Wie der Blinde eine Entscheidung trifft – Kapitel 19

Gertrude, Karl-Heinz und Manfred sitzen am Küchentisch beim Mittagessen. Manfred hat in dieser Woche Frühdienst. Deshalb wird etwas später gegessen. Das war schon immer so. Heute gibt es Ravioli aus der Büchse. Gertrude hatte keine Zeit, selber zu kochen. Am Vormittag hatte Karl-Heinz sie zur ersten Stunde Krankengymnastik gefahren. Einige Zeit hatte sich Manfreds Mutter gegen diese Therapie gesträubt. Das sei was für Kranke, Behinderte oder Alte. Offenbar zählte sich Gertrude zu keiner dieser Gruppen. Als Manfred bei ihrem Ausspruch etwas hintergründig grinste, wurde Gertrude tatsächlich ein wenig rot. Ihr Sohn war aber taktvoll genug, nicht darauf hinzuweisen, dass er ja dann zur Krankengymnastik gehen müsse. Pfiffi äußerte sich auch nicht dazu und so konnte Gertrude das Thema wechseln. Den Nachsorgetermin im Krankenhaus bei Dr. Knackfuß nahm sie sowohl ernst als auch wahr. Richtig böse war der Doktor geworden. Aber erst, als er drohte, Gertrude könne ohne Training bald keine Treppen mehr steigen, lenkte sie ein. Die Kontrolle über Manfreds Wohnung wollte sie auf keinen Fall verlieren. Nach einer halben Stunde bei einer natürlich völlig inkompetenten Person hatte Karl-Heinz seine Frau mies gelaunt und erschöpft nach Hause gefahren. „Die hat mich rumkommandiert, als wäre ich ein Schulmädchen“, schimpfte Gertrude im Auto, „dauernd sollte ich irgendwelche seltsamen Übungen machen. Ich weiß selber viel eher, was für mein Knie gut ist. Und dann heißt sie auch noch Britta Birnenbinder. Das sagt doch alles!“ So ging es die gesamte Rückfahrt weiter. Karl-Heinz trug es mit der Fassung mehrerer Ehejahrzehnte. Im Hausflur traf Gertrude dann ihre Freundin Hermine. Ihr klagte sie ihr ganzes Leid so lautstark, dass Her Nörgelmann von oben brüllte: „Geht das vielleicht auch etwas leiser? Ich hatte Nachtschicht.“ Carlo hütete sich, auf der Bildfläche zu erscheinen. Durch seine geschlossene Wohnungstür erfuhr er jedoch alle Einzelheiten des unglaublichen Geschehens aus erster Hand. Nach dieser seelischen Entladung hatte Gertrude noch drei Vater unser gebetet und sich etwas hingelegt. Zum Glück hatten die Männer in der Gertrude-losen Zeit eine eiserne Reserve angelegt. Dazu gehörten einige Konserven. Darauf griff Gertrude kurz vor Manfreds Heimkehr immer noch – oder schon wieder – schimpfend zurück. Für Manfred erzählt die Mutter ihre Leidensgeschichte gern ein drittes Mal. Karl-Heinz, der alle drei Versionen kennt, fragt irgendwann in eine kurze Pause: „Sag mal Manfred, hat sich der Chef inzwischen wieder beruhigt?“ „Ich bin noch nicht fertig“, nuschelt Gertrude mit vollem Mund. „Noch nicht so ganz. Der Hexler ist zwar wieder da. Aber viel weiß der zur Sache auch nicht zu sagen. Es scheint, als wären unsere Maschinen futsch.“ „Und dann sollte ich meine Knie beugen und gleichzeitig die Arme vorstrecken.“ „Wer hat denn diese Firma ausgesucht?“ „Wie soll ich denn da mein Gleichgewicht halten, hab ich diese Ziege gefragt.