen geschätzt. Einige Arten zählen zu den ältesten Zierpflanzen überhaupt und fanden auch Verwendung als religiöse Symbole. So, das hab ich aus Wikipedia abgeschrieben. Nur, weil Ihr Euch immer lustig macht, dass ich zu Darmstadt gehe“, doziert er noch vorm ersten Schluck. „Ist ja in Ordnung. Lieber bei den Lilien spielen als beim Trainer auf der Bank hocken“, lenkt Ülle ein. „Wie, die wissen nach vier Tagen immer noch nicht, wer die Täter waren? Was sind das für Flaschen? Bei John Sinclair geht das alles viel schneller. Weißt Du Gonzo, die Hefte lese ich grade. Weil ich ja krank bin“, hören sie Majos Stimme wieder aus dem Nebenzimmer. Im Türrahmen macht er Zeichen Richtung Ülle. „Vermutlich will er auch einen Kakao. Allerdings ohne Schuss“, meint Kevin dazu und bestellt. Draußen hört endlich das Getöse auf. „Wie Bekennerschreiben? Die Rechtsradikalen sollen auch mitgemacht haben?“, gerät Majo jetzt langsam durcheinander. „Ey Alter, was geht?“, begrüßt Reusi die Freunde, die bereits am Tisch sitzen. „Ey voll krass laut da draußen. Was hast Du denn so früh gemacht? Dein Tor gestern in der 2. Minute ist Dir wohl nicht gut bekommen“, erwidert Ülle. „Und es soll buntes Blut fließen nächste Woche. Wer von uns hat denn buntes Blut?“, will Majo wissen. „Ich habe bloß das Eis geglättet. Bei uns wohnt eine Lilie einen starken Kaffee bitte.“ „Einen Moment, ich bin noch beschäftigt“, flötet die Schlafzimmerstimme des Thermomix. „Ich lasse sie gerade Majos Kakao anrühren“, erklärt Kevin. „Ach so, Du meinst, die greifen uns gar nicht noch einmal an? Dann ist es ja gut. Ich bin sowieso nicht dabei. Ich bin ja noch krank. Wie geht es Dir denn inzwischen?“ „Kann der mal aufhören mit dem Quatsch? Das Thema nervt inzwischen ziemlich. Der Trainer läuft mit soo einer Leidensmiene rum und murmelt dauernd, das alles ist nicht zumutbar“, erzählt Reusi. „Ja ist es denn zumutbar?“,. will Kevin wissen und bestellt: „Bei uns wohnt eine Lilie einen starken Kaffee für Reusi bitte.“ „Ja wirklich, der Trainer und der Manager und der Präsident nerven wirklich. Aber schlimmer noch ist der Auba. Der zeigt dauernd Fotos mit der Tochter vom Trainer. Die hat nackt auf dem Tisch getanzt. Als das Spiel ausgefallen war, hat der Auba mit der halben Mannschaft von Marokko nämlich eine Party gemacht“, erzählt Reusi und greift zu seiner Tasse. „Also, wenn mich jemand fragt, soll ich sagen, dass ich tief erschüttert bin und mein Heilungsprozess aber nicht in Gefahr gerät?“, fragt Majo ins Smartphone. „Der Auba macht Party und sagt uns nichts?“, fragt Kevin erstaunt. „Das macht der immer so“, erklärt Ülle, „der feiert lieber französisch. Und im Sommer will er dann nach Madrid. Richtig Kohlemachen, sagt er.“ Endlich hat Majo sein Telefonat beendet und kommt in die Küche. Sehr erfreut bemerkt er, dass auf seinem Platz bereits ein dampfender Kakao wartet. „Hey Alter, was geht? Wo sind denn die Pflaster?“, begrüßt er seine Kumpels und fährt fort: „Au backe, der Gonzola Castro hat mich angerufen. Ich hol mal eben einen Viererpack.“ Schon schlüpft Majo wieder aus der Küche. Inzwischen hat sich auch Kevin an die morgendliche Versorgung gewöhnt. „Ob es sowas bei den Lilien auch gibt?“, fragt Reusi scherzhaft, als er Kevin das gute Stück am rechten Fleck platziert. „Wir konnten alles mithören“, sagt Ülle derweil in Majos Richtung. „Ist ja gut. Woher soll ich denn wissen, was ich einem Journalisten sagen soll? Seit meinem Imagewechsel bin ich da nicht mehr so sicher.“ „Was hast Du denn da draußen gemacht?“, lenkt Ülle schnell ab, dem Majos Image inzwischen auf den Keks geht. „Das Eis geglättet, hab ich doch gesagt.“ „Welches Eis denn?“, fragt Majo. „Na das im Pool. Den habe ich gestern mit Madelleine umgestellt auf minus zehn Grad. Sie hat nämlich bald einen Auftritt nackt auf dem Eis, wisst Ihr.“ „Wieso tritt sie denn immer nackt auf?“, sinniert Kevin. „Na weil sie so hübsch ist und wegen der guten Kontakte ihres Onkels in der Branche“, erklärt Reusi treuerzig. „Hast Du diese voll krasse Maschine da draußen benutzt?