Der blaue Blitz

Dies  war ein Blitzprojekt. Insofern passt der zweite Teil des Namens in mehr als einer Hinsicht. Ich glaube, es ist erst 10 Tage her, dass Thorsten und ich darüber nachgrübelten, ob es wohl ein Tandem mit zwei Hinterrädern gibt. Wir hatten uns überlegt, dass das Fahren mit einem „Dreirad“ einfacher und komfortabler ist.

Zur Klärung solcher Fragen ist die Internet-Recherche Gold wert. Es brauchte nur ein paar Klicks um festzustellen, dass es Tandems in allen erdenklichen Variationen gibt. Mit zwei und mit drei Rädern. Solche, bei den die beiden Radler hintereinander oder nebeneinander sitzen, Räder mit Unterstützung durch einen Elektromotor und welche ohne usw. usw.

Wie nicht anders zu erwarten, haben die Holländer bei der Fabrikation und beim Vertrieb auch von speziellen Fahrrädern die Nase vorn. Die Firma VanRaam stellt z.B. Tandems und Dreiräder in verschiedensten Ausführungen her. Händler in unserer Nähe konnten uns jedoch kein passendes Modell anbieten. Zudem seien die Wartezeiten sehr lang. Wie wäre es mit einer Direktbestellung bei VanRaam? Im Netz stellten wir uns das gewünschte Dreirad zusammen. Am Ende standen knapp 8.000 € zu Buche. Doch etwas viel. Bestellen konnten wir sowieso nicht. Das geht nur über einen Händler. Also was tun? Ein gebrauchtes bei ebay? Ohne es vorher testen zu können? Sowas machst Du als moderner, aufgeklärter Kunde nicht. Auf keinen Fall! Machen wir aber doch. Da gibt es ein Angebot. Gebraucht für 1.999 € sofort zu haben. Ein Händler in Gronau, das Rad natürlich von VanRaam. Dann hakt die Technik. Susanne hatte ihre Grunddaten in Ebay noch nicht geändert. Uns bleibt nur eine Mail an den Händler. Der schickt uns umgehend seine IBAN. So können wir eine gewöhnliche Überweisung tätigen. Die ist nach zwei Tagen da. Montag, am achten Tag des Projekts, soll das Dreirad zwischen 11 und 13 Uhr da sein.

An diesem Montag geht es mir überhaupt nicht gut. Ich habe große Angst vor dem wöchentlichen Besuch bei Helga, weil es beim letzten Mal so deprimierend war. Die Ankunft des Tandems reißt mich aus dieser traurigen Stimmung. Pünktlich um 11.30 Uhr steht ein Holländer vor unserer Tür. Das Tandem hat er ordentlich in seinem Anhänger transportiert. Er rollt uns das schöne Teil vor die Garage für eine erste Begutachtung. Es sieht genauso aus wie auf dem ebay-Foto. Etwaige Zweifel können wir fallenlassen. Vor uns steht ein wunderschönes, stabiles Dreirad für zwei Leute – ausgestattet mit einer lauten Hupe, diversen Gängen und einem Elektromotor als Unterstützung für die bergbaubedingten Steigungen in unserer näheren Umgebung. Der Holländer erklärt uns in seinem netten Akzent die Handhabung. Er ist freundlich, zuvorkommend und sehr kundenorientiert. Eine total positive Erfahrung. Nach seiner kurzen Einführung wagen wir in unserer Sackgasse eine erste Proberunde.

Es ist sehr gut, dass hier keine Autos oder Fußgänger unterwegs sind, denn die Lenkung erweist sich als ungewohnt schwierig. Mehrmals mache ich eine ungewollte Linkskurve, so dass wir auf der anderen Straßenseite landen. Auch habe ich den Eindruck, dass das Rad zur Seite kippt. Es fühlt sich für mich in der Kurve völlig schief an oder zumindest ganz anders als mein „normales“ Zweirad. Dementsprechend hänge ich ziemlich verkrampft auf dem Sattel. Ich will unbedingt das Gleichgewicht wiederherstellen, das offenbar gar nicht gestört ist. Auf Thorsten auf dem hinteren Sitz müssen meine ersten Versuche ziemlich abenteuerlich gewirkt haben.

Eine kleine Stimmungsaufhellung vorm Radanliefern hat Susanne vergessen. Wir wurden in den NachDenkSeiten sehr positiv erwähnt, weil wir das Wahlergebnis im Saarland besser vorhergesagt hatten als alle Demoskopen und Medien. Ich sage bewusst wir, obgleich ich als Absender der Mail genannt wurde. Denn solche Ideen wurzeln immer in den wunderbaren Gesprächen mit Susanne. Diese Erwähnung zog Tage später noch einen Leserboom für unseren Blog nach sich. Doch dazu vielleicht an anderer Stelle mehr.

Susannes Schwierigkeiten mit dem Lenken beunruhigten mich nie sonderlich. Sanft wie wir sind, steigerten wir unsere Fahrversuche langsam und stetig. Es kam die erste Einkaufsfahrt ins Scharnhorster Zentrum und dann der erste Ausflug zu Haus Mowwe. Dieses Ziel musste sein. Denn dorthin führte der letzte Sommerausflug mit der BG Dortmund des Blindenvereins. Wir hatten ihn 2015 ausgesucht und organisiert.

Auf der Rückfahrt vom Haus Mowwe fuhren wir auf einer kleinen, abseitigen Landstraße. Susanne legte versuchshalber den dritten E-Gang ein. Ich kann Euch sagen, der blaue Blitz ging ab wie Schmidts Katze. Die Sicherheitsbedenken können wir ab jetzt vergessen. Wir fahren sowieso ohne Helm. Das fehlte noch, auf den Wind in den Haaren zu verzichten. Dieses Dreirad ist klasse. Wir sitzen nicht wie die Amateurrennfahrer gebückt Nase an Rücken, sondern höchst bequem. An Kreuzungen müssen wir nicht absteigen. Der Dortmunder Norden steht uns nach West und Ost offen. Grün und flach. Lünen scheint erreichbar. Für die Mitnahme von Kaffee und Tomaten haben wir einen Korb hinten auf dem Motor montiert. In der Garage steht der blaue Blitz warm und sicher. Ein Projekt, das uns sehr viel Freude macht. Genau wie das grüne oder blaue Wunder und unser Häuschen.

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