“ „Das war eine europaweite Ausschreibung. Das ist heute wohl so üblich. Und weil die so günstig waren, haben sie die wohl genommen.“ „Mein lieber Junge, Vorsicht! Die Nudeln sind heiß.“ „Und Du weißt auch nichts weiter?“ „Naja, die Dinger sind weg. Ich glaube, heute waren schon Vertreter von zwei Herstellern da. Wir müssen neue kaufen. Das geht aber erst, wenn im nächsten Jahr neues Geld bewilligt wird.“ „Manfred, willst Du nicht doch Dein Schutztuch umlegen?“ „Wie wird denn dann gearbeitet?“ „Vorsicht! Jetzt wäre Dir das Raviolo fast auf das Hemd gefallen!“ „Wir nehmen die,  die wir noch haben und leihen uns manchmal welche aus Witten oder so. Wir haben da so ein Grünflächenamtsnetzwerk. Das ist aber nur ein Notfallplan.“ „Jedenfalls frage ich diese hochnäsige Britta, ob sie jemals mit einer so rüstigen Dame wie mir zu tun hatte. Und da grinst sie mich nur blöde an.“ Diese nette Unterhaltung wird durch ein Klingeln an der Haustür unterbrochen. Karl-Heinz betet nur noch selten und ist daher flinker auf den Beinen als seine Gattin. „Wieder mal beim Essen. Wenn das Theo ist, kann er was erleben“, schimpft Gertrude gerade, als Manfred und sie Stimmengewirr im Treppenhaus vernehmen. „Guten Tag Luise, hallo lieber Walter. Kommt doch erstmal rein“, hören sie Karl-Heinz sagen. Heißer Schreck ergreift Manfred, gleich darauf Erleichterung. „Endlich Fortschritte wegen Sabine“, denkt er und steht auf, um seine Schwiegereltern zu begrüßen. Gertrude erhebt sich und wischt hektisch an ihrem Rock herum. So ein böser, heißer Raviolo war in ihrem Schoß gelandet. „Wir wollen gar nicht lange stören“, sagt Walter und drückt Manfreds Hand. „Wo ist denn Sabine?“, will Manfred wissen. „Sabine ist zu Hause. Wir sind erstmal ohne sie gekommen“, erklärt Luise und wendet sich an Gertrude: „Wie geht es Dir denn mit dem Knie, liebe Trude?“ Während sich alle niederlassen und Karl-Heinz frischen Kaffee aufsetzt, wird die Geschichte von Gertrudes erster Stunde Krankengymnastik zum vierten Mal erzählt. Manfred ist sehr neugierig und klug genug, die Geschichte der Mutter mit mitfühlenden Worten abzukürzen. Luise erklärt in dürren, gestammelten Worten, dass Sabine nicht mehr kommen will. Sie ist in sehr schlechtem Zustand zu Hause aufgetaucht. „Sie isst nicht, sie schläft kaum und trinkt ein bisschen viel“, erklärt Luise. Gertrude zeigt sich sehr überrascht: „Sie hat es hier bei uns doch immer gut gehabt. Ich mag Sabine so sehr.“ „Ja das wissen wir doch, liebe Gertrude“, beschwichtigt Walter, „aber zwischen den beiden jungen Leuten stimmt es irgendwie nicht mehr ganz.“ Bald unterhalten sich nur noch die beiden Frauen. Sie sind sich einig, dass die jungen Leute heutzutage viel zu schnell die Flinte ins Korn werfen. Als Luise sanft auf Manfreds Eskapaden anspielt, wiegelt Gertrude ab. Halbwegs diskret, aber doch für alle verständlich, deutet sie an, dass so ein blinder Mann doch gar nicht auf Abwege geraten kann: „Wie soll der Junge denn das machen?