“, fragt Majo und geht zur Terrassentür, „die sieht ja aus wie ein kleiner Rennwagen mit Kufen.“ „Hat voll krass gebrummt, das Teil“, bestätigt Reusi. „Ja und was jetzt?“, will der kritische Ülle wissen. „Jetzt blasen wir die Bande auf“, sagt Reusi. Alle drei gucken ziemlich blöde aus der Wäsche, während Reusi tapfer nach draußen geht. Doch die Pflaster machen sie langsam mutig. So folgen sie dem einzig aktiven Fußballer des hoffnungsvollen Quartetts. Alle müssen anpacken, um rund um die Eis- eine Gummifläche auszubreiten. Mehrfach schliddern Majo und Kevin auf dem glatten Rand aus und rutschen ihrem Gegenüber zwischen die Füße. Nach einer Viertelstunde Schufterei ist allen warm und die Bande liegt rund um die spiegelglatte Eisfläche. Reusi schiebt die Wundermaschine zu einer bestimmten Ecke und schließt einen Schlauch an. Wieder erfüllt Getöse den ruhigen Vorgarten im noch ruhigeren Vorort des gediegenen Dortmunder Südens. Solch jugendliche Neureiche sind hier zum Glück der meisten Nachbarn selten. Blitzschnell hat die Wundermaschine mit ihrem Kompressor die Gummibande aufgeblasen. Stabil umläuft sie die Eisfläche und bildet in der Mitte der kurzen Seiten jeweils ein Tor. Majo tritt dagegen und die ganze Konstruktion rutscht einen Meter Richtung Kevin, der den „Ball“ sofort juchzend zurückspielt. Beide landen auf dem Hosenboden, was dank der Pflaster nicht wehtut. „Besonders stabil ist das ja nicht“, meint Ülle kritisch, „wir müssen das irgendwie befestigen.“ „Auch dafür habe ich eine Idee“ sagt Reusi und zieht Seile aus einer großen Sporttasche: „Wir binden sie dort und da an“, erklärt er und deutet zur einen Seite, wo halbhohe Bäumchen stehen und zur anderen, wo einige Balkons über der Terrasse schweben. Majo und Kevin laufen sofort los, um durch ihre Zimmer auf besagte Balkons zu stürmen. Ülle knotet derweil die Seile an den Bäumchen fest. Reusi wirft jedem seiner Freunde ein Seil zu. Das klappt bei Kevin erst beim fünften Versuch. „Eine Lilie kann eben nicht gut fangen“, höhnt Majo. „Dafür putz ich Dich gleich vom Eis. So kommt es, dass die beiden als erste in die Eishockey-Kluft schlüpfen und zum Duell aufs Eis gehen. Als sie in heftigem Zweikampf an der Balkonseite gegen die Bande krachen, biegen sich gegenüber die Bäumchen gewaltig durch. Sie sind eben noch sehr jung. Die Bäumchen natürlich. Nur Ülle bemerkt, wie Mama Götze minutenlang in der Küchentür steht und das Treiben beobachtet. Gerade will sie etwas sagen, da krachen Kevin und ihr Majo in die Bande an der Bäumchenseite. Über Mama Götze auf den Balkons scheppert und rumpelt es gewaltig. Pflanzen, Erde und Wasser ergießen sich auf die geplagte Spielermutter. Kevin und Majo hatten die Seile leider nur an großen Standvasen statt am Geländer verknotet. Wenig später rollen mit Geheul zwei Rettungswagen des ASB an. Reusi hatte in Panik auf den Notknopf der Eismaschine mit Kompressor gedrückt. Es entsteht ein mittelschwerer Tumult. Die warm in Schutzkleidung eingepackten Majo und Kevin balgen sich mit den Sanitätern um Mama Götze. Ülle und Reusi starren gebannt auf die Szene und merken nicht, wie ihre nackten Füße auf der Eisfläche festfrieren.

Stunden später läutet die Türglocke im ruhigen Haus. Kevin ist noch wach und schlurft zum Öffner: „Ey Alter, was geht?“, murmelt er. „Guten Tag, mein Name ist Max Schlecht von den Emscher-Meldungen. Ich bin mit den Herren Götze, Reus und Schürle verabredet. Frau Götze war so freundlich, mir ein Exklusivinterview zu gestatten. Wegen der Bomben.“ Kevin sieht auf dem Bildschirm einen unscheinbaren Mann, der sich extra eine BVB-Kappe aufgesetzt hat. Er überlegt und sagt dann die weisen Worte: „Es tut mir leid, die Herren sind nicht da. Vielleicht kommen Sie ein andermal wieder.“ Kevin unterbricht die Verbindung und schaltet die Türglocke ab. Daraufhin leuchtet der Bildschirm wieder auf und die nette Dame vom ASB sagt: „Brauchen Sie noch einmal Hilfe, Herr Großkreutz?“ „Nein danke, hier bei uns schlafen alle. Sogar Mama Götze. Wir haben ihr Rüdesheimer Tee gemacht.“

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