Gefährliche Eskalation

Wir stehen in der Redaktion ein wenig unter Schock. Vor wenigen Stunden sind die USA direkt in den Syrienkrieg eingetreten. Es ist nicht so, dass sie bislang unbeteiligt waren. Schätzungsweise 1.000 sog. US-Spezialkräfte sind bereits im Land. Waffenlieferungen in großem Umfang an die sog. gemäßigten Rebellen und die Partner Türkei und Saudi-Arabien sind selbstverständlich. US-Bomber fliegen über Syrien. Dass sie nicht nur den IS treffen, wie behauptet wird, ist offenkundig. Neu ist, dass von US-Schiffen im Mittelmeer ein massiver Raketenangriff direkt auf einen Militärflughafen der Assad-Truppen stattfand. „Begründet“ wird das damit, dass die Sicherheit der USA durch den Giftgasangriff in Nordsyrien bedroht sei. Man könne sich das nicht bieten lassen. Die Russen haben in ihrer Aufpasserrolle gegenüber Assad versagt. Donald spricht von den „hübschen Babys“, die bestialisch getötet worden sind. Von Opfern durch den Raketenangriff ist nirgends die Rede. Reaktionen aus Moskau oder Teheran gibt es naturgemäß noch nicht. Der Angriff geschah erst in dieser Nacht.

Wir mögen uns die Folgen gar nicht ausmalen. Erst vor zwei Tagen schien in die deutsche Debatte zum Giftgas-Angriff Vernunft einzukehren. Im ZDF erläuterte der Nahost-Experte Lüders, dass gar nicht klar sei, was dort in Nordsyrien passiert sei. Als es im August 2013 schon einmal einen Giftgasangriff in Syrien gab, blies Obama den Angriff der US-Streitkräfte in letzter Minute ab. Sein Geheimdienst hatte herausgefunden, dass das verwendete Sarin gar nicht im Bestand der syrischen Armee war. Heute spricht mehr dafür, dass es die Nusra-Front – ein Ableger von Al Qaida – in Zusammenarbeit mit den Türken war. Es bestand Hoffnung, dass auch in der Wertung des aktuellen Geschehens Vernunft das vorschnelle Urteil ablösen kann. Aus unserer Sicht ist völlig offen, wer das Giftgas benutzt hat. Trump hat entschieden, dass es Syrien war. Der Weltpolizist hat mal wieder seinen Colt gezückt und geschossen. Wie kann Moskau darauf reagieren? Was macht Teheran? Beide Mächte sehen sich einer massiven Provokation ausgesetzt. Wir können nur hoffen, dass sie einen Weg finden, friedlich darauf zu reagieren. Vorstellen können wir uns das derzeit nicht so recht. Der Abschuss des russischen Kampfjets durch die Türken ging ohne Eskalation vorüber. Russland beschränkte sich auf wirtschaftliche und diplomatische Maßnahmen. Diesmal aber sind die USA der Angreifer.

Am Ende wollen wir eine Frage aufwerfen, die uns seit dem Giftgasangriff und der Berichterstattung umtreibt. Warum sind Angriffe mit Chemiewaffen schlimmer als mit Sprengmunition? Den Toten ist es egal, den Verletzten auch. Es ist schlimm und abzulehnen! Aber ist es wirklich schlimmer, an Gas zu ersticken als unter Trümmern zerdrückt zu werden?

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