“, entfährt es ihr. Es folgt bedeutungsschweres Schweigen. „Na jedenfalls gibt es da wohl so eine Rosa oder Susanne. So genau wissen wir das auch nicht“, erklärt Walter. „Rosa“, ist das erste Wort, das Manfred sprechen darf. Gertrude wechselt schnell das Thema und erklärt ihrer lieben Luise, in welchem Zustand sie die Wohnung der jungen Leute vorgefunden hat. Hier muss Luise zugestehen, dass ihre Tochter zuletzt vielleicht nicht mehr alles geschafft habe. „Aber Dir hat sie doch geholfen, hier unten wieder klar Schiff zu machen, als Du aus dem Krankenhaus kamst“, sagt sie dann. Gertrude stimmt zu und lässt eine kleine Lobrede auf Sabine vom Stapel. Die Mütter kommen überein, dass beide jungen Leute Fehler gemacht haben. Sie hoffen gemeinsam, dass sich alles wieder zum Guten wendet. Mit Gottes Hilfe selbstverständlich. Dann drängelt Walter ein wenig: „Komm Luise, wir wollen doch einen Koffer packen.“ „Oh ja richtig. Das hätte ich fast vergessen.“ Sie trinkt ihre Tasse aus. „Lieber Manfred, Gott segne Dich. Er lehrt uns Vergebung. Sicher wird er auch in Sabines Herz wieder Liebe senken und sie wird Dir verzeihen. Wir haben ihren Schlüssel dabei. Du brauchst also nicht mit hinauf zu kommen. Wo ist eigentlich der Laufgurt an der Treppe geblieben?“ Schnell erklärt Gertrude, Sabine habe sich gewünscht, dass dieser Gurt entfernt würde. Sie habe ihren Mann so gern immer begleiten wollen. Trotz aller Proteste der Frauen folgt Manfred den Schwiegereltern in seine eigene Wohnung. Pfiffi auch. Während Walter den Koffer vom Schrank hievt, beginnt Luise dessen Inhalt zu inspizieren. Manfred beobachtet alles vom Flur aus. Walter hat eine Liste dabei, damit sie nichts vergessen. Zuerst ist Manfred beklommen ums Herz. Seine Schwiegereltern haben deutlich zu verstehen gegeben, dass sie seine Affäre mit Rosa für sehr sündig halten. Auch hatte er irgendwie vergessen, wie herablassend sie ihn behandeln. Er solle nicht einmal mit in seine eigene Wohnung kommen, wenn sie Sabines Sachen packen. Dieser Gedanke macht ihn wütend und vertreibt das schlechte Gewissen: „Trinkt Sabine bei Euch genauso viel wie hier?“, fragt Manfred in den Raum. „Die Gala vom letzten Jahr, alle gesammelten Ausgaben“, liest Walter vor. „Walter, ich habe Dich was gefragt. Trinkt Sabine zu Hause immer noch?“, spricht Manfred den Schwiegervater laut und deutlich an. „Ach Junge, leider tut sie das. Sie kann die Ereignisse hier nicht so einfach verkraften. Das kannst Du Dir ja vorstellen“, mischt sich Luise ein. „Sabine hat schon vor Rosa getrunken. Nur nicht so viel“, erklärt Manfred. „Mein lieber Schwiegersohn, das stellt meine Tochter aber ganz anders dar“, sagt Walter. „So, wie denn?“, fragt Manfred und stellt sich in den Türrahmen. Luise kramt im Bücherregal und drückt Walter den ersten Packen Zeitschriften in die Hand: „“Nimm dafür die große Tüte da von IKEA. Sie hat erst angefangen, als Ihr den Streit in Oberhausen hattet. Da hat sie sich einen Flachmann gekauft und wurde gleich von der Polizei erwischt.“ „Ach was! Sie wurde betrunken am Steuer erwischt und musste pusten?“, ist Manfred sichtlich überrascht. Luise dämmert, dass sie da was ausgeplaudert hat: „Ich denke, das hat Sabine Dir erzählt.“ „Kein Sterbenswörtchen. Und wieviel hatte sie?“ „Genug, um ihr erstmal die Fahrerlaubnis zu entziehen.“ „Und wo ist unser Auto geblieben?“ „Das habe ich zu uns nach Hause geholt“, mischt sich Walter ein und stopft die letzten Galas obenauf. „Und dann ist sie mit dem Zug zu Euch gekommen?“ „Ja genau, am Sonntagmittag stand sie auf einmal vor der Tür.“ „Sonntag??“ „Nein Nein, das war Samstag“, fährt Luise ihrem Mann über den Mund, der gerade bestätigend nickt. „Du sollst doch nicht nicken, wenn Manfred dabei ist“, sagt Karl-Heinz vom Flur her. „Ich habe gar nicht genickt“, beteuert Walter. „Sabine ist also erst am Sonntag zu Euch gekommen. Wo hat sie wohl die Nacht verbracht?“ fragt Manfred. „Mein lieber Junge, Dein Schwiegerpapi hat sich vertan. Sabine ist schon Samstag da gewesen“, beschwichtigt Luise. „Wie dem auch sei. Ich möchte, dass Ihr zügig fertig werdet und meine Wohnung verlasst. Den Schlüssel lasst Ihr bitte hier bei mir.“ Manfred dreht sich um und geht mit Karl-Heinz und Pfiffi in sein Zimmer. „Wenn wir Euch tragen helfen sollen, sagt bescheid“, ruft Karl-Heinz über die Schulter. Einige Minuten später hören sie die Wohnungstür ins Schloss fallen. Erst seufzt Manfred erleichtert, dann fällt ihm der Schlüssel ein: „Komm mit, Papa. Vielleicht haben sie den Schlüssel auf die Kommode gelegt“, springt der Sohn auf. „Da sehe ich keinen“, sagt Karl-Heinz. Der neue Manfred ist schneller geworden. Zügig steigt er die Treppe hinab. Die bepackten Schwiegereltern holt er unten ein: „Wollt Ihr Euch gar nicht verabschieden?“, fragt Manfred laut. Keine Reaktion, Luise öffnet die Haustür. Manfred stößt gegen einen der Koffer. Walter gerät ins Taumeln. Der Koffer fällt Gertrude quasi vor die Füße, die gerade ihre Wohnungstür öffnet: „Was ist hier denn los?“ „Luise und Walter wollen sich verabschieden und mir noch den Schlüssel meiner Wohnung geben“, erklärt Manfred. „Mein lieber Junge, das ist auch Sabines Wohnung und sie darf ja wohl einen eigenen Schlüssel haben“, zischt Luise. „Wenn sie hier wohnt, natürlich. Aber im Moment wohnt sie bei Euch. Ich möchte nicht, dass Ihr so einfach oben reinmarschieren könnt wie eben“, entgegnet Manfred. Walter schaut Karl-Heinz flehend an. Doch dieser denkt nicht daran, irgendwas Besänftigendes zu tun. „Müsst Ihr das hier im Hausflur besprechen? Kommt doch lieber rein und wir klären das in Ruhe“, ist Gertrude um das Wahren des Scheins bemüht. Oben öffnet sich die Tür der frommen Freundin. „Ich glaube, die beiden haben es eilig“, sagt Manfred zu seiner Mutter. „Walter, sag Du doch auch mal was dazu!“, faucht Luise. „Vielleicht hat der Junge ja recht“, sagt der leidgeprüfte Gatte. „Liebe Luise, mach doch nicht so ein Theater und gib mir den Schlüssel. Sag Sabine gute Besserung und dass sie sich mal melden soll. Ich möchte gern mit ihr besprechen, wie es weitergeht.“ Inzwischen hat sich Manfred zu Luise vorgearbeitet und hält sie sanft am Arm. „Solch einen Umgang bin ich nicht gewöhnt. Einen schönen Tag miteinander.“ Unnötig heftig reißt sich Luise los und wirft den Schlüssel auf den Boden. Walter bittet Karl-Heinz mit den Augen um Entschuldigung und sagt: „Mach’s gut, mein Junge.“ Dann geht er einer gewittrigen Heimfahrt entgegen. „Karl-Heinz, komm mal sofort rein und erzähl mir, was da oben los war“, befiehlt Gertrude. „Ich komme“, sagt der Vater gottergeben und drückt Manfred den Schlüssel in die Hand, „Wir sehen uns später.“ Plötzlich steht Manfred allein mit Pfiffi im Treppenhaus. Oben schließt sich leise die Borgstein-Waldschmidt-Tür. Draußen fährt das schwiegerelterliche Auto vorbei. „Warte mal Pfiffi. Ich hole nur meinen Stock. Ich brauche frische Luft.“

 

Der Weg in den Park stellt für Manfred keine große Schwierigkeit mehr dar. Mit Rotraud ist er ihn schon häufiger gegangen. Heute sind seine Knie etwas zittrig. Das hat jedoch mit Manfreds Mobilität nichts zu tun. Die Auseinandersetzung mit den Schwiegereltern und seine neue Rolle dabei sind ihm in die Glieder gefahren. Bislang war ihm die herablassende Art seiner Schwiegermutter nie so aufgefallen. Meist hatte er still am Kaffeetisch gesessen, wenn sich Luise und Gertrude unterhielten. Walter und Karl-Heinz hatten ebenfalls wenig gesagt. Sabine auch. Nur Pfiffi war manchmal aus der Rolle gefallen. Heute war er wütend geworden. Die Wut verlieh ihm den Mut zum Widerstand. Der Widerstand hatte Erfolg. Die Schwiegereltern haben keinen Schlüssel mehr zu seiner Wohnung. Zum Glück findet Manfred bald eine freie Bank und kann sich setzen. Sonderlich elegant hat er sich heute nicht bewegt. Aber er ist gedanklich auch nicht recht bei seiner Pendeltechnik. Die Sache mit Sabines Heimkehr dreht sich in seinem Kopf. Es war gegen Mittag gewesen, als Sabine in der Hühnerheide abgehauen war. Den Flachmann hatte sie natürlich nicht erst kaufen müssen. Niemand hatte gesagt, wo Sabine erwischt worden war. Ist vielleicht auch nicht so wichtig. Sie hätte eigentlich abends zu Hause in Sendenhorst sein müssen. Es war aber von Sonntag die Rede. Walter hatte sich verplappert. Und von Mittag. Mittag konnte nur Sonntag bedeuten. Irgendwo musste Sabine die Nacht verbracht haben. Sie wird sich ordentlich betrunken haben. Hoffentlich hatte sie sich vorher irgendwo ein Zimmer genommen. Mit 1,5 Promille wird das schwierig. Auf die Idee, wie es wirklich war, kommt Manfred nicht. Auch den Alkoholgehalt in Sabines Blut unterschätzt er. 1,5 Promille hatte Sabine schon bei der Polizei. Abends bei Günter dürfte es deutlich mehr gewesen sein. Ein bisschen Mitleid fühlt er schon. Auch ein kleines schlechtes Gewissen meldet sich. Sabine würde es schwer haben, von der Flasche wieder loszukommen. „Aber was hat das mit mir zu tun?“, fragt sich Manfred. Da holt ihn eine Fahrradglocke aus seinen Gedanken: „Hey Manfred. Ich bin’s, Carlo. Was machst Du denn hier so alleine?“ Pfiffi saust herbei und springt schwanzwedelnd an Carlo hoch. „Ich ruhe mich ein wenig aus“, sagt Manfred. „War die Arbeit so anstrengend oder die liebe Frau Mutter?“ Carlo ist schon etwas vertraut mit den Verhältnissen in der Familie Borkenstock. „Meine Schwiegereltern waren zu Besuch und haben Sachen für Sabine geholt.“ „Heißt das, Sabine kommt nicht wieder?“ Carlo setzt sich neben Manfred auf die Bank und hört sich die ganze Geschichte an. „Oh Mann. Da ist sie wohl voll abgestürzt an dem Abend nach Eurem Krach in Oberhausen“, vermutet Carlo. „Das denke ich auch. Entsprechend wird sie zu Haue angekommen sein.“ „Weißt Du, Manfred. Ich habe gerade auch keine Glückssträhne“, sagt Carlo. „Wieso, ist Montana wieder aufgetaucht?“, vermutet Manfred. „Nein, eben haben sie mir meinen Nebenjob gekündigt.“ „Was hast Du denn eigentlich gemacht?“ „An der Tankstelle kassiert. Das war klasse, denn nachts konnte ich gut lernen für die Uni. Aber jetzt hat die Stadt den Pauschalvertrag gekündigt und der Chef muss sparen.“ „Wieso hat die Stadt denn gekündigt? Brauchen die plötzlich kein Benzin mehr?“ „Doch. Aber die müssen auch sparen. Jetzt sind sie bei der billigeren Konkurrenz. Da geht es um einen lumpigen Cent je Liter. Denen haben sie diverse Fahrzeuge unterm Hintern weggeklaut, sagt mein Chef.“ Manfred weiß bescheid, lenkt aber ab: „Hast Du denn Aussicht auf eine andere Arbeit?“ „Erstmal nicht. Außerdem stehen einige Klausuren an. Da habe ich wenig Zeit. Das an der Tankstelle war echt günstig. Ich muss mir jetzt schleunigst eine neue Bude suchen. Die bei Euch im Haus kann ich mir nicht mehr lange leisten.“ „Können Dich denn Deine Eltern nicht vorübergehend unterstützen?“ „Das fragst ausgerechnet Du! Nee lass mal. Von denen will ich nicht abhängig sein. Das gibt nur Ärger.“ Da kommt Manfred eine Idee: „Hast Du vielleicht Lust, bei mir einzuziehen? Das wäre vielleicht günstiger für Dich.“ „Du hast doch gar kein Zimmer frei.“ „Doch, das von Sabine.“ „Ist es denn so endgültig mit Euch?“ „Von meiner Seite aus auf jeden Fall. Das ist mir eben klar geworden.“ „Und dann soll ich einfach in Sabines Zimmer ziehen?“ „Warum nicht. Du bringst natürlich Deine Möbel mit. Die von Sabine stellen wir in den Keller oder schicken sie nach Sendenhorst. Natürlich kannst Du dann erstmal renovieren. Und wenn wir schon mal dabei sind, können wir das Wohnzimmer gleich mit machen.“ Manfred berauscht sich etwas an seiner Idee. „Mehr als 200 € kann ich zur Miete aber nicht beisteuern“, bremst Carlo. „Nicht gerade üppig“, entfährt es Manfred. „Mehr geht echt nicht ohne Job. Ich habe nix!“, verteidigt sich Carlo. „Ist ja gut. Entschuldige bitte. Könntest Du Dir denn vorstellen, mit mir eine Art WG zu machen?“, lenkt Manfred ein. „Versuchen könnten wir es immerhin“, meint Carlo. „Ich hätte Lust dazu. Wir können ja beide eine Nacht drüber schlafen. Morgen ist ja noch früh genug für eine Entscheidung, oder? „Na klar. Finde ich gut.“ Manfred drückt auf seine Armbanduhr: „Es ist 15.49 Uhr“, sagt diese quäkend. „Für halb vier bin ich mit Rotraud verabredet. Gehst Du nach Hause und kannst mich rasch mitnehmen?“, fragt Manfred. „Kein Problem, Rotraud liegt auf meinem Weg“, erhebt sich Carlo. „Pfiffi, heimwärts!“, ruft Manfred und pfeift.

 

Kurze Zeit später schiebt sich Manfred durch Rotrauds Wohnungstür. Er hört Rotraud in der Küche sagen: „Einen Moment mal, Rebekka. Hallo Manfred, setz Dich doch. Ich telefoniere gerade.“ Manfred kennt den Weg ins Wohnzimmer auch ohne leitende Läufer auf dem Fußboden. Pfiffi streckt sich genüsslich auf seinem Stammplatz vorm Sofa aus. „Ja klar hat Christian mich abgeholt. In seinem neuen Wagen selbstverständlich.“ Rotraud kommt ins Zimmer. „Keine Ahnung. Irgend so ein Smart für vier oder so. Ziemlich klein. Aber schnittig.“ Eine Kaffeekanne stößt an Manfreds Hand. „Dann sind wir raus aufs Land. Er hat da einen Schrebergarten. Datscha oder wie sie das im Osten nennen.“ Manfred greift zu und schenkt sich ein. „Mir auch bitte“, flüstert Rotraud und fährt lauter fort, „wir hatten gutes Wetter da in Thüringen. Aber davon haben wir am Nachmittag nicht so viel mitgekriegt.“ Manfred versorgt auch Rotraud. Die setzt sich. „Mensch Rebekka. Das Golfturnier aus Las Vegas haben wir uns angesehen. Auf seinem Superbeamerbildschirm. Natürlich hat er da eine Schlafgelegenheit in seinem Gartenhäuschen.“ Beide nehmen einen großen Schluck. Pfiffi schnarcht. „Ja, abends musste er zu seiner Frau. Ist ja klar. Irgendein Pärchengeburtstag. Zum Glück habe ich ja meine Freundin Andrea in Gotha.“ Manfred überlegt, wo das liegt. „Ich sag zu Christian einfach, ich treffe Andrea in dem und dem Café. Da setzt er mich dann ab.“ Rotraud steht auf. „Dass meine Andrea noch ein kleines s hinten dran hat, muss Christian ja nicht wissen. Hör mal, Rebekka, ich habe Besuch.“ – „Ja Manfred“ – „Nein, keine Nr. 3. Mein Schüler im Mobtraining von gegenüber.“ – „Ja, von der Nacht und dem missglückten Frühstück erzähle ich Dir noch. Also mach’s gut.“ „Du hattest also ein aufregendes Wochenende?“, begrüßt Manfred seine Nachbarin, als sie zurück ins Zimmer kommt. „Kann man wohl sagen. Anstrengend war es auch. Und Du?“ „Meins war auch nicht schlecht. Allerdings nur mit einer Frau. Mit Rosa.“ „Auf Sabine hätte ich jetzt auch nicht getippt. Wo seid Ihr denn gewesen?“ „In einem Kaff namens Bad Münstereifel. Die größte Attraktion am Ort ist das Café von Heino.“ Rotraud lacht herzlich: „Aber der stand wohl nicht im Mittelpunkt Eurer Reise?“ „Nein, wir haben es uns einfach gemütlich und schön gemacht. Es klappte zum Glück auch viel besser als an der Müritz.“ Beide schwelgen ein wenig in Erinnerungen. Damals hatte Rotraud Manfreds Smartphone geortet und Sabine gesagt, dass er auf der Autobahn gen Westen fährt. Karl-Heinz und Theo hatten Manfred sozusagen gerettet. „Also war das mit den zwei Freunden in Panama doch nicht geschwindelt?“, neckt Manfred abschließend. „Nicht so ganz. Nur habe ich Thüringen mal eben nach Mittelamerika verlegt. Aber das wäre an einem Wochenende wirklich nicht zu schaffen.“ „Flink wie Du bist“, sagt Manfred und hat schon viel bessere Laune. „Warum hast Du Dich denn verspätet? Gab es wieder Ärger?“, fragt Rotraud. „Stimmt. Aber anders, als Du denkst.“ Bei einer zweiten Tasse Kaffee erzählt Manfred die Ereignisse des frühen Nachmittags. Rotraud gibt anerkennende Laute von sich. „Das hast Du richtig stark hingekriegt“, sagt sie zu Manfreds Schlüsselaktion und zur Idee mit Carlo: „Traust Du Dir das denn zu, mit einem Kumpel zu leben? Ich meine, der wir Dir wenig helfen. Vermutlich braucht er selber Hilfe. Er ist ja auch nur ein Mann.“ „Ach, da setze ich voll auf Dich.“ Manfred weiß, wie er Rotraud ärgern kann. Als diese nur schnauft, beschwichtigt er: „Mal im Ernst. Ich weiß es nicht. Das müssen wir noch besprechen. Ich lerne ja jede Woche dazu. Mein Vater hilft mir auf jeden Fall. Meine Mutter muss ich dosieren und bei Laune halten. Dann macht sie die Wäsche.“ „Aber das hieße dann wohl, mit Sabine ist es aus?“, fragt Rotraud vorsichtig. „Ich weiß nicht, wie sie darüber denkt. Oder fühlt. Wir reden ja kaum noch miteinander. Von meiner Seite ist da eigentlich nur noch ein wenig Mitleid.“ „Du liebst sie kein bisschen mehr?“ „Nein, kein Vergleich mit Rosa zum Beispiel.“ „wie habt Ihr Euch eigentlich kennengelernt?“, ist Rotraud neugierig. „Daran kann ich mich kaum noch erinnern. Oder ich hab’s verdrängt. Irgendwie waren unsere vier Eltern beteiligt und der Pfarrer. Und dann haben wir uns getroffen. Ich glaube, im Pfarrhaus. Ich fand Sabine gleich sehr nett und sie mich wohl auch. An dem Nachmittag haben wir einen kleinen Spaziergang gemacht.“ „Aber hoffentlich ohne die Eltern“, meint Rotraud nachdrücklich. „Ja klar. Die haben da irgendwas besprochen. Und weil wir uns mochten, machte Mama irgendwann den Vorschlag, ich solle doch um Sabines Hand anhalten.“ „Das hat Gertrude aber hübsch eingefädelt.“ „Jetzt, wo ich so darüber nachdenke. Sie und Luise. Die Väter hatten nie viel zu melden.“ „Wart Ihr denn mal richtig verliebt? Ich meine, so mit Flugzeugen im Bauch und so.“ „Weiß ich gar nicht. So wie mit Susanne war es wohl nie. Außerdem hat es nie geklappt.“ Manfreds Stimme wird ganz leise und verlegen. Da wechselt Rotraud lieber das Thema: „Reicht es denn finanziell, wenn Carlo nur 200 Euro geben kann?“ „Viel verdiene ich ja nicht bei der Stadt. Aber unser hiesiges Blindengeld ist ja noch üppig. Ein bisschen was gespart habe ich auch.“ „Ich finde, es wäre einen Versuch wert und ein total mutiger Entschluss von Dir“, ermuntert Rotraud. Über Pfiffi pfeift plötzlich ein Vogel. Manfred ist verwirrt: „Hast Du Dir einen Wellensittich angeschafft?“ „Nein, das ist bloß eine Vogeluhr mit echten Stimmen.“ „Und was hat die Uhr gepfiffen?“ „Ich glaube, sechs“, sagt Rotraud und tastet am handgelenk, „Genau.“ Manfred springt auf: „Zeit zum Abendessen. Ich habe zwar keine Lust auf Gertrude. Aber wenn ich jetzt zu spät komme, ist der Ärger doppelt groß.“ „Denk nochmal über die Sache mit Carlo nach“, meint Rotraud. „Das brauche ich gar nicht mehr, glaube ich. Morgen werde ich ihm das vorschlagen. Und wenn Carlo Lust hat, versuchen wir es. Aufstehen Pfiffi, heimwärts!“ Rotraud steht noch einen Augenblick in der Wohnungstür, als Manfred unten mit seinem Hund das Haus verlässt. „Er hat sich ganz schön verändert in letzter Zeit“, denkt sie und schließt ihre Tür